Demenz und Hypersexualität: Ursachen, Behandlung und Medikamentöse Therapie

Wenn sich Menschen in ihrem Wesen oder ihren Alltagsfähigkeiten verändern, können neurodegenerative Erkrankungen zugrunde liegen. Demenzielle Erkrankungen belasten die Betroffenen und deren Angehörigen oft sehr und lösen bei den Betroffenen und ihren Angehörigen oft Verwirrung und Angst aus. Heilbar sind die neurodegenerativen Erkrankungen bisher nicht. Die Behandlung mit einem Antidementivum kann - abhängig von der Krankheitsentität - sowohl den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen als auch die Symptomatik abmildern. Sie sollte den Patienten daher nicht vorenthalten werden. Neben der Alzheimer-Krankheit gibt es weitere neurodegenerative Erkrankungen mit unterschiedlichen klinischen Symptomkomplexen, wie die Demenz mit Lewy-Körperchen und die frontotemporalen Lobärdegenerationen (FTLD). Demenzsymtome können viele Ursachen haben. Nach mehreren Jahren der Erkrankung ähneln sich demenzielle Symptome unterschiedlicher Ätiologie zunehmend, was eine diagnostische Differenzierung manchmal erschwert. In Einzelfällen sind Demenzen potenziell ursächlich behandelbar. Bei anderen Formen sind psychopathologische Symptome analog zu den folgenden Ausführungen symptomatisch behandelbar.

Ein besonderes und oft herausforderndes Symptom im Zusammenhang mit Demenz ist die Hypersexualität, also ein gesteigertes sexuelles Interesse und Verhalten, das über gesellschaftlich und persönlich akzeptierte Normen hinausgeht. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen von Hypersexualität bei Demenz, die Rolle von Medikamenten bei der Auslösung oder Behandlung dieses Symptoms und gibt einen Überblick über verschiedene Therapieansätze.

Ursachen von Hypersexualität bei Demenz

Demenziell veränderte Personen haben häufig verlernt, ihre Gefühle und Antriebe zu steuern. Dies kann neben abwehrendem Verhalten auch zu auffälligem sexuellen Verhalten führen. Die Ursachen für Hypersexualität bei Demenz sind vielfältig und komplex. Sie lassen sich grob in folgende Kategorien einteilen:

  • Neurodegenerative Veränderungen: Demenzen wie die frontotemporale Demenz (FTD), die Demenz mit Lewy-Körperchen, die Demenz bei Morbus Parkinson und in selteneren Fällen die Alzheimer-Krankheit können zu einer Enthemmung des Sexualverhaltens führen. Die Schädigung von Hirnregionen, die für die Steuerung von Verhalten und Impulsen zuständig sind, führt zum Versagen von Kontrollmechanismen und zum Verlust der Einsicht in soziale Regeln. Das Gehirn ist das Kontrollzentrum für Gefühle und Verhalten, und es „produziert“ sexuelle Fantasien - deshalb wird es häufig als unser wichtigstes Sexualorgan bezeichnet. Wird das Gehirn durch eine Demenz geschädigt, können die Kontrollmechanismen für sexuelles Verhalten versagen. Die Einsicht in und Kenntnis von sozialen Regeln (auch im sexuellen Umgang) gehen verloren.
  • Vergessen von Konventionen: Konventionen in Bezug auf das Ausleben der Sexualität sind erlernt und Ihr demenziell veränderter Pflegekunde vergisst sie schlichtweg.
  • Werteverlust: Werte und Normen haben für demenzerkrankte Personen keine direkte Bedeutung mehr. Daher können sie auch nicht mehr danach handeln.
  • Mangelnde Impulskontrolle: Ihre demenziell veränderten Pflegekunden lassen sich mit zunehmender Demenz immer stärker vom Gefühl leiten. Sie folgen daher jedem Impuls sofort, ohne sich zu fragen, ob dies angemessen ist. Wenn etwa ein demenziell veränderter Pflegekunde durch die körperliche Nähe einer weiblichen Pflegekraft erregt wird, folgt er diesem Reiz sofort.
  • Situationsverkennung: Während der Körperpflege entsteht eine Nähe, die sonst nur in intimen Beziehungen vorkommt. Sie berühren Ihre Pflegekunden an Stellen, die sonst nur der Partner berühren darf. Pflegekraft und demenzerkrankter Pflegekunde spielen in diesem Fall sozusagen in unterschiedlichen Theaterstücken. Die Pflegekraft sieht eine pflegebedürftige Person vor sich, die Hilfe benötigt. Ihr demenziell veränderter Pflegekunde hingegenempfindet sich als jung und leistungsfähig. Entsprechend versteht er die Pflegehandlung als sexuelle Aufforderung.
  • Medikamenteneinfluss: Insbesondere bei Morbus Parkinson können Dopaminagonisten, die zur Behandlung der motorischen Symptome eingesetzt werden, in seltenen Fällen Hypersexualität auslösen. Diese Medikamente wirken sich auf bestimmte Dopaminrezeptoren in Hirnregionen aus, die mit der Entwicklung dieser Störungen in Zusammenhang stehen - etwa das ventrale Striatum. Diese Medikamente wirken sich eindeutig auf das Belohnungssystem aus", so Thiriez, was zu einem fast unwiderstehlichen Drang führt, lustbetonte Verhaltensweisen zu wiederholen.
  • Psychische Faktoren: Depressionen, Angstzustände oder das Gefühl von Einsamkeit können bei Demenzkranken zu Verhaltensänderungen führen, die sich auch in gesteigertem sexuellem Interesse äußern können.
  • Physische Ursachen: In einigen Fällen können auch körperliche Beschwerden wie Harnwegsinfektionen oder Pilzbefall im Genitalbereich zu verstärkter Beschäftigung mit dem Genitalbereich führen, was fälschlicherweise als Hypersexualität interpretiert werden kann.

