Ein schwerer Unfall, sei es beim Sport oder im Straßenverkehr, kann zu einer traumatischen Querschnittslähmung führen. Sind die Nervenbahnen im Rückenmark verletzt, hat das weitreichende Auswirkungen und Folgen für die Betroffenen. Die Diagnose „Querschnittlähmung“ ist für sie ein schwerer Schock, der das Leben schlagartig verändert.
Ursachen und Entstehung einer Querschnittslähmung
Eine Querschnittslähmung ist die Folge von Rückenmarkschädigungen. Das Rückenmark befindet sich im Wirbelkanal und ist Teil des zentralen Nervensystems. Es leitet Informationen zwischen Gehirn und Körper weiter. Kommt es zur Beschädigung, wird die Leitung unterbrochen und kann meist nicht wiederhergestellt werden.
In der Regel verursachen Frakturen der Wirbelsäule, meist infolge eines Unfalls, eine Querschnittslähmung. Dabei verschieben sich Wirbelkörper und das Rückenmark wird gequetscht. Auch Gewebeschwellungen und Blutergüsse können zu Schäden im Rückenmark führen. Neben Krafteinwirkungen auf die Wirbelsäule können auch Krankheiten des Rückenmarks oder der umgebenden Strukturen indirekt zu einer Störung führen. Aber auch ein Bandscheibenvorfall kann zu einer Rückenmarkschädigung führen.
Ursachen für eine Querschnittssymptomatik können Trauma (v.a. Unfälle), Kompressionen (v.a. (Hämorrhagien) sein. Auch im Rahmen neurodegenerativer Erkrankungen (Amyotrophe Lateralsklerose, etc.) und Stoffwechselstörungen (Vitamin B12 Mangel) kann eine Querschnittssymptomatik auftreten.
Formen der Querschnittslähmung
Die Bezeichnung Querschnittlähmung ist zwar griffig, aber ungenau. Denn jede Querschnittlähmung ist anders, je nachdem, auf welcher Höhe des Rückenmarks die Verletzung liegt und ob das Rückenmark durch die Verletzung vollständig oder nur teilweise durchtrennt wurde. Welche Folgen eine Rückenmarkverletzung hat, hängt davon ab, wo das Rückenmark geschädigt wurde: Je höher die Verletzung liegt, desto mehr Leitungsbahnen vom oder zum Gehirn sind betroffen und desto umfangreicher sind die Ausfälle.
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Man unterscheidet verschiedene Formen der Querschnittslähmung, die sich nach der Höhe der Schädigung und dem Ausmaß der Lähmung richten:
Tetraplegie (Tetraparese): Hier sind sowohl Beine als auch Arm und Armmuskulatur gelähmt, die Schädigung liegt im Bereich der Halswirbelsäule. Man spricht auch vom hohen Querschnitt. Bei einer kompletten oder inkompletten Tetraplegie ist das Rückenmark im Halsbereich verletzt. Arme, Beine und der gesamte Rumpf sind ganz oder zum Teil gelähmt, wobei auch die Atemmuskulatur betroffen sein kann.
Paraplegie (Paraparese): Diese entspricht einer Schädigung im Brustwirbelbereich oder darunter und bedeutet eine Lähmung beider Beine. Man spricht auch von einem tiefen Querschnitt. Hat das Rückenmark in Höhe der Lendenwirbelsäule Schaden erlitten, sind beide Beine und Teile des Rumpfes gelähmt.
Komplette Querschnittlähmung: Hier ist das Rückenmark auf einer Höhe komplett durchtrennt. Wird das Rückenmark durch eine Verletzung vollständig durchtrennt, können keine Befehle vom Gehirn über die verletzte Region hinweggeleitet werden. Folge ist ein spinaler Schock - unterhalb der verletzten Stelle "tut sich gar nichts mehr", die Muskeln sind gelähmt und völlig schlaff, die Reflexe vollkommen erloschen. Bei einer kompletten Querschnittlähmung sind an der betroffenen Stelle des Rückenmarks alle Nerven beschädigt. Es entsteht eine komplette der beeinträchtigten Gliedmaßen, zum Beispiel der Beine. Ärzte sprechen dann von einer Plegie. Der Ausdruck Paraplegie beschreibt eine Lähmung beider Beine.
