Intelligentes Gehirn und Gottesvorstellung

Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Intelligenz und Religiosität ist ein vielschichtiges Thema, das sowohl wissenschaftliche als auch philosophische Betrachtungen erfordert. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte dieser Beziehung, von den Ursprüngen religiöser Vorstellungen in der Menschheitsgeschichte bis hin zu den kognitiven Prozessen, die unserem Glauben zugrunde liegen.

Die Wurzeln der Religiosität

Die Anfänge der Religion reichen tief in die Menschheitsgeschichte zurück. Archäologische Funde deuten darauf hin, dass bereits Homo sapiens und Neandertaler in der mittleren Altsteinzeit, vor etwa 120.000 Jahren, begannen, ihre Toten rituell zu bestatten. Die Toten wurden in Gruben oder Höhlen gelegt, mit Erde oder Steinen bedeckt und mit Grabbeigaben versehen. Experten vermuten, dass in dieser Zeit der Gedanke entstand, dass die Existenz eines Menschen mit dem Tod nicht zwangsläufig endet.

Experimente des Psychologen Jesse Bering zeigen, dass Kinder intuitiv an Übernatürliches glauben. In einem Puppentheater-Stück, in dem eine Maus von einem Krokodil verschlungen wurde, glaubten die meisten Kinder, dass die Seele der Maus weiterhin existiert, auch wenn ihr Körper tot ist. Eine Studie von Thomas Bouchard und Laura Koenigs ergab, dass Religiosität zu etwa 40 bis 60 Prozent vererbt ist.

Der Religionswissenschaftler Michael Blume sieht Parallelen zwischen der genetischen Veranlagung für Religiosität und Musikalität. Die genetische Veranlagung sei bei beiden Merkmalen vorhanden, aber wie diese dann ausgedrückt werde, liege an der kulturellen Prägung. Religiosität sei evolutionär erfolgreich, weil sie viele Funktionen für den Menschen erfülle, sowohl für jeden Einzelnen als auch für große Gemeinschaften. Auf individueller Ebene helfe sie, mit den Tiefen des Lebens fertig zu werden, Unerklärliches zu erklären, Sinn zu geben oder Trauer zu bewältigen. Auf gesellschaftlicher Ebene führe Glaube zu größerer Kooperation.

Evolutionäre Vorteile der Religiosität

Jesse Bering zeigte, dass sowohl Kinder als auch Erwachsene sich regelkonformer verhalten, wenn sie glauben, von Geistern oder Göttern beobachtet zu werden. Andere Forscher fanden heraus, dass Gläubige in risikoreichen Situationen vertrauensvoller und kooperativer agieren als andere. Jede Religion setzt Götter als "Wächter" von Traditionen und Werten ein, was die Werte einer Gemeinschaft für alle Mitglieder hochverbindlich und damit berechenbar macht.

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Trotz aller positiven Effekte könne Religiosität aber auch ins Negative gleiten, sagt Blume. Für diesen evolutionsbiologischen Erfolg ist der Kinderreichtum religiöser Menschen verantwortlich. Weltweit heiraten religiöse Menschen früher, bleiben länger zusammen und bekommen mehr Kinder.

Religiosität im Gehirn

Michael Blume vermutet, dass das Anwachsen des Stirnhirns bei den Frühmenschen für die Entwicklung der Religiosität verantwortlich gewesen sei. Der präfrontale Kortex ist verantwortlich für Risikoabschätzungen, Planung und Bewertungen, vereinfacht gesagt: für die Reflexion. Beim Beten sind im Stirnhirn genau die Areale aktiv, deren Anwachsen wir aus der Evolution kennen.

Einige Wissenschaftler behaupten, dass mit steigender Intelligenz der religiöse Glaube tendenziell sinkt. Michael Blume hält dagegen, dass Menschen, die in unsicheren Verhältnissen leben, religiöser sind. Da diese aber oft auch wenig Zugang zu Bildungsangeboten hätten, sei der Zusammenhang zwischen IQ und Religiosität zu einem großen Teil dadurch erklärbar.

