Ein schwerer Unfall beim Sport oder im Straßenverkehr kann verheerende Folgen haben. Sind die Nervenbahnen im Rückenmark verletzt, resultiert daraus eine Querschnittslähmung. Diese Diagnose stellt für die Betroffenen einen schweren Schock dar und verändert ihr Leben schlagartig. Während die Zahl der Berufsunfälle dank der Vorsorgemaßnahmen der Berufsgenossenschaften gesunken ist, steigt die Zahl der Patienten, die sich in der Freizeit das Rückenmark verletzen. In diesem Artikel werden die Unterschiede zwischen Paraplegie, Tetraplegie und Quadriplegie erläutert, ihre Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten aufgezeigt.
Das Rückenmark und seine Funktion
Das Rückenmark befindet sich im Wirbelkanal und ist Teil des zentralen Nervensystems (ZNS). Zusammen mit dem Gehirn bildet es die Schaltzentrale unseres Körpers. Es leitet Informationen zwischen Gehirn und Körper weiter und ermöglicht so die Steuerung von Bewegungen, die Wahrnehmung von Empfindungen und die Funktion innerer Organe. Kommt es zur Beschädigung des Rückenmarks, wird die Leitung unterbrochen und kann meist nicht wiederhergestellt werden.
Die Wirbelsäule besteht aus vier Abschnitten:
- Halswirbelsäule (HWS): 7 Wirbel (C1 bis C7)
- Brustwirbelsäule (BWS): 12 Wirbel (Th1 bis Th12)
- Lendenwirbelsäule (LWS): 5 Wirbel (L1 bis L5)
- Sakralwirbelsäule (SWS): Kreuzbein (Os sacrum) und Steißbein (Os coccygi)
Aus dem Rückenmark entspringen an beiden Seiten der Wirbelkörper die sogenannten Spinalnerven, welche sich wiederum in verschiedene Nervenäste aufzweigen, sodass der gesamte Körper mit Nerven versorgt ist.
Definitionen: Paraplegie, Tetraplegie und Quadriplegie
Die Begriffe Paraplegie, Tetraplegie und Quadriplegie bezeichnen unterschiedliche Ausprägungen der Querschnittslähmung, abhängig davon, welcher Bereich des Rückenmarks betroffen ist und welche Körperteile gelähmt sind.
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- Paraplegie: Diese entspricht einer Schädigung im Brustwirbelbereich oder darunter und bedeutet eine Lähmung beider Beine. Man spricht auch von einem tiefen Querschnitt. Bei Paraplegie infolge von Brustwirbelverletzungen ist in der Regel die untere Körperhälfte betroffen.
- Tetraplegie (Quadriplegie): Hier sind sowohl Beine als auch Arme und Armmuskulatur gelähmt, die Schädigung liegt im Bereich der Halswirbelsäule. Man spricht auch vom hohen Querschnitt. Der Begriff Tetraplegie beschreibt eine Ausprägung der Querschnittlähmung, die von einer Schädigung der Halswirbelsäule ausgeht. Er setzt sich aus den griechischen Termini "tetra" für "vier" und "plege" für "Lähmung" zusammen. Bei rund der Hälfte aller Menschen, die unter einer Querschnittlähmung leiden, liegt eine Tetraplegie vor.
Ursachen einer Querschnittslähmung
In der Regel verursachen Frakturen der Wirbelsäule, meist infolge eines Unfalls, eine Querschnittslähmung. Dabei verschieben sich Wirbelkörper und das Rückenmark wird gequetscht. Auch Gewebsschwellungen und Blutergüsse können zu Schäden im Rückenmark führen. Neben Krafteinwirkungen auf die Wirbelsäule können auch Krankheiten des Rückenmarks oder der umgebenden Strukturen indirekt zu einer Störung führen. Aber auch ein Bandscheibenvorfall kann zu einer Rückenmarkschädigung führen. Normalerweise werden durch den Druck der Bandscheibe auf das Rückenmark nur einzelne Muskeln gelähmt.
