Wie viele Wiederholungen braucht das Gehirn zum Lernen? Ein umfassender Leitfaden

Das menschliche Gehirn ist eine faszinierende Struktur, die ständig lernt und sich anpasst. Doch wie viele Wiederholungen sind nötig, damit das Gehirn neue Informationen effektiv aufnimmt und im Langzeitgedächtnis speichert? Diese Frage beschäftigt Lernende, Pädagogen und Gedächtnisforscher seit Langem. Dieser Artikel beleuchtet die Bedeutung von Wiederholungen beim Lernen, untersucht die Vergessenskurve von Hermann Ebbinghaus und gibt praktische Tipps, wie man Lerninhalte effektiv wiederholen kann, um den Lernerfolg zu maximieren.

Die Bedeutung von Wiederholungen beim Sprachenlernen und darüber hinaus

Wiederholungen sind ein wesentlicher Bestandteil des Lernprozesses, insbesondere beim Sprachenlernen. Sie helfen, neue Informationen im Gedächtnis zu festigen und abrufbar zu machen. Dies gilt jedoch nicht nur für das Sprachenlernen, sondern für alle Arten von Lerninhalten, von Fakten und Konzepten bis hin zu Fähigkeiten und Fertigkeiten.

Die Vergessenskurve von Hermann Ebbinghaus

Der deutsche Psychologe Hermann Ebbinghaus (1850-1909) leistete Pionierarbeit auf dem Gebiet der Gedächtnisforschung. In seinen Experimenten lernte er Listen mit etwa 15 frei erfundenen Silben (z. B. NAK, DIB, DAF) und untersuchte, wie schnell diese Informationen wieder vergessen wurden. Die Ergebnisse seiner Studien veröffentlichte er 1885 in seinem Buch "Über das Gedächtnis".

Ebbinghaus entdeckte, dass der stärkste Abfall des Vergessens in den ersten Stunden nach dem Lernen stattfindet. Bereits nach 20 Minuten können wir uns nur noch an etwa 60 Prozent des Gelernten erinnern. Diese Erkenntnis führte zur Entwicklung der sogenannten Vergessenskurve, die den exponentiellen Abfall der Erinnerungsleistung im Laufe der Zeit veranschaulicht.

Faktoren, die die Vergessenskurve beeinflussen

Obwohl die Vergessenskurve einen allgemeinen Trend aufzeigt, erkannte Ebbinghaus, dass verschiedene Faktoren die Geschwindigkeit des Vergessens beeinflussen können. Dazu gehören:

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  • Vorwissen: Je mehr Vorwissen eine Person zu einem bestimmten Thema hat, desto leichter fällt es ihr, neue Informationen zu diesem Thema aufzunehmen und zu behalten.
  • Talent: Einige Menschen haben eine natürliche Begabung für das Lernen und können sich Informationen leichter merken als andere.
  • Interessen: Wenn eine Person an einem Thema interessiert ist, ist sie motivierter, sich damit auseinanderzusetzen, und kann sich die Informationen besser merken.
  • Lernkontext: Der Kontext, in dem eine Information gelernt wird, kann ebenfalls die Erinnerungsleistung beeinflussen. So kann es beispielsweise leichter sein, sich an Informationen zu erinnern, die in einer entspannten und angenehmen Umgebung gelernt wurden.
  • Emotionale Faktoren: Emotionen können einen starken Einfluss auf das Gedächtnis haben. Informationen, die mit starken Emotionen verbunden sind, werden oft besser erinnert als neutrale Informationen.
  • Neuronale Geschwindigkeit: Die Geschwindigkeit, mit der das Gehirn Synapsen (Verbindungen) aufbaut, ist individuell unterschiedlich. Davon hängt die Notwendigkeit der Wiederholungen ab.

Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass diese Faktoren nur einen geringen Einfluss auf die Vergessenskurve haben. Die grundlegende Tendenz zum Vergessen bleibt bestehen, unabhängig von diesen Faktoren.

