Migräne und Zahngesundheit: Ein ganzheitlicher Ansatz

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die sich durch starke, oft einseitige Kopfschmerzen auszeichnet und mit Symptomen wie Übelkeit, Lichtempfindlichkeit und Sehstörungen einhergehen kann. Die genauen Ursachen sind komplex und oft nicht vollständig verstanden. Als ganzheitlicher Zahnarzt betrachte ich den menschlichen Körper nicht als eine Ansammlung isolierter Teile, sondern als ein eng miteinander verbundenes System, in dem Störungen in einem Bereich Auswirkungen auf andere haben können. Der Zustand der Zähne und des Kiefers spielt dabei eine zentrale Rolle, die häufig unterschätzt wird. Dieser Artikel beleuchtet den Zusammenhang zwischen Zahngesundheit und Migräne, mögliche Ursachen und Behandlungsansätze.

Kopfschmerzen und ihre Vielfalt

Kopfschmerzen können stechend, pochend, ein- oder beidseitig sein. Bei sehr starken Kopfschmerzen (Migräne) kann es zu Erbrechen, Lichtempfindlichkeit und Schwindel kommen. Tatsächlich ist nicht die Hirnsubstanz selbst schmerzempfindlich, sondern die Hirnhäute, -nerven und -blutgefäße. Die häufigsten Arten von Kopfschmerz sind Spannungs- und Clusterkopfschmerz und die Migräne.

Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) als Migräneauslöser

Gerade bei chronischen Kopfschmerzen oder solchen, die immer wiederkehren, sollten die Zähne als Ursache ausgeschlossen werden. Der Grund ist, dass durch Zahn- oder Kieferfehlstellungen die Gesichtsmuskulatur so verspannen kann, dass Kopfschmerzen entstehen. In schweren Fällen spricht man von einer Craniomandibulären Dysfunktion. Dabei kann die Lage der Zähne gestört sein (Okklusopathie), die Kaumuskulatur (Mylopathie) oder das Gelenk selbst die Ursache sein (Arthropathie).

Was ist CMD?

Die Craniomandibuläre Dysfunktion beschreibt eine Funktionsstörung im Kausystem, also im Bereich des Kiefergelenks und der umgebenden Muskulatur. Wenn das Kiefergelenk nicht richtig funktioniert, kann dies weitreichende Auswirkungen haben. CMD kann Schmerzen im Kiefer verursachen, aber auch Probleme, die weit über den Mundbereich hinausgehen und den gesamten Kopf betreffen. CMD bleibt jedoch häufig nicht auf die Zähne, Kiefer und Kaumuskeln beschränkt, sondern kann sich auch auf andere Körperregionen auswirken.

Wie CMD Kopfschmerzen und Migräne auslöst

Die Muskulatur des Kiefers ist eng mit den Muskeln im Gesicht, Kopf und Nacken verbunden. Ist das Kiefergelenk durch Fehlfunktionen oder Fehlstellungen belastet, überträgt sich diese Spannung auf benachbarte Muskelgruppen. Dies kann zu Verspannungen im Kopfbereich führen und Kopfschmerzen oder Migräne auslösen. CMD und Kopfschmerzen sind eng miteinander verknüpft, da der Kiefer durch verschiedene Mechanismen Einfluss auf den Kopfbereich nehmen kann.

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Muskelverspannungen durch Fehlfunktionen

CMD verursacht oft Muskelverspannungen im Kiefer- und Nackenbereich. Diese Verspannungen strahlen häufig in den Kopf aus und führen zu Kopfschmerzen. Besonders betroffen sind die Schläfenmuskeln, die bei Menschen mit CMD oft schmerzhaft verhärtet sind. Langfristige Verspannungen in diesen Muskeln können sogar Migräneanfälle auslösen.

Nervenreizungen

Das Kiefergelenk liegt in der Nähe wichtiger Nerven, die für die Kopf- und Gesichtsmuskulatur zuständig sind. Wenn CMD zu einer Überbeanspruchung des Kiefergelenks führt, können diese Nerven gereizt werden und Kopfschmerzen verursachen, die als stechend oder drückend empfunden werden.