Aberglaube als Begleiterscheinung

Egal, mit wie viel Wohlstand und Bildung jemand aufwächst: Das Gehirn hat sich im Lauf der Evolution darauf eingestellt, dass es schwer sein kann, die Frage nach dem Sinn zu beantworten. Der Aberglaube ist das Resultat dieser Anpassung des Gehirns an die Unberechenbarkeit der Welt. Das Gehirn versucht sich Sinn zusammenzureimen, indem es bei zeitlich zusammenhängenden Ereignissen häufig Ursache und Wirkung annimmt, die eigentlich nicht gegeben ist - eine Wahrnehmungstäuschung.

Wissenschaftliche Perspektiven auf Gott

Große Denker versuchen immer wieder, Gott näherzukommen. Manche sind sich sicher: Seine Existenz ist längst bewiesen. Harald Lesch wagt sich an die Frage: Was kann die Wissenschaft über Gott sagen - und was nicht? Kann unser Geist Gott erkennen? Das Universum scheint wie für uns geschaffen: Galaxien, Sterne, Planeten - und damit auch unsere Erde - könnten nicht existieren, wenn die Naturgesetze nur ein klein wenig anders wären. Ist das ein Beweis für einen göttlichen Plan? Ist es vorstellbar, dass die komplexen Lebensformen auf der Erde sich ganz ohne Lenkung von außen selbst organisieren? Oder sind wir auf einem Irrweg, wenn wir versuchen, Gottes Existenz durch sein Wirken zu belegen?

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In den 1980er-Jahren versuchte der kanadische Hirnforscher Michael Persinger zu beweisen, dass Religion ein reines Konstrukt des Gehirns sei. Mit einem selbst entworfenen Gerät, das bald "Gotteshelm" genannt wurde, stimulierte er das Gehirn von Testpersonen. Diese sollen dadurch spirituelle Erfahrungen gemacht haben. Halten die Experimente einer Überprüfung stand? Kann unser Geist Gott erkennen oder erweist sich alles nur als Hirngespinst?

Seit der Antike versuchen sich Theologen, Philosophen und Naturwissenschaftler daran, einen Beweis für Gottes Existenz zu finden. Der österreichische Mathematiker Kurt Gödel formulierte den wohl komplexesten dieser Beweise, geschrieben in der Sprache der Logik. Gut 30 Jahre später konnte mithilfe eines Computers bestätigt werden: Gödels Beweisführung ist tatsächlich folgerichtig. Aber ist die Existenz Gottes damit bewiesen?

Künstliche Intelligenz und Gottesvorstellung

Im Alltag begegnen wir schon heute vielfältigen Formen von Künstlicher Intelligenz. Bisweilen zeigt sie sehr menschenähnliche Züge. Wie verträgt sich dies mit unserem Menschen- und Gottesbild?

Viele Menschen haben bereits im Alltag mit Programmen der Künstlichen Intelligenz (KI) zu tun. KI-Programme werden eingesetzt für Kundenanfragen, in der Logistik, in Fabriken mit Produktionsstraßen, in der Landwirtschaft, in der Luftfahrt und Schifffahrt, im LKW-Verkehr und auf der Schiene, in der Telemedizin, in der Finanzwirtschaft, bei anwaltlichen Tätigkeiten und im Militär. Auch in vielen anderen Bereichen wie z.B. Spielzeug, Online-Spiele, Musikproduktion, Filmproduktion, Massenmedien, Nachrichtenproduktion sind KI-Programme schon eingedrungen.

Ein japanischer Roboterforscher sieht Roboter schon seit seiner Kindheit als Freunde der Menschen, keinesfalls nur irgendwelche Maschinen. Mit diesen Roboter-Freunden soll das Leben der Menschen schöner, besser werden können. In vielen Science-Fiction Filmen tauchen Roboter in beiden Rollen auf: die einen sind die Freunde der Menschen, die anderen ihre ärgsten Feinde.