Mögliche Ursachen einer Tetraplegie: Ob sich eine Querschnittlähmung als Tetra- oder Paraplegie manifestiert, hängt davon ab, in welchem Bereich der Wirbelsäule das Rückenmark verletzt oder geschädigt wurde. Beiden Formen der Querschnittlähmung liegen Zerstörungen von Nervenzellen oder Unterbrechungen von Nervenfasern zugrunde. Solche Schädigungen können durch unterschiedliche Ereignisse oder Erkrankungen zurückzuführen sein. In den meisten Fällen, bei rund fünfzig bis sechzig Prozent aller Patienten, wird eine Querschnittlähmung durch Traumata ausgelöst. Solche Verletzungen entstehen vor allem im Rahmen von Unfällen im Straßenverkehr oder bei sportlichen Aktivitäten. Neben Extremsportarten gehen auch beliebte sportliche Freizeitbeschäftigungen wie etwa Skifahren und Snowboarden, Klettern, aber auch Radfahren immer mit einem gewissen Verletzungsrisiko einher. Aus diesem Grund sind vor allem jüngere Menschen von Querschnittlähmungen betroffen. Auffallend ist, dass der Anteil an Tetraplegie-Patienten in dieser Altersgruppe besonders hoch ist. Da Männer grundsätzlich risikobereiter sind als Frauen, sind männliche Tetraplegiker mit fast siebzig Prozent deutlich in der Überzahl. Neben Verkehrs- und Sportunfällen sind verschiedene Erkrankungen häufige Auslöser einer Tetraplegie. Diese können wie etwa die Kinderlähmung oder eine Syringomyelie angeboren sein. Es ist auch möglich, dass eine solche Querschnittlähmung als Folge von neurologischen Autoimmunerkrankungen auftritt. Durch bisher nicht vollständig geklärte Auslöser richtet sich das Immunsystem gegen körpereigenes Gewebe und zerstört dieses im Rahmen chronisch-entzündlicher Prozesse. Jene Autoimmunerkrankung, der als Auslöser der Tetraplegie besondere Bedeutung zukommt, ist die Multiple Sklerose. Auch infektiöse Erkrankungen, die durch Viren oder Bakterien verursacht werden, können eine Tetraplegie zur Folge haben. Infektionen mit Herpes-Viren wie beispielsweise Herpes zoster, Varizellen, das Eppstein-Barr- und das HI-Virus kommen als Ursachen ebenso in Betracht wie Mykoplasmen, Brucellen und andere bakterielle Erreger. Auch Tumorerkrankungen, Osteoporose sowie Thrombosen und Embolien von Arterien, die im Rückenmark verlaufen, spielen als mögliche Ursachen von Querschnittlähmungen ein Rolle. Nur äußerst selten entwickelt sich eine Querschnittlähmung aus Erkrankungen, die durch Nährstoffmängel ausgelöst werden. So ist es möglich, dass eine durch Vitamin-B1-Mangel verursachte Polyneuritis mit einer Tetraplegie einhergeht. Schädigungen des Rückenmarks und neurologische Erkrankungen können auch durch chronische oder akute Vergiftungen eintreten. Dadurch stehen verschiedene toxische Gefahrstoffe ebenfalls in Verdacht, das Risiko für eine Tetraplegie zu erhöhen. Allerdings bleiben die genauen Ursachen für toxisch bedingte Schädigungen des Rückenmarks in vielen Fällen ungeklärt.
Die Ursache für eine Querschnittlähmung kann entweder traumatisch oder nicht-traumatisch sein. Traumatische Gründe umfassen Verletzungen des Rückenmarks, die durch Unfälle verursacht werden.
Symptome einer Querschnittslähmung
Der Ausfall der Muskulatur in Form von Lähmungen ist das eindeutigste Symptom für eine Querschnittslähmung. Das Ausmaß hängt davon ab, wie stark das Rückenmark geschädigt ist. Eine Rückenmarkschädigung als solche schmerzt nicht.
