Tetraplegie: Ursachen, Symptome, Behandlung und Leben mit der Lähmung

Eine Querschnittlähmung ist eine einschneidende Erkrankung, die das Leben der Betroffenen grundlegend verändert. Sie entsteht durch eine Schädigung des Rückenmarks, einem Teil des zentralen Nervensystems, das Informationen zwischen Gehirn und Körper austauscht. Eine der schwerwiegendsten Formen der Querschnittlähmung ist die Tetraplegie, bei der alle vier Gliedmaßen betroffen sind. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Tetraplegie, von den Ursachen und Symptomen bis hin zu den Behandlungs- und Rehabilitationsmöglichkeiten.

Das Rückenmark und seine Funktionen

Das Rückenmark spielt eine zentrale Rolle in der Steuerung unserer Körperfunktionen. Es ist Teil des zentralen Nervensystems und dient als Informationsautobahn zwischen Gehirn und den unterhalb des Kopfes liegenden Körperteilen. Über das Rückenmark werden Impulse aus dem Gehirn gesteuert, die beispielsweise die Bewegung unserer Arme und Beine ermöglichen. Auch das Herz-Kreislauf-System, die Verdauung und die Blasenfunktion werden über das Nervensystem gesteuert.

Was passiert bei einer Querschnittlähmung?

Wird das Rückenmark an einer bestimmten Stelle geschädigt, werden die Signale unterbrochen und Körperfunktionen unterhalb des betroffenen Areals fallen ganz oder teilweise aus. Die Schädigung kann alle Nerven an der Stelle betreffen oder nur einen Teil. Je nachdem, wo und wie stark das Rückenmark geschädigt ist, äußert sich eine Querschnittlähmung auf unterschiedliche Weise.

Ursachen einer Tetraplegie

Die Ursachen einer Tetraplegie sind vielfältig. In etwa 60 Prozent der Fälle ist ein Trauma, also eine Verletzung durch einen Unfall, die Ursache für die Lähmung. Mediziner sprechen dann von traumatischen Querschnittlähmungen. Brüche und Quetschungen an der Wirbelsäule, die durch diese Verletzungen auftreten, führen dann zu Schäden am Rückenmark.

Häufigste Ursachen für diese Rückenmarksverletzungen sind:

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  • Verkehrsunfälle
  • Sportunfälle (z.B. Flachwassertauchen, Klettern, Skifahren, Snowboarden)
  • Stürze

Doch auch verschiedene Erkrankungen können das Rückenmark angreifen und eine sogenannte nicht-traumatische (atraumatische) Querschnittlähmung verursachen. Dies ist häufiger bei älteren Menschen der Fall.

Zu den möglichen Erkrankungen gehören:

  • Multiple Sklerose (MS): Bei dieser Autoimmunkrankheit beschädigt das eigene Immunsystem das Nervensystem.
  • Tumore
  • Infektionen (z.B. transverse Myelitis, Kinderlähmung)
  • Entzündungen des Rückenmarks
  • Erb- oder Infektionskrankheiten
  • Angeborene Störungen (z.B. Syringomyelie)
  • Osteoporose
  • Thrombosen und Embolien von Arterien, die im Rückenmark verlaufen
  • In seltenen Fällen: Polyneuritis durch Vitamin-B1-Mangel
  • Vergiftungen

In seltenen Fällen kann eine Tetraplegie auch idiopathisch entstehen, also ohne fassbare Ursache.

Symptome einer Tetraplegie

Die Tetraplegie ist eine Form der Querschnittslähmung, welche durch eine Krankheit oder Verletzung verursacht wird, die zu einem teilweisen oder vollständigen Verlust der Nutzung aller vier Gliedmaßen und des Oberkörpers führt. Von einer Tetraplegie spricht man meist, wenn das Rückenmark oberhalb des siebten Halswirbels (Wirbel C1 bis C7) beschädigt ist.

Die Symptome einer Tetraplegie können vielfältig sein und hängen von der Höhe und dem Ausmaß der Schädigung des Rückenmarks ab.

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Zu den typischen Symptomen gehören:

