Der Glaube an Gott ist ein universelles Phänomen, das in verschiedenen Formen zu allen Zeiten und an allen Orten der Welt anzutreffen ist. Doch woher kommt dieser Glaube? Ist es eine Frage des Gehirns, der Gene oder der Kultur? Die Wissenschaft hat begonnen, diese Fragen zu untersuchen, und die Ergebnisse sind faszinierend.
Die Universalität des Glaubens
Von den fast 7 Milliarden Menschen auf der Welt gehörten im Jahr 2010 88 Prozent einer Religionsgemeinschaft an. Nur 12 % waren konfessionslos. Die größten Religionsgruppen waren Christen (33 %), Muslime (23 %), Hindus (14 %) und Buddhisten (7 %). Sicherlich hängt die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion stark von der Herkunft ab, d.h. von dem Kulturkreis, in den man hineingeboren wurde. Man wächst in einer Religion auf, wird entsprechend erzogen und passt sich der Gesellschaft an, deren Werte man übernimmt. Doch die weltweite Verbreitung von Religionen bis in die entlegensten Winkel der Erde zeigt die große Bedeutung des Glaubens an eine höhere Macht.
Die Ursprünge der Religiosität
Die Entstehung von Religiosität lässt sich bis in die früheste Menschheitsgeschichte zurückverfolgen. Voraussetzung dafür war die Entwicklung von abstraktem Denken und Sprache in der Evolution des Menschen. Es scheint, als müsse der Mensch als denkendes und zur Reflexion fähiges Wesen die Frage nach dem Warum beantworten. Er sucht im harten Kampf ums Dasein nach Orientierung, Heilung und Sinn, nach Hoffnung, Trost und Geborgenheit. Die Vorstellung, er selbst und das Universum wären nur zufällig entstanden und nach dem Tod wäre seine Existenz ausgelöscht, wäre für ihn nicht zu ertragen. So ist bei allen Kulturen der letzten 100.000 Jahre der Glaube an eine spirituelle Welt nachweisbar.
Archäologische Funde wie Grabstätten und Grabbeigaben aus dem mittleren Paläolithikum deuten auf erste Vorstellungen von Tod und Jenseits hin. Bereits der Cro-Magnon-Mensch, unser unmittelbarer Vorfahre, praktizierte magische Praktiken und brachte erste religiös-spirituelle Symbole in Höhlenmalereien und Venusfiguren hervor. Im Laufe der Zeit wurden die Religionen und Mythen immer weiter verfeinert, etwa von den Germanen, Etruskern und Kelten, die auch eine Megalithkultur mit gigantischen Kultstätten wie Stonehenge in England hervorbrachten. Ab 3.000 v. Chr. entwickelten sich dann die ägyptischen und babylonischen Priesterreligionen mit einer vielfältigen, komplexen Götterwelt, ab 2.400 v. Chr. Ab 1.200 v. Chr. begann die jüdische Stammesreligion als Vorläufer des Judentums und die Veden bildeten in Indien die Keimzelle für den Hinduismus, bis Homer und Hesiod um 700 v. Chr. die altgriechischen Götter beschrieben. Schließlich wurden die Grundsteine für weitere künftige Weltreligionen gelegt: ab 500 v. Chr. wurde die Lehre des Buddha Siddhartha Gautam überliefert, ab 440 v. Chr. die jüdische Tora aufgeschrieben.
Die Evolutionspsychologie der Religiosität
Die Evolutionspsychologie versucht, diesem Phänomen auf den Grund zu gehen. Warum hat sich bisher in jeder menschlichen Kultur irgendeine Form von religiösem System entwickelt? Nach Meinung von Evolutionspsychologen ist der Glaube an etwas Höheres tief in der Natur des Menschen verankert. Da der Mensch immer nach Erklärungen sucht, braucht er die Vorstellung von Gott, um in der feindlichen Welt überleben zu können. Der Glaube an eine übergeordnete schützende Kraft ist die Grundlage für ein unerlässliches Urvertrauen. So zählen Evolutionspsychologen die Religiosität zur genetischen Grundausstattung des Menschen, die ihm klare Vorteile im Kampf ums Überleben bringt. Menschen, die sich von den Schrecken des Todes befreiten und sich von Gott, Göttern oder einem höheren Wesen beschützt fühlten, konnten eher überleben und eine stärkere Fitness entwickeln. Laut dem US-amerikanischen Hirnforscher und Religionswissenschaftler Andrew Newberg hat der Glaube an eine höhere Macht unsere Vorfahren davor bewahrt, angesichts der eigenen Sterblichkeit in Depression zu versinken. Der Gottesglaube reduziert die Angst, einem unabänderlichen Schicksal ausgeliefert zu sein, er spendet Trost, Zuversicht und Mut.
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Der Molekularbiologe Dean Hamer sagt, Religion basiert auf kulturellen Traditionen, die gelernt werden müssen. Dagegen beruhen Religiosität und der Hang zur Spiritualität auf dem Instinkt und deshalb steckt Spiritualität im Genom des Menschen. Das heißt: Der Mensch glaubt von Natur aus, weil ihm seine Gene nichts anderes übrig lassen. Eine der wichtigsten Aufgaben der Gottes-Gene besteht darin, den Menschen mit Optimismus zu versorgen.
Die Neurotheologie: Gott im Gehirn?