Medikamente und Hypersexualität

Auslösende Medikamente

Wie bereits erwähnt, können Dopaminagonisten, die bei Morbus Parkinson eingesetzt werden, in seltenen Fällen Hypersexualität als Nebenwirkung verursachen. Dies betrifft insbesondere jüngere Patienten. Zu diesen Medikamenten gehören beispielsweise Pramipexol und Apomorphin. Die Wirkung dieser Medikamente auf das Belohnungssystem im Gehirn kann zu einem gesteigerten sexuellen Verlangen und zu Impulskontrollstörungen führen.

Ein konkretes Beispiel ist der Fall eines 53-jährigen Parkinson-Patienten, der unter der Behandlung mit Pramipexol und später mit einer Apomorphin-Pumpe eine Impulskontrollstörung mit Hypersexualität entwickelte.

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Medikamentöse Behandlung von Hypersexualität

Die medikamentöse Behandlung von Hypersexualität bei Demenz zielt darauf ab, die Symptome zu reduzieren und das Verhalten zu kontrollieren. Dabei kommen verschiedene Medikamentengruppen zum Einsatz:

  • Antidepressiva: Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) wie Sertralin oder Citalopram können bei der Behandlung von Hypersexualität hilfreich sein, insbesondere wenn diese mit Depressionen oder Angstzuständen einhergeht.
  • Stimmungsstabilisierer: Medikamente wie Valproat, Carbamazepin oder Topiramat können ebenfalls zur Reduktion von Hypersexualität eingesetzt werden, insbesondere bei Patienten mit frontotemporaler Demenz.
  • Antipsychotika: In schweren Fällen von Hypersexualität, insbesondere wenn diese mit aggressivem Verhalten oder Wahnvorstellungen einhergeht, können Antipsychotika wie Risperidon, Quetiapin oder Clozapin eingesetzt werden. Allerdings sollten diese Medikamente aufgrund ihrer potenziellen Nebenwirkungen nur als letzte Option und unter sorgfältiger Abwägung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses eingesetzt werden. Gerade zu Beginn der Erkrankung ist eine Behandlung mit Antipsychotika daher nicht zu empfehlen. Bei zunehmender Erkrankungsdauer müssen Antipsychotika eventuell doch erwogen werden. Wie bei der Parkinson-Krankheit kommen ausschließlich die Substanzen Quetiapin und Clozapin infrage (off Label). Clozapin darf nur nach rechtswirksamer Aufklärung mit besonderen Vorsichtsmaßnahmen eingesetzt werden. So muss 18 Wochen lang einmal wöchentlich das Differenzialblutbild kontrolliert werden, danach im vierwöchentlichen Rhythmus (wegen Agranulozytose-Gefahr). Meist reichen geringe Tagesdosen aus, zum Beispiel Clozapin 6,25 bis 25 mg oder Quetiapin 25 mg. In höherer Dosierung können deren anticholinerge Effekte problematisch werden. Auf Somnolenz, orthostatische Hypotonie, Mundtrockenheit, Obstipation bis zum paralytischen Ileus, Harnverhalt, Tachykardie und potenzielle Blutbildstörungen ist zu achten.
  • Antiandrogene: In einigen Fällen kann eine antiandrogene Hormontherapie (chemische Kastration) in Betracht gezogen werden, insbesondere bei Patienten mit kriminellem Verhalten im Zusammenhang mit Hypersexualität. Diese Behandlung sollte jedoch nur mit Zustimmung des Patienten erfolgen.