  • Bewegungsverlust: Lähmung aller vier Extremitäten (Arme und Beine). Je nach Ausmaß der Schädigung kann die Lähmung vollständig (Plegie) oder inkomplett (Parese) sein. Bei einer inkompletten Lähmung ist noch ein gewisses Maß an Funktionen vorhanden.
  • Sensibilitätsstörungen: Verlust oder Einschränkung der Sensibilität in den betroffenen Bereichen. Betroffene können Berührungen, Schmerzen und Temperaturen nicht mehr oder nur noch eingeschränkt fühlen. Sie spüren auch nicht, wo sich ihre Beine (und gegebenenfalls ihre Arme) gerade befinden.
  • Funktionsstörungen der inneren Organe: Bei stark ausgeprägter Tetraplegie können Funktionsstörungen der inneren Organe auftreten, insbesondere wenn die Verletzung des Rückenmarks Störungen des autonomen Nervensystems verursacht. Dies kann die Kontrolle über die Organsysteme sowie den Blutkreislauf beeinträchtigen.
  • Blasen- und Darmstörungen: Gelähmte können häufig Darm und Blase nicht selbstständig entleeren. Sie benötigen z.B. einen Blasenkatheter und Maßnahmen zur regelmäßigen Stuhlentleerung. Zudem steigt dadurch das Risiko von Harnwegsinfekten.
  • Sexuelle Dysfunktion: Verlust der Fähigkeit, sexuelle Reaktionen wie Erektionen oder Orgasmen zu erleben.
  • Atemprobleme: Bei einer Schädigung des Rückenmarks im Bereich der Halswirbelsäule kann die Atemmuskulatur beeinträchtigt sein. In schweren Fällen kann eine künstliche Beatmung erforderlich sein.
  • Spastik: Unkontrollierbare Muskelkontraktionen oder Muskelsteifheit treten oft nach einer Rückenmarksverletzung auf.
  • Schmerzen: Teilweise treten Schmerzen auf, zum Beispiel durch Verknöcherungen von Muskeln, Versteifung von Gelenken und Flüssigkeitsansammlungen im Rückenmark. Es besteht eine erhöhte Gefahr für Druckgeschwüre auf der Haut („Wundliegen“).
  • Autonome Dysreflexie: Bei einer Verletzung oberhalb des 6. Brustwirbels kann es zu einer autonomen Dysreflexie kommen, einer potenziell lebensbedrohlichen Komplikation, die durch eine unkontrollierte Erhöhung des Blutdrucks gekennzeichnet ist.
  • Weitere Begleitsymptome: Unwillkürliche Regulation der Körpertemperatur, des Blutes oder sogar der Herzfrequenz.

Diagnose einer Tetraplegie

Eine akute Querschnittlähmung ist ein lebensgefährlicher Notfall. Schon bei Verdacht sollte sofort ein Krankenwagen gerufen werden.

Die Diagnose einer Tetraplegie umfasst in der Regel folgende Schritte:

  • Anamnese: Ärzte klären zunächst den Unfallhergang oder die Krankheitsgeschichte.
  • Neurologische Untersuchung: Sie überprüfen unter anderem die Reflexe, Beweglichkeit und Sensibilität von Armen, Beinen und Oberkörper.
  • Bildgebende Verfahren: Auf Röntgenbildern können Ärzte Verletzungen an den Knochen erkennen. In manchen Fällen sind weitere bildgebende Verfahren wie Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT) erforderlich, um das Ausmaß der Schädigung des Rückenmarks zu beurteilen.
  • Liquorpunktion: In manchen Fällen entnehmen Ärzte Nervenwasser aus dem Wirbelkanal der Lendenwirbelsäule, um Anzeichen für Blutungen und Entzündungen zu erkennen.

Behandlung einer Tetraplegie

Die Behandlung einer Tetraplegie ist abhängig von der Ursache und dem Ausmaß der Schädigung. Ziel der Behandlung ist es, das Überleben der Betroffenen zu sichern, weitere Schäden zu verhindern, Komplikationen zu vermeiden und die Lebensqualität der Betroffenen bestmöglich zu verbessern.

Die Behandlung kann folgende Maßnahmen umfassen:

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  • Akutbehandlung: Auf der Intensivstation behandeln Ärzte unter anderem einen möglichen Kreislaufzusammenbruch. Sind innere Organe oder die Atmung betroffen, müssen sie, oft vorübergehend, deren Funktion ersetzen, zum Beispiel durch künstliche Beatmung.
  • Operation: Wenn eine Verletzung die Querschnittlähmung verursacht, können manchmal Operationen Teile des Rückenmarks bewahren und später eine größere Beweglichkeit sichern. Chirurgen beheben etwa Quetschungen, indem sie Raumforderungen wie Knochenteile und Bandscheiben, die auf das Rückenmark drücken, entfernen.
  • Medikamentöse Therapie: Wenn Entzündungen das Rückenmark beschädigen, beispielsweise aufgrund von Tumorerkrankungen, verabreichen Ärzte bestimmte Arten von Kortison. Je nach Ursache können auch andere Maßnahmen angebracht sein, zum Beispiel spezielle Medikamente bei Multipler Sklerose. Steroide werden verwendet, um Schwellungen des Rückenmarks zu verhindern und zu reduzieren.
  • Rehabilitation: In der Rehabilitation, die in spezialisierten Zentren stattfindet und mehrere Monate dauern kann, lernen Betroffene, mit ihrer Querschnittlähmung zu leben. Dazu gehören der Umgang mit dem Rollstuhl ebenso wie mit Blasenkathetern sowie das richtige Liegen. Außerdem beginnen sie mit Physio- und Ergotherapie, um noch funktionierende Muskeln zu stärken und die Beweglichkeit zu verbessern. Menschen mit Tetraplegie oder Tetraparese erhalten zudem häufig gezielte Atemtherapie.