Primäre Symptome einer Tetraplegie: Der medizinische Begriff Tetraplegie bezieht sich auf die Lähmung, die bei dieser Erkrankung alle vier Gliedmaßen betrifft. Die Paraplegie führt zu Funktionsstörungen in der Muskulatur des Rumpfes und der Beine. Bei Vorliegen einer Tetraplegie ist zusätzlich auch die Bewegungsfähigkeit der Armmuskulatur eingeschränkt. Durch äußere Krafteinwirkungen bei Unfällen oder erkrankungsbedingte Einflüsse kommt es zu Schädigungen der Nervenbahnen im Bereich des Rückenmarks. Sind im Rahmen einer Tetraplegie die absteigenden Nervenbahnen betroffen, hat dies zur Folge, dass vom Gehirn an die Arme und Beine ausgesendete motorische Signale nicht mehr vollständig übertragen werden. Bei Verletzungen oder Schädigungen aufsteigender Nervenfasern kommt es zu einem Verlust des sensorischen Empfindens. Viele Menschen, die unter dieser Form der Tetraplegie leiden, spüren in den Gliedmaßen keinen Schmerz oder nehmen Temperatureinwirkungen auf der Haut nicht mehr wahr. In schweren Fällen ist auch die Atmungsfähigkeit vermindert oder erheblich eingeschränkt.
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Weitere mögliche Symptome und Komplikationen: Bei schweren Ausprägungen geht eine Tetraplegie nicht nur mit dem Verlust motorischer und sensorischer Fähigkeiten einher, sondern auch mit Funktionsstörungen innerer Organe. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Verletzung des Rückenmarks auch Störungen im autonomen Nervensystem verursacht. Dadurch ist die unwillkürliche Kontrolle über Organsysteme und den Blutkreislauf ebenfalls beeinträchtigt. Dies kann sich in Funktionsstörungen im Bereich des Magen-Darm-Traktes, der Blase und der Sexualorgane manifestieren. Auch die unwillkürliche Regulation der Herzfrequenz, der Körpertemperatur oder des Blutdrucks ist ein häufig auftretendes Begleitsymptom. Die Patienten sind dadurch deutlich anfälliger für Infektionen und degenerative Prozesse, die zum Abbau von Gewebe im Bereich des Bewegungsapparats führen.
Der spinale Schockzustand
In den ersten Wochen befinden sich Betroffene in einem sogenannten spinalen Schockzustand. Dabei kommt es zu einer kompletten schlaffen Lähmung und einem Verlust der Muskeldehnungsreflexe. Die schlaffe Lähmung kann bis zu sechs Wochen andauern und löst sich sehr langsam.
Merkmale des spinalen Schocks:
- Vollständige schlaffe Lähmung der Muskeln unterhalb der Verletzungshöhe
- Kein Berührungs- und Schmerzempfinden unterhalb der Verletzungshöhe
- Fehlende Reflexe unterhalb der Verletzungshöhe
- Blasen- und Mastdarmlähmung
- Darmverschluss durch gelähmte Darmmuskulatur
- Versagen der Atmung durch Zwerchfelllähmung bei Schäden oberhalb des vierten Halswirbels
- Kreislaufschwäche
- Niedrige Körpertemperatur
- Nierenstörungen
Langfristige Komplikationen
Wenn eine Querschnittslähmung länger besteht, können zusätzliche Komplikationen entstehen:
- Druckgeschwüre (Dekubitus): Als Folge von lang anhaltendem Druck auf die Haut wird diese zwischen der Unterlage und den Knochen eingeklemmt und dadurch ungenügend durchblutet. Da Schmerzen nicht mehr wahrgenommen werden, wird keine Lageänderung ausgelöst. Es sind vor allem Körperstellen betroffen, bei denen wenig Weichteilgewebe zwischen Haut und Knochen ist, etwa im Gesäßbereich.
