Querschnittlähmung: Ursachen, Diagnose, Behandlung und Rehabilitation

Eine Querschnittlähmung ist ein gravierender Zustand, der das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigt. Sie entsteht durch eine Schädigung des Rückenmarks, die zu Lähmungen und Empfindungsstörungen unterhalb der Verletzungsstelle führt. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Ursachen, Diagnose, Therapie- und Rehabilitationsmöglichkeiten sowie die psychosozialen Aspekte der Querschnittlähmung.

Was ist eine Querschnittlähmung?

Eine Querschnittlähmung tritt auf, wenn das Rückenmark, die Nervenleitung im Wirbelkanal, die Signale zwischen Körper und Gehirn austauscht, teilweise oder vollständig durchtrennt ist. Diese Unterbrechung des Informationsaustauschs führt zu Lähmungen, Empfindungsstörungen und anderen Symptomen.

Direkt nach einer akuten Schädigung des Rückenmarks setzt ein sogenannter "spinaler Schock" ein. Die betroffenen Muskeln zeigen in diesem Stadium eine schlaffe Lähmung, und Reflexe sind nicht auslösbar. Nach etwa 6-8 Wochen entwickelt sich das eigentliche Querschnittssyndrom, das oft mit einer spastischen Lähmung einhergeht. Dabei ist der Muskeltonus erhöht und unkontrollierbar, was zu schmerzhaften Verkrampfungen führen kann.

Formen der Querschnittlähmung

Es existieren verschiedene Klassifizierungen zur Einteilung von Querschnittlähmungen:

Einteilung nach Art der Lähmung

  • Schlaffe Lähmung: Gekennzeichnet durch einen verminderten Muskeltonus und Muskelschwäche.
  • Spastische Lähmung: Gekennzeichnet durch einen erhöhten Muskeltonus, Steifheit und unwillkürliche Muskelkontraktionen.

Einteilung nach betroffenen Muskelgruppen

  • Paraplegie: Lähmung beider Beine und möglicherweise des unteren Rumpfes.
  • Tetraplegie: Lähmung beider Beine und Arme sowie des Rumpfes.

Einteilung nach neurologischem Ausfall

Die ASIA Impairment Scale (AIS) der American Spinal Injury Association definiert 5 Schädigungsgrade:

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  • A: Keine sensible oder motorische Funktion im Bereich der tiefsten Spinalnerven (S4 und S5).
  • B: Sensible Funktion, aber keine motorische Funktion im betroffenen Bereich.
  • C: Sensible und motorische Funktion im betroffenen Bereich teilweise erhalten, aber keine im Alltag nutzbare Kraft.
  • D: Sensible und motorische Funktion im betroffenen Bereich teilweise erhalten, mit im Alltag nutzbarer Kraft.
  • E: Sensible und motorische Funktion haben sich nach vorübergehender Störung wieder normalisiert.

Ursachen einer Querschnittlähmung

Ein Querschnittsyndrom kann plötzlich oder schleichend auftreten und verschiedene Ursachen haben:

  • Verletzungen: Verkehrsunfälle, Stürze oder Sportverletzungen können zu Wirbelbrüchen, Luxationen und Quetschungen des Rückenmarks führen.
  • Tumorerkrankungen: Tumore im Rückenmark oder in der Wirbelsäule können Druck auf das Rückenmark ausüben.
  • Infarkt oder Blutung: Eine Unterbrechung der Blutversorgung des Rückenmarks kann zu Schäden führen.
  • Spinalkanalstenose: Eine Einengung des Wirbelkanals kann das Rückenmark komprimieren.
  • Liquorabflussstörung: Eine Störung des Abflusses der Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit kann Druck auf das Rückenmark verursachen.
  • Infektionen: Poliomyelitis, Coxsackie-Viren oder Windpocken können das Rückenmark entzünden.
  • Multiple Sklerose: Diese Autoimmunerkrankung kann das Rückenmark schädigen.
  • Angeborene Fehlbildungen: Spina bifida (offener Rücken) kann zu einer Querschnittlähmung führen.
  • Iatrogene Ursachen: Komplikationen bei Operationen können das Rückenmark verletzen.