Rehabilitation bei Tetraplegie

Die Rehabilitation ist ein wichtiger Bestandteil der Behandlung einer Tetraplegie. Sie zielt darauf ab, die Selbstständigkeit und Lebensqualität der Betroffenen bestmöglich wiederherzustellen.

Die Rehabilitation umfasst verschiedene Therapieformen, darunter:

  • Physiotherapie: Krankengymnastik (Physiotherapie): Erste physiotherapeutische Maßnahmen werden eingeleitet, um die Beweglichkeit der nicht betroffenen Körperteile zu erhalten und Muskelatrophie zu verhindern. Passive Bewegungsübungen helfen, die Gelenke mobil zu halten. Ziel ist es, noch vorhandene motorische Fähigkeiten zu aktivieren und zu trainieren. Auch die Kräftigung der noch funktionierenden Muskeln spielt eine wichtige Rolle.
  • Ergotherapie: Ergotherapie hilft den Patient:innen, grundlegende Alltagsaktivitäten wie Anziehen, Essen und Körperpflege wieder zu erlernen und anzupassen. Spezielle Hilfsmittel und Techniken werden trainiert.
  • Atemtherapie: Bei Verletzungen des oberen Rückenmarks kann es zu Atemproblemen kommen. Hier setzt eine gezielte Atemtherapie an, um die Lungenfunktion zu unterstützen und Infektionen wie Lungenentzündungen zu vermeiden.
  • Logopädie: Bei Beeinträchtigungen der Sprach- und Schluckfunktion kann eine logopädische Behandlung erforderlich sein.
  • Psychologische Betreuung: Die psychologische Begleitung ist ein wesentlicher Aspekt der Rehabilitation, um sich mit der Behinderung auseinanderzusetzen und Strategien zur Krankheitsbewältigung zu entwickeln.
  • Sozialberatung: Die Sozialberatung unterstützt die Betroffenen und ihre Angehörigen bei der Bewältigung sozialer und finanzieller Fragen.

Hilfsmittel für Tetraplegiker

Menschen mit Tetraplegie sind im Alltag oft auf Hilfsmittel angewiesen, um ihre Selbstständigkeit und Mobilität zu erhalten.

Zu den wichtigsten Hilfsmitteln gehören:

  • Rollstuhl: Es gibt manuelle und elektrische Rollstühle. Die Wahl hängt im Wesentlichen von der Lähmung des Patienten ab. So ist beispielsweise der Elektrorollstuhl notwendig, wenn die Lähmung vollständig ist. Dieses Modell ermöglicht es der Person, sich mit Bedienelementen zu bewegen, die sehr wenig Aufwand erfordern. Der manuelle Rollstuhl ist besser für Tetraplegiker geeignet, die nicht die Fähigkeit verloren haben, ihre Arme und Hände zu bewegen. Alle Stühle können mit Haltungshilfen wie Kopfstützen, Lagerungs- und Antidekubituskissen, ergonomischen Rückenlehnen und Fußstützen ausgestattet werden.
  • Elektromobil: Das Elektromobil ist auch eine Mobilitätslösung, die bei Tetraplegie zu berücksichtigen ist.
  • Blasenkatheter: Zur Entleerung der Blase.
  • Weitere Hilfsmittel: Spezielle Duschrollstühle, Stützgitter im Bad, Reiserampen, elektrische medizinische Betten, angepasste Möbel.

Leben mit Tetraplegie

Das Leben mit einer Tetraplegie ist mit zahlreichen Herausforderungen verbunden. Die Betroffenen sind oft auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen und müssen sich an eine veränderte Lebenssituation anpassen.

Trotz der Einschränkungen ist es möglich, ein erfülltes und selbstbestimmtes Leben zu führen. Eine positive Einstellung, die Unterstützung von Familie und Freunden sowie der Zugang zu einer umfassenden medizinischen und therapeutischen Versorgung sind wichtige Faktoren für eine hohe Lebensqualität.

Forschung und Ausblick

Die medizinische Forschung arbeitet kontinuierlich an neuen Therapien zur Behandlung von Querschnittlähmungen. Ziel ist es, die Regeneration des Rückenmarks zu fördern und dieFunktionen der gelähmten Gliedmaßen wiederherzustellen.

Auch wenn eine Heilung der Tetraplegie derzeit noch nicht möglich ist, gibt es zahlreiche Möglichkeiten, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern und ihnen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

Wichtige Anlaufstellen und Unterstützung

Für Menschen mit Tetraplegie und ihre Angehörigen gibt es zahlreiche Anlaufstellen und Unterstützungsmöglichkeiten.

Dazu gehören:

  • Spezialisierte Querschnittzentren: Diese Zentren bieten eine umfassende medizinische und therapeutische Versorgung.
  • Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen kann sehr hilfreich sein.
  • Interessensverbände: Diese Verbände vertreten die Interessen von Menschen mit Querschnittlähmung und bieten Beratung und Unterstützung an. (z.B. die Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Deutschland e.V.)

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