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Ob intelligente Maschinen eher die Freunde der Menschen oder ihre Feinde sein werden, mag momentan noch unklar sein, klar ist jedoch, dass schon jetzt der Grad der Vernetzung von allem und jedem jeden Tag einen realen Raum mit realen Bedrohungen darstellt. Global operierenden Hacker-Aktivitäten mit Datendiebstählen und Erpressungen im großen Stil sind mittlerweile an der Tagesordnung.

Die bisherigen sogenannten KI-Programme sind nur in einem sehr eingeschränkten Sinne lernfähig. Bislang sind sie wie abgerichtete Hunde, die nur das suchen, was ihnen ihre Auftraggeber vorgeben, zu suchen. Sie haben noch keine wirkliche Autonomie im Lernen, sie können sich noch nicht selbständig weiter entwickeln. Allerdings sammeln sie Tag und Nacht fleißig Daten von allem und jedem und erzeugen so ihre einfachen Bilder von der Welt. In den Händen von globalen Firmen, anonymen Nachrichtendiensten, autoritären Regierungen oder verbrecherischen Organisationen können allerdings schon diese Daten zu einer echten Bedrohung werden, und diese Szenarien sind real.

Alan Matthew Turing beschrieb 1936/7 das Konzept des universellen Computers. Was Turing zur Zeit seiner kreativen Entdeckung nicht wissen konnte, ist die Tatsache, dass sein Konzept des universellen Computers offensichtlich schon seit ca. 3.5 Milliarden Jahre als ein Mechanismus in jeder biologischen Zelle existierte. Wie uns die moderne Molekularbiologie über biologische Zellen zur Erfahrung bringt, funktioniert der Mechanismus der Übersetzung von Erbinformationen in der DNA in Proteine (den Bausteinen einer Zelle) mittels eines Ribosom-Molekülkomplexes strukturell analog einem universellen Computer.

Turing warf die Frage auf, ob sein Konzept einer universellen Maschine das menschliche Gehirn nachbaut. Für Newell und Simon ist die KI-Forschung eine empirische wissenschaftliche Disziplin, die den Menschen mit seinem Verhalten als natürlichen Maßstab für ein intelligentes Verhalten voraussetzt. Aufgrund ihrer eigenen Forschungen hatten Newell und Simon den unterstellten vagen Begriff der ’Intelligenz’ schrittweise ’eingekreist’ und dann mit jenen Verhaltensweisen in Verbindung gebracht, durch die ein Mensch (bzw. ein Computer) bei der Abarbeitung einer Aufgabe schneller sein kann, als wenn er nur rein zufällig’ handeln würde.

Religiöse Vorstellungen und kognitive Prozesse

Religiöse Überzeugungen sind ebenso vielfältig wie die menschliche Phantasie. Sie reichen von sterblichen Gottheiten bis hin zu einfältigen Geistwesen. Zentral ist dabei die Einsicht, dass die Suche nach Erlösung nicht immer im Mittelpunkt steht und dass religiöses Empfinden weit über die Grenzen offizieller Religionen hinausgeht. Oft wird angenommen, dass Religionen als Trostspender gegenüber der eigenen Vergänglichkeit dienen, die Sorgen des Lebens lindern und die Angst vor dem Tod mindern. Es ist verführerisch, Religion als eine Art kognitiver Illusion zu betrachten. Die Entstehung neuer Ideen und Fantasien folgt nicht einer grenzenlosen Freiheit, sondern ist eingebettet in die strukturellen Zwänge unserer mentalen Kapazitäten. Ähnlich wie bei der genetischen Vererbung, bei der Merkmale von Generation zu Generation weitergegeben werden, tragen kulturelle Traditionen dazu bei, dass religiöse Vorstellungen sich wie “Copy-me”-Phänomene verbreiten.

