Wirksamkeit Ernährungstherapeutischer Ansätze bei Multipler Sklerose: Eine Übersicht

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die durch Entzündungen, Demyelinisierung und Axondegeneration gekennzeichnet ist. Die Krankheit manifestiert sich typischerweise im frühen Erwachsenenalter und betrifft Frauen häufiger als Männer. Die Symptome sind vielfältig und reichen von Sehstörungen und Empfindungsstörungen bis hin zu Schwindel, Sprachproblemen und motorischen Störungen. Obwohl MS nicht heilbar ist, gibt es verschiedene Behandlungsmöglichkeiten, die darauf abzielen, die Symptome zu lindern und den Krankheitsverlauf zu verlangsamen.

Die Häufigkeit der Multiplen Sklerose wird für Deutschland derzeit mit etwa 100 Fällen pro 100.000 Einwohner beziffert. Verschiedene Erhebungen aus den frühen 80ern und 90ern deuten auf eine tendenziell leichte Zunahme der Fälle innerhalb von 10 Jahren. Bei der Betrachtung der weltweiten Häufigkeitsverteilung fällt ein deutliches Gefälle auf, wobei die Prävalenz von den Äquatorgebieten zu den Polen hin zunimmt. In Europa treten etwa 83 Fälle pro 100.000 Einwohner auf, wobei die erhobenen Prävalenzen zwischen 10 Fällen (Albanien) und etwa 185 Fällen (Schottland, Irland, Finnland) pro 100.000 Einwohner schwanken. Der höchste Anteil an MS-Patienten liegt in den Altersstufen zwischen dem 35 und 64 Lebensjahr, wobei die Krankheit bis zum 50. Lebensjahr häufiger bei Frauen auftritt.

MS ist eine komplexe, multifaktorielle Erkrankung mit bislang unbekannter Ätiologie. Diskutierte Ursachen sind bislang Spekulationen. Wahrscheinlich erhöhen genetische Veranlagungen die Empfindlichkeit mancher Menschen gegenüber bestimmten Umweltfaktoren bzw. MS tritt familiär gehäuft auf, was für eine Beteiligung bestimmter Erbanlagen an der Krankheitsentstehung spricht. Multiple Sklerose tritt in der Familie eines Erkrankten mit 15 % auch bei Familienangehörigen auf. Da die Häufigkeitsverteilung der MS zwischen den einzelnen Klimazonen stark variiert, wird auch die Beteiligung von Umwelteinflüssen an der Krankheitsentstehung angenommen. Dabei scheinen besonders Faktoren eine Rolle zu spielen, denen wir in der Kindheit ausgesetzt sind. Beobachtungen bei Auswanderern beispielsweise zeigten, dass Menschen, die vor ihrem 15. Lebensjahr von einer Hochrisikoregion in eine Niedrigrisikoregion umsiedelten, ein geringeres Risiko im Vergleich zu den Altersgenossen in ihrem Heimatland aufweisen. Ältere Jugendliche und Erwachsene profitierten hingegen nicht mehr von der neuen Heimat. Als Auslöser werden ähnlich wie bei anderen Autoimmunerkrankungen Virusinfektionen in der Kindheit diskutiert, in deren Zuge sich fehlerhafte, gegen körpereigene Strukturen gerichtete Antikörper entwickeln. Mit einer MS wurden bereits verschiedenste Erreger in Zusammenhang gebracht, mit denen Betroffene in ihrer Vergangenheit häufiger infiziert waren als die restliche Bevölkerung. Frauen erkranken bis zum 50. Lebensjahr häufiger an einer MS als Männer.

Aktuelle Empfehlungen zur Ernährungstherapie bei MS

Obwohl es keine spezifische "MS-Diät" gibt, konzentrieren sich die aktuellen Ernährungsempfehlungen darauf, das Entzündungsgeschehen positiv zu beeinflussen. Der Fokus liegt auf der Modifizierung des Fettsäurespektrums durch die Auswahl bestimmter Nahrungsmittel.

Die Rolle von Fetten und Fettsäuren

Die momentanen Ernährungsempfehlungen konzentrieren sich in Analogie zu anderen entzündlichen Erkrankungen vorrangig auf die Beeinflussung des Entzündungsgeschehens. Der grundlegende Gedanke hierbei ist, durch Bevorzugung oder Meidung bestimmter Nahrungsmittel das Fettsäurespektrum der aufgenommenen Fette zu modifizieren.

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  • Omega-3-Fettsäuren: Diese Fettsäuren, die in Fischölen, Leinsamen, Leinöl, Walnüssen und grünem Blattgemüse vorkommen, haben entzündungshemmende Eigenschaften und können den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen. Eine erhöhte Zufuhr sollte bevorzugt über pflanzliche Quellen erfolgen, da Fisch mit neurotoxischen Schwermetallen und Industrieschadstoffen belastet sein kann.