- Spastik: Hier ist das harmonische Zusammenspiel von Beuge- und Streckmuskulatur gestört, feine Bewegungen fallen schwer oder sind unmöglich.
- Blasenlähmung: Ein großes Problem für die Betroffenen und das weitere Leben stellt die Blasenlähmung dar, die auch schon bei inkomplettem Querschnitt auftreten kann. Betroffene verspüren weder Stuhl- noch Harndrang. Im Bereich der Innenseite der Oberschenkel ist keine Sensibilität vorhanden und auch ein Zusammenziehen des Analmuskels ist nicht möglich.
- Nervenschmerzen: Bei bis zur Hälfte aller Betroffenen entstehen Nervenschmerzen.
- Osteoporose: Aufgrund der fehlenden Bewegung und Knochenbelastung entsteht bei 60 Prozent aller Betroffenen Osteoporose.
- Weitere Komplikationen: Harnwege: Dranginkontinenz, wiederkehrende Blasenentzündungen, Nierenfunktionsstörungen. Magen-Darm-Trakt: Verstopfung, Durchfall, Stuhlinkontinenz, Darmverschluss. Gefäße: Risiko für Gefäßverschlüsse (vor allem tiefe Beinvenenthrombosen) ist erhöht. Bewegungsapparat: Rückbildung der Muskeln (Muskelatrophie), Muskelkrämpfe (Spastik), Sehnenverkürzungen (Kontrakturen). Chronische Schmerzen (neuropathische Schmerzen) zeigen sich durch ständiges Brennen, Kribbeln oder elektrisierende Empfindungen. Beeinträchtigung der Sexualfunktion: verminderte Gleitfähigkeit der Scheide, eingeschränkte Erektionsfähigkeit beim Mann. Geschwüre an druckbelasteten Stellen (Dekubitus) wie am Sitzbein, Kreuz- und Steißbein, am Oberschenkelknochen (Trochanter major) oder an den Fersen. Knochenschwund (Osteoporose) im gelähmten Körperabschnitt. Anfallsartige Erhöhung des Blutdrucks mit Herzrhythmusstörungen und verlangsamtem Herzschlag (autonome Dysreflexie, AD) bei Verletzung oberhalb des sechsten Brustwirbels. Störung der Atmung mit Sekretstau, Lungenentzündung oder Kollaps der Lungenflügel bei Verletzung oberhalb des vierten Brustwirbels (Zwerchfelllähmung).
Diagnose einer Querschnittslähmung
Zunächst stellt unser ärztliches Personal die Ursache der Querschnittslähmung fest. Wurde die Rückenmarkschädigung aufgrund eines Unfalls herbeigeführt, werden die Betroffenen zunächst nach dem genauen Unfallhergang sowie Beginn und Dauer der Symptome befragt. Hier kontrolliert das ärztliche Personal Motorik und Sensibilität des Körpers und der Gliedmaßen. Außerdem prüft es die Reflexe. Darüber hinaus untersucht es Störungen der Blase und des Mastdarms und klärteventuelle Vorerkrankungen ab.
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Bei einer Querschnittslähmung, die ohne Unfall aufgetreten ist, ist zusätzlich eine sogenannte Differenzialdiagnose erforderlich. Dabei prüft das ärztliche Personal, ob und inwieweit andere Erkrankungen vorliegen, die zu Lähmungserscheinungen führen und die nicht durch eine Rückenmarkschädigung verursacht sind.
Bildgebende Verfahren, wie das Röntgen der Wirbelsäule und die Computer- oder Magnetresonanztomografie des Rückenmarks, geben Aufschluss über knöcherne Verletzungen und Schäden am Rückenmark. Erst nach diesen Untersuchungen kann entschieden werden, ob eine Operation sinnvoll ist.