Religiöse Vorstellungen sind nicht nur intellektuelle Spielereien, sondern sie haben weitreichende soziale Konsequenzen. Sie legen den Grundstein für Rituale, formen die Identität von Gruppen und sind eng mit starken Emotionen verknüpft. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass religiöse Ideen mehr sind als nur der Glaube an das Übernatürliche; sie sind eingebettet in unsere kognitiven Prozesse und tief verwurzelt in der sozialen Struktur unserer Gesellschaften.

Oft sind unsere Erwartungen und Überzeugungen unbewusst und beruhen nicht auf Vernunft. Dennoch ist die “biologische Maschine” Gehirn ein komplexes Netzwerk. Diese Erkenntnissysteme nutzen wir, um Schlüsse aus neuen Informationen oder Wahrnehmungen zu ziehen, wie beispielsweise bei der intuitiven Physik. Bereits im Säuglingsalter findet eine Unterscheidung zwischen belebten und unbelebten Bewegungen statt. Die Ursprünge komplexer begrifflicher Unterscheidungen liegen in der Entwicklung generativer Strukturen. Die Organisationsweise des menschlichen Gehirns resultiert aus einer Anpassungsleistung. Gedächtnis und die Fähigkeit, Gesichter zu identifizieren, sind essenziell für Kooperation. Wir leben in einer kognitiven Nische, in der Information Orientierung und Kenntnisse liefert. Kooperation ist angesichts unserer Schwäche und Abhängigkeit von Informationen unerlässlich. Die Dynamik von Allianzen mit einer Neigung zur Gruppenbildung führte zur Entwicklung spezifischer Fähigkeiten und Anlagen. Die Fähigkeit des menschlichen Geistes, Gedanken von den üblicherweise damit assoziierten sensorischen Erfahrungen oder Handlungen zu trennen, ermöglicht uns mentale Simulationen zur Informationsbewertung, erlaubt episodisches Erinnern und bildet die Grundlage für Meinungsbildung. Diese Fähigkeit zur mentalen Distanzierung liegt auch dem Glauben an Übernatürliches zugrunde: Wenn ein Aspekt außer Kraft gesetzt wird, arbeiten die Erkenntnissysteme weiter wie gewohnt.

Religion könnte als ein zwar unbeabsichtigtes, aber dennoch folgenreiches Nebenprodukt der menschlichen Evolutionsgeschichte betrachtet werden. Ihre Wurzeln finden sich in der kindlichen Entwicklung. Kinder sind in ihrer Frühphase abhängig und verwundbar, weshalb die Evolution sie darauf programmiert hat, erwachsenen Bezugspersonen Vertrauen zu schenken - diese sind ihre Lebensretter. Ein Kind, das mit der Vorstellung aufwächst, ein höheres Wesen beherrsche das Universum, wird diese Idee als Tatsache akzeptieren.

Es ist entscheidend, dass wir Kindern die Freiheit lassen, über religiöse Zugehörigkeit selbst zu entscheiden. Niemand würde sein Neugeborenes bei einer politischen Partei anmelden, denn ein Kind hat noch keine politische Meinung und kann auch nicht selbst wählen, politisch aktiv zu werden. Insbesondere in den christlichen und einigen anderen Religionen geschieht die religiöse Inklusion oft durch körperliche Rituale, ohne dem Kind eine Wahl zu lassen.

Menschen sind geneigt, an Wesen mit scheinbar übernatürlichen Kräften zu glauben. Diese Wesen sind in unterschiedlichem Maße bedeutend in unseren Leben. Der Nutzen der Religion liegt mehr in der Praxis als in der Theorie. Glaube wird besonders in Momenten des Bedarfs wichtig, wie etwa nach dem Verlust eines geliebten Menschen, wenn Menschen sich in Gebeten an eine höhere Macht wenden. Unsere kognitiven Systeme registrieren Aktivitäten, ohne unmittelbar ihre Quelle zu erkennen, und wir neigen dazu, dahinter einen Akteur zu vermuten. Dies führt dazu, dass wir Zeichen übernatürlicher Akteure erkennen.