  • Omega-6-Fettsäuren: Insbesondere die Arachidonsäure, die in tierischen Fetten enthalten ist, sollte reduziert werden, da sie Entzündungen fördern kann.

Antioxidantien und Vitamine

Eine Ernährung, die reich an Vitaminen und Antioxidantien ist, kann ebenfalls dazu beitragen, Entzündungsprozesse zu reduzieren. Frisches Gemüse und Obst sollten daher einen wesentlichen Bestandteil der Ernährung ausmachen.

Milchprodukte

Es gibt Hinweise darauf, dass der Konsum von Milchprodukten einen Einfluss auf MS haben kann. Einige Betroffene berichten von einer Linderung ihrer Symptome durch den Verzicht auf Milchprodukte. Es ist ratsam, ein Ernährungs- und Symptomtagebuch zu führen, um die individuellen Auswirkungen von Milchprodukten auf den Krankheitsverlauf zu beobachten.

Darmgesundheit

Eine gesunde Darmflora kann sich positiv auf den Verlauf der MS auswirken. Probiotika und Präbiotika können das Gleichgewicht der Darmbakterien unterstützen und Entzündungsprozesse reduzieren.

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Vitamin D

Viele MS-Patienten weisen einen Vitamin-D-Mangel auf, und Studien deuten darauf hin, dass ein höherer Vitamin-D-Spiegel mit einer geringeren Krankheitsaktivität korreliert sein kann. Bei einem nachgewiesenen Mangel wird eine Supplementierung empfohlen.

Ernährungskonzepte im Überblick

Im Laufe der Zeit wurden verschiedene Ernährungskonzepte entwickelt, die speziell auf die Bedürfnisse von MS-Patienten zugeschnitten sind. Einige dieser Konzepte werden im Folgenden kurz vorgestellt:

Evers-Diät

Die vom deutschen Arzt Dr. Joseph Evers entwickelte Ernährungsform basiert auf dem Prinzip, alle Nahrungsmittel so naturnah wie möglich, d.h. in roher und unverarbeiteter Form aufzunehmen. Dabei ist es unerheblich, in welchen Relationen die einzelnen Nährstoffe zueinander stehen. Erlaubt sind all diejenigen Nahrungsmittel, die der Mensch auch in der freien Natur vorfindet. Obwohl das Prinzip einer natürlichen Ernährung auf den ersten Blick vielversprechend klingt, birgt die als Dauerernährung angedachte Diät bei näherer Betrachtung die Gefahr einer Unterversorgung. Besonders der übermäßige Verzehr von rohen, unbehandelten tierischen Lebensmitteln ist mit einem hohen Risiko für Infektionen verbunden. Zudem ist diese Ernährungsform nur schwer in unserem modernen Alltag umsetzbar und würde zu einem weiteren erheblichen Einschnitt in der Lebensqualität des MS-Patienten führen.

Mediterrane Kost

Die mediterrane Kost orientiert sich an den traditionellen Ernährungsgewohnheiten der Bewohner im Mittelmeergebiet. Die Grundbausteine sind vor allem Gemüse, pflanzliche Öle (vor allem Olivenöl) und Fisch. Abgerundet werden diese durch Früchte, Nüsse und Käse. Fleisch und Fleischwaren werden nur in kleinen Mengen verzehrt; tierische Fette sind eher unbekannt. Gleichzeitig werden die Speisen in der Regel roh bzw. Nudeln gehören zwar traditionell vor allem bei der italienischen Küche zum täglichen Speiseplan, werden hier aber in geringeren Mengen verzehrt als in Deutschland und beschränken sich auf etwa 50-100 g Rohware. Die mediterrane Kost vereint zwei Faktoren, die für MS-Patienten empfehlenswert ist. Zum einen wird durch das Bevorzugen von Pflanzenölen und Fisch Fettsäure-Zufuhr modifiziert. Die Arachidonsäure-Aufnahme ist eher gering, die Aufnahme von Omega-3-Fettsäuren erhöht. Gleichzeitig werden über rohes bzw. schonend gegartes Gemüse reichlich Vitamine und Antioxidantien zugeführt, die das Entzündungsgeschehen beeinflussen können.

Vegetarische Ernährung

MS-Patienten, die sich vollständig fleischlos ernähren möchten, können von der vegetarischen Ernährungsform durchaus profitieren. Durch den Verzicht von Fleisch und Wurstwaren wird die Arachidonsäure-Aufnahme bereits erheblich reduziert. Wird neben Fleisch auch Fisch vermieden, sollte bei der Auswahl von Ölen besonders auf die Qualität und das Fettsäurespektrum geachtet werden.

