Sexualität bei Männern mit Paraplegie: Ein umfassender Leitfaden

Für viele Menschen ist Sexualität ein wichtiger Bestandteil eines erfüllten Lebens. Ein Unfall oder eine Krankheit, die zu einer Querschnittlähmung in Form einer Paraplegie oder Tetraplegie führen, verändern das Leben der Betroffenen grundlegend. Personen, die durch eine Rückenmarksverletzung querschnittgelähmt, Tetraplegiker oder Paraplegiker sind, stellen sich möglicherweise die Frage, ob und wie sie ein sexuell erfülltes Leben führen können. Eine Behinderung kann das Sexleben stark beeinflussen - muss es aber nicht. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Sexualität bei Männern mit Paraplegie und bietet Informationen und Ratschläge für ein erfülltes sexuelles Leben.

Was ist eine Querschnittlähmung?

Eine Querschnittlähmung (Querschnittlähmung, QSL) liegt vor, wenn das Rückenmark - beziehungsweise die darin befindlichen Nervenstränge - infolge einer Verletzung oder einer Erkrankung so stark geschädigt sind, dass verschiedene Körperfunktionen (teilweise) ausfallen. Hauptsymptom sind Lähmungen der Extremitäten (Beine, Arme). Oft sind auch andere Funktionen wie die Entleerung von Darm und Blase und die Sexualität stark beeinträchtigt. Da in der Regel mehrere Symptome gleichzeitig auftreten, sprechen Mediziner auch von einem „spinalen Querschnittssyndrom“.

Beim kompletten Querschnittssyndrom sind Betroffene unterhalb der Verletzung vollständig gelähmt, beim inkompletten bleiben Restfunktionen erhalten.

Das Rückenmark und seine Funktion

Das Rückenmark zählt gemeinsam mit dem Gehirn zum „zentralen Nervensystem“. Alle anderen Nervenbahnen des Körpers gehören zum „peripheren Nervensystem“. Das Rückenmark ist die Fortsetzung des Gehirns und liegt, umgeben von einer Flüssigkeit (Liquor), gut geschützt im Wirbelkanal, der von den einzelnen Wirbeln der Wirbelsäule gebildet wird. Es reicht von den Halswirbeln bis hinunter zum ersten (oder zweiten) Lendenwirbel.

Die Wirbelsäule besteht aus vier Abschnitten:

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  • Halswirbelsäule (HWS): 7 Wirbel (C1 bis C7)
  • Brustwirbelsäule (BWS): 12 Wirbel (Th1 bis Th12)
  • Lendenwirbelsäule (LWS): 5 Wirbel (L1 bis L5)
  • Sakralwirbelsäule (SWS): Kreuzbein (Os sacrum) und Steißbein (Os coccygi)

Aus dem Rückenmark entspringen an beiden Seiten der Wirbelkörper die sogenannten Spinalnerven. Diese zweigen sich wiederum in verschiedene Nervenäste auf, sodass der gesamte Körper mit Nerven versorgt ist. Die Aufgabe des Rückenmarks ist es, Signale des Gehirns an die Muskeln und an innere Organe weiterzugeben. Umgekehrt überträgt es Empfindungen wie Berührung, Temperatur oder Schmerz sowie die Position von Armen und Beinen an das Gehirn an das Gehirn.

Ist diese Nervenverbindung im Rückenmark gestört oder unterbrochen, fällt die Weiterleitung dieser Signale in beide Richtungen aus. Abhängig davon, in welcher Höhe die Rückenmarksverletzung liegt, kommt es zu Lähmungen der Beine (und Arme) sowie zu Funktionsstörungen in verschiedenen Bereichen des Körpers - am häufigsten zu Problemen mit der Urin- oder Stuhlentleerung und Sexualfunktionsstörungen.

Die genaue Bezeichnung der Querschnittlähmung richtet sich nach dem letzten funktionsfähigen Rückenmarkssegment. Eine Verletzung unterhalb von L4 bedeutet beispielsweise, dass das Segment des vierten Lendenwirbels mit seinen Spinalnerven noch intakt ist, während alle unterhalb liegenden Segmente geschädigt sind.

