Medikamente, die Krämpfe auslösen können: Ein umfassender Überblick

Muskelkrämpfe sind ein weit verbreitetes Phänomen, das fast jeder Mensch schon einmal erlebt hat. Sie können plötzlich und unerwartet auftreten, oft nachts oder nach körperlicher Anstrengung, und sind in der Regel von starken Schmerzen begleitet. Während Muskelkrämpfe meist harmlos sind und von selbst wieder verschwinden, können sie in manchen Fällen auch durch Medikamente ausgelöst werden.

Ursachen von Muskelkrämpfen

Muskelkrämpfe können verschiedene Ursachen haben. Häufig sind sie die Folge von Flüssigkeits- oder Mineralstoffmangel, Überlastung der Muskeln oder Fehlstellungen der Füße. Ein Mineralstoffmangel kann durch starkes Schwitzen, ungenügendes Trinken, Alkohol- und Drogenkonsum, Fieber, Durchfall oder Erbrechen entstehen, wodurch der Körper wichtige Elektrolyte verliert. Bei älteren Menschen liegt es häufig an der Durchblutung: „Wenn die Gefäße verengt sind, gelangt unter Umständen nicht genügend Blut in den Muskel.“ Es kann dort zu einem Sauerstoffmangel kommen, das macht einen Krampf wahrscheinlicher. Auch Störungen im Salz-Wasser-Haushalt, Muskelerkrankungen und manche Medikamente können Krämpfe begünstigen.

Medikamente als Auslöser

Einige Medikamente können als Nebenwirkung Muskelkrämpfe auslösen. Hierzu zählen Cholesterinsenker (Statine), einige entwässernde Medikamente (Thiazide) oder manche Blutdrucksenker (zum Beispiel der Calciumkanalantagonist Nifedipin). Auch Abführmittel können zum Beispiel Krämpfe begünstigen.

Arten von Medikamenten, die Krämpfe auslösen können

Es gibt verschiedene Arten von Medikamenten, die Muskelkrämpfe auslösen können. Zu den häufigsten gehören:

  • Diuretika (Entwässerungsmittel): Diese Medikamente werden zur Behandlung von Bluthochdruck, Herzinsuffizienz und anderen Erkrankungen eingesetzt. Sie können jedoch zu einem Mangel an Elektrolyten wie Kalium, Magnesium und Natrium führen, was Muskelkrämpfe begünstigen kann.
  • Statine (Cholesterinsenker): Statine werden zur Senkung des Cholesterinspiegels eingesetzt, um Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall vorzubeugen. Zu den häufigsten unerwünschten Begleiterscheinungen der Statine gehören Muskelkrämpfe und -schmerzen. Studien haben gezeigt, dass Statine in den Muskelzellen tatsächlich Tausende Gene beeinflussen und die Zellen dadurch schlechter wachsen und sich teilen können.
  • Beta-2-Sympathomimetika: Inhalative Beta-2-Sympathomimetika können das Auftreten von Muskelkrämpfen begünstigen.
  • Andere Medikamente: Auch andere Medikamente wie Nifedipin können als Nebenwirkung Wadenkrämpfe auslösen.

Muskelrelaxanzien

Muskelrelaxanzien bewirken eine zentrale oder periphere Entspannung der Muskulatur. Zentral wirkende Relaxanzien dienen insbesondere der Lösung von Krämpfen oder Verspannungen. Peripher wirksame Muskelrelaxanzien werden verwendet, um die endotracheale Intubation zu erleichtern, Operationsbedingungen zu verbessern und den Anästhetikabedarf zu vermindern.

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Zentral wirksame Muskelrelaxanzien

Der genaue Wirkmechanismus ist nicht bei allen Wirkstoffen im Detail geklärt. Vermutlich entfaltet sich die Wirkung über eine Hemmung der polysynaptischen Reflexleitung im Rückenmark und in subkortikalen Zentren. Hierdurch erschlaffen die schmerzhaft verkrampften Muskeln und Muskelgruppen, Verspannungen werden gemindert und Krämpfe gelöst. Dabei werden der normale Muskeltonus und die normale Beweglichkeit nicht beeinflusst.