Klinisch-neurologische Untersuchung: Der Arzt testet, ob sich der Patient bewegen kann oder Reize spürt, die er beispielsweise mit einer Nadel auslöst. Außerdem überprüft er die Reflexe sowie die Atem-, Blasen-, Darm- und Herzfunktion.
Bildgebende Verfahren: Bildgebende Verfahren wie eine Röntgenuntersuchung oder eine Computertomografie (CT) geben Aufschluss über Verletzungen der Wirbelsäule wie beispielsweise Wirbelbrüche oder Bandscheibenvorfälle, die mitunter zu einer Rückenmarksverletzung führen. Das Rückenmark selbst beurteilt der Arzt mithilfe einer Magnetresonanztomografie (MRT). Damit lassen sich Entzündungen, Tumore oder Durchblutungsstörungen im Knochenmark feststellen.
Untersuchung von Blut und Liquor: Untersuchungen des Blutes und der das Knochenmark umgebenden Flüssigkeit (Liquor) geben Aufschluss über eine mögliche Infektion mit Bakterien oder Viren. Die Probenentnahme des Liquors bezeichnen Ärzte als „Lumbalpunktion“. Dafür führt der Arzt im Bereich der Lendenwirbelsäule eine dünne Hohlnadel zwischen zwei Wirbelkörpern von hinten in den Wirbelkanal ein. Anschließend entnimmt der Arzt wenige Milliliter Nervenwasser (Liquor) durch die Nadel und lässt es im Labor auf Veränderungen untersuchen.
Entscheidung über weitere Vorgehensweise: Auf Basis dieser Voruntersuchungen entscheidet der Arzt, welche weiteren Schritte notwendig sind. Eine endgültige Diagnose zum tatsächlichen Ausmaß der Lähmungen ist erst möglich, wenn der spinale Schock abgeklungen ist.
Der Ablauf der Diagnose richtet sich nach dem Untersuchungsbogen des ISNCSCI (International Standard for Neurological Classification of Spinal Cord Injury). Bestätigt sich der Verdacht der Querschnittlähmung, bezeichnen die Ärzt*innen die Erkrankung nach dem letzten intakten Wirbel. Eine Querschnittlähmung L2 bezeichnet also, dass das Rückenmark auf Höhe des 3.
Behandlung einer Querschnittslähmung
Die Behandlung von Tetraplegien erfordert eine umfassende Betreuung von Medizinern, Therapeuten und Pflegepersonal mit fachlicher Spezialausbildung und stützt sich auf mehrere Säulen. Abhängig von den Ursachen und der Ausprägung der Querschnittlähmung kommen in der Regel chirurgische Verfahren, fachneurologische Untersuchungsmethoden sowie verschiedene physiotherapeutische Ansätze zur Anwendung. Da viele Betroffene aufgrund ihrer Lebenssituation Depressionen entwickeln oder sogar suizidgefährdet sind, gilt auch die Psychotherapie als wichtiger Bestandteil der Behandlung.
Schulmedizinische Behandlungsansätze
Wenn nach einem Unfall der Verdacht auf eine Querschnittlähmung besteht, wird der Patient umgehend in die Klinik eingewiesen. Nach einer entsprechenden Diagnose erfolgt in vielen Fällen eine Operation, die eine Entlastung des Rückenmarks und die Stabilisierung der Wirbelsäule zum Ziel hat. Offene Verletzungen können im Rahmen eines chirurgischen Eingriffs geschlossen werden. Zur Reparatur von Quetschungen oder Rissen von Nervenfasern stehen bis heute jedoch keine operativen Methoden zur Verfügung. Im Rahmen einer neurologischen Untersuchung werden die Funktionen von Nerven und Muskulatur genau gemessen und das Ausmaß der Schädigung beurteilt. Darauf abgestimmt leiten die behandelnden Ärzte verschiedene akute Behandlungsmaßnahmen ein, um das Ausmaß der Gewebsschädigungen zu minimieren. Dies trägt maßgeblich dazu bei, wichtige Körperfunktionen zu erhalten und damit den Verlauf der Erkrankung positiv zu beeinflussen. Ebenso bedeutsam ist das Erstellen eines langfristigen Behandlungsplans zur Vorbeugung möglicher Komplikationen und Folgeerkrankungen wie Thrombosen sowie Infektionen und Entzündungen innerer Organe. Auch oft auftretende Funktionsstörungen des Magen-Darm-Traktes und der Harnwege sowie durch die eingeschränkte Bewegungsfähigkeit verursachte Druckgeschwüre müssen schulmedizinisch behandelt werden.
