Promethazin: Wirkung, Anwendung und Risiken im Gehirn

Promethazin ist ein Arzneistoff aus der Gruppe der Phenothiazine, der vielfältige Wirkungen im Körper und insbesondere im Gehirn entfaltet. Obwohl es strukturell zu den Neuroleptika gehört, wird es aufgrund seiner schwach antipsychotischen Wirkung hauptsächlich als Antihistaminikum und Sedativum eingesetzt.

Was ist Promethazin?

Promethazin ist ein Phenothiazin-Derivat mit dämpfenden, antiallergischen und anticholinergen Eigenschaften. Im Gegensatz zu anderen Substanzen dieser Stoffklasse wird es jedoch kaum als Neuroleptikum eingesetzt.

Anwendungsgebiete von Promethazin

Promethazin wird aufgrund seiner vielfältigen Wirkweise unterschiedlich eingesetzt. Es dient hauptsächlich folgenden Zwecken:

  • Dämpfung von Unruhe- und Erregungszuständen sowie Angststörungen bei psychiatrischen Grunderkrankungen (Psychosen).
  • Unterdrückung allergischer Reaktionen, wie tränende Augen, laufende Nase, Asthma-Anfälle mit Luftnot, Ausschlag, Rötung und Juckreiz der Haut sowie Durchfall.
  • Minderung von Übelkeit und Erbrechen sowie Schlafstörungen.
  • Abbau von Angst und Spannung vor operativen Eingriffen.

Wirkmechanismus von Promethazin im Gehirn

Promethazin wirkt im zentralen Nervensystem an verschiedenen Rezeptoren (Andockstellen) von Botenstoffen. Seine Hauptwirkungen beruhen auf der Blockade von Histamin- und Dopaminrezeptoren.

Antihistaminerge Wirkung

Der Botenstoff Histamin löst die Beschwerden aus, die bei einer Allergie auftreten. Er wird über die Blutbahn in die verschiedenen Regionen des Körpers transportiert. Vorwiegend sind es entzündliche Beschwerden (tränende und juckende Augen, Rötung und Jucken der Haut, laufende Nase, aber auch Durchfall). Promethazin besetzt die Bindungsstellen des Histamins (H1-Rezeptoren) im Körper. Es besetzt ebenfalls die Bindungsstellen im Gehirn.

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Indem Promethazin die Histamin-Rezeptoren blockiert, werden die durch das Histamin übermittelten Reize nicht mehr weitergeleitet. Das hilft gegen allergische Reaktionen, lindert aber auch Übelkeit und hat eine beruhigende, schlaffördernde Wirkung.

Antidopaminerge Wirkung

Die beruhigende, antipsychotische Wirkung verdankt der Wirkstoff vermutlich seiner antidopaminergen Eigenschaft. An Synapsen antagonisiert er die Dopamin-vermittelte Neurotransmission. Vermutlich hemmt er auch postsynaptische Dopaminrezeptoren und wirkt sich auf andere Amine wie GABA (Gamma-Amino-Buttersäure) und Peptide wie Substanz P oder Endorphine aus.

Die antipsychotische Wirkung von Promethazin und anderen Antipsychotika kommt über Blockade der Dopamin-Rezeptoren zustande: Dopamin ist ein Nervenbotenstoff, der im Übermaß zu Realitätsverlust, Psychosen und Schizophrenie führen kann. Antipsychotika können aber die Dopamin-Rezeptoren besetzen, sodass Dopamin selber nicht mehr andocken und somit nicht mehr seine Wirkungen entfalten kann. Damit lässt sich also dem Realitätsverlust entgegenwirken. Promethazin wirkt allerdings nur sehr schwach antipsychotisch. Es besitzt nur etwa 50 Prozent der Wirkstärke der Muttersubstanz Chlorpromazin.

Anticholinerge Wirkung

Zusätzlich wirkt Promethazin anticholinerg, indem es Muscarin-Rezeptoren blockiert und dadurch die Wirkung des Botenstoffes Acetylcholin hemmt. Unter der Einnahme von Promethazin können daher anticholinerge Nebenwirkungen wie ein trockener Mund, verschwommenes Sehen, Schwindel, Müdigkeit, Probleme beim Wasserlassen bis hin zu Konzentrationsstörungen auftreten. In Kombination mit anderen anticholinerg wirksamen Arzneistoffen kumulieren diese Effekte.