Was bewegt Menschen dazu, Gottheiten und spirituellen Wesen Bedeutung beizumessen? Diese Frage führt uns zu der Beziehung zwischen Moral und Religion, einer Verbindung, die weltweit mit der menschlichen Erfahrung von Leid verknüpft ist. Unsere moralischen Überlegungen sind in einem System von Regeln und Schlussfolgerungen organisiert, während moralische Empfindungen emotionale Reaktionen auf bestimmte Situationen oder Entscheidungen sind. Unser Bewusstsein ist so organisiert, dass es uns leichter fällt, Gottheiten Relevanz zuzusprechen. Das Verständnis moralischer Gewissheiten als Perspektive eines anderen Wesens erleichtert es uns zu begreifen, warum wir sie besitzen.

Darwinistische Perspektive auf die Seele

Darwin erkannte, dass ein stupider Vorgang namens Evolution so etwas wie Intelligenz hervorbringen konnte: Design ohne Designer, Geschöpfe ohne Schöpfer, Intelligenz ohne höhere Intelligenz. Sein Gedanke stellt tatsächlich eine Art Mord dar, und nicht irgendeinen: Es ist Gott höchstpersönlich, den Darwin auf dem Gewissen hat. Darwin hat Gott als Erklärung für die Lebensvielfalt auf Erden überflüssig gemacht.

Die Evolutionstheorie führt unausweichlich zur Einsicht, dass wir Menschen in einer kontinuierlichen Linie mit den anderen Lebewesen stehen. Das gilt nicht nur für unseren Körper, für unsere Triebe und Instinkte. Das gilt für unser gesamtes Ich, auch und sogar für unsere „Seele“. Aus darwinistischer Sicht aber ist es höchst unwahrscheinlich, dass unsere Seele im Laufe der Entwicklungsgeschichte plötzlich in uns hineingepflanzt wurde.

Vielmehr müssen wir annehmen, dass auch die Seele ein Evolutionsprodukt ist, das sich, mit dem Gehirn, dem Organ der Seele, stufenweise entwickelt hat. Mäuse haben vermutlich schon ein bisschen Seele, die vielen Tiere, die wir industriell züchten, einsperren und dann essen, Schweine zum Beispiel, haben schon etwas mehr Seele, Affen noch mehr, und der Mensch hat mit Sicherheit die am weitesten entwickelte Seele.

Darwin zwingt uns, scheinbar göttliche Eigenschaften der Seele in natürliche umzudeuten. Die erste „göttliche“ Eigenschaft der Seele liegt in ihrem luftigen Charakter. Wir haben den Eindruck, unsere Seele sei - wie Gott - etwas Außerkörperliches, Immaterielles. Darwins Evolutionstheorie aber legt nahe, dass es nur eine einzige Welt gibt, die physikalische.

Nicht unsere Seele steuert das Gehirn, sondern das Gehirn bringt unsere Seele, mitsamt Ich und „seinen“ Gedanken und Gefühlen hervor. Nicht „Ich denke“, sondern das Gehirn denkt sich unser Ich! Jedes Mal, wenn man uns ein buntes Bildchen unseres durchleuchteten Oberstübchens präsentiert, staunen wir aufs Neue. Wir staunen, weil wir die Arbeit, die das Gehirn verrichtet, sonst nie zu Gesicht bekommen. Das Gehirn arbeitet inkognito, unsichtbar, geisterhaft. Wir nehmen nur die Ergebnisse dieser Arbeit wahr.