Peripher wirksame Muskelrelaxanzien

Diese Muskelrelaxanzien blockieren die Impulsübertragung an der motorischen Endplatte und lähmen dadurch die quergestreifte Muskulatur. Es werden depolarisierende von nicht-depolarisierenden Muskelrelaxanzien unterschieden. Nur die nicht-depolarisierenden Muskelrelaxanzien können antagonisiert werden. Muskeln kontrahieren, wenn ein elektrischer Impuls von einem motorischen Nerv auf eine Muskelfaser übertragen wird. Die Erregung wird an der motorischen Endplatte übertragen, der Überträgerstoff an der Endplatte ist Acetylcholin. Peripher wirksame Muskelrelaxanzien blockieren die Erregungsübertragung an der motorischen Endplatte, dadurch entsteht eine reversible schlaffe Lähmung der Skelettmuskulatur, die je nach Substanz, unterschiedlich lange anhält. Die Wirkung beschränkt sich nicht nur auf die motorische Endplatte, sodass auch unerwünschte Wirkungen an anderen Organen auftreten können.

Nicht-depolarisierende Muskelrelaxanzien

Durch kompetitive Hemmung der postsynaptischen cholinergen Rezeptoren, kann das aus den Nervenendigungen freigesetzte Acetylcholin nicht am Rezeptor binden und dadurch nicht wirksam werden. Die Relaxanzien besetzen die Rezeptoren ohne ein Aktionspotenzial auszulösen, dadurch wird die Impulsübertragung an der motorischen Endplatte verhindert und es resultiert eine fehlende Muskelkontraktion. Nicht-depolarisierende Muskelrelaxanzien können mit Cholinesterase-Inhibitoren wie Neostigmin, Pyridostigmin oder Edrophonium antagonisiert werden. Rocuronium und Vecuronium können zudem mittels Sugammadex antagonisiert werden.

Depolarisierende Muskelrelaxanzien (Succinylcholin)

Das einzig verwendete depolarisierende Muskelrelaxans ist Succinylcholin. Je nach Konzentration kann ein Phase-I oder Phase-II-Block entstehen.

  • Phase-I-Block: Zunächst reagiert Succinylcholin - wie Acetylcholin - mit dem postsynaptischen Rezeptor und depolarisiert die postsynaptische Membran. Die Erregung breitet sich aus und ist als Faszikulation erkennbar. Nach der Depolarisation besteht für einige Zeit ein Depolarisationsblock, die Membran ist für diesen Zeitraum unerregbar, da sich das Relaxans noch am Rezeptor befindet.
  • Phase-II-Block: Dieser Block entsteht bei hohen Einzeldosen, wiederholten Nachinjektionen oder kontinuierlicher Infusion von Succinylcholin. Die Membran muss immer weniger depolarisiert werden, um eine ausgeprägte und langanhaltende Blockierung der motorischen Endplatte zu erreichen.

Pharmakokinetik

Die meisten zentral wirkenden Muskelrelaxanzien werden nach oraler Gabe nahezu vollständig resorbiert und weitestgehend über Leber und/oder Niere ausgeschieden. Die Bioverfügbarkeit beträgt in der Regel 80 bis 100%, die Eliminationshalbwertszeit variiert stark. Die klinische Wirkdauer (DUR25) ist die Zeit von der Injektion des Muskelrelaxans bis zur Erholung der neuromuskulären Blockade auf 25% des Ausgangswertes.