Weitere Wirkungen

Promethazin wirkt wie die meisten Phenothiazine antagonistisch an α-adrenergen, serotonergen, histaminischen (H1) und muskarinischen Rezeptoren im gesamten Körper.

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Pharmakokinetik von Promethazin

Aufnahme und Verteilung

Promethazin wird bei oraler Gabe zu ca. 88% aufgenommen. Es unterliegt jedoch einem ausgeprägten First-Pass-Effekt und hat deshalb eine geringe Bioverfügbarkeit. Die maximale Plasmakonzentration wird, je nach Dosierung, nach ca. 1,5 bis 3 Stunden erreicht. Bei intramuskulärer Gabe verlängert sich die Zeit, bis die maximale Plasmakonzentration erreicht ist, auf 4 Stunden.

Metabolisierung und Ausscheidung

Nach der Einnahme von Promethazin wird es nahezu vollständig über den Darm ins Blut aufgenommen, jedoch anschließend in der Leber sofort zu etwa drei Viertel in inaktive Stoffwechselprodukte zerlegt. Die Abbauprodukte werden überwiegend über die Nieren mit dem Urin ausgeschieden. Die Halbwertszeit liegt bei 10 bis 12 Stunden.

Dosierung und Verabreichung

Der Wirkstoff wird als Tropfen mit 20 mg oder 25 mg zur oralen Gabe oder als Ampullen mit 50 mg zur intramuskulären Injektion angeboten.

  • Unruhe- und Erregungszustände: 20 mg bis 30 mg werden zur Behandlung von Unruhe- und Erregungszuständen im Rahmen psychiatrischer Grunderkrankungen abends empfohlen. Falls der gewünschte Effekt nicht eintritt, kann auf 10 mg morgens und mittags, sowie 10 mg bis 20 mg abends erhöht werden. Die maximale Dosis beträgt fünf mal 20 mg pro Tag (entspricht einer Tageshöchstdosis von 100 mg).
  • Schlafstörungen: Bei Schlafstörungen werden Dosen von 20 mg bis 50 mg zur Nacht empfohlen.
  • Antiemetische Behandlung: Zur antiemetischen Behandlung werden 20 bis 30 mg Promethazin empfohlen.
  • Allergische Erkrankungen und Reaktionen: Allergische Erkrankungen und Reaktionen werden zumeist mit Injektionslösungen mit 25 mg Promethazin behandelt.

Gegenanzeigen

Der Wirkstoff darf nicht angewendet werden bei:

  • Überempfindlichkeit gegen Promethazin oder andere Phenothiazine
  • Kreislaufschock oder Koma
  • Akuten Vergiftungen mit zentraldämpfenden Wirkstoffen wie Schmerz- beziehungsweise Schlafmitteln oder mit Alkohol
  • Schwere Blutzell- oder Knochenmarksschädigung
  • Schwere Unverträglichkeitserscheinungen nach Benperidol ("malignes Neuroleptika-Syndrom") in der Vorgeschichte.

Nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung darf Promethazin verabreicht werden bei:

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  • Vorgeschädigtem Herzen
  • Schweren Leberfunktionsstörungen
  • Blut- oder Knochenmarkerkrankungen (Phäochromozytom)
  • Tumoren, die auf das milchbildende Hormon Prolaktin reagieren wie bei Brustkrebs und Tumoren der Hirnanhangdrüse
  • Ausgeprägtem niedrigem Blutdruck (Hypotonie) beziehungsweise verstärktem Blutdruckabfall im Stehen (orthostatischen Kreislaufregulationsstörungen)
  • Chronischen Atembeschwerden oder Asthma
  • Engwinkelglaukom
  • Blasenentleerungsstörungen mit Restharnbildung
  • Verengungen (Stenosen) im Magen-Darm-Kanal oder Depressionen
  • Krampfleiden
  • Organischen Hirnschäden oder Stammhirnerkrankungen wie der Parkinson-Krankheit beziehungsweise Parkinson-Syndrom

Nebenwirkungen von Promethazin

Zu den häufigsten Nebenwirkungen von Promethazin zählen:

  • Mundtrockenheit
  • Schläfrigkeit
  • Akkommodationsstörungen des Auges
  • Verstopfung
  • Schlaflosigkeit
  • Weitere vegetative Störungen
  • Eine Behinderung der Nasenatmung ist möglich.