Es ist wichtig zu betonen, dass die medikamentöse Behandlung von Hypersexualität bei Demenz immer individuell auf den Patienten abgestimmt sein muss und in Kombination mit anderen Therapieansätzen erfolgen sollte.

Weitere Therapieansätze

Neben der medikamentösen Behandlung gibt es eine Reihe von nicht-medikamentösen Therapieansätzen, die bei der Behandlung von Hypersexualität bei Demenz hilfreich sein können:

  • Verhaltenstherapie: Verhaltenstherapeutische Interventionen können helfen, unangemessenes sexuelles Verhalten zu reduzieren und alternative Verhaltensweisen zu erlernen.
  • Umgebungsanpassung: Eine strukturierte und reizarme Umgebung kann dazu beitragen,Hypersexualität zu reduzieren. Ablenkende Aktivitäten, um Langeweile zu vermeiden, können ebenfalls Wirkung zeigen und unangemessene sexuelle Verhaltensweisen verhindern. Das Tragen von Hosen ohne Hosenschlitz oder mit einem Rückenverschluss wäre ebenfalls eine Möglichkeit.
  • Kommunikation und Aufklärung: Eine offene und ehrliche Kommunikation mit dem Patienten über sein Verhalten und die Grenzen des Akzeptablen ist wichtig. Thiriez betonte, wie wichtig es ist, ältere Patienten zu einem angemessenen Sexualverhalten zu ermutigen. "Normale Praktiken sollten gefördert werden, um abnormale zu vermeiden". Außerdem muss die Umgebung des Patienten so gestaltet werden, dass er die Möglichkeit hat, seine Privatsphäre zu bewahren.
  • Beschreiben Sie die übergriffige Situation möglichst genau. Prüfen Sie, welcher oder welche der unten stehenden Gründe auf Ihren Pflegekunden am ehesten zutreffen. Falls Ihr Pflegekunde die Situation verkennt, kann es ausreichen, dass Sie ihm die Pflegehandlung genau erklären. Oder aber Sie statten sich mit „medizinischen“ Attributen wie z. B. einem weißen Kittel oder einem Stethoskop aus. Falls Ihr Pflegekunde aus einer mangelnden Impulskontrolle heraus handelt, versuchen Sie ihn abzulenken. Geben Sie ihm etwas in die Hand, das ihn interessieren könnte.
    • Wenn sich Ihr Pflegekunde auffällig oft im Genitalbereich berührt, kann die Ursache hierfür auch eine Blasenentzündung oder ein Pilzbefall sein. Lassen Sie dies immer von einem Arzt untersuchen.
    • Grundsätzlich sollten nur die Pflegekräfte einen sexuell übergriffigen Pflegekunden pflegen, welche dieser nicht als attraktiv empfindet, d. h. auf die er nicht entsprechend reagiert (z. B.
    • Wenn ein Pflegekunde während der Pflege sexuell erregt ist, verlassen Sie den Raum für einige Zeit. Falls er Sie berührt, schieben Sie die Hand mit einem eindeutigen „Nein, ich möchte das nicht“ fort. Gehen Sie danach nicht weiter auf den Vorfall ein.
    • Wichtig ist, dass Sie sich im Team auf ein einheitliches Handeln einigen. Ihr demenziell veränderter Pflegekunde kann sich Grenzen nur merken, wenn Sie diese häufig wiederholen. Wenn hingegen jede Pflegekraft unterschiedlich handelt, bieten Sie ihm keine Orientierung bezüglich seines Verhaltens. Legen Sie den Pflegeablauf genau fest. Beispiel: Der Pflegekunde Herr Seibel macht häufiger Andeutungen wie: „Komm, lass uns eine Nummer schieben.“ Manche Pflegekräfte schimpfen wortreich mit Herrn Seibel, andere versuchen es einfach zu überhören. Die Pflegekraft richtet sich etwa gerade auf und schaut Herrn Seibel kurz fest und ohne zu lächeln in die Augen. Wichtig ist, dass sie 1-2 kurze und einfach zu verstehende Sätze formuliert, etwa „Lassen Sie das.
  • Unterstützung für Angehörige und Pflegepersonal: Hypersexualität bei Demenz kann für Angehörige und Pflegepersonal sehr belastend sein. Es ist wichtig, dass sie Unterstützung und Beratung erhalten, um mit dieser Herausforderung umgehen zu können. Sie können etwa die Handlung unterbrechen oder mit Ihrer PDL besprechen, dass andere Kollegen die Pflege des betroffenen Pflegekunden übernehmen.