Auswirkungen einer Querschnittlähmung

Eine Querschnittlähmung führt bei Betroffenen zu erheblichen Ausfällen verschiedener Körperfunktionen. Je nachdem sind folgende Nervensysteme alleine oder kombiniert beeinträchtigt:

  • Motorische Nerven: Notwendig für die bewusste Bewegung von Armen und Beinen
  • Vegetative Nerven: Entleerung von Darm und Blase, Schweißbildung, Herz-Kreislauf-Kontrolle, Atemfunktion, Sexualität
  • Sensible Nerven: Berührungs- und Schmerzempfinden

Welche Ausfälle sich entwickeln, hängt von der Schwere und dem Ort der Rückenmarksverletzung ab:

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Einteilung nach der Schwere der Rückenmarksverletzung

  • Komplette Querschnittlähmung (Plegie, Paralyse): Bei einer kompletten Querschnittslähmung sind die Nerven an einer bestimmten Stelle vollständig durchtrennt. Abhängig vom Ort der Schädigung sind Arme, Beine und der Rumpf vollständig gelähmt, Muskelkraft und Empfindungsvermögen fehlen gänzlich. Körperfunktionen wie die Entleerung von Darm und Harnblase sowie die Sexualfunktion sind stark beeinträchtigt.
  • Inkomplette Querschnittlähmung (Parese): Bei der inkompletten Querschnittslähmung sind die Nerven stark geschädigt, aber nicht vollständig durchtrennt. Muskelkraft und Empfindungsvermögen sind teilweise erhalten.

Einteilung nach der Höhe der Verletzung

  • Tetraplegie/Tetraparese: Die Rückenmarksschädigung liegt im Halsbereich - oberhalb des ersten Brustwirbels. Mediziner sprechen auch von einem „hohen Querschnitt“. „Tetra“ steht für die griechische Vorsilbe der Zahl vier, die Begriffe Tetraplegie beziehungsweise Tetraparese beschreiben daher die Lähmung beider Arme und Beine (sowie des Rumpfes). Da auch das Zwerchfell nicht mehr von den Nerven versorgt wird, haben Betroffene schwerwiegende Probleme beim Atmen.
  • Paraplegie/Paraparese: Liegt die Rückenmarksschädigung im Bereich der Brust- oder Lendenwirbelsäule - unterhalb des ersten Brustwirbels - sind die Beine und Teile des Rumpfs gelähmt. Die Arme sind nicht betroffen.

Eine Querschnittlähmung hat erhebliche Auswirkungen auf etliche Körperfunktionen, beeinträchtigt aber nie die geistigen Fähigkeiten!

Veränderungen der Sexualfunktion bei Männern mit Paraplegie

Eine Querschnittlähmung kann die Sexualfunktion von Männern auf verschiedene Weise beeinträchtigen. Die Funktion der Geschlechtsorgane kann durch die Lähmung Veränderungen aufweisen: Funktionsstörungen wie Erektions- oder Ejakulationsstörungen beim Mann können Anzeichen einer solchen Veränderung sein. Auch kann die Sensibilität im Genitalbereich verändert sein oder in manchen Fällen auch fehlen.

Zu den häufigsten Veränderungen gehören:

  • Erektionsstörungen: Die Fähigkeit, eine Erektion zu bekommen oder aufrechtzuerhalten, kann beeinträchtigt sein.
  • Ejakulationsstörungen: Das Ejakulat ist nur tropfenweise vorhanden, entfällt völlig oder findet, wenn der Verschluss des Blasenhalses gestört ist, als retrograde Ejakulation rückläufig in die Harnblase statt. Die Störungen der Ejakulation werden durch unzureichende neurogene Stimulationsmöglichkeiten verursacht und teilweise auch durch Nebenwirkungen von Medikamenten.
  • Verminderte Sensibilität: Das Empfindungsvermögen im Genitalbereich kann reduziert sein oder ganz fehlen.
  • Veränderte Orgasmusfähigkeit: Die rhythmischen unwillkürlichen Muskelkontraktionen eines Orgasmus können nach Eintritt der Querschnittlähmung länger andauern und eventuell als unangenehm empfunden werden. Manche Männer beschreiben ihren Höhepunkt als einen „psychischen Orgasmus, vergleichbar mit dem Gefühl ‚high‘ zu sein.“ Ein solcher Höhepunkt ist vermutlich eine Kombination von Phantasie, Erinnerung an frühere Orgasmen und der stattfindenden sexuellen Situation.
  • Verminderte Spermienqualität: Mit Eintritt der Querschnittlähmung lassen nicht nur die Erektions- und Ejakulationsfähigkeit, sondern auch Qualität und Beweglichkeit der Spermien und somit die Fruchtbarkeit des Betroffenen in der Regel nach. Die Samenqualität, d. h. die Anzahl, Beweglichkeit, Vitalität und Aussehen der Spermien ist nach Eintritt einer Querschnittlähmung, unabhängig von Läsionshöhe und Vollständigkeit, fast immer vermindert.

Arten von Erektionen

Es gibt verschiedene Arten von Erektionen, die bei Männern mit Paraplegie auftreten können:

  • Psychogene Erektionen: Psychogene Erektionen werden durch psychische Reize, d. h. durch optische und akustische Stimulation, Gerüche, Phantasien, Erwartungen und Wünsche ausgelöst.
  • Reflektorische Erektionen: Reflektorische Erektionen sind bei Querschnittgelähmten mit einer Läsionshöhe von oberhalb Th11 möglich, wenn die sakralen Wurzeln und das sakrale Rückenmark intakt sind. Sie entstehen durch eine direkte Stimulation der Genitalien, unabhängig davon, ob diese Stimulation sexueller Natur ist oder nicht, und indirekt über z. B. eine volle Harnblase. Da das Signal vom Gehirn fehlt, hört die Erektion auf, sobald die Stimulation nachlässt, was bedeutet, dass die reflektorische Erektion zum Geschlechtsverkehr oft nicht ausreicht.

Umgang mit sexuellen Veränderungen

Es ist wichtig zu verstehen, dass sich sexuelle Erregung auf mehr Arten manifestiert als lediglich durch die Reaktion des Körpers im Genitalbereich. Wenn beim Mann die Erektion ausbleibt, bedeutet das nicht, dass keine sexuelle Erregung stattfindet.

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Hier sind einige Tipps für den Umgang mit sexuellen Veränderungen nach einer Paraplegie:

  • Akzeptanz: Menschen mit einer Querschnittlähmung müssen ihren „neuen“ Körper zuerst kennenlernen. Es kann eine große Herausforderung darstellen, den eigenen Körper so zu akzeptieren, wie er ist - gerade in einer stark ableistischen Gesellschaft. Auch im Bereich der Sexualität müssen eventuell bisherige Überzeugungen über Bord geworfen werden.
  • Offene Kommunikation: Eine offene Kommunikation zwischen den Partnern über ihre Bedürfnisse und Wünsche ist Voraussetzung für eine befriedigende Sexualität.
  • Neue erogene Zonen entdecken: Bei eingeschränkter Sensibilität der Genitalien können neue erogene Zonen entdeckt werden, etwa die Brustwarzen, die bei männlichen Fußgängern gerne ignoriert werden, Hals und Nacken oder die Ohren.
  • Andere Sinne anregen: Neue Wege können gesucht werden, die Libido zu stimulieren. Zum Beispiel können andere, intakte Sinnesorgane vermehrt angeregt werden, etwa durch erotische Musik, Klänge oder Worte. Duft- und Geschmacksinn können durch betörende Gerüche oder als aphrodisierend geltende Speisen angeregt werden.
  • Neue Stellungen ausprobieren: Nach Eintritt einer Querschnittlähmung sind manche Stellungen beim Geschlechtsverkehr nicht mehr möglich oder werden nicht mehr als so lustvoll erlebt wie vorher. Auch hier muss jeder Einzelne bzw. jedes Paar für sich neu entdecken, was möglich und lustvoll ist und was nicht. Querschnittgelähmte finden oft, dass es ihnen ein großes Maß an Bewegung und Freiheit ermöglicht, wenn sie unten liegen. Für andere funktioniert eine seitliche Stellung am besten, da diese einen sehr engen Kontakt zulässt. Auch sitzende Positionen (im Rollstuhl) sind möglich.
  • Zeit nehmen: Vermutlich wird es einige Zeit in Anspruch nehmen, bis Betroffene mit dem neuen Erleben und Ausleben ihrer Sexualität so umgehen können, dass eine vollständige Befriedigung eintritt, die mit der sexuellen Erfüllung gleichzusetzen ist, die vor Eintritt der Querschnittlähmung erlebt wurde. Einige Querschnittgelähmte berichten, nach Monaten oder Jahren wieder einen Orgasmus zu haben.
  • Professionelle Hilfe suchen: Bei Bedarf kann professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden, z.B. durch Sexualtherapeuten oder Urologen.