Weitere mögliche Nebenwirkungen sind:

  • Blutbildveränderungen
  • Herzrhythmusstörungen
  • Herzrasen
  • Verschwommenes Sehen
  • Erhöhung des Augeninnendrucks
  • Schleimhauttrockenheit
  • Durstgefühl
  • Gewichtszunahme
  • Sexuelle Funktionsstörungen
  • Entzündungen der Leber
  • Stauung der Gallenflüssigkeit
  • Temperaturerhöhung
  • Allergische Reaktionen
  • Juckreiz
  • Ausschlag
  • Vermehrtes Schwitzen
  • Gleichgewichtsstörungen
  • Schwindel
  • Krampfanfälle
  • Parkinson-ähnliche Symptome
  • Harnverhalt

In sehr seltenen Fällen kann es bei der Behandlung mit Promethazin zu einem malignen neuroleptischen Syndrom kommen. Dieses Symptom ist lebensbedrohlich und äußert sich in Fieber, Muskelstarre, Kreislaufkollaps und Bewusstseinstrübung.

Extrapyramidal-motorische Störungen

Als Leitsymptome treten auf: Tremor, Steifigkeit, Speichelüberproduktion, Bewegungsstörungen. Eine Begleitmedikation mit Anticholinergika kann erforderlich sein, evtl. auch noch für eine gewisse Zeitspanne nach Absetzen der neuroleptischen Therapie.

Zu jedem Zeitpunkt möglich ist die Entwicklung irreversibler Spätdyskinesien, d. h. von Störungen im Bewegungsablauf, die sich auch nach Absetzen der Therapie nicht zurückbilden.

Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten

Die dämpfenden Effekte von Alkohol, Schlaf- und Schmerzmitteln sowie anderer Medikamente, die auf die Psyche wirken, werden bei Kombination mit Promethazin verstärkt.

Bei gleichzeitiger Gabe von anderen zentral dämpfenden Wirkstoffen wie Morphin-Derivaten, Barbituraten, Benzodiazepinen, Anxiolytika (Wirkstoffe zur Behandlung Angststörungen), bestimmten H1-Antihistaminika, Analgetika (Schmerzmittel) sowie anderen Neuroleptika kommt es zu einer gegenseitigen Wirkungsverstärkung. Vor allem die schlaffördernden und atemlähmenden Wirkungen der Wirkstoffe verstärken sich.

Gleichzeitiger Alkoholkonsum während einer Behandlung mit Promethazin kann zu einer Verstärkung der Alkoholwirkung und zu einer Blutdrucksenkung führen.

Bei gleichzeitiger Anwendung von blutdrucksenkenden Wirkstoffen (Antihypertonika) wird deren Wirkung verstärkt und es kann zu einem bedrohlichen Blutdruckabfall kommen.

Bei den Wirkstoffen Guanethidin, Clonidin und Alpha-Methyldopa wird deren blutdrucksenkende Wirkung durch Promethazin hingegen vermindert.

Bei gleichzeitiger Einnahme von Antikonvulsiva zur Behandlung von Epilepsie wie Pentetrazol oder Phenytoin können vermehrt Krämpfe auftreten. Insbesondere die Antiepileptika Carbamazepin, Phenobarbital und Phenytoin sowie Rifampicin führen außerdem zu einer Wirkungsabschwächung von Promethazin bei gleichzeitger Verabreichung.

In Kombination mit Anticholinergika (wie beispielsweise Atropin, Benzatropin, Trihexyphenidyl) kann deren Wirkung verstärkt und die Promethazin-Wirkung abgeschwächt werden.

Die Dopaminrezeptor-Agonisten Bromocriptin und Amantadin werden bei gleichzeitiger Verabreichung in ihrer Wirkung durch Promethazin abgeschwächt. Die gleichzeitige Behandlung mit dem Parkinsonmittel Levodopa führt zu einer gegenseitigen Abschwächung der jeweiligen Wirkstoffe, daher sollten die beiden Wirkstoffe nicht zusammen genommen werden.

Während sich bei den Dopaminrezeptor-Antagonisten Metoclopramid, Bromoprid und Alizaprid Nebenwirkungen der Muskulatur verstärken. Insbesondere Muskelkrämpfe und unwillkürliche Muskelzuckungen treten bei gleichzeitiger Gabe von Promethazin häufiger auf.