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Öl-Eiweiß-Ernährung nach Budwig

In Europa hat die von der deutschen Apothekerin und Chemikerin Johanna Budwig (1908-2003) begründetet Öl-Eiweiß-Ernährungsform in jüngster Vergangenheit größere Popularität erfahren. Die Diät soll anti-entzündlich, aber auch krebshemmend wirken und sieht einen hohen Anteil an pflanzlichen Omega-3-Fettsäuren aus Leinöl vor. Zentraler Bestandteil ist die Budwig-Crème oder Varianten wie die Budwig-Mayonnaise, die überwiegend aus Leinsamen, kaltgepresstem Leinöl, Quark und Hüttenkäse hergestellt wird, ergänzt durch frisches Obst. Die Budwig-Diät wird in Einzelfällen von Patienten mit Multiple Sklerose oder Rheuma praktiziert.

Kousmine-Diät

Die Schweizer Ärztin Dr. Catherine Kousmine (1904-1992) entwickelte eine weitere Ernährungsform für MS und chronische Polyarthritis, die ebenfalls krebshemmend, aber auch anti-entzündlich wirken soll. In der Kousmine-Diät spielt die Budwig-Crème eine wichtige Rolle. Darüber hinaus kommen Elemente wie Darmhygiene, Säure-Basen-Gleichgewicht, Nahrungsergänzungsmittel mit hoch dosierten Vitaminen und Spurenelementen sowie psychosoziale Betreuung zum Einsatz. Kousmine ging davon aus, dass viele Krankheiten auf einen zu hohen Säureanteil im Körper aufgrund von falscher Ernährung zurückzuführen seien. Patienten sollten regelmäßig den pH-Wert des Urins ermitteln und bei Unterschreiten eines festgelegten Werts basische Nahrungsergänzungsmittel einnehmen.

Swank-Diät

Eine weitere Ernährungsform entwickelte der US-Neurologe Roy L. Swank (1909-1999). Sie baut zwar auf Omega-3-Fettsäuren auf, stellt aber vor allem eine fettarme Diät dar. Er modifizierte seine Richtlinien später immer wieder, plädierte aber durchgängig für eine vegetarisch orientierte Kost, die insbesondere wenig tierische Fette enthalten sollte. Statt Butter empfahl er 14 Milliliter flüssige Pflanzenöle und 5 Milliliter Fischöl täglich. Ein Kollektiv von etwa 400 Patienten, dass sich nach den Swank’schen Prinzipien ernährte und das er bis in sein hohes Alter intensiv nachbeobachtete, wies nach seinen Angaben 30 Jahre später eine deutlich höhere Überlebensrate auf.

Anti-Entzündliche Diät (AED)

Als vielversprechendsten ernährungstherapeutischen Ansatz wertet Lichtenstein die „Anti Entzündliche Diät“ (AED). Durch einen vermehrten Verzehr der in Fischölen enthaltenen Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA kann ein antientzündlicher Effekt erreicht werden. Die in tierischen Fetten enthaltene, entzündungsfördernde Omega-6-Fettsäure Arachidonsäure sollte im Gegenzug reduziert werden. Zwar fehlt auch für diese Diät ein Wirksamkeitsnachweis, doch gibt es positive Erfahrungswerte aus Studien. Positiv bewertet Silke Lichtenstein auch, dass die AED keine Verbote ausspricht. Sie arbeitet mit wöchentlichen Richtwerten, die sich nicht auf Inhaltsstoffe, sondern auf Lebensmittel beziehen. Diätfehler, die ein deprimierendes Gefühl des Misserfolgs vermitteln, gibt es nicht.

Weitere Therapieansätze

Neben der Ernährungstherapie gibt es weitere Ansätze, die den Verlauf der MS positiv beeinflussen können:

  • Regelmäßiges Fasten: Studien zeigen, dass regelmäßiges Fasten einen entzündungshemmenden Effekt haben kann.
  • Bewegung und Sport: Regelmäßige Bewegung und sportliche Betätigung sind essenziell für MS-Patienten. Diese kann sich positiv auf Symptome wie Spastiken, Fatigue, Körperhaltung, Muskelerhalt und die Prävention von Osteoporose auswirken wirken.
  • Stressmanagement: Stresslindernde Aktivitäten wie Yoga können sich ebenfalls positiv auf die Symptome der MS auswirken. Aktivitäten wie diese helfen, das Stressempfinden zu reduzieren, was wiederum das Immunsystem stärken kann.
  • Cannabis: Der Einsatz von Cannabis in der MS-Behandlung gewinnt zunehmend an Bedeutung. Studien deuten darauf hin, dass Cannabis positiv auf Symptome wie Spastiken, Schmerzempfinden, Gehfähigkeit und Blasenfunktion wirken kann.
  • Akupunktur: Akupunktur wird als eine komplementäre Behandlungsoption für MS diskutiert. Obwohl es nur wenige spezifische Studien zu Akupunktur bei MS gibt, berichten einige Patienten über positive Effekte wie Schmerzlinderung. Andererseits kann es in Einzelfällen zu Nebenwirkungen wie Müdigkeit oder verstärkten Spastiken kommen.