Fehlstellungen im Kiefer

Zahnfehlstellungen oder ein asymmetrischer Biss können CMD begünstigen und das Gleichgewicht im Kausystem stören. Diese Dysbalance überträgt sich auf die gesamte Kopf- und Nackenregion, was zu einer Überbelastung der Muskulatur und Migräne führen kann.

Symptome von CMD und Kopfschmerzen

Kopfschmerzen, die durch CMD ausgelöst werden, zeigen sich oft in bestimmten Regionen und werden durch bestimmte Aktivitäten verstärkt. Hier sind typische Anzeichen, die auf CMD als Auslöser hindeuten können:

  • Spannungskopfschmerzen: Diese Kopfschmerzen entstehen durch Verspannungen im Kiefer und Nacken und werden häufig als drückend oder ziehend beschrieben.
  • Migräneanfälle: Migräne durch CMD ist oft durch einseitige, pulsierende Schmerzen und eine hohe Lichtempfindlichkeit gekennzeichnet.
  • Kieferschmerzen und Knacken: Begleitend zu Kopfschmerzen können Schmerzen im Kiefer und ein Knacken oder Knirschen beim Öffnen und Schließen des Mundes auftreten.
  • Nacken- und Schulterverspannungen: Viele Patienten mit CMD klagen über Verspannungen in Nacken und Schultern, die ebenfalls Kopfschmerzen verstärken können.

Ursachen einer CMD

Die Ursachen für CMD sind vielfältig. Häufig stecken jedoch Zahnfüllungen oder Zahnersatz dahinter, die nicht exakt eingeschliffen wurden. Stimmt die Bisshöhe nicht mehr, sind die Zähne nicht mehr korrekt verzahnt. Das wirkt sich auf die Kiefergelenke aus. Weitere Ursachen können Verletzungen oder angeborene Fehlstellungen sein, die sich auf die Kieferstellung auswirken, oder auch eine kieferorthopädische Therapie, die fehlerhaft ist oder das korrekte Aufeinanderbeißen der Zähne nicht ausreichend oder sogar von vornherein gar nicht berücksichtigt, weil sie sich nur auf die Ästhetik der Frontzähne beschränkt.

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All diesen Ursachen gemeinsam ist, dass sie das Zusammenspiel von Zähnen, Kiefergelenk und Kaumuskulatur stören. Dies kann lange Zeit unbemerkt bleiben, weil der Kauapparat die Fehlbelastung kompensiert. Kommen weitere Faktoren wie etwa Stress oder Alters- und Abnutzungserscheinungen hinzu, kann die CMD jedoch Beschwerden verursachen.

Diagnose von CMD

Zur Diagnostik gehören Kontrolle der Zähne, der Kiefergelenke und der Muskulatur durch den Zahnarzt/ die Zahnärztin. Beim Verdacht auf eine craniomandibuläre Dysfunktion führt der Zahnarzt oder Fachzahnarzt für Kieferorthopädie zunächst eine sogenannte manuelle Funktionsanalyse durch - eine gründliche Untersuchung des Zahn-, Kiefer- und Kopfbereichs. Er überprüft, ob das Kiefergelenk in seiner Beweglichkeit eingeschränkt ist und ob die Kontakte der aufeinanderbeißenden Zähne stimmen. Durch Abtasten lässt sich ermitteln, ob die Muskeln, die am Kauvorgang beteiligt sind, verhärtet oder druckschmerzhaft sind.

