Die Liquoranalyse, auch Nervenwasseruntersuchung genannt, ist ein wichtiges diagnostisches Verfahren zur Beurteilung von Erkrankungen des zentralen Nervensystems (ZNS). Sie ermöglicht die Untersuchung des Liquors, einer Flüssigkeit, die Gehirn und Rückenmark umgibt und schützt. Die Analyse des Liquors kann Aufschluss über Entzündungen, Blutungen, degenerative Prozesse und Tumorbefall im Bereich des Gehirns und des Rückenmarks geben.
Was ist Liquor und warum wird er untersucht?
Das Nervenwasser, auch Liquor cerebrospinalis genannt, umfließt Gehirn und Rückenmark und dient als eine Art "Wasserkissen", das diese Strukturen schützt. Bestimmte Zellen im Gehirn produzieren und erneuern das Nervenwasser laufend. Es wirkt wie eine Art Spülflüssigkeit für Gehirn und Rückenmark. Normalerweise ist der Liquor klar wie Wasser und enthält nur wenige Zellen, vor allem Lymphozyten, die auch im Blut vorkommen und wichtig für das Immunsystem sind.
Da der Liquor in engem Kontakt mit dem Nervensystem steht, kann seine Analyse Aufschlüsse über krankhafte Veränderungen geben. Veränderungen im Liquor, wie eine erhöhte Anzahl von Zellen oder das Vorhandensein von bestimmten Proteinen, können auf verschiedene Erkrankungen hinweisen. Aufgrund der Blut-Hirn-Schranke sind die entsprechenden Veränderungen im Blut häufig nicht erkennbar, was die Liquoranalyse zu einem wichtigen diagnostischen Instrument macht.
Wann wird eine Liquoranalyse durchgeführt?
Die Liquoranalyse wird bei einer Vielzahl von neurologischen Erkrankungen eingesetzt. Zu den wichtigsten Indikationen gehören:
- Verdacht auf entzündliche Erkrankungen des ZNS: Dazu gehören akute Entzündungen wie Meningitis (Hirnhautentzündung) und Enzephalitis (Gehirnentzündung), aber auch chronisch-entzündliche Erkrankungen wie Multiple Sklerose (MS).
- Ausschluss oder Nachweis einer Hirnblutung: Insbesondere bei kleinen Blutungen kann die Liquoranalyse sehr präzise Hinweise liefern.
- Diagnostik anderer Hirnerkrankungen: Dazu gehören beispielsweise Demenzen oder degenerative Erkrankungen des Gehirns.
- Verdacht auf einen Befall der Hirnhäute oder Hirnkammern durch Tumorzellen: Die Liquoranalyse kann entartete Zellen aufspüren, die auf einen solchen Befall hinweisen.
- Autoimmunerkrankungen
- Neoplastische Infiltration der Hirnhäute
- Nachweis von Abräumreaktionen nach Blutungen in den Subarachnoidalraum oder in die Hirnventrikel
- Früh- und Differenzialdiagnostik neurodegenerativer Erkrankungen
- Unklare Bewusstseinsstörungen
Wie läuft eine Lumbalpunktion ab?
Die Gewinnung des Liquors erfolgt in der Regel durch eine Lumbalpunktion. Dabei wird eine dünne Hohlnadel zwischen zwei Wirbelkörpern im Bereich der Lendenwirbelsäule unterhalb des Rückenmarks in den Wirbelkanal eingeführt.
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Vorbereitung
Vor der Punktion wird die Haut desinfiziert und gegebenenfalls mit einem Eisspray betäubt, um den Stich durch die Haut weniger schmerzhaft zu machen. Der Arzt überzeugt sich anhand von CT-Bildern (Schädel-Computertomographie) oder durch Spiegelung des Augenhintergrundes, dass kein erhöhter Hirndruck vorhanden ist. Die Untersuchung wird Ihnen ausführlich vorab erläutert, eine Einwilligungserklärung erhalten Sie mindestens 24 Stunden vorab ausgehändigt.
Durchführung
Üblicherweise sitzt der Patient leicht nach vorne gekrümmt, um den Raum zwischen den Wirbeln zu vergrößern. Manche Erkrankte können nicht sitzen, dann findet die Lumbalpunktion in Seitenlage mit angezogenen Knien statt. Manchmal liegen Untersuchte auch auf dem Bauch, wobei sie während der Lumbalpunktion mit Röntgen-Strahlen durchleuchtet werden, damit die Ärztin genau sehen kann, wie sie die Nadel führen muss. Die Punktion selbst ist meist nicht sehr schmerzhaft. Wenn der Raum mit dem Nervenwasser erreicht ist, tropft es heraus und sammelt sich in einem Röhrchen. Es werden nur wenige Milliliter Liquor entnommen, was nur einen Bruchteil der gesamten vorhandenen Flüssigkeit ist. Am Tag werden circa 300 Milliliter gebildet.
Nach der Punktion
Nach der Entnahme der Nadel sollte der Patient für eine gewisse Zeit liegen, wobei längeres Liegen nach einer Punktion nicht mehr erforderlich ist. Durch die Verwendung von atraumatischen Nadeln konnte die Häufigkeit von Kopfschmerzen nach der Punktion drastisch gesenkt werden. Eine Krankschreibung ist meist nur für den Tag oder Folgetag der Lumbalpunktion notwendig.
Die Liquoranalyse: Welche Parameter werden untersucht?