Je nachdem, ob der gesamte Querschnitt des Rückenmarks betroffen ist (komplettes Querschnittssyndrom) oder nur Teile (inkomplettes Querschnittssyndrom), variieren die Symptome. Je näher die Verletzung am Gehirn liegt, desto größere Teile des Körpers sind betroffen.

Symptome einer Querschnittlähmung

Das Hauptsymptom ist der Ausfall der Muskulatur und der Sensibilität unterhalb der Schädigungsstelle. Das Ausmaß dieser Ausfälle hängt von der Art und Schwere der Rückenmarkschädigung ab. Zusätzlich können Nervenschmerzen auftreten. Weitere Komplikationen können sein:

  • Druckgeschwüre
  • Osteoporose
  • Störungen der Darm- und Blasenentleerung
  • Sexuelle Funktionsstörungen
  • Spastik
  • Autonome Dysreflexie (anfallsartige Bluthochdruckkrisen)
  • Syringomyelie (flüssigkeitsgefüllte Hohlräume im Rückenmark)
  • Verknöcherungen von Weichteilen
  • Psychische Belastungen wie Depressionen und Angstzustände

Diagnose einer Querschnittlähmung

Bei einem akut aufgetretenen Querschnittsyndrom steht die Stabilisierung der Vitalparameter an erster Stelle. Die Diagnose umfasst:

  • Klinisch-neurologische Untersuchung: Testung des Kraftgrads einzelner Muskeln und der sensiblen Funktion.
  • Bildgebende Verfahren: Röntgen-, CT- oder MRT-Aufnahmen zur Beurteilung der Wirbelsäule und des Rückenmarks.
  • Angiografien: Bei Verdacht auf einen Infarkt oder eine Blutung.
  • Blutuntersuchungen: Bei Verdacht auf eine Infektion.
  • Liquorpunktion: Untersuchung des Nervenwassers, wenn die Ursache unklar ist.
  • Neurophysiologische Untersuchungen: Ermittlung der verbliebenen Funktion nach der Rückenmarksverletzung.

Therapie- und Behandlungsmöglichkeiten

Die Therapie der Querschnittlähmung ist abhängig von der Ursache:

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  • Operation: Zur Behandlung von Wirbelfrakturen, Entfernung von Tumoren oder Erweiterung des Spinalkanals.
  • Minimalinvasive Interventionen: Bei vaskulären Komplikationen wie Infarkt oder Blutung.
  • Medikamentöse Therapie: Immunsuppressiva bei Multipler Sklerose, Kortison zur Entzündungshemmung, Blutverdünner zur Vorbeugung von Blutgerinnseln, Schmerzmittel.
  • Behandlung von Begleitschäden: Inkontinenz, Atemlähmung.
  • Rehabilitation: Umfasst verschiedene Behandlungen zur Verbesserung der Lebensqualität und Selbstständigkeit.

Rehabilitation bei Querschnittlähmung

Die Rehabilitation ist ein zentraler Bestandteil der Behandlung und umfasst:

  • Physiotherapie: Stärkung verbliebener Fähigkeiten, Vermeidung von Fehlhaltungen und Überbeanspruchung.
  • Ergotherapie:Training von Alltagsaktivitäten, Anpassung des Wohnraums, Hilfsmittelversorgung.
  • Psychotherapie und Patientenedukation: Verarbeitung der Erkrankung, Entwicklung von Bewältigungsstrategien.
  • Musik- und Kunsttherapie: Förderung der Kreativität und des emotionalen Ausdrucks.
  • Akkupunktur: Schmerzlinderung.
  • Physikalische Therapie: Verbesserung der Durchblutung und Schmerzlinderung.
  • Rollstuhltraining, Transferschulung und Mobilitätstraining: Förderung der Autonomie im Alltag.
  • Adaptive Sportarten: Rollstuhlbasketball, Rollstuhl-Rugby, Rollstuhltennis oder Bogenschießen.
  • Berufliche Rehabilitation: Hilfestellung beim Erwerb der notwendigen Fähigkeiten, um im gewünschten Beruf oder Bereich arbeiten zu können.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Rehabilitation definiert folgende Phasen der Rehabilitation:

  • Phase A: Akutbehandlungsphase (Intensivstation).
  • Phase B: Frührehabilitative Therapien mit intensivmedizinischer Betreuung.
  • Phase C: Medizinische und pflegerische Betreuung, aktive Teilnahme an Therapien.
  • Phase D: Weitere Rehabilitation nach Abschluss der Frührehabilitation, Patient ist mobil und benötigt keine aufwendige pflegerische Betreuung mehr.
  • Phase E: Berufliche und soziale (Re-)Integration.
  • Phase F: Dauerhafte Behandlungen bei Bedarf.

Die Geschwindigkeit, mit der die Phasen durchlaufen werden, ist individuell verschieden.

Spezialisten im Bereich Querschnittlähmung

Die Behandlung und Rehabilitation von Querschnittgelähmten erfordert Expertise aus verschiedenen Fachbereichen:

  • Neurologie
  • Orthopädie und Unfallchirurgie
  • Psychiatrie und Psychotherapie
  • Physikalische und Rehabilitative Medizin
  • Urologie
  • Dermatologie
  • Innere Medizin
  • Speziell geschultes Pflegepersonal
  • Physio- und Ergotherapeut/innen

Zentren für Paraplegiologie bieten eine interdisziplinäre Zusammenarbeit und sind auf die Querschnittlähmung spezialisiert.

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Hilfsmittel und Geräte

Verschiedene Hilfsmittel und Geräte können den Alltag von Menschen mit Querschnittlähmung erleichtern und die Autonomie stärken:

  • (Elektro-)Rollstühle
  • Rollatoren
  • Scooter
  • Gehhilfen
  • Orthopädische Korsetts
  • Blasenkatheter
  • Spezielle Badewannenlifte und Duschstühle
  • Bettlagerungssysteme
  • Zahnspangen und Schienen
  • Kommunikationsgeräte
  • Angepasste Werkzeuge und Geräte für den Haushalt (Greifhilfen, adaptives Besteck)

Leben mit Querschnittlähmung

Eine Querschnittlähmung stellt Betroffene und Angehörige vor große Herausforderungen. Neben den körperlichen Einschränkungen können auch psychische Belastungen wie Depressionen, Angstzustände und soziale Isolation auftreten. Eine frühzeitige psychologische Unterstützung und der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen können helfen, mit der Situation umzugehen und neue Perspektiven zu entwickeln.

Für Angehörige ist es wichtig, sich nicht zu überfordern und frühzeitig Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen bieten Informationen und Austauschmöglichkeiten.

Anpassung des Wohnraums

Ein barrierefreier Umbau der Wohnung ist entscheidend für die Sicherheit und Unabhängigkeit von Menschen mit Querschnittlähmungen. Dies kann den Einbau von Rampen, breiteren Türen, rollstuhlgerechten Bädern und anderen Anpassungen umfassen, um die Mobilität und den Zugang zu erleichtern.

Pflege und Betreuung

Je nach Schweregrad der Lähmung und individuellem Bedarf kann eine ambulante oder stationäre Pflege notwendig sein. Eine 24-Stunden-Betreuung zu Hause kann ein hohes Maß an Unabhängigkeit ermöglichen und den Umzug in ein Pflegeheim vermeiden.

Forschung und Heilungschancen

Obwohl Querschnittlähmungen derzeit nicht heilbar sind, gibt es vielversprechende Forschungsansätze, die auf eine Regeneration von Nervenzellen im Rückenmark abzielen. Stammzelltherapien, Elektrostimulation und die Kombination aus Physiotherapie und Elektrostimulation zeigen erste Erfolge. Die meisten Forscher gehen davon aus, dass Querschnittlähmungen in Zukunft heilbar sein werden.

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