Wenn es zwei Welten gäbe, eine physikalische und eine jenseits der Physik, dann könnte es so etwas wie einen unbewegten Beweger im Kopf geben. Aber es gibt nur diese eine Welt, die physikalische, und die ist kausal geschlossen. Es gibt darin kein unbewirktes Wirken. Unser Ich wird vom Gehirn hervorgebracht ebenso wie all unsere Gedanken. Jeder aktuelle Hirnzustand aber wird vom vorhergehenden Zustand sowie von Außenreizen und Zufallsprozessen bestimmt. Ein freier Wille ist aus dieser Sicht nicht nur unplausibel - er ist physikalisch unmöglich.

Moralische Regeln erscheinen aus darwinistischer Sicht nicht als göttlich, sondern als Anpassung an eine sozial komplexe Welt. Wessen Umwelt eine soziale ist - und die Umwelt des Menschen ist hochgradig sozial, Menschen überleben praktisch nur in Gruppen -, der verhält sich besser nicht amoralisch wie ein Psychopath, sondern moralisch, sozial. Moralische Regeln, Verantwortung, Schuld, all das dient dem Überleben in Gruppen.

Sowohl die Willensfreiheit als auch unsere moralischen Gefühle sind Konstruktionen eines durch die Evolution optimierten Gehirns. Sollten Illusionen dem Überleben dienen, dann sind der Evolution auch Illusionen herzlich willkommen. Freier Wille, Verantwortung, Schuld - all das erschien Darwin und Nietzsche als mehr oder weniger nützliche Fiktionen.

Projektion des Menschen auf Gott

Der Mensch schuf Gott nach seinem Ebenbild. So könnte man, in Umkehrung eines Satzes aus der biblischen Schöpfungsgeschichte, den Philosophen Ludwig Feuerbach zitieren. Feuerbach (1804-1872)hielt Gott für eine Projektion des Menschen: Das, was er zu erkennen glaubt, ist nur ein Spiegelbild seiner seelischen und körperlichen Bedürfnisse. Auch Sigmund Freud (1856-1939), der Vater der Psychoanalyse, hält die Religionen für menschengemacht. Seine Beobachtung setzt bei der Angst und Bedürftigkeit des Menschen an: Glauben ist für ihn organisierter Widerstand gegen die eigene Angst und gegen Begrenzungserfahrungen.

Die Version von Richard Dawkins (Jahrgang 1941), einem britischen Zoologen: Der Mensch erfand die Religion, weil sie ihm Vorteile bringt in der Evolution. Glaube macht stark und entschlossen. Es bringt, so Dawkins, Selektionsvorteile, sich an den Satz zu halten: „Glaube alles, was die Erwachsenen dir sagen, ohne ­weiter nachzufragen“ („Der Gotteswahn“). Der Nachteil solchen Vertrauens: sklavische Leichtgläubigkeit. Für Dawkins ist der Glauben ein geistiger Virus, religiöse Erziehung Kindesmissbrauch.

Aber stimmt das? Dass der Glauben Vorteile für die Bewältigung des Lebens bietet, heißt noch nicht, dass Menschen ihn aus freien Stücken entworfen hätten. Auch wenn die Anfänge der Religionen weitgehend im Dunkeln liegen, legen schon die ältesten Kulte Wert darauf, dass sie ge­offenbart und keineswegs von Sehern oder Priestern erfunden wurden. Eine Schutzbehauptung? Nein. Religion wurde und wird grundsätzlich als eine dem Menschen von außen entgegentretende Welt verstanden.

Ein „erfundener“ Glaube, der nur das Spiegelbild der eigenen Bedürfnisse wäre, würde sich selbst überflüssig machen. Gerade weil Glaube mehr ist als die Summe persönlicher Erfahrungen, wirkt er wie ein notwendiges Korrektiv im Alltag. Religionen zeichnen sich dadurch aus, dass sie auf die Lebens- und Glaubenserfahrungen von etlichen Generationen zurückgreifen. Auch die Bibel ist eine solche Sammlung von Glaubensberichten aus vielen Jahrhunderten, jeder aus einer eigenen Er­fahrungen erwachsen. Aber man darf zwei Dinge nicht verwechseln: die Subjektivität der Schilderungen und eine freie „Erfindung“ des Glaubens.