Die gewonnene Liquorprobe wird im Labor auf verschiedene Parameter hin untersucht. Dazu gehören:
- Zellzahl und Zelldifferenzierung: Die Anzahl und Art der Zellen im Liquor geben Hinweise auf Entzündungen oder andere Erkrankungen. Die Zellanalytik (Zellzahl und -differenzierung) sollte innerhalb von 1-2 Stunden erfolgen.
- Eiweissstoffe: Eine erhöhte Eiweisskonzentration kann auf Entzündungen, Blutungen oder andere Schädigungen des Nervensystems hindeuten. Die Proteine sind bei 4°C für ca. eine Woche stabil.
- Glukose: Die Glukosekonzentration im Liquor kann bei Infektionen oder Tumoren verändert sein. Im zellfreien Überstand sind Glucose und Laktat sind 4 °C bis zu 1 Tag stabil.
- Laktat: Erhöhte Laktatwerte können auf eine bakterielle Infektion hindeuten. Im zellfreien Überstand sind Glucose und Laktat sind 4 °C bis zu 1 Tag stabil.
- Bakterien, Pilze und Viren: Der Nachweis von Krankheitserregern ist entscheidend für die Diagnose von Infektionen des ZNS. Für die mikrobiologische Diagnostik sollte eine Liquor-Probe telefonisch im Labor angekündigt werden.
- Antikörper: Der Nachweis von Antikörpern gegen bestimmte Erreger oder körpereigene Strukturen kann auf Autoimmunerkrankungen oder Infektionen hinweisen.
- Oligoklonale Banden: Diese sind ein typisches Zeichen für Multiple Sklerose.
- Tumorzellen: Der Nachweis von Tumorzellen im Liquor kann auf einen Befall der Hirnhäute oder Hirnkammern durch Krebs hindeuten.
- Demenzmarker (Tau, pTau, Aβ42, Aβ42/Aβ40-Ratio): Ungekühlt sollte der Probenversand innerhalb von zwei Tagen erfolgen. Darüber hinaus sind die Proteine bei 4°C für ca. eine Woche stabil. Bei längerer Lagerung sollte die Probe eingefroren werden.
- Destruktionsmarker (NSE, S100): Die Probe sollte nach der Entnahme unverzüglich bei 2 - 8°C gelagert und nicht eingefroren werden.
- CXCL13: Die Probe sollte nach der Entnahme unverzüglich bei -20°C eingefroren werden. In Ausnahmefällen kann jedoch auch noch Liquor analysiert werden, der nach der Entnahme bis zu 14 Tage bei 2 - 8 °C aufbewahrt wurde.
- β-Trace-Protein: Eine sichtbare Menge Sekret (min. 50 µl) sollte in einem geeigneten Gefäß (z.B. kleines Eppendorfgefäß) luftdicht verschlossen versandt werden.
Je nach Fragestellung können weitere spezielle Untersuchungen durchgeführt werden.
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Dauer der Analyse
Die wichtigsten Werte liegen oft schon nach wenigen Stunden vor. Einige spezielle Untersuchungen können jedoch länger dauern. Erste Resultate der Liquordiagnostik erhält man spätestens einige Stunden nach der Untersuchung.
Risiken und Nebenwirkungen der Lumbalpunktion
Insgesamt ist die Lumbalpunktion ein risikoarmer Eingriff. Dennoch können in seltenen Fällen Nebenwirkungen auftreten:
- Kopfschmerzen: Die häufigste Nebenwirkung sind Kopfschmerzen, die bei 5 bis 10 von 100 Patienten auftreten. Sie entstehen meist durch einen Nervenwasserverlust an der Punktionsstelle und verstärken sich typischerweise beim Aufrichten. Gegen die Schmerzen hilft viel trinken, Koffein oder das Medikament Theophyllin.
- Blutungen oder Infektionen: Extrem selten können Blutungen oder Infektionen an der Punktionsstelle oder an den Hirnhäuten auftreten.
- Bleibendes Leck im Rückenmarkskanal: Äußerst selten kann ein bleibendes kleines Leck im Rückenmarkskanal entstehen, das zu anhaltenden Beschwerden führt.
Kontraindikationen
In einigen Fällen darf keine Lumbalpunktion durchgeführt werden:
- Erhöhter Hirndruck: Bei bestimmten Krankheiten, wie beispielsweise einem großen Gehirntumor, kann der Druck im Gehirn erhöht sein. In diesem Fall ist eine Lumbalpunktion riskant.
- Stark erhöhte Blutungsneigung: Bei Patienten mit einer stark erhöhten Blutungsneigung, die meist durch Medikamente verursacht wird, sollte keine Lumbalpunktion durchgeführt werden. Einfache Blutverdünner wie Aspirin oder Clopidogrel sind in der Regel kein Problem.
Bedeutung der Liquoranalyse für die Diagnostik
Die Liquoranalyse ist ein wertvolles diagnostisches Instrument, das in vielen Bereichen der Neurologie, Psychiatrie und Inneren Medizin eingesetzt wird. Sie ermöglicht eine differenzierte Diagnostik bei einer Vielzahl von Erkrankungen des zentralen Nervensystems und trägt so dazu bei, dass Patienten frühzeitig und gezielt behandelt werden können.
Eine neue Studie von Neurowissenschaftlern der Universität Münster hat gezeigt, dass ein Blick in den Liquor genauere Diagnosen ermöglicht. Die Forscher fanden fünf Marker, die mit hoher Wahrscheinlichkeit anzeigen, dass ein Patient an einer entzündlichen Erkrankung des Nervensystems leidet. Zudem können die Wissenschaftler anhand der im Liquor gefundenen Zelltypen verschiedene Entzündungserkrankungen im zentralen Nervensystem differenzieren.
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