Inkomplette Querschnittlähmung: Hier sind nicht alle Nervenbahnen betroffen. Ist nur ein Teil der Nervenfasern geschädigt, kann eine teilweise Lähmung auftreten. Solch eine imkomplette Querschnittlähmung heißt Parese. Sind beide Beine betroffen, sprechen Ärzte von einer Paraparese. Sind zusätzlich die Arme beteiligt, lautet der Fachausdruck Tetraparese. Eine inkompletter Querschnitt zeigt sich unterschiedlich: Manchmal besteht trotz spürbaren Lähmungserscheinungen noch eine Restbeweglichkeit.
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Symptome einer Querschnittslähmung
Der Ausfall der Muskulatur in Form von Lähmungen ist das eindeutigste Symptom für eine Querschnittslähmung. Das Ausmaß hängt davon ab, wie stark das Rückenmark geschädigt ist. Eine Rückenmarkschädigung als solche schmerzt nicht.
In den ersten Wochen befinden sich Betroffene in einem sogenannten spinalen Schockzustand. Dabei kommt es zu einer kompletten schlaffen Lähmung und einem Verlust der Muskeldehnungsreflexe. Die schlaffe Lähmung kann bis zu sechs Wochen andauern und löst sich sehr langsam. Unmittelbar nach dem Trauma kommt es unterhalb der Schädigungsstelle zu einer totalen Funktionslosigkeit der Muskulatur und einem Ausbleiben der Reflexe (spinaler Schock).
Neben den Lähmungen der Gliedmaßen und Rumpfmuskulatur leiden viele Betroffene an einer Harninkontinenz und/oder Stuhlinkontinenz. Sie können die Blase nicht kontrollieren und sie nicht aktiv entleeren.
Mögliche Komplikationen
Wenn eine Querschnittslähmung länger besteht, können zusätzliche Komplikationen entstehen. Typisch sind Druckgeschwüre als Folge von lang anhaltendem Druck auf die Haut. Diese wird zwischen der Unterlage und den Knochen eingeklemmt und dadurch ungenügend durchblutet. Da Schmerzen nicht mehr wahrgenommen werden, wird keine Lageänderung ausgelöst. Es sind vor allem Körperstellen betroffen, bei denen wenig Weichteilgewebe zwischen Haut und Knochen ist, etwa im Gesäßbereich.
Auch Spastik kommt bei vielen Betroffenen vor. Hier ist das harmonische Zusammenspiel von Beuge- und Streckmuskulatur gestört, feine Bewegungen fallen schwer oder sind unmöglich. Ein großes Problem für die Betroffenen und das weitere Leben stellt die Blasenlähmung dar, die auch schon bei inkomplettem Querschnitt auftreten kann. Bei bis zur Hälfte aller Betroffenen entstehen Nervenschmerzen. Aufgrund der fehlenden Bewegung und Knochenbelastung entsteht bei 60 Prozent aller Betroffenen Osteoporose.
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Diagnose einer Querschnittslähmung
Zunächst stellt unser ärztliches Personal die Ursache der Querschnittslähmung fest. Wurde die Rückenmarkschädigung aufgrund eines Unfalls herbeigeführt, werden die Betroffenen zunächst nach dem genauen Unfallhergang sowie Beginn und Dauer der Symptome befragt. Hier kontrolliert das ärztliche Personal Motorik und Sensibilität des Körpers und der Gliedmaßen. Außerdem prüft es die Reflexe. Darüber hinaus untersucht es Störungen der Blase und des Mastdarms und klärteventuelle Vorerkrankungen ab.
Bei einer Querschnittslähmung, die ohne Unfall aufgetreten ist, ist zusätzlich eine sogenannte Differenzialdiagnose erforderlich. Dabei prüft das ärztliche Personal, ob und inwieweit andere Erkrankungen vorliegen, die zu Lähmungserscheinungen führen und die nicht durch eine Rückenmarkschädigung verursacht sind.
Bildgebende Verfahren, wie das Röntgen der Wirbelsäule und die Computer- oder Magnetresonanztomografie des Rückenmarks, geben Aufschluss über knöcherne Verletzungen und Schäden am Rückenmark. Erst nach diesen Untersuchungen kann entschieden werden, ob eine Operation sinnvoll ist.
Akuttherapie und Stabilisierung
Die akute Therapie der Querschnittlähmung erfordert eine intensivmedizinische Behandlung mit Stabilisierung von Kreislauf und Atmung. Wenn nötig erfolgt eine Operation, z. B. um Wirbelkörper zu stabilisieren.
Gerade beim spinalen Schock ist der Herzschlag jedoch oft zu langsam und der Blutdruck zu niedrig, was kontrolliert behandelt werden muss. Röntgenaufnahmen, ein CT oder eine Magnetresonanztomografie (MRT) dienen der Suche nach Wirbelsäulen- und Rückenmarkverletzungen und ermöglichen die Entscheidung, ob eine Operation, z. B.