Medizinische Hilfsmittel und Behandlungen

Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, die Betroffenen im Fall von Erektionsstörungen bei Querschnittlähmung helfen können.

  • Medikamente: Viagra und Cialis können bei Erektionsstörungen helfen. Bei beiden Mitteln sollte man auf die jeweiligen Besonderheiten hinweisen.
  • Stauringe: Bei Männern, die eine Erektion haben, welche aber für den Geschlechtsverkehr nicht ausreicht, können Stauringe empfohlen werden.
  • Assistierte Ejakulation: Zunächst wird nach einer assistierten Ejakulation (durch eine penile Vibratorstimulation oder eine transrektale Elektrostimulation) ein Spermiogramm zur Untersuchung der Spermaqualität durchgeführt. Sollte weder durch die penile Vibratorstimulation noch die transrektale Elektrostimulation eine Ekjakulation erreicht werden, wird eine testikuläre Spermienextraktion bzw.
  • Intrauterine Insemination (IUI): Ist eine hinreichende Menge an genügend beweglichen Spermien vorhanden, kann eine intrauterine Insemination vorgenommen werden, bei der Samenzellen mittels eines Katheters in die Gebärmutterhöhle der Frau eingebracht werden.
  • Intracytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI): Beim Vorhandensein einiger weniger beweglicher Spermien, besteht die Möglichkeit einer intracytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI).

Fruchtbarkeit und Familienplanung

Während Empfängnisbereitschaft und Schwangerschaft von Frauen mit Querschnittlähmung nicht bzw. nur wenig beeinflusst sind, ist die Zeugungsfähigkeit von Männern durch eine Rückenmarksverletzung häufig beeinträchtigt. Mit Eintritt der Querschnittlähmung lassen nicht nur die Erektions- und Ejakulationsfähigkeit, sondern auch Qualität und Beweglichkeit der Spermien und somit die Fruchtbarkeit des Betroffenen in der Regel nach.

Die Samenqualität, d. h. die Anzahl, Beweglichkeit, Vitalität und Aussehen der Spermien ist nach Eintritt einer Querschnittlähmung, unabhängig von Läsionshöhe und Vollständigkeit, fast immer vermindert. Als Ursache können querschnittsbedingte Faktoren wie Lähmungsdauer, erhöhte Temperatur der Hodengegend, seltene Ejakulationen, Methoden der Blasenentleerung, Harnwegsinfektionen, die Einnahme von Antibiotika, Spermaantikörper, Störung in der Synthese von Sexualhormonen und Veränderungen des Hodengewebes ausgeschlossen werden. Neue Studien konzentrieren sich darauf mögliche Ursachen im vegetativen Nervensystem zu suchen, da alle Organe, die die Spermaqualität beeinflussen, von diesem kontrolliert werden.

Die Zeugungsfähigkeit ist beim querschnittgelähmten Mann nicht nur wegen der verminderten Spermienqualität eingeschränkt, sondern auch durch die möglicherwiese verminderte oder fehlende Fähigkeit zur Erektion und Ejakulation und das dadurch bedingte Unvermögen Sperma in die Gebärmutter der Partnerin einzubringen.