Intelligenz, Religiosität und kognitiver Stil

Eine gängige Erklärung für die inverse Korrelation zwischen Intelligenz und Religiosität ist, daß intelligente Menschen es „besser wissen“ und keine Glaubensvorstellungen akzeptieren, die nicht auf empirischen Daten oder logisch-rationalem Denken beruhen. Diese Erklärung beruht auf der Annahme, daß intelligentere Menschen eher analytisch denken und analytisches Denken zu verminderter Religiosität führt. Es gibt Evidenz für eine Korrelation von Intelligenz und der Fähigkeit, kognitiver Verzerrung zu widerstehen.

Sedikides argumentiert, daß religiöser Glaube vor allem von einem bestimmten Motiv oder Bedürfnis angetrieben wird. Die Autoren der Metaanalyse argumentieren, daß diese Bedürfniserfüllung, diese Funktion der Religion aber auch anderweitig, z.B. durch höhere Intelligenz erfolgen kann, wonach Religion und Intelligenz in dieser Hinsicht funktional äquivalent wären. Studien zeigten, daß Menschen, die die Kontrolle über etwas in ihrem Leben verloren hatten, sich mehr in ihrer Religion geborgen fühlten, da ihnen dies suggerierte, daß das Weltgeschehen immer noch unter Gottes Kontrolle stehe und mithin vorhersagbar und nicht-zufällig sei. Andererseits wurde in unabhängigen Studien gezeigt, daß auch Intelligenz ein Gefühl persönlichen Kontrollvermögens sowie der damit verwandten Selbsteffizienz vermittelt.

Religiosität fördert sowohl die Selbstkontrolle, also die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub, als auch alle Komponenten der Selbstregulation, darunter das Setzen von Zielen, die Wahrnehmung von Diskrepanzen zwischen dem eigenen gegenwärtigen Status und den gesetzten Zielen und der Anpassung des eigenen Verhaltens, um es besser auf das Erreichen des gesetzten Ziels auszurichten. Auch Intelligenz ist assoziiert mit besseren Selbstkontroll- und regulationsfähigkeiten. Die meisten Menschen neigen dazu, sich selbst positiv einzuschätzen, tendieren also zu einer Erhöhung ihres Selbstwertgefühls. Metaanalysen zeigten, daß intrinsische Religiosität verbunden ist mit einer Erhöhung des Selbtwertgefühls.

Spiritualität jenseits der Religion

Erkenntnis ist ein gemeinsames Ziel sowohl von Spiritualität als auch von Wissenschaft. Bei Wissenschaft geht es um Welt-, bei Spiritualität um Selbsterkenntnis. Metzinger diskutiert die Möglichkeit eines Weiterlebens nach dem Tod des Körpers. Es gebe heute wissenschaftliche Modelle, um diesen Zusammenhang zu beschreiben. Doch keines davon gehe von der Möglichkeit eines Weiterlebens der Person ohne funktionierendes Gehirn aus. Vielmehr zeige die Hirnforschung: Ohne Hirn kein Bewusstsein.

Die Vorstellung einer immateriellen Seele und damit verbunden eines Lebens nach dem Tod ist wissenschaftlich unplausibel. Bis auf Weiteres spricht wissenschaftlich wenig - oder nichts - für einen Leib-Seele-Dualismus. Die vernünftigste Annahme ist, dass auch fortgeschrittene Meditationszustände ein notwendiges neuronales Korrelat besitzen, ohne das sie nicht auftreten können.

Manche Vertreter der Wiederauferstehung interpretieren diese nämlich materialistisch. Das heißt, die Menschen würden dann wieder einen lebendigen Körper bekommen. Ähnlich verhält es sich bei der vor allem in asiatischen Religionen populären Vorstellung von der Reinkarnation. Im Buddhismus beispielsweise hat man bis heute nicht schlüssig geklärt, was genau wiedergeboren werden soll.

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