Demenz ist eine der größten Herausforderungen im Gesundheitswesen des 21. Jahrhunderts. Allein in Deutschland sind etwa 1,7 Millionen Menschen von dieser Krankheit betroffen, die durch den fortschreitenden Verlust des Gedächtnisses und anderer kognitiver Fähigkeiten gekennzeichnet ist. Die Suche nach den Ursachen der Demenz und Möglichkeiten zur Früherkennung ist daher von entscheidender Bedeutung. Jüngste Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass das menschliche Auge eine Schlüsselrolle bei der Früherkennung von Demenz spielen könnte.
Das Auge als Fenster zum Gehirn: Eine neue Perspektive auf Demenzursachen
Wissenschaftler haben erkannt, dass sich verschiedene Erkrankungen, einschließlich Depressionen, in den Augen manifestieren können. Eine aktuelle Studie eines britischen Forschungsteams der Loughborough University hat nun gezeigt, dass das Auge auch Aufschluss über die Gesundheit des Gehirns geben kann. Die Studie, veröffentlicht im Fachmagazin "Scientific Reports", legt nahe, dass die Sehleistung und die Reaktionszeit der Augen als Frühindikatoren für eine spätere Demenzerkrankung dienen könnten.
EPIC-Norfolk-Studie: Langzeitbeobachtung liefert Erkenntnisse
Die Forscher um Professorin Eef Hogervorst beobachteten im Rahmen der EPIC-Norfolk-Studie über einen Zeitraum von zwölf Jahren 8623 gesunde Personen im Alter zwischen 48 und 92 Jahren. EPIC steht für „European Prospective Investigation into Cancer“, sollte also ursprünglich für die Krebsforschung Daten liefern. Zwischen 1993 und 1998 konnten sich Patienten von Hausarztpraxen für die Studienteilnahme anmelden; mehr als 30 000 Männer und Frauen haben das getan. Sie willigten ein, auch zukünftige Befunde zur Verfügung zu stellen. Bisher konnten aber schon mehrere Studien aus unterschiedlichen Fachgebieten aus den Ergebnissen durchgeführt werden. Am Ende der Studienlaufzeit entwickelten 537 Teilnehmer eine Demenz.
Visueller Sensibilitätstest als Frühindikator
Im Rahmen der Studie wurde ein visueller Sensibilitätstest durchgeführt, bei dem die Probanden einen Knopf drücken mussten, sobald sie auf einem Bildschirm ein Dreieck in einem Feld mit sich bewegenden Punkten erkannten. Die Ergebnisse zeigten, dass Personen, die später an Demenz erkrankten, das Dreieck signifikant langsamer erkannten als diejenigen, die keine Demenz entwickelten.
Amyloid-Plaques: Ursache im Gehirn?
Die Forscher vermuten, dass die für die Alzheimer-Demenz typischen Ablagerungen fehlgefalteter Proteine, sogenannte Amyloid-Plaques, sich zuerst in den Hirnbereichen bilden, die in direkter Verbindung mit dem Sehvermögen stehen. Die Teile des menschlichen Gehirns, die mit der Gedächtnisleistung einhergehen, würden hingegen erst mit dem Fortschreiten der Krankheit immer weiter geschädigt. Dies könnte erklären, warum Sehtests möglicherweise früher Defizite erkennen als Gedächtnistests.
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Veränderungen der Augenbewegungsmuster bei Demenz
Es gibt bereits seit längerem Hinweise darauf, dass sich die Augenbewegungen von Menschen mit Demenz bereits vor dem Auftreten erster kognitiver Einschränkungen verändern. Gesunde Menschen betrachten ein Gesicht von den Augen über die Nase bis zum Mund, um es sich einzuprägen. Demenzkranke tun dies nicht. Die Augen von Demenzerkrankten folgen nicht mehr den üblichen, standardisierten Mustern, nach denen Gesunde neue Gesichter betrachten, um sie abzuspeichern und später wiederzuerkennen. Einige Ärztinnen und Ärzte, die mit an Demenz erkrankten Personen arbeiten, könnten aus diesem Grund sofort jemandem die Erkrankung ansehen, wenn sie ihn zum ersten Mal treffen, schreibt die Professorin Eef Hogervorst.