Neben der Evolutionsbiologie beschäftigen sich auch andere Wissenschaftszweige mit der Frage nach dem Glauben an Gott. Der kanadische Psychologe und Neurotheologe Michael Persinger geht davon aus, dass Spiritualität eine neurobiologische Basis hat, die in angeborenen Gehirnstrukturen besteht. Seine These: Religiosität ist ein reines Konstrukt des Gehirns, das die Evolution hervorgebracht hat.
Was versteht man unter spirituellen Erfahrungen? Seit jeher gibt es Menschen, die intensive mystische Erlebnisse erfahren: seien es meditierende Buddhisten, Derwische des islamischen Sufismus oder christliche Mystiker des Mittelalters. Bei allen geht es um die Veränderung des Bewusstseins, um die Aufhebung des irdischen Selbst. Sie berichten von Selbst-Transzendenz, Gotteserfahrung und von der Auflösung des normalen Zeitempfindens. Von einem Gefühl allumfassenden Glücks, des absoluten Eins-Seins mit einem großen Ganzen, einem Verschmelzen mit dem Universum. In einem ozeanischen Gefühl erleben sie sich als Teil eines göttlichen Ganzen. Allerdings ist es unmöglich, diese Erfahrungen in Worte zu fassen oder intellektuell zu verstehen. Nach dem US-amerikanischen Psychologen William James sind mystische Erlebnisse gerade durch ihre Unaussprechlichkeit gekennzeichnet.
Der Hirnforscher und Religionswissenschaftler Andrew Newberg hat neurologische Aktivitäten bei transzendenten Zuständen erforscht. Dabei hat er meditierende buddhistische Mönche und betende Franziskanernonnen in einem speziellen Kernspintomographen untersucht. In einem Bereich des Gehirns, das für das räumliche Orientierungsvermögen und für die Bewertung von Emotionen zuständig ist. Hier hatte er das Areal des Gehirns gefunden, in dem religiöse Vorstellungen entstehen. Damit stand für ihn fest, dass religiöse oder mystische Erlebnisse biologisch real und naturwissenschaftlich messbar sind.
Der Neurotheologe Michael Persinger ging noch weiter. In seinen Versuchen wollte er mit elektromagnetischen Stimulierungen des Gehirns mystische Erlebnisse auf Knopfdruck erzeugen. In einem schallisolierten Raum bekamen die Versuchspersonen einen von ihm selbst entwickelten Helm aufgesetzt. Persinger führte das Experiment mit etwa 1.000 Testpersonen durch und konnte nach eigenen Angaben bei 80 % der Teilnehmer spirituelle Erfahrungen nachweisen. Das Erlebnisspektrum reichte von einem Zustand des Schwebens, bis zur Wahrnehmung der Präsenz Gottes oder eines Schutzengels. Auch Atheisten beschrieben transzendente Erlebnisse, etwa eine Verbundenheit mit dem Universum. Mit seinen Experimenten glaubte er, im Gehirn ein Gottes-Modul nachgewiesen zu haben. Er versuchte, die Vorstellung von Gott als reines Konstrukt des Gehirns zu beweisen. Sie gehen eher davon aus, dass Persinger einige Schaltkreise im menschlichen Gehirn gefunden hat, die eben bei religiösen Erfahrungen aktiviert werden.
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Zu ganz anderen Schlussfolgerungen als Persinger kommt auch der US-amerikanische Psychologe Abraham Maslow, der vor allem für seine Bedürfnispyramide bekannt geworden ist.
Religiosität und Gesundheit
Zahlreiche Studien kommen zu dem Ergebnis, dass gläubige Menschen gesünder sind als Nichtgläubige. Der Forscher hat alle zwischen 1978 und 1989 erschienenen Untersuchungen seines Instituts systematisch auf den Zusammenhang zwischen Glauben und psychischer Gesundheit ausgewertet. Demnach zeigen 72 % der Studien, dass die psychische Gesundheit mit dem Ausmaß, in dem sich ein Mensch religiös-spirituell engagiert, steigt.
Kritik an der Neurotheologie
Die Neurotheologie hat jedoch auch Kritik erfahren. Der Innsbrucker Jesuit Hans Goller, Professor für Christliche Philosophie, warnt davor, religiöse Erfahrungen auf neuronale Prozesse zu reduzieren. Er betont, dass die bildgebenden Verfahren der Hirnforschung lediglich den erhöhten Energieverbrauch im Gehirn messen, aber keinen direkten Zugang zum Inhalt des Bewusstseins ermöglichen. Die bunten Hirnbilder sagen uns nichts darüber aus, wie es ist, sich zu freuen, sich zu ärgern, über etwas nachzudenken, und auch nichts darüber, wie es ist, ein religiöses Erlebnis zu haben oder sich in einem besonderen meditativen Zustand zu befinden. Die Neurotheologie kann nur versuchen, festzustellen, was genau im Gehirn abläuft, wenn jemand ein religiöses Erlebnis hat, religiöse Rituale ausführt oder meditiert. Also sie sagt eigentlich nichts aus über Religion oder Theologie.
Auch Ulrich Schnabel kritisiert in seinem Buch „Die Vermessung des Glaubens“ naturwissenschaftliche Untersuchungen zu Religion, Gehirn, Evolution und Gesundheit. Er kommt zu dem Schluss, dass vorurteilsfreie Studien fehlen, da wir auch dann, wenn wir im Flackern auf dem Bildschirm „religiöses Erleben“ vermuten und meinen ganz objektiv heranzugehen, nicht ausblenden können, was für je mich „religiöses Erleben“ bedeutet. Denn dieses ist mit keiner bekannten Methode eindeutig identifizierbar.
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