Neben der manuellen Untersuchung kommen auch instrumentelle Funktionsanalysen zum Einsatz. Das sind spezielle Messverfahren, mit deren Hilfe man die Lage und die Bewegungen der Kiefergelenke in bestimmten Belastungssituationen dreidimensional darstellen und analysieren kann. Dies erfolgt z. B. mit Hilfe von Gipsmodellen und einem Artikulator: einem Gerät, das die Gelenkbewegungen des Patienten simuliert. Aber auch hochpräzise computergestützte Verfahren, die Kieferbewegungen und Kaudruck digital darstellen, sind inzwischen verfügbar. Eine MRT-Diagnostik kann bei bestimmten Fragestellungen zusätzliche Hinweise geben.

Bei der Diagnostik geht es auch darum, mögliche Ursachen der CMD festzustellen. Deshalb sind z. B. auch Befunde vom Orthopäden oder von anderen Fachärzten wichtig, die etwa Rückschlüsse auf Wirbelsäulenprobleme geben. Der Zahnarzt oder Fachzahnarzt arbeitet wenn nötig eng mit den anderen beteiligten Fachrichtungen zusammen und nimmt ggf. eine koordinierende Funktion ein - z. B. wenn neben der zahnärztlichen oder fachzahnärztlichen Behandlung noch Physiotherapie oder Osteopathie angezeigt ist. Insbesondere, wenn Schmerzen chronisch geworden sind und sich verselbstständigt haben oder wenn in großer Regelmäßigkeit Schmerzmittel eingenommen werden, ist es oft sinnvoll, einen Schmerzmediziner hinzuzuziehen.

Therapie von CMD

Die Therapie der Craniomadibulären Dysfunktion baut auf verschiedene Ansätze. Ein wichtiger Schritt ist, die Zähne von Fehlkontakten zu befreien und in die richtige Stellung zu bringen. Des Weiteren sollte für Entspannung der Muskulatur gesorgt werden. Dies kann durch Wärme oder Massage geschehen. In schweren Fällen kann es sogar nötig sein, ein muskelerschlaffendes Mittel (Botox) in die Muskeln zu injizieren. Zusätzlich ist die Anfertigung einer Knirscherschiene angeraten. Sie schützt nicht nur die Zähne, sondern sorgt für eine Entspannung der Kaumuskulatur.

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Eine Maßnahme, die sich bei CMD sehr bewährt hat, sind transparente, adjustierte Aufbissschienen aus Kunststoff, die hauptsächlich nachts getragen werden. Sie haben den Effekt, dass sie den Unterkiefer in die gewünschte Position bringen. Auch tagsüber lassen sich so eingefahrene Verhaltensmuster korrigieren, weil sich die Kiefer wieder an ihre natürliche Bisslage gewöhnen. Man kann sagen: So unterschiedlich die Fehlstellungen sein können, so unterschiedlich sind die empfohlenen Tragezeiten. Auch Zahnschmelzabrieb durch Zähneknirschen (Bruxismus) lässt sich durch Knirscherschienen verhindern. Oft wird dadurch schon eine deutliche Besserung der Beschwerden erreicht. Eine physiotherapeutische Behandlung ist als Ergänzung oft sehr sinnvoll.

Zusätzlich kann es hilfreich sein, die Zähne in Ausnahmefällen gezielt zu beschleifen oder abgenutzte Kauflächen durch Aufbauten (Bisserhöhung) wiederherzustellen. So werden die Kräfte, die beim Kauen wirken, wieder gleichmäßig über die Zähne und Kiefer verteilt. Das führt zu einer Entlastung der Kaumuskulatur und wirkt Verspannungen im Kopf-, Hals-, Nacken- und Schulterbereich entgegen und das Gebiss wird "knirschfähig" gemacht.