Elternschaft mit Paraplegie

Ein Kind in die Welt zu bringen, das eigene Leben neu auszurichten, das überwältigende Gefühl Mutter oder Vater zu sein, stellt jedes neue Elternteil - ob mit oder ohne Querschnittlähmung - vor Herausforderungen, deren Ausmaß im Vorfeld durch keine noch so detaillierte Schilderung oder noch so genaue Beobachtung abzusehen ist.

Eine Rückenmarksverletzung hat keinen Einfluss auf die eigenen Qualitäten als Vater, wird aber einige Zusatzmaßnahmen erforderlich machen, die über die Anpassung der Hilfsmittel (unterfahrbares Kinderbett, unterfahrbarer Wickeltisch, Positionierung aller notwendigen Produkte zur Versorgung des Kindes in guter Reichweite) hinausgeht. Je nach Höhe der Verletzung wird ein eigenständiges Versorgen, das Hochnehmen, Tragen, Füttern, Baden und Wickeln des Kindes schwierig bis unmöglich sein und dieser Aspekt der Betreuung wird vom Partner oder von einer dritten Person übernommen werden müssen.

Durch sein Verhalten - weinen, wenn unzufrieden; friedlich sein, wenn alles okay ist - wird ein Kind seine Eltern immer sehr deutlich wissen lassen, ob sie „es gut machen“ oder nicht. Und es wird ihnen immer die Chance zur Verbesserung geben. Ob Mama oder Papa im Rollstuhl sitzen, wird ihm egal sein.

Vorurteile und gesellschaftliche Einstellungen

Es sind meist Vorurteile über Behinderung und Sexualität, die einer Veränderung im Wege stehen können und es sind manchmal nicht nur die gesellschaftlichen Vorurteile, sondern auch die eigenen. Sexualität von Behinderten wird jedoch leicht zum Tabu erklärt (Behinderte haben keinen Sex oder dürfen keinen Sex haben) und vielleicht werden Sie sehen, daß nicht nur die anderen so denken, sondern daß Sie selbst so gedacht haben oder, trotz ihrer Behinderung, immer noch so denken.

Die Bedeutung von Sexualität

Sexualität ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis, das jedoch oft schwer zu besprechen ist, sowohl für die betroffenen Personen als auch für Teile des medizinischen Teams, aufgrund von Schamgefühlen. Nicht jeder setzt der Sexualität denselben Stellenwert zu.

Der Begriff der Sexualität und das Verständnis darüber, was Sexualität wirklich ist, ist erheblichen Veränderungen unterworfen. Ursprünglich, d. h. zum Beginn des 19. Jahrhunderts entstand der Begriff als neutrale botanische Bezeichnung für das Vermehrungsverhalten von Pflanzen und wurde von daher als medizinischer Fachbegriff auf den Menschen übertragen. Während der Begriff anfangs eng verwendet wurde, d. h. lediglich auf Fortpflanzung und genitale Funktionen beschränkt war, umfasst Sexualität heute auch psychologische, gesellschaftliche und kulturelle Aspekte. Damit wird klar, daß dieser Begriff Veränderungen und Wandlungen unterworfen ist und davon abhängt, was Menschen darunter verstehen.

Ein besonders markantes Beispiel für solche Veränderungen ist die sogenannte sexuelle Revolution ab Ende der sechziger Jahre, die durch ihre aufklärerischen Aspekte sicherlich vordergründig zu mehr Freiheit, Selbstverwirklichung und Selbstbestimmtheit geführt hat. Mit dieser zunehmenden Transparenz und Offenheit wurde jedoch auch ein hoher Preis bezahlt. Sexualität bekam auch den Beigeschmack des Leistungsgedankens, der Potenz, d. h. Leistungs- und Funktionsfähigkeit und einem Zwang zur Lust. Neben der Leistungsfähigkeit wurde Attraktivität zunehmend bedeutsam: Junge, attraktive, braungebrannte, wohlgeformte Menschen, die möglichst oft „können“. Ausgeschlossen wurden damit quasi automatisch alle jene Menschen, die diesem Schönheits- und Leistungsideal nicht zu entsprechen scheinen, vor allem eben ältere Menschen und Behinderte.