In der akuten Phase wird bei Querschnittgelähmten oft eine medikamentöse Behandlung angewendet, um verschiedene Symptome zu kontrollieren. Eine gängige Behandlungsoption ist die Verabreichung von Kortison, um Entzündungen im Rückenmark zu reduzieren und die Nervenzellen zu schützen. Zusätzlich ist es wichtig, Blutverdünner zu verabreichen, um das Risiko von Blutgerinnseln zu reduzieren, da Querschnittsgelähmte aufgrund ihrer eingeschränkten Bewegungsfähigkeit und verringerten Blutzirkulation anfällig für die Bildung von Blutgerinnseln sind. Im Zusammenhang mit Querschnittslähmung können auch chirurgische Eingriffe in einer Klinik notwendig sein, um die Ursache von Lähmungen zu behandeln oder um Komplikationen zu verhindern. Dazu gehören Operationen zur Entlastung des Rückenmarks bei Bandscheibenvorfällen oder Tumoren, Wirbelsäulen-Stabilisierungsoperationen und verschiedene Eingriffe zur Verbesserung der Blasen- und Darmfunktion. Da Behandlungsfehler zu schwerwiegenden Komplikationen führen können, ist es wichtig, einen erfahrenen Chirurgen und ein spezialisiertes Team zu wählen.
Physiotherapie und Rehabilitation
Nach der Erstversorgung wird eine intensive, meist viele Jahre andauernde Rehabilitationsbehandlung eingeleitet. Der individuelle Therapieplan richtet sich nach dem Allgemeinzustand des Patienten und dem Ausmaß der Symptome und Begleiterkrankungen. Ziel ist immer eine bestmögliche Wiederherstellung der Selbstständigkeit des Betroffenen. Die Lähmung, die im Rahmen einer Tetraplegie auftritt, kann eine komplette oder inkomplette Ausprägung annehmen. Bei einer inkompletten Ausprägung sind noch sensorische und motorische Fähigkeiten vorhanden, die im Rahmen der Therapie aktiviert und erfolgreich trainiert werden können. Eine gezielte Sitzoptimierung im Rollstuhl und das Training im Umgang mit diesem gewährleisten die notwendige Versorgung des Patienten im Alltag. Das regelmäßige therapeutische Bewegen der Gliedmaßen aktiviert den Kreislauf und verhindert Muskelverkürzungen und Fehlstellungen. Um das Körpergefühl zu verbessern, wird der behandelnde Therapeut verschiedene Trainingsmethoden anwenden. Dadurch können Lagewechsel beim Sitzen und Liegen geübt, der Gleichgewichtssinn gestärkt und effiziente Rollstuhlfahrtechniken erlernt werden. Abhängig vom Lähmungsniveau kann auch eine Atemtherapie notwendig sein. Einen besonders wichtigen Stellenwert nehmen nach Ablauf der ersten Rehabilitationsphase Maßnahmen zur Sehnenumlagerung und Ellbogenstreckung ein. Diese tragen wesentlich dazu bei, aus dem Rollstuhl aus alltägliche Tätigkeiten wie etwa das Ergreifen von Gegenständen oder das Bedienen eines Lichtschalters wieder zu bewerkstelligen. Solche Fähigkeiten erhöhen die Lebensqualität der Patienten und erlauben ein gewisses Maß an Unabhängigkeit, die das Selbstbewusstsein stärkt und wieder eine aktivere Teilnahme am Familien- und Sozialleben ermöglicht.