Verlorener Blick und Schwierigkeiten bei der Gesichtserkennung
Menschen mit Demenz könnten manchmal verloren wirken, weil sie ihre Augen nicht gezielt bewegen, um die Umgebung um sich herum zu erfassen, auch nicht das Gesicht von Menschen, die sie gerade getroffen haben. In der Folge fiele es Demenzkranken später deutlich schwerer, Menschen wiederzuerkennen, weil sich deren Gesichtszüge nicht so stark eingeprägt hätten.
Verschlechterte Kontrastempfindlichkeit
Hinzu kommt eine sich verschlechternde Kontrastempfindlichkeit der Augen. Daraus resultiert, dass Demenzerkrankte die Umrisse und Farbunterschiede weniger gut wahrnehmen. Betroffene bemerken das oft selbst nicht. Mit speziellen Untersuchungen lässt sich zum Beispiel eine nachlassende Differenzierung des Blau-Grün-Spektrums schon früh nachweisen.
Können Augenbewegungen das Alzheimer-Risiko beeinflussen?
Vergangene Studien konnten zum Beispiel bereits nachweisen, dass gezielte Augenbewegungen durchaus die Gedächtnisleistung verbessern, was wiederum erklären könnte, weshalb Menschen, die mehr fernsehen und lesen, ein besseres Gedächtnis und ein geringeres Demenzrisiko haben als diejenigen, die dies nicht regelmäßig tun. Forschende prüfen nun, ob die Anregung zu mehr Augenbewegungen, zum Beispiel durch Lesen und Fernsehen, hilft, das Erinnerungsvermögen zu verbessern. Speziell schnelle, horizontale Bewegungen wie beim Lesen zeigen in manchen Untersuchungen eine Wirkung.
Herausforderungen und zukünftige Forschung
Eef Hogervorst plädiert aus diesen Gründen für eine weitere Forschung auf dem Gebiet. Sie betont allerdings auch, dass die bisherigen Verfahren zur Messung der Augenbewegungen aufgrund der hochkomplexen Technologie sehr teuer sind. Ein großes Problem hier: Die bisherigen Verfahren zur Messung der Augenbewegungen sind teuer, denn dafür benötigt man speziell geschultes Personal und komplexe Technologie. Gelingt es, die Methoden besser zugänglich zu machen, könnte das bei der frühzeitigen Diagnose von Demenzen helfen.
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Weitere Risikofaktoren für Demenz
Neben den Erkenntnissen über die Bedeutung der Augen für die Früherkennung von Demenz ist es wichtig, auch andere Risikofaktoren zu berücksichtigen. Die zwölf Risikofaktoren für die Entstehung von Demenz sind:
- Bewegungsmangel
- Kopfverletzungen
- Alkohol
- Feinstaubbelastung
- geringe Bildung
- Übergewicht
- Bluthochdruck
- eingeschränkte Hörfähigkeit
- Rauchen
- Diabetes
- Depressionen
- Mangel an sozialen Kontakten
Besonders wichtig: Wenn mehrere Risikofaktoren gleichzeitig vorliegen, erhöht sich das Demenzrisiko deutlich. Positiv ist: Wer an einer Stelle ansetzt, kann oft mehrere Risiken gleichzeitig verringern.
Frühzeitige Diagnose und Behandlung
Da bisher oft erst nach dem Auftreten von Symptomen eine Vorstellung beim Arzt erfolgt, geht wertvolle Zeit verloren. In dieser bilden sich die typischen, zellschädigenden Ablagerungen fehlgefalteter Beta-Amyloid-Proteine, die zum Untergang der Nervenzellen führen. Bisher lässt sich der Prozess nicht aufhalten, auch wenn die Forschung stets weitergeht. Wie die Alzheimer Forschung Initiative betont, könne eine frühe Diagnose aber dabei helfen, das Fortschreiten dieser neurodegenerativen Erkrankung zu verzögern und die kognitiven Fähigkeiten der Betroffenen länger zu erhalten. Zumal Patienten dann auch noch selbst aktiv werden können und den Krankheitsverlauf durch Faktoren wie Bewegung, soziale Kontakte und dem Erlernen von Neuem selbst positiv beeinflussen könnten.