Aber auch viele nichtbehinderte Männer können unter dem Vergleich mit angeblich viel potenteren und sexuell aktiveren Männern so sehr leiden, daß sie vor lauter Erwartungsangst „hoffentlich bin ich gut“ „versagen“ und impotent werden. Diese Selbstzweifel, Schamgefühle und Ängste, die man im allgemeinen als Selbstwertkrise bezeichnen könnte, zeigen die offenbar enge Verbindung von seelischer Potenz (Stärke), hohem Selbstwertgefühl etc. Doch unser Meinung nach ist es so, daß befriedigende Sexualität wesentlich mehr ist als sexuelle Leistungsfähigkeit.

Sexualität ist mehr als Geschlechtsverkehr

Sexualität ist mehr als das, was zwischen zwei Menschen im Bett passiert. Dazu gehören: Streicheleinheiten im weitesten Sinne, das Gefühl von Nähe, sich mögen, sich lieben, sich akzeptieren.

Auch diese Gleichsetzung ist falsch. Denn zum einen ist es möglich, einen Orgasmus zu haben und sich aber trotzdem unbefriedigt, leer und unglücklich zu fühlen. Dass Sexualität nur mit einem Partner (möglichst gegengeschlechtlich) möglich sei, ist ein weiteres Vorurteil, das aber möglicherweise tief in uns drin sitzt. Vielleicht kennen einige von ihnen den Mythos, daß Selbstbefriedigung krank macht, zur „Hirnerweichung“ führt und deswegen von vielen nur mit Schuldgefühlen praktiziert wird. Aus unserer Sicht ist dies jedoch nicht so. Selbstbefriedigung kann eine vollwertige Form der Sexualität sein, setzt dafür aber eine liebevolle und akzeptierende Beziehung zum eigenen Körper voraus. Man muß sich eben mögen und akzeptieren, so wie man ist.

Dass Sexualität nicht mehr automatisch Fortpflanzung bedeutet, so wie es lange gepredigt wurde, ist spätestens seit Einführung und Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln deutlich. Im Gegensatz zum Tierreich, wo Sexualität instinktgesteuert abläuft und meist primär auch der Fortpflanzung dient, ist dies beim Menschen anders.

Sexualität ist nicht immer oder für jedermann wichtig: vielleicht haben alle von uns schon einmal die Beobachtung gemacht, daß sexuelle Bedürfnisse in den Hintergrund treten können, wenn man zum Beispiel zu müde, angespannt, gestreßt oder traurig ist (so auch vielleicht zu Beginn einer Querschnittlähmung). Generell kann man sagen, daß auch für Nichtbehinderte Sexualität einen unterschiedlichen Stellenwert einnimmt und nicht für jeden gleich wichtig ist. Ja daß sogar möglich ist, daß Sexualität für manche Menschen schon immer völlig unwichtig war.

Fallbeispiele und persönliche Erfahrungen

  • Nadia: Nadia hatte vor drei Jahren einen schweren Autounfall, der sie von der Hüfte abwärts vollständig lähmte. Sie sagt, sie sei zwar noch in der Lage, Sex zu haben, aber der Akt sehe jetzt ganz anders aus. Die größte Veränderung zu früher sei die fehlende Spontaneität: Sie kann jetzt nicht mehr einfach schnell mit jemanden in die Kiste springen. Sie verspüre eine Art Verpflichtung, potentielle Sexpartner vorzuwarnen, dass es “etwas schwieriger” ist, mit ihr zu schlafen.
  • Cody: Cody ist seit seinem 15. Lebensjahr von der Brust abwärts gelähmt. Nach seiner Verletzung sei Sex für ihn nicht mehr vorrangig gewesen, sagt Cody: Es drehte sich nicht mehr alles darum, One-Night-Stands zu haben. Es sei es ihm wichtiger geworden, die richtige Frau zu treffen und nichts zu überstürzen.
  • Claire: Die 40-jährige Claire ist seit 1995 querschnittsgelähmt. Für querschnittsgelähmte Menschen kommt es beim Geschlechtsverkehr vor allem darauf an, über den Tellerrand hinauszuschauen. Es geht nämlich nicht mehr nur noch um penetrativen Sex.

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