Wie viele Wiederholungen sind optimal?

Die Frage, wie viele Wiederholungen optimal sind, lässt sich nicht pauschal beantworten. Die ideale Anzahl an Wiederholungen hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter die Art des Lernmaterials, die individuellen Lernbedürfnisse und die gewünschte Behaltensdauer.

Eine allgemeine Empfehlung ist, alles (jede Lektion, jede Dekodierung usw.) mindestens 3 Mal zu wiederholen, um den Großteil im Langzeitgedächtnis abzuspeichern. Versuchen Sie zuerst den Durchschnitt, also 3 Wiederholungen über einen Zeitraum von etwa 2 Wochen. In dieser Zeit merken Sie selbst, ob diese Anzahl an Wiederholungen ausreichend war oder ob sie doch 4 oder 5 Mal wiederholen sollten.

Eine weitere nützliche Strategie ist der sogenannte "Spacing-Effekt". Dieser besagt, dass Lernen erfolgreicher ist, wenn es über einen größeren Zeitraum verteilt wird. Das heißt, mehrmals täglich 10 Minuten lernen bringt Sie schneller voran als ein Mal täglich eine Stunde am Stück. Zudem belegen Ebbinghaus’ Studien den langzeitigen Erfolg von kumulativen Schlussexamen. Durch die Prüfung eines großen Fachbereichs wird man dazu gezwungen, das Lernen in mehrere Schritte einzuteilen anstatt alles auf einmal zu lernen.

Praktische Tipps für effektive Wiederholungen

Um Lerninhalte effektiv zu wiederholen und den Lernerfolg zu maximieren, können folgende Tipps hilfreich sein:

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  • Verteilen Sie die Wiederholungen über die Zeit: Anstatt den Lernstoff auf einmal zu pauken, sollten Sie die Wiederholungen über einen längeren Zeitraum verteilen. Dies ermöglicht es dem Gehirn, die Informationen besser zu verarbeiten und im Langzeitgedächtnis zu verankern.
  • Wiederholen Sie den Lernstoff in regelmäßigen Abständen: Planen Sie regelmäßige Wiederholungen in Ihren Lernplan ein. Die Abstände zwischen den Wiederholungen können mit der Zeit immer länger werden, da der Lernstoff im Gedächtnis gefestigt wird.
  • Nutzen Sie verschiedene Lernmethoden: Variieren Sie die Art und Weise, wie Sie den Lernstoff wiederholen. Nutzen Sie beispielsweise Karteikarten, Mindmaps, Zusammenfassungen, Übungsaufgaben oder Diskussionen mit anderen Lernenden.
  • Machen Sie Pausen: Gönnen Sie sich regelmäßige Pausen während des Lernens. Das Gehirn benötigt Zeit, um die Informationen zu verarbeiten und zu festigen. Teilen Sie das Lernen also in kurze Einheiten ein und verdoppeln Sie damit Ihre Lernzeit (10 Minuten bewusstes Lernen + 7 Minuten unbewusstes Lernen = 17 Minuten Lernzeit).
  • Verbinden Sie den Lernstoff mit bereits bekanntem Wissen: Versuchen Sie, den neuen Lernstoff mit Ihrem Vorwissen zu verknüpfen. Dies erleichtert das Verständnis und die Speicherung der Informationen.
  • Machen Sie den Lernstoff interessant und relevant: Wenn Sie an dem Lernstoff interessiert sind, fällt es Ihnen leichter, sich damit auseinanderzusetzen und die Informationen zu behalten. Versuchen Sie, den Lernstoff mit Ihren persönlichen Interessen und Zielen zu verbinden.
  • Nutzen Sie Mnemotechniken: Mnemotechniken sind Gedächtnishilfen, die Ihnen helfen, sich Informationen leichter zu merken. Dazu gehören beispielsweise die Loci-Methode, Akronyme oder Reime.

Verteiltes Wiederholen (Spaced Repetition)

Eine besonders effektive Methode zur Wiederholung von Lerninhalten ist das verteilte Wiederholen, auch bekannt als Spaced Repetition. Diese Methode basiert auf dem Prinzip des Spacing-Effekts und sieht vor, dass Lernstoff in zunehmend größeren Abständen wiederholt wird.

Das Grundprinzip des verteilten Wiederholens besteht darin, Lernstoff mit länger werdenden Wiederholungs-Intervallen anzueignen. Die Karten mit Informationen, die gut erinnert werden, wandern im Kasten immer weiter nach hinten. Apps, die am Karteikasten System (z. B. das Leitner-System) orientiert sind, erledigen dieses Sortieren in die Kästen automatisch. Falls Sie mit Papierkarten lernen, muss es nicht gleich ein ganzer Kasten sein (oder 5 Kästchen), aber es ist sinnvoll, nicht nur den einen „Stapel“ wieder und wieder durchzugehen. Man könnte z. B. die Karten, die am Ende eines Tages schon gut erinnert werden, einfach für die nächsten paar Tage beiseitelegen.

Die Rolle von Emotionen und Erfahrungen beim Lernen

Neben Wiederholungen spielen auch Emotionen und Erfahrungen eine wichtige Rolle beim Lernen. Informationen, die mit starken Emotionen verbunden sind oder auf persönlichen Erfahrungen basieren, werden oft besser erinnert als neutrale Informationen.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Kuss? Und den Namen des oder derjenigen? Wahrscheinlich schon - meine hieß Jennifer. Oma und Opa können sich meist noch sehr präzise an Dinge erinnern, die manchmal 70 Jahre zurückliegen. Warum? Offenbar braucht man für manche Arten des Lernens keine Wiederholungen…und der Grund ist ganz einfach: Wenn eine neue Information beim Eintritt ins Gehirn eine hohe Intensität hat, dann wird sie sofort vernetzt und verankert und braucht überhaupt keine Wiederholung. Und eine hohe Einstiegsintensität liegt immer dann vor, wenn die „richtigen“ Gefühle beteiligt sind, das Ganze Sinn macht, eine Erfahrung damit verbunden ist, Anschluss- Vorwissen vorliegt und zum Beispiel das visuelle Sinneszentrum beteiligt ist.

Daher ist es wichtig, den Lernstoff möglichst spannend, witzig und emotional aufzubereiten und möglichst an bereits bekanntes Wissen anzuknüpfen. Mit Mnemotechniken klappt das besonders gut. Denn bei der Loci-Methode merkst du dir zum Beispiel den Ort, wo du das Wissen abgespeichert hast - wie in einem großen, sortierten Archiv und kannst daher das Wissen schneller und gezielter wieder abrufen.

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Die Bedeutung des Verstehens beim Lernen

Stures Pauken und Auswendiglernen ist nicht nur nervig, sondern auch ineffektiv. Die Frage, ob ich mir Dinge merke oder nicht, hängt vor allem davon ab, WIE ich lerne und ob ich das Wissen anwende, und nicht wie oft ich das Wissen wiederholt habe. Der Zweck des Lernens ist neues Wissen und neue Fähigkeiten zu erwerben, um Probleme zu lösen und Ziele zu erreichen, die einen im Leben weiterbringen.

Wenn Sie intelligent lernen, also die Eingangsintensität der Informationen erhöhen, dann brauchen Sie entweder gar keine Wiederholungen oder sehr viel weniger. Anders ausgedrückt - die Wiederholungsrate Ihres Lernstoffs hängt davon ab, ob Sie das neue Wissen 100% verstanden haben, hochmotiviert waren, sich mit dem Lernstoff zu beschäftigen, ihn mit Vorwissen verknüpfen und anwenden konnten, ob Sie verschiedene Sinneskanäle beim Lernen eingesetzt und sich visuelle Aufzeichnungen gemacht haben, ob Sie anderen von Ihrem neuen Wissen berichtet haben und ob Sie visuelle Gedächtnistrainings-Systeme einsetzen konnten.

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