Seit diesem Jahr stehen zwei Antikörper zur ursächlichen Behandlung der frühen Alzheimer-Demenz zur Verfügung. Ursächlich bedeutet: Sie bauen aktiv Amyloid-Plaques ab. Das sind Eiweißablagerungen im Hirn, die bei der Entstehung der Krankheit eine zentrale Rolle spielen. Wirken können derartige Therapien nur, wenn sie zum richtigen Zeitpunkt zum Einsatz kommen. Voraussetzung ist eine frühe Diagnose. Doch daran hapert es in Deutschland all zu oft.
REM-Schlaf-Verhaltensstörung (RBD) als möglicher Frühindikator
Die REM-Schlaf-Verhaltensstörung, kurz RBD (engl. „REM sleep behavior disorder“), wurde erstmals 1986 von dem amerikanischen Schlafforscher Carlos Schenck beschrieben. Charakteristisch für die REM-Schlaf-Verhaltensstörung ist: Die sonst im REM-Schlaf blockierte Muskelaktivität ist teilweise vorhanden. Dadurch kann bei der REM-Schlaf-Verhaltensstörung der Traum teilweise in Aktionen umgesetzt (ausagiert) werden. Da die Trauminhalte meist einen aggressiven Charakter haben, bewegen sich die Patientinnen und Patienten zum Teil heftig. Sie wehren sich im Traum, schreien, schlagen um sich oder versuchen zu fliehen. Die Betroffenen sind schnell erweckbar und erinnern sich an die Inhalte des Traumes gut.
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Wenn die RBD isoliert auftritt, haben die hiervon Betroffenen ein Risiko von bis zu 80 Prozent, innerhalb von 10-15 Jahren an einer neurodegenerativen Erkrankung wie der Parkinson-Krankheit oder der Lewy-Körper-Demenz zu erkranken. Wer also an einer REM-Schlaf-Verhaltensstörung leidet, darüber hinaus eine Riechstörung hat und merkt, dass er vergesslicher wird oder sich nicht mehr so gut orientieren kann wie früher, sollte sich ärztlichen Rat holen.
Vaskuläre Demenz
Vaskuläre Demenz ist mit etwa 15 Prozent aller Demenzerkrankungen die zweithäufigste Form nach Alzheimer-Demenz. Schätzungsweise 0,3 Prozent der Bevölkerung ist an vaskulärer Demenz erkrankt. Vaskuläre Demenz entsteht aufgrund von Durchblutungsstörungen im Gehirn.
Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten bei Demenz
Zu den Symptomen der Demenz gehören verschiedene typische Verhaltensweisen und Handlungsmuster der Betroffenen, mit denen sich die meisten Angehörigen zu einem bestimmten Zeitpunkt auseinandersetzen müssen. Viele Menschen mit Demenz stellen immer wieder dieselbe Frage oder wiederholen die gleichen Sätze oder Handlungen. Das kann für die Betreuenden ausgesprochen anstrengend und belastend sein und den Eindruck nähren, dass der Mensch einen mit Absicht ärgern will. Das ist jedoch normalerweise nicht der Fall. Vielmehr hat er wahrscheinlich einfach vergessen, dass er die Frage schon einmal gestellt hat.
Die letzte Lebensphase bei Demenz
Es ist sehr schwer die verbleibende Lebenszeit eines Menschen mit Demenz korrekt einzuschätzen. Häufig wird die verbleibende Zeit stark überschätzt und dadurch eventuell eine Palliativ- und Hospizversorgung erst sehr spät oder gar nicht in Erwägung gezogen. In den letzten Lebensmonaten kommt es bei Menschen mit Demenz meist zu einer starken Verschlechterung des Zustandes und zunehmenden Einschränkungen. Oft haben die Betroffene häufige Infekte, die sie weiter schwächen. Sie sind zunehmend abhängig von der Unterstützung anderer.
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