In unserer modernen Welt, die von ständiger Reizüberflutung, chronischem Zeitdruck und hohen Leistungsanforderungen geprägt ist, kommt es bei vielen Menschen zu einer dauerhaften Aktivierung des autonomen Nervensystems. Dieser Artikel beleuchtet, wie zu viele Reize auf das Nervensystem wirken, welche Auswirkungen dies hat und wie man damit umgehen kann.
Einführung: Zwischen feiner Wahrnehmung und Reizüberflutung
Manche Menschen nehmen die Welt um sich herum besonders intensiv wahr. Sie reagieren stärker auf äußere Reize, gelten als besonders feinfühlig für Stimmung und Empfindungen Dritter und reagieren emotionaler als andere Menschen. Gleichzeitig sind sie schneller reizüberflutet und brauchen Rückzugsmöglichkeiten. Hochsensibilität heißt die Persönlichkeitseigenschaft dieser Menschen.
Was bedeutet Hochsensibilität?
Der Begriff "hochsensibel" bezieht sich auf ein Persönlichkeitsmerkmal, bei dem Menschen eine überdurchschnittlich hohe Empfindsamkeit und Sensibilität für Sinnesreize und emotionale Reize haben. Dadurch erfassen sie in einer Situation deutlich mehr Reize als „normal“ sensible Menschen. Hochsensible Menschen nehmen ihre Umwelt intensiver wahr und verarbeiten Informationen auf eine tiefgründige Art und Weise. Sie können subtile Nuancen bemerken, Stimmungen anderer Menschen intuitiv erfassen und sich stark von Reizen wie Geräuschen, Gerüchen oder visuellen Eindrücken beeinflussen lassen.
Hochsensibilität ist keine Krankheit oder Störung, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal. Es handelt sich um eine höhere Ausprägung des allgemeinen Persönlichkeitsmerkmals Sensitivität, also der Empfindsamkeit gegenüber inneren und äußeren Reizen. Aktuellen Forschungen zufolge sind 20 bis 30 Prozent aller Menschen hochsensibel.
Wie äußert sich Hochsensibilität?
Hochsensible Menschen zeichnen sich oft durch große Empathie, Kreativität und eine tiefe innere Reflexion aus. Gleichzeitig können sie jedoch auch anfälliger für Reizüberflutung, Überstimulation und emotionalen Stress sein. Weitere Anzeichen für Hochsensibilität können sein:
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- Empfindlichkeit gegenüber Sinnesreizen: Sie reagieren besonders stark auf Geräusche, Gerüche, helles Licht oder grobe Texturen. Von zu vielen Reizen fühlen Sie sich leicht überwältigt.
- Tiefe emotionale Reaktionen: Sie erleben Emotionen intensiver als andere und können sich stark in die Gefühle anderer Menschen hineinversetzen. Sie sind möglicherweise sehr empathisch und nehmen subtile Stimmungen wahr.
- Überstimulation und Erschöpfung: Sie sind anfällig für Reizüberflutung und benötigen regelmäßige Ruhepausen, um sich zu erholen. Zu viel soziale Interaktion, laute Umgebungen oder hektische Situationen können Sie schnell ermüden.
- Tiefe Reflexion und Überdenken: Sie denken viel über das Leben, die Welt und ihre eigenen Gedanken und Gefühle nach. Sie neigen dazu, Dinge gründlich zu analysieren.
- Feine Wahrnehmung von Details: Sie bemerken subtile Veränderungen oder Nuancen in Ihrer Umgebung. Sie nehmen möglicherweise auch nonverbale Kommunikation besonders intensiv wahr.
- Intensive Kreativität: Sie haben oft eine ausgeprägte künstlerische Ader und eine tiefe Verbindung zur Kunst, Musik oder Literatur. Kreative Ausdrucksformen können für Sie eine Möglichkeit sein, Ihre Empfindungen auszudrücken.
Es ist wichtig zu beachten, dass diese Merkmale nicht immer eindeutig auf Hochsensibilität hinweisen, da sie auch bei anderen Persönlichkeitsmerkmalen auftreten können.