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Einteilung nach der Wirkdauer:

  • Am kürzesten wirkendes Muskelrelaxans: Succinylcholin mit einer Wirkdauer von ca. 5 bis 8 min
  • Kurz wirkende nicht-depolarisierende Relaxanzien (DUR25 < 20 min): Mivacurium
  • Mittellang wirkende nicht-depolarisierende Relaxanzien (DUR25 20-50 min): Vecuronium, Rocuronium, Atracurium, Cisatracurium
  • Lang wirkende nicht-depolarisierende Relaxanzien: (DUR25 > 50 min): Pancuronium

Cisatracurium und Atracurium werden unabhängig von der Leber- und Nierenfunktion chemisch durch spontanen Zerfall (=Hofmann-Elimination) und durch Esterspaltung abgebaut. Cisatracurium ist 5-fach stärker wirksam als Atracurium. Mivacurium wird durch das Enzym Plasmacholinesterase hydrolysiert. Die Eliminationshalbwertszeit beträgt 3 bis 6 min. Vecuronium wird vor allem über die Galle ausgeschieden. Succinylcholin wird rasch durch die Pseudocholinesterase gespalten.

Nebenwirkungen

Zentral wirksame Muskelrelaxanzien können insbesondere zu Schwindel, Müdigkeit und Benommenheit sowie gastrointestinalen Beschwerden führen. Weitere spezifische Nebenwirkungen sind:

  • Methocarbamol: Konjunktivitis, Kopfschmerzen, metallischer Geschmack, Hypotonie, Angioödem, Ausschlag, Pruritus
  • Orphenadrin: Sehstörungen
  • Tizanidin: Bradykardie, Tachykardie, Hypotonie
  • Tolperison: Anorexie, Muskelschwäche, Myalgie

Die Nebenwirkungen peripher wirksamer Muskelrelaxanzien entstehen durch eine Histaminfreisetzung, induziert vor allem durch Benzylisochinoline wie Atracurium und Mivacurium. Dies führt zu Hypotonie, Tachykardie und Bronchokonstriktion, zu Erythemen und einem Anstieg von Kalium und Katecholaminen im Blut. Durch eine langsame Injektion kann die Histaminfreisetzung vermindert werden. Succinylcholin kann aufgrund der stimulierenden Aktivität im autonomen Nervensystem Herzrhythmusstörungen sowie ventrikuläre Arrhythmien auslösen.

Wechselwirkungen

Bei gleichzeitiger Anwendung mit zentral wirksamen Arzneimitteln wie Barbituraten, Opioiden und Appetitzüglern kann es zu wechselseitiger Wirkungsverstärkung kommen. Die Einnahme zusammen mit Alkohol kann die Wirkung des Arzneimittels verstärken. Die Wirkung von Anticholinergika und einigen psychotropen Arzneimitteln kann verstärkt werden. Bestimmte Pharmaka können die Wirkung der Relaxanzien verstärken und verlängern, dazu gehören: Inahaltionsanästhetika und Antibiotika.

Kontraindikationen

Muskelrelaxanzien dürfen bei Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff nicht angewendet werden. Methocarbamol und Orphenadrin dürfen nicht bei Myasthenia gravis eingesetzt werden. Orphenadrin ist bei Kindern unter 16 Jahre kontraindiziert. Methocarbamol und Baclofen dürfen nicht bei Epilepsie gegeben werden. Zudem ist Baclofen bei terminaler Niereninsuffizienz und Spastizität bei Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises kontraindiziert. Phenobarbital darf nicht gegeben werden bei akuter Alkohol-, Schlafmittel- und Schmerzmittelvergiftung sowie bei Vergiftung durch Anregungsmittel oder dämpfende Psychopharmaka. Tizanidin ist kontraindiziert bei eingeschränkter Leberfunktion, sowie gleichzeitige Gabe von starken CYP1A2-Hemmern.

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Was tun bei Muskelkrämpfen?

Als Sofortmaßnahme bei einem Krampf reicht es meist, den Muskel zu massieren und langsam und vorsichtig zu dehnen. Am einfachsten gelingt dies, wenn Sie die Zehen - eventuell mithilfe der Hand - in Richtung Schienbein ziehen und die Position für einige Sekunden halten. Ebenfalls hilfreich können eine warme Dusche oder eine auf die betroffene Stelle gelegte Wärmflasche sein, da beides die Muskulatur entspannt. Das Ausschütteln der Beine und vorsichtiges Gehen können einen Krampf im Bein ebenfalls lindern.