Spezifische Demenzformen und Hypersexualität

Frontotemporale Demenz (FTD)

Die Verhaltensvariante der frontotemporalen Demenz (bvFTD) ist besonders häufig mit Hypersexualität und anderen Enthemmungserscheinungen verbunden. Die Schädigung des Frontalhirns führt zu einem Verlust der sozialen Kompetenzen, der Impulskontrolle und des Unrechtsbewusstseins. Erkrankte haben oft kein Sättigungsgefühl mehr und zeigen keine Regulation; sie stecken teilweise auch nicht Essbares unkontrolliert in den Mund. Auch das Sprachverhalten ändert sich: Erkrankte sprechen immer weniger im Sinne eines Mutismus oder entwickeln Rededrang mit Stereotypien und Echolalie. Eine normale Unterhaltung ist nicht mehr möglich.

Demenz mit Lewy-Körperchen (LBD)

Bei der Demenz mit Lewy-Körperchen treten häufig visuelle Halluzinationen und Fluktuationen der Kognition auf. Auch eine Parkinson-Symptomatik mit Stürzen kann vorkommen. Cholinesterase-Hemmer können diese wirksam lindern. Typisch für die LBD ist eine hypokinetisch-rigide Parkinson-Symptomatik mit Stürzen bereits früh im Krankheitsverlauf. Im Gegensatz zum Morbus Parkinson ist ein Tremor selten. Bei der LBD liegen kognitive Beeinträchtigungen typischerweise früher vor als beim Morbus Parkinson.

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Morbus Parkinson

Bei jüngeren Patienten mit Morbus Parkinson kann die Einnahme von Dopaminrezeptor-Agonisten problematische Hypersexualität auslösen, während sie bei älteren Menschen häufiger mit Demenz in Verbindung gebracht wird. Sexuelle Störungen sind bei Parkinson-Patienten sehr häufig und äußern sich vor allem in einer verminderten sexuellen Aktivität. "Die Parkinson-Krankheit ist in erster Linie Auslöser für Hyposexualität. Ein Dopaminmangel führt zu einer Verringerung der Libido und zu sexuellen Funktionsstörungen", erklärte die Neurologin Dr. Claire Thiriez vom Universitätsklinikum Caen in ihrem Vortrag.

Herausforderungen im Umgang mit Hypersexualität bei Demenz

Der Umgang mit Hypersexualität bei Demenz stellt eine große Herausforderung dar, sowohl für die Betroffenen selbst als auch für ihre Angehörigen und das Pflegepersonal. Es ist wichtig, das Verhalten des Patienten nicht als böswillig oder absichtlich zu interpretieren, sondern als Symptom der Erkrankung zu verstehen.

Gleichzeitig ist es notwendig, Grenzen zu setzen und sicherzustellen, dass die Würde und die Rechte anderer Menschen respektiert werden. Sexuelle Übergriffe sind eine Form von Gewalt - auch wenn Ihr Pflegekunde mit Demenz nichts dafür kann. Entsprechend haben Sie als Pflegekraft auch ein Anrecht, sich hiervor zu schützen. Dies bedeutet konkret, dass Sie sich dem Verhalten nicht aussetzen müssen.

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