Sogenannte MAO-Hemmer, Wirkstoffe, die unter anderem zur Behandlung der Parkinson-Krankheit eingesetzt werden, können bei gleichzeitiger Einnahme von Promethazin zu Bluthochdruck sowie zur Verstärkung einiger Nebenwirkungen von Promethazin führen. Sie sollten nicht gleichzeitig eingenommen werden.

Bei Kombinationen mit Propranolol oder trizyklischen Antidepressiva und Promethazin werden die Konzentrationen dieser Wirkstoffe im Blut erhöht. Dies kann ein vermehrtes Auftreten von Nebenwirkungen dieser Wirkstoffe zur Folge haben.

Insbesondere die Kombination von Promethazin und Lithium führt zu einer starken Zunahme der motorischen Nebenwirkungen (extrapyramidale Symptome). Diese Nebenwirkungen betreffen vor allem die Arme und Beine und äußern sich als Gangstörungen oder Störungen der Muskulatur (rumpfnahe Hyperkinesen, Tremor und Rigor).

In Kombination mit Adrenalin kann es zu einem verstärkten Blutdruckabfall (paradoxen Hypotension) kommen und Nebenwirkungen können ebenfalls vermehrt auftreten.

Coffein schwächt die Wirkung von Promethazin ab. Auf die gleichzeitige Einnahme von Tee oder Kaffee sollte daher während der Behandlung verzichtet werden, um eine Wirkminderung von Promethazin zu vermeiden.

Frauen, die die Anti-Babypille (orale Kontrazeptiva) nehmen, müssen vermehrt mit unerwünschten Nebenwirkungen rechnen. Bei einem Schwangerschaftstest ist zudem ein falsch-positives Ergebnis möglich.

Die gleichzeitige Anwendung von Wirkstoffen, die ebenfalls das QT-Intervall verlängern, wie Makrolid-Antibiotika, Antiarrhythmika Klasse I und III, Malaria-Mittel, Antihistaminika, Antidepressiva oder andere Neuroleptika kann zu einem Kaliummangel (Hypokaliämie) führen. In der Folge können Herzrhythmusstörungen auftreten.

Polypeptid-Antibiotika wie beispielsweise Capreomycin, Colistin oder Polymyxin B können in Kombination mit Promethazin eine durch Promethazin hervorgerufene atemlähmende Wirkung (Atemdepression) verstärken. Bei einigen anderen Antibiotika (Mittel gegen Infektionen durch Bakterien) kann es zu muskulären Störungen kommen, wenn gleichzeitig Promethazin eingenommen wird.

Die Wirkung von Gonadorelin wird in Kombination mit Promethazin aufgrund der durch Promethazin hervorgerufenen Erhöhung des milchbildenen Hormons Prolaktin abgeschwächt.

Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (zum Beispiel Fluoxetin, Paroxetin) können eine Dosisverringerung von Promethazin durch den Arzt bei gleichzeitiger Verabreichung erfordern.

Wichtige Hinweise

Während der Anwendung des Wirkstoffs sollte kein Alkohol getrunken werden.

Blutbild, Leberfunktion, Nierenfunktion sowie Kreislaufsituation sind während der Behandlung regelmäßig ärztlich zu kontrollieren.

Zu Beginn der Behandlung mit dem Wirkstoff sind Ausgangs-EEG und Ausgangs-EKG für spätere Verlaufskontrollen vom Arzt zu erstellen.

Während der Behandlung kann das Ergebnis eines Schwangerschaftstests verfälscht sein (falsch-positives Ergebnis).

Kaffee und Tee in größeren Mengen während der Behandlung sind zu vermeiden.

Bei Auftreten von Fieber muss zum Ausschluss eines malignen neuroleptischen Syndroms der Arzt aufgesucht werden.

Bei plötzlicher Muskelsteifigkeit im Kopf-Hals-Schulter-Bereich sollte der Arzt informiert werden.

Die Behandlung mit dem Medikament sollte immer nur mit langsam verminderter Dosis ("ausschleichend") beendet werden.

Wird das Medikament in die Vene gegeben, kann es zu schweren Gewebsschäden kommen.

Das Medikament kann die Aufmerksamkeit, die Konzentration und das Reaktionsvermögen beim Autofahren und beim Bedienen von Maschinen einschränken.

Eine verstärkte Wirkung von Alkohol und Drogen bei gleichzeitiger Einnahme des Wirkstoffs beeinträchtigt ebenfalls das Reaktionsvermögen.

Manchmal lösen arzneiliche Wirkstoffe allergische Reaktionen aus.

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