Physikalische Therapie und Rehabilitation sind entscheidende Aspekte bei der Behandlung von Patienten mit Querschnittlähmungen. Die Therapie zielt darauf ab, die Funktionsfähigkeit zu verbessern, den Muskeltonus zu regulieren und die Beweglichkeit zu erhalten. Rehabilitation und Physiotherapie spielen eine entscheidende Rolle bei der Stärkung der Autonomie des Patienten. Spezielle Maßnahmen wie Rollstuhltraining, Transferschulung und Mobilitätstraining helfen dem Patienten, sich im Alltag unabhängiger zu bewegen und zu agieren.
Hilfsmittel und Anpassungen im Alltag
Lähmungen beeinträchtigen die Kommunikation zwischen Gehirn und Körper, was zu motorischen und sensorischen Einschränkungen führt. Zu den wichtigsten Hilfsmitteln und Geräten, die im Alltag zur Unterstützung bei einer Querschnittslähmung beitragen, gehören (Elektro-)Rollstühle, Rollatoren, Scooter, Gehhilfen, orthopädische Korsetts und Blasenkatheter, aber auch spezielle Badewannenlifte, Duschstühle, Bettlagerungssysteme, Zahnspangen, Schienen, Kommunikationsgeräte sowie angepasste Werkzeuge und Geräte für den Haushalt. Hierzu zählen etwa Greifhilfen und adaptive Bestecksets. Alle Hilfsmittel sind für verschiedene Formen der Querschnittlähmung konzipiert, um den Alltag zu erleichtern und die Autonomie zu stärken.
Psychologische Unterstützung
Das Leben mit einer Rückenmarksverletzung kann emotional sehr belastend sein und auch psychische Auswirkungen haben, die sich in Depressionen oder Angstzuständen niederschlagen. Hier ist nicht nur ein unterstützendes Netzwerk aus Freunden und Familie wichtig, um mit der Erkrankung fertig zu werden, bei Bedarf sollte unbedingt die Hilfe von Fachleuten für psychische Gesundheit in Anspruch genommen werden. Psychologisches Fachpersonal kann bei der Bewältigung von Depressionen und Angstzuständen helfen und z. B. Soziale Unterstützungsdienste sind wichtig, um Einsamkeit und Isolation, die bei Menschen mit Rückenmarksverletzungen häufig vorkommen, zu verringern. Sozialarbeiter können praktische Ratschläge geben, wie man Zugang zu Leistungen erhält und welche Hilfsdienste infrage kommen. Sie können auch bei der Arbeitssuche helfen und die Teilnahme an Freizeitaktivitäten unterstützen.
Adaptive Sportarten und berufliche Rehabilitation
Adaptive Sportarten sind ein wichtiger Bestandteil bei der Behandlung von Rückenmarksverletzungen. Sie verbinden körperliche Bewegung mit emotionaler Unterstützung. Betroffene können auf ein breites Angebot wie Rollstuhlbasketball, Rollstuhl-Rugby, Rollstuhltennis oder Bogenschießen zugreifen. Berufliche Rehabilitation ist eine weitere wichtige Form der Betreuung von Menschen mit Querschnittlähmung. In Ihrem Fokus steht die Hilfestellung beim Erwerb der notwendigen Fähigkeiten, um im gewünschten Beruf oder Bereich arbeiten zu können. Zu diesen Leistungen können Berufsausbildung, Unterstützung bei der Arbeitsvermittlung und Beratung bei beruflichen Veränderungen gehören.