Behandlungsmöglichkeiten bei CMD-bedingten Kopfschmerzen

  • Aufbissschienen zur Entlastung des Kiefergelenks: Eine individuell angepasste Aufbissschiene entlastet das Kiefergelenk und verhindert, dass die Zähne nachts aufeinandergepresst werden. Sie schützt die Zähne vor Abrieb und hilft, die Muskulatur zu entspannen, was Kopfschmerzen lindern kann.
  • Physiotherapie und Entspannungsübungen: Physiotherapie ist besonders hilfreich, um die Muskulatur im Kiefer- und Nackenbereich zu lockern. Therapeuten können gezielte Übungen zeigen, die den Muskeltonus senken und Verspannungen lösen. Auch einfache Entspannungsübungen wie progressive Muskelentspannung oder Atemtechniken können den Stress reduzieren, der oft CMD-Symptome verstärkt.
  • Kieferorthopädische Maßnahmen bei Fehlstellungen: Wenn eine Zahnfehlstellung die Ursache für CMD ist, kann eine kieferorthopädische Behandlung helfen, den Biss zu korrigieren und die Spannung im Kiefer zu reduzieren. Dadurch werden die Kiefergelenke entlastet und das Risiko für Kopfschmerzen sinkt.
  • Stressmanagement und Psychotherapie: Stress ist ein häufiger Auslöser und Verstärker von CMD. Durch Techniken zur Stressbewältigung wie Yoga, Meditation oder Atemübungen lässt sich der Stresspegel senken und die Muskelspannung verringern.

Weitere zahnärztliche Ursachen für Migräne

Auch wenn der Patient/ die Patientin nicht knirscht, können die Zähne eine Ursache für Kopfschmerz darstellen. Chronische Entzündungen des Zahnnervs zum Beispiel stellen eine Erkrankung dar, die den gesamten Organismus beeinträchtigen kann. Stellen Sie sich eine Entzündung im Knochen vor, die der Körper permanent in Schach halten muss. Im Oberkiefer ragen nicht selten die Wurzeln der Backenzähne in die Kieferhöhlen. Eine Entzündung kann hier zur Beteiligung der Kieferhöhlen mit Schmerzen führen. Auf dem Röntgenbild kann der Behandler /die Behandlerin erkennen, ob die Kieferhöhle an der Entzündung beteiligt ist. Umgekehrt sollte bei Zahnschmerzen im Oberkiefer ohne eindeutige Ursache auch an eine Sinusitis gedacht werden.

Materialunverträglichkeiten

In seltenen Fällen kommt es zu Unverträglichkeitsreaktionen von Füllungs- oder Kronenmaterialien. Hiervon betroffen sind vor allem alte Amalgamfüllungen. Materialunverträglichkeit kann zu Kopfschmerzen führen, auch wenn die Ursache hierfür nicht ganz geklärt ist. Bei chronischen Kopfschmerzen sollte daher an den Austausch von alten Füllungen gedacht werden.

Möglicher Zusammenhang zwischen Migräne und Parodontitis

Studien weisen auf einen Zusammenhang zwischen Parodontitis und Migräne hin. Parodontitis ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des Zahnhalteapparates (Zahnfleisch und Kieferknochen), die infolge einer Ansammlung von Bakterien als Zahnbelag entsteht. Es wird vermutet, dass bestimmte Entzündungsmediatoren, bei Entzündungen auftretende Botenstoffe, an der Auslösung von Migräne-Anfällen beteiligt sind. Auch bestimmte Biomarker (also messbare biologische Merkmale), die sowohl bei Migräne als auch Parodontitis auftreten, ließen sich in Untersuchungen feststellen. Insgesamt ist die Studienlage aber noch nicht hinreichend gesichert, um zu beurteilen, ob die Behandlung von Parodontitis auch der Migräne-Therapie nützt.

Können schmerzende Weisheitszähne Migräne auslösen?

Es gibt kaum wissenschaftliche Untersuchungen dazu, ob Kopfschmerz oder Migräne durch schmerzende Weisheitszähne auftreten kann. Da aber Zahnschmerzen und Kopfschmerzen vom selben Nerv, dem Trigeminusnerv, übertragen werden und schmerzhafte Beeinträchtigungen in diesem Bereich Kopfschmerzen bei Migräne-Patienten auslösen können, ist ein Zusammenhang möglich, wenn auch nicht nachgewiesen.

Was Sie selbst tun können

  • Entspannung: Erkennen Sie, in welