Die Frage, welche Gehirnhälfte für Kreativität zuständig ist, ist ein komplexes Thema, das in der Populärwissenschaft oft vereinfacht dargestellt wird. Es kursieren Tests in den sozialen Medien, die behaupten, feststellen zu können, ob man eher "linkshirnig" (analytisch) oder "rechtshirnig" (kreativ) denkt. Doch die Realität ist weitaus differenzierter.
Der Mythos der lateralisierten Gehirnfunktionen
Die Vorstellung, dass die linke Gehirnhälfte ausschließlich für analytische Aufgaben und die rechte ausschließlich für kreative Aufgaben zuständig ist, ist wissenschaftlich überholt. Diese Annahme stammt aus der Zeit, als bei Epilepsie-Patienten der Balken (Corpus callosum) durchtrennt wurde, der die beiden Hirnhälften verbindet. Experimente mit diesen Patienten zeigten, dass sie beispielsweise Objekte, die nur im linken Gesichtsfeld präsentiert wurden, nicht benennen konnten. Daraus wurde der Schluss gezogen, dass die linke Hirnhälfte für sprachliche und analytische Aufgaben zuständig ist, während die rechte für kreative zuständig ist.
Neurowissenschaftler betonen jedoch, dass diese Zuordnung zu einfach ist. Das Gehirn arbeitet nicht isoliert, sondern großflächig. Beide Gehirnhälften sind beim Menschen verbunden und stehen in ständigem Austausch.
Die Zusammenarbeit der Gehirnhälften
Die Funktionen des Gehirns lassen sich nicht so einfach zuordnen, da die beiden Gehirnhälften beim Menschen verbunden sind und ständig Informationen austauschen. Aufgaben sind komplex, was bedeutet, dass in den meisten Fällen unterschiedliche Gehirnareale aus beiden Hirnhälften aktiv sind.
Sprache ist ein gutes Beispiel: Wörter werden mit der linken Gehirnhälfte erkannt, aber ihre Betonung wird mit der rechten Gehirnhälfte interpretiert. Gerade für kreative oder analytische Aufgaben ist dieser Austausch unerlässlich.
Lesen Sie auch: Gleichgewicht und das Kleinhirn
Warum haben wir zwei Gehirnhälften?
Die Existenz zweier Gehirnhälften mit unterschiedlichen Aktivitätsniveaus bei verschiedenen Aufgaben lässt sich mit einer Stadt vergleichen: Gäbe es nur einen riesigen Stadtkern ohne Viertel, würde es sehr lange dauern, von einem Ort zum anderen zu gelangen. In den einzelnen Vierteln sind die Wege zum Bäcker, Supermarkt oder Arbeitsplatz jedoch kurz. Im Gehirn ist es ähnlich: Es gibt zwei Hirnhälften, in denen unterschiedliche Prozesse vorwiegend stattfinden, um die Prozesse schnell ablaufen lassen zu können.
Kreativität: Mehr als nur eine Hirnhälfte
Die Suche nach dem Ursprung der Kreativität ist ein komplexes Unterfangen. Entgegen der landläufigen Meinung ist nicht nur die rechte Gehirnhälfte für Kreativität verantwortlich. Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass Kreativität ein Zusammenspiel verschiedener Hirnregionen und beider Gehirnhälften ist.
Eine Studie des Creativity Research Lab der Drexel University in Philadelphia untersuchte die Gehirnaktivität von Jazz-Gitarristen während des Improvisierens. Dabei zeigte sich, dass bei besonders kreativen Improvisationen die Aktivität in der linken Gehirnhälfte höher war, vor allem im hinteren Bereich.
Die Rolle der Erfahrung
Die Forscher stellten fest, dass die Erfahrung der Musiker eine wichtige Rolle spielte. Erfahrene Musiker automatisierten einen Teil der Aktivität beim Improvisieren und verlagerten sie in die hintere linke Gehirnhälfte. Der eigentliche Schaffensprozess, das Improvisieren zu einem neuen, unbekannten Song, schien jedoch immer die Aktivität der rechten vorderen Gehirnhälfte zu erfordern.
Dies deutet darauf hin, dass Kreativität sowohl von Erfahrung und Wissen (linke Gehirnhälfte) als auch von Intuition und Spontaneität (rechte Gehirnhälfte) abhängt.
Lesen Sie auch: Gehirnvitamine: Ein detaillierter Überblick
Kreativität trainieren
Kreativität ist keine angeborene Gabe, sondern eine Fähigkeit, die erlernt und trainiert werden kann. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Zusammenarbeit und Synchronisation beider Gehirnhälften zu fördern:
- Multisensorische Aktivitäten: Tätigkeiten, die mehrere Sinne ansprechen und beide Gehirnhälften gleichzeitig aktivieren.
- Kinesiologische Übungen: Übungen, die die Koordination zwischen beiden Gehirnhälften verbessern sollen.
- Visuelle Techniken: Verwenden von Mind Maps oder anderen visuellen Techniken, um Informationen besser zu verarbeiten und abzurufen.
- Kreativitätstechniken: Anwenden von Kreativitätstechniken wie Brainstorming, um neue Ideen zu entwickeln.
- Formulierungsübungen: Übungen, die den kreativen Umgang mit Sprache fördern und die Zusammenarbeit der linken (rationale) und rechten (emotionale) Gehirnhälfte anregen.
Der Einfluss des Arbeitsumfelds
Das Arbeitsumfeld kann ebenfalls einen Einfluss auf die Kreativität haben. Studien haben gezeigt, dass die Arbeit von Frauen im Durchschnitt als weniger kreativ wahrgenommen wird als die von Männern, selbst bei gleicher Leistung. Konkurrenz kann sich ebenfalls unterschiedlich auf die Kreativität von Männern und Frauen auswirken.
Musik und Kreativität
Musik kann die Kreativität beeinflussen. Gute-Laune-Musik kann beispielsweise dazu beitragen, dass einem mehr ungewöhnliche Ideen einfallen. Allerdings kann Musik auch das verbale Arbeitsgedächtnis beeinträchtigen.
Risikobereitschaft und Kreativität
Entgegen der landläufigen Meinung sind besonders kreative Menschen nicht unbedingt risikofreudiger. Studien haben gezeigt, dass kreative Menschen in den meisten Bereichen nicht risikobereiter sind, mit Ausnahme von sozialen Risiken.
Lesen Sie auch: Der Zusammenhang zwischen Medikamenten und Polyneuropathie
tags: #welche #gehirnhalfte #steuert #kreativitat