In der Phase des spinalen Schocks muss der Verletzte oft auf einer Intensivstation betreut werden. Er ist extrem komplikationsgefährdet, da er nicht nur gelähmt ist, sondern auch viele vegetative Funktionen wie etwa die Gefäß- und Temperaturregulation ausfallen. Um einem Wundliegen vorzubeugen, wird der Patient regelmäßig umgelagert, was wegen der knöchernen Wirbelsäulenverletzungen oft nur mit Spezialbetten möglich ist. Die Atmung ist lähmungsbedingt oft beeinträchtigt (bis hin zur Beatmungsnotwendigkeit), es drohen Herzrhythmusstörungen.
Rehabilitation und langfristige Behandlung
Mit zunehmender Stabilisierung seines Zustands lernt der Betroffene in spezialisierten Kliniken und unter Einsatz von Hilfsmitteln, seine Restfunktionen bestmöglich zu nutzen. Möglicherweise ist es sinnvoll, bewegungsfähige Muskeln operativ "umzusetzen", damit sie wichtige ausgefallene Funktionen übernehmen können. Manchmal kann die Hand-, Atem- oder Blasenfunktion durch elektrische Stimulationsgeräte unterstützt werden. Bislang gelingt es aber nicht, das Rückenmark, z. B.
Ziele der Rehabilitation
Die Rehabilitation im Krankenhaus dauert je nach Verletzung etwa 6-10 Monate. Bei einer Tetraplegie bleibt der Patient pflegebedürftig und ist möglicherweise auf künstliche Beatmung angewiesen.
Die Rehabilitation zielt darauf ab, die Selbstständigkeit und Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Dazu gehören:
- Physiotherapie: Stärkung der vorhandenen Muskulatur, Verbesserung der Beweglichkeit und Koordination.
- Ergotherapie: Erlernen von Alltagskompetenzen, Anpassung des Wohnumfelds.
- Psychologische Betreuung: Verarbeitung des Traumas, Entwicklung von Bewältigungsstrategien.
- Sozialberatung: Unterstützung bei der Bewältigung sozialer und beruflicher Herausforderungen.
- Hilfsmittelversorgung: Anpassung von Rollstühlen, Orthesen und anderen Hilfsmitteln.
Umgang mit Komplikationen
Die langfristige Behandlung umfasst auch die Vorbeugung und Behandlung von Komplikationen wie Druckgeschwüren, Harnwegsinfekten und Spastik.
Psychische Bewältigung und soziale Integration
Von großer Bedeutung ist die psychische Betreuung der Betroffenen, deren Leben sich schlagartig drastisch verändert hat. Nach Beherrschung der akuten Situation bewirkt die Aussicht auf ein Leben mit einer Para- oder gar Tetraplegie meist Angst, Mutlosigkeit und Verzweiflung. Heute werden die Betroffenen schon in der Klinik und während der Rehabilitation massiv unterstützt, und es gibt eine Reihe von Anlaufstellen, die Hilfe und Informationen bieten. Suchen Sie als Betroffener und als Angehöriger aktiv Hilfe, Unterstützung und vor allem immer wieder das Gespräch.
Forschung und zukünftige Therapieansätze
Auch wenn es noch lange dauern kann, gehen die meisten Forscher davon aus, dass Querschnittlähmungen irgendwann heilbar sein werden. Aktuelle Forschungsprojekte verfolgen verschiedene Ansätze. Einige konzentrieren sich darauf, Wege zu finden, wie sich die Regeneration von Zellen im Rückenmark stimulieren lässt. Große Hoffnungen ruhen auf Stammzelltherapien. Schließlich feiern Therapien erste Erfolge, die auf die Kombination aus Physiotherapie und Elektrostimulation, eine Art Rückenmarkschrittmacher, setzen.
Anlaufstellen und Unterstützung
Eine besonders informative Anlaufstelle ist die Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Deutschland e. V. Hier bekommt man Kontakt zu Betroffenen und sogenannten Stützpunkten und Hilfe, sich mit der neuen Lebenssituation auseinanderzusetzen.
Weitere hilfreiche Links:
- Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Deutschland e. V.: www.fgq.de
- Die deutschsprachige Gesellschaft für Paraplegie (DMGP): www.dmgp.de
- Bundesverband Rehabilitation BDH: www.bdh-reha.de/de
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