Die Darm-Gehirn-Achse und ihre Bedeutung für MS

Neure Studien haben vermehrt Hinweise auf die wichtige Rolle von Darmbakterien für die MS-Entstehung geliefert. Welche Bakterienarten in unserem Darm leben, hängt maßgeblich von unseren Ernährungs- und Lebensgewohnheiten ab. Und seit Kurzem wissen wir: Die Darmbakterien sind keine passiven „Mitbewohner“, sondern über die sogenannten Darm-Gehirn-Achse beeinflussen sie unseren gesamten Stoffwechsel - auch im Gehirn.

Experimentelle Studien zur Darmflora und MS

In MS-Mausmodellen wurde gezeigt, dass Tiere unter keimarmen Bedingungen seltener erkranken als Tiere mit den üblichen Darmbakterien. Durch die experimentelle Beseitigung der gesamten Darmbakterien kann im MS-Mausmodell der Krankheitsausbruch sogar vollständig unterdrückt werden. Zudem können in diesem Modell bestimmte probiotische Bakterien die Symptomatik verbessern (z. B. Bacteroides fragilis, Lactobazillen) oder verschlechtern (z. B. Lactobacillus farciminis).

Unterschiede in der Darmbakterien-Zusammensetzung

Vergleicht man die Darmbakterien-Zusammensetzung von Menschen mit MS und Gesunden, zeigen sich deutliche Unterschiede: Insbesondere Acinetobacter- und Akkermansia-Arten finden sich bei MS-Patienten überdurchschnittlich häufig. Medikamentöse MS-Therapien können diese Akkermansia-Häufigkeit reduzieren, was möglicherweise ein Mechanismus ihrer Wirkung ist. Durch die Gabe eines bestimmten Lactobazillen-Mix (L. paracasei, L. plantarum) ist es in Studien möglich, die klinische MS-Symptomatik von Mäusen signifikant zu bessern.

Kausaler Zusammenhang zwischen Darmbakterien und MS?

In einer wegweisenden Studie mit 34 eineiigen Zwillingspaaren, von denen jeweils nur ein Zwilling an MS erkrankt war, wurden die Stuhlproben auf Mäuse übertragen. Die Mäuse, die Stuhl von MS-Zwillingen erhalten hatten, erkrankten zu ca. 60 %; die Mäuse, die Stuhl der gesunden Zwillinge erhalten hatten, nur zu ca. 20 %. Dies deutet darauf hin, dass die Darmbakterien-Veränderungen bei MS-Patienten keine Folger der Erkrankung oder Therapie sind, sondern dass umgekehrt ein kausaler Zusammenhang existieren könnte.

Einfluss von Kochsalz und Fettsäuren

In verschiedenen MS-Modellen zeigt sich außerdem ein Zusammenhang zwischen erhöhter Kochsalzzufuhr und einem schweren Krankheitsverlauf. Im MS-Tiermodell bewirken mittel- und langkettige gesättigte Fettsäuren über die gesteigerte Aktivität der Th17-Zellen einen schwereren Krankheitsverlauf. Die Gabe kurzkettiger Fettsäuren dagegen (z. B. Propionsäure (Propionat) bewirkt einen milderen Krankheitsverlauf und reduziert die neuronalen Schäden.

Potenzielle Ansätze zur MS-Therapie

Nimmt man all diese Daten zusammen, ergeben sich verschiedene potenzielle Ansätze zur MS-Therapie: Einerseits könnte man die Zusammensetzung der Darmbakterien von MS-Patienten gezielt verändern (z. B. durch eine spezielle Diät). Andererseits könnte man Bakterien, die den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen, entweder in den Darm einbringen (z. B. in Form von Probiotika) oder sie im Wachstum fördern, indem die Patienten vermehrt faserreiche Lebensmittel zu sich nehmen (Präbiotika). Oder man könnte direkt die entscheidenden Stoffwechselprodukte der Darmbakterien supplementieren (z. B. kurzkettige Fettsäuren).

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