Leben mit Querschnittlähmung
Das Leben mit Querschnittlähmung kann je nach Schweregrad der Verletzung völlig unterschiedlich verlaufen. Das Ausmaß der bleibenden Funktionseinschränkungen ist nicht direkt nach der Verletzung sichtbar. Es dauert bis zu acht Wochen bis deutlich wird, welche Symptome bleiben. Die Lebenserwartung querschnittgelähmter Personen ist etwas verkürzt. Wie lange, hängt davon ab, wie schwer die Verletzungen sind und wie hoch der Querschnitt sitzt. Verletzungen ab C4 abwärts gehen mit einer Verkürzung der Lebenserwartung von 1 bis 8 Jahren einher. Werden die Personen beatmungspflichtig, sinkt die Lebenserwartung nochmals. Nach der Rehabilitation ist das Ziel, dass die betroffenen Personen ihren Alltag selbstständig bewältigen können. Dazu zählen soziale Kontakte und ein passender Arbeitsplatz. Durch verschiedene Integrationsmaßnahmen ist eine erfolgreiche Integration bei vielen querschnittgelähmten Menschen möglich. Je nach Ausmaß der bleibenden Symptome kann eine dauerhafte pflegerische Unterstützung durch einen ambulanten Pflegedienst oder der Umzug in eine ambulante oder stationäre Einrichtung nötig werden. Menschen mit einem hohen Querschnitt benötigen eine dauerhafte maschinelle Unterstützung in der Atmung. Sie sind intensivpflegebedürftig und somit auf spezielle Hilfen angewiesen. Auch wenn der Querschnitt unterhalb des 4. Halswirbels liegt, kann eine invasive oder nicht-invasive Beatmung notwendig werden. Möglich ist auch der Einsatz eines Schrittmachers, die sog. PNS - Phrenicus Nerven Stimulation, auch Zwerchfellschrittmacher genannt, der eine immer größere Rolle bei der Beatmung u.a. von querschnittgelähmten Menschen spielt. Wie hoch der Pflegebedarf ist, hängt von der Höhe des Querschnitts ab. Generell gilt, dass der pflegerische Bedarf steigt, je höher die Rückenmarksverletzung liegt. In der Pflege spielen vor allem die Ausscheidungen eine Rolle, da Funktionsstörungen der Blase und des Mastdarms nahezu jede querschnittgelähmte Person betreffen. Hinzu kommen die Regulierung der Körpertemperatur sowie die Mobilisation innerhalb und außerhalb des Bettes. Einen wichtigen Teil nimmt auch die Kommunikation mit den Erkrankten ein. Deshalb braucht es in der Pflege einer Querschnittgelähmten Person ein hohes Maß an Empathie und Verständnis. Querschnittgelähmte Personen benötigen Unterstützung dabei, mit der neuen Situation zurechtzukommen und sind oft bemüht, alles selbst zu erledigen. Zudem leiden sie teilweise an Spastiken oder Muskelkrämpfen an den Gliedmaßen, die häufig besonders unangenehm sind und sich negativ auf die psychische Situation auswirken können. Damit die Immobilität durch die komplette Lähmung keine Folgen mit sich bringt, führen Pflegefachkräfte regelmäßig Prophylaxen für bestimmte Erkrankungen durch.
Vorbeugung
Etwa die Hälfte aller Rückenmarksverletzungen sind Folgen von Unfällen oder Stürzen. Dazu zählen vor allem Verkehrs-, Freizeit- und Arbeitsunfälle.
Tipps, um Verletzungen zu vermeiden:
- Tragen Sie bei Sportarten wie Mountainbiken oder Skifahren stets Rückenpanzer und Helm.
- Springen Sie nicht kopfüber in unbekannte Gewässer.
- Achten Sie am Arbeitsplatz auf Sicherheitsvorkehrungen (vor allem beim Arbeiten in großer Höhe wie beispielsweise als Dachdecker).
- Fahren Sie mit Bedacht Auto oder Motorrad.
- Fixieren Sie Leitern, stapeln sie keine Möbelstücke als Leiterersatz übereinander.
Ist die Querschnittslähmung Folge einer anderen Erkrankung, ist eine Vorbeugung nur bedingt - bei angeborenen Erkrankungen gar nicht - möglich.
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