Wichtig: Tritt ein Wadenkrampf im Wasser auf, ist es wichtig, nicht in Panik zu geraten, sondern zu versuchen, ruhig Richtung Ufer zu schwimmen. Eine Ärtzin oder einen Arzt aufsuchen sollten Sie dagegen bei hartnäckigen Beinkrämpfen, die längere Zeit andauern oder häufig wiederkehren, ohne dass ein offensichtlicher Grund, wie eine starke körperliche Belastung, vorliegt. Auch sollten Sie nicht zögern, in die Arztpraxis zu gehen, wenn Muskelkrämpfe Sie in Ihrem Alltag beeinträchtigen.

Vorbeugung von Muskelkrämpfen

Es gibt verschiedene Maßnahmen, die Sie ergreifen können, um Muskelkrämpfen vorzubeugen:

  • Ausreichend trinken: Achten Sie darauf, genügend Flüssigkeit zu sich zu nehmen, am besten kalorienarme Getränke wie Mineralwasser oder eine Saftschorle.
  • Elektrolyte auffüllen: Bei starkem Schwitzen oder körperlicher Anstrengung sollten Sie Elektrolyte wie Natrium, Magnesium und Kalium zu sich nehmen.
  • Regelmäßig dehnen: Regelmäßiges Dehnen der betroffenen Muskeln kann helfen, Krämpfen vorzubeugen.
  • Leichte sportliche Betätigung: Leichte sportliche Betätigung, etwa auf dem Heimtrainer, für einige Minuten vor dem Schlafengehen kann ebenfalls helfen.
  • Alkohol und Koffein meiden: Alkohol und Koffein können Muskelkrämpfe begünstigen.
  • Medikamente überprüfen: Lösen Medikamente bei Ihnen Wadenkrämpfe aus, können Sie - in Absprache mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt - einen Wechsel des Präparats in Betracht ziehen.

Magnesium bei Muskelkrämpfen

„Nimm Magnesium“ lautet ein anderer, häufiger Ratschlag. Es kann eventuell einen Versuch wert sein. Allerdings wirken solche Präparate vermutlich nur, wenn tatsächlich ein Magnesiummangel vorliegt. Mit einer ausgewogenen Ernährung lässt sich dem in der Regel gut vorbeugen. Besprechen Sie sich also besser mit Ihrem Hausarzt oder Ihrer Hausärztin, statt einfach zu einem Magnesium-Präparat zu greifen. Denn diese können auch Nebenwirkungen, zum Beispiel Durchfall, haben. Wer Medikamente schluckt oder bekannte Erkrankungen hat, sollte sich vor der Einnahme von Magnesium zumindest in der Apotheke beraten lassen. Es gibt Gründe, die gegen die Anwendung sprechen können, auch Wechselwirkungen sind möglich!

Chinin bei Muskelkrämpfen

In schweren Fällen und wenn die Ursache der Krämpfe nicht behandelbar ist, kann der Arzt oder die Ärztin Chininsulfat verordnen. Chininsulfat kann zur Prophylaxe von Muskelkrämpfen verordnet werden, da es zu Veränderungen im Bereich der neuromuskulären Übertragung führt. Es verlängert die Refraktärzeit durch direkte Wirkung auf die Muskelfaser. Es vermindert die Erregbarkeit an der motorischen Endplatte, eine Wirkung ähnlich der von Curare. Außerdem beeinflusst es die Verteilung von Kalzium in der Muskelfaser. Über diese Mechanismen wird die Schwelle für eine Reaktion des Muskels auf einen einzelnen maximalen Reiz erhöht. Die Bereitschaft zu einer tetanischen Kontraktion nimmt ab.

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