Ursachen von Hochsensibilität
Bis heute gibt es keine wissenschaftlich belegten Theorien, um die Ursachen von Hochsensibilität zu erklären. Es wird angenommen, dass verschiedene Faktoren zu diesem Persönlichkeitsmerkmal beitragen können, darunter genetische, neurologische und Umweltfaktoren.
- Genetische Faktoren: Studien haben gezeigt, dass hochsensible Eigenschaften in einigen Familien gehäuft auftreten können. Es wurden auch bestimmte Gene identifiziert, die mit Empfindsamkeit und Stressreaktionen in Verbindung stehen.
- Neurologische Faktoren: Hochsensibilität kann mit Unterschieden in der Gehirnstruktur und -funktion verbunden sein. Untersuchungen mittels bildgebender Verfahren haben gezeigt, dass bei hochsensiblen Menschen bestimmte Gehirnbereiche, die mit der Verarbeitung von Sinnesreizen und Emotionen in Verbindung stehen, intensiver aktiviert werden. Außerdem gibt es Hinweise aus der Hirnforschung, dass die Prozesse der Reizverarbeitung im Gehirn bei Menschen mit erhöhter Sensibilität, gesteigert sind.
- Umweltfaktoren: Die Umwelt kann ebenfalls einen Einfluss auf die Entwicklung von Hochsensibilität haben. Traumatische Erfahrungen oder ein sensibles familiäres Umfeld können die Empfindsamkeit und Sensibilität einer Person verstärken. Gleichzeitig kann auch eine unterstützende und wertschätzende Umgebung dazu beitragen, dass sich die hochsensiblen Eigenschaften positiv entfalten können.
Wie wirkt sich Stress auf das Nervensystem aus?
In unserer heutigen Lebenswelt, die durch konstante Reizüberflutung, chronischen Zeitdruck und hohe Leistungsanforderungen geprägt ist, kommt es bei vielen Menschen zu einer dauerhaften Aktivierung des autonomen Nervensystems. Ein überaktiviertes Nervensystem führt nicht nur zu psychosomatischen Beschwerden wie Schlafstörungen, Muskelverspannungen und innerer Unruhe, sondern beeinflusst nachweislich auch unsere Wahrnehmung, unser emotionales Erleben und unsere Handlungssteuerung.
Unser autonomes Nervensystem steuert unbewusst lebenswichtige Prozesse wie Atmung, Herzschlag und Verdauung. Eine zentrale Rolle in der Kommunikation zwischen Gehirn und Körper übernimmt der Vagusnerv. Er reguliert u. a. Herzfrequenz und Atmung und ist damit essenziell für die emotionale und körperliche Balance. Wird der Körper dauerhaft überfordert, schaltet die Amygdala - unsere „Alarmzentrale“ im Gehirn - immer wieder auf Gefahr. Der sogenannte „innere Wachhund“ bleibt in ständiger Hab-Acht-Stellung. Die Folge: Das Nervensystem bleibt in einem Zustand erhöhter Alarmbereitschaft. Der Körper findet keine echte Erholung mehr, selbst harmlose Alltagssituationen können als belastend oder bedrohlich empfunden werden.
Die Auswirkungen eines überreizten Nervensystems sind vielschichtig. Ein zentrales neuropsychologisches Phänomen ist dabei die veränderte Reizverarbeitung. Reize werden entweder übersteigert (Hypervigilanz) oder gedämpft (Dissoziation) wahrgenommen.
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Die Stressreaktion im Detail
Die Stressreaktion entsteht im Gehirn und wird durch die innere Bewertung äußerer Reize ausgelöst. Im Falle einer Aktivierung wird der Organismus „bis zur letzten Zelle“ über das Nerven- und Hormonsystem in einen Alarmzustand versetzt. Die Stressreaktion wurde vom Begründer des Stresskonzepts Prof. Hans Selye erforscht und erstmals beschrieben.
Unabhängig davon, wie der Stress im Gehirn entsteht, führt Stress auf körperlicher Ebene zu verschiedensten Veränderungen. Letztlich ist Stress ein Ganzkörperphänomen, von welchem die verschiedensten körperlichen und psychischen Prozesse beeinflusst werden. Auf psychischer Ebene führt Stress zu typischen Symptomen und Verhaltensänderungen. Auf körperlicher Ebene beeinflusst Stress vorwiegend das Hormonsystem, das vegetative Nervensystem und das Immunsystem. Über die Beeinflussung der verschiedenen Systeme führt Stress zu den unterschiedlichsten körperlichen und psychischen Symptomen.
Auswirkungen auf das vegetative Nervensystem
Das vegetative Nervensystem durchzieht den ganzen Körper und beeinflusst verschiedene Organe wie das Herz, den Darm und die Haut. Das vegetative Nervensystem ist durch den Willen nicht beeinflussbar und heißt deshalb auch „autonomes Nervensystem“. Das vegetative Nervensystem besteht aus zwei Komponenten, welche gleichzeitig aktiv sind. Ein Teil (der sog. Sympathikus) sorgt für Anspannung, der andere Teil (Parasympathikus) für Entspannung. Stress führt zu Anspannung und bei dauerhafter Anspannung „kippt“ das vegetative Nervensystem hierdurch in einen Modus der Überaktivierung des Sympathikus. Hierdurch kommt es zu Herzrasen, Blutdruckanstieg, beschleunigte Atmung, gereizten Magen oder Durchfall. Auf psychischer Ebene geht ein derartiger Erregungszustand mit einer Fokussierung der Aufmerksamkeit, einer erhöhten Reizbarkeit und Wachheit einher. Dies ist die Vorbereitung für einen bevorstehenden Kampf oder eine Flucht.
Auswirkungen auf das Hormonsystem
Über einen komplexen Regelmechanismus des Gehirns führt Stress zu einer Ausschüttung von Cortisol aus der Nebennierenrinde. Unter hoher Stressbelastung kommt es zunächst zu einer vermehrten Freisetzung von Cortisol aus der Nebennierenrinde. Cortisol führt als Hormon zu zahlreichen körperlichen und psychischen Veränderungen wie Gewichtszunahme, Anstieg des Blutzuckers, Schlafstörungen und Reizbarkeit. Bei längerer Erhöhung von Cortisol kann es zu einer eingeschränkten Empfindlichkeit der Cortisol-Rezeptoren im ganzen Körper kommen.
Neben der HPA-Achse beeinflusst Stress auch Wachstums- und Geschlechtshormone. So sinkt bei Affen im Tierversuch bei zunehmendem Stress durch zu hohe Dichte im Käfig das Testosteron mit resultierender Einschränkung der Fruchtbarkeit.
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Auswirkungen auf das Immunsystem
Die Auswirkungen von Stress auf das Immunsystem sind erheblich. Nicht umsonst setzt man das Stresshormon Cortisol in Form von Cortison medizinisch zur Unterdrückung des Immunsystems ein. Unter Berücksichtigung der heutigen Forschungsergebnisse sind Nervensystem und Immunsystem eigentlich gar nicht voneinander zu trennen. Das Immunsystem reagiert bei psychischen Veränderungen unmittelbar mit. So unterdrückt das Immunsystem unter Belastung üblicherweise die Immunantwort auf Krankheitserreger wie Viren und Bakterien. Auf Dauer kann Stress aber noch deutlich bedrohlichere Folgen haben als Infektionskrankheiten in Phasen der Erholung. Auf Dauer kann Stress zu einer übermäßigen Immunantwort oder einer fehlerhaften Immunantwort führen. So kann Stress bei entsprechender Anlage zu Autoimmunkrankheiten, Allergien und Krebserkrankungen führen.
Was können hochsensible Menschen tun?
Zunächst ist es wichtig, dass hochsensible Menschen einen guten Umgang mit der eigenen Charaktereigenschaft finden. Es tut gut, sich selbst damit bewusst anzunehmen, die eigenen Bedürfnisse und Herausforderungen zu kennen und wahrzunehmen und sich verstehen zu lernen. So ist es möglich, sein Leben entsprechend auszurichten.
Hier sind einige Tipps, die hochsensiblen Menschen helfen können, mit Reizüberflutung umzugehen:
- Schaffen Sie sich Rückzugs- und Ruhephasen: Nehmen Sie sich regelmäßig Zeit für sich alleine, um sich zu entspannen und zu erholen.
- Achten Sie auf eine angenehme, ruhige Umgebung: Vermeiden Sie laute oder überfüllte Orte, wenn möglich.
- Bewegen Sie sich regelmäßig oder treiben Sie Sport: Das macht den Kopf frei und hilft, Stress abzubauen.
- Entspannen Sie sich, um Stress abzubauen: Yoga, Pilates oder progressive Muskelentspannung können Ihnen dabei helfen.
- Zeigen Sie Ihre Gefühle offen und schämen Sie sich nicht dafür.
- Versuchen Sie öfter mal „Nein“ zu sagen oder sprechen Sie aus, wenn Sie etwas stört.
- Nehmen Sie Kritik nicht allzu persönlich.
Umgang mit hochsensiblen Menschen
Der Umgang mit hochsensiblen Menschen erfordert Verständnis, Sensibilität und Empathie. Hier sind einige Tipps, die Ihnen helfen können, wenn Sie mit hochsensiblen Menschen interagieren:
- Akzeptanz und Respekt: Akzeptieren und respektieren Sie die Empfindsamkeit und die individuellen Bedürfnisse hochsensibler Menschen. Vermeiden Sie es, ihre Sensibilität herabzuspielen oder als übertrieben abzutun.
- Sensible Kommunikation: Achten Sie auf Wortwahl und Tonfall, da hochsensible Menschen subtile Nuancen wahrnehmen können.
- Überstimulation vermeiden: Hochsensible Menschen können schnell von zu vielen Reizen überfordert werden. Achten Sie darauf, eine ruhige und angenehme Umgebung zu schaffen, wenn Sie Zeit mit ihnen verbringen.
- Grenzen akzeptieren: Hochsensible Menschen haben oft ein starkes Bedürfnis nach Rückzug und Ruhe, um sich zu regenerieren. Respektieren Sie ihre Grenzen, wenn sie Zeit für sich alleine benötigen und drängen Sie sie nicht zu sozialer Interaktion, wenn sie sich unwohl fühlen.
- Empathie zeigen: Hochsensible Menschen nehmen die Emotionen anderer stark wahr. Zeigen Sie Mitgefühl und unterstützen Sie in emotional herausfordernden Situationen.
Kurzfristige und langfristige Strategien zur Beruhigung des Nervensystems
Es gibt eine Vielzahl an Methoden, mit denen du deinem Nervensystem kurzfristig Sicherheit und Entlastung vermitteln kannst. All diese Methoden haben eines gemeinsam: Sie bringen den Körper in eine achtsame Verlangsamung - einen Zustand, in dem Heilung überhaupt erst möglich wird.
Viele Menschen greifen bei innerer Unruhe oder Stress zu bewährten Methoden wie Yoga, Atemübungen oder Meditation. Diese Techniken können sehr hilfreich sein - sie wirken beruhigend, schenken kurzzeitige Entspannung und helfen dem Körper, durchzuatmen.
Ein nachhaltiger therapeutischer Ansatz setzt tiefer an: In der klinischen Hypnose wie auch in der strukturierten Selbsthypnose zeigt sich in zahlreichen Studien, dass durch gezielte Suggestionen und die Induktion von Trancezuständen sowohl die neuronale Aktivität in stressrelevanten Hirnarealen als auch die autonome Reizverarbeitung direkt beeinflusst werden kann.
Selbsthypnose ist ein kraftvolles Werkzeug, das du mit professioneller Anleitung Schritt für Schritt erlernen kannst - ganz ohne Vorkenntnisse. So wird Selbsthypnose zu einer langfristigen Ressource: Sie stärkt deine Selbstwirksamkeit, fördert emotionale Stabilität und hilft dir, dein Leben mit mehr Ruhe, Klarheit und innerer Stärke zu leben.
Reizschutzstrategien im Alltag
- Reduzierter Tagesrhythmus: Weniger parallele Reize, bewusst stille Momente oder ein reduzierter Tagesrhythmus helfen dem Nervensystem, wieder in einen ruhigeren Zustand zu finden.
- Rituale und Struktur: Kleine Rituale, feste Zeiten ohne Ablenkung oder einfache Wiederholungen geben dem Alltag Struktur.
- Schlaf: Besonders wichtig ist dabei der Schlaf. Er ist keine Nebensache, sondern die Grundlage dafür, dass Eindrücke verarbeitet und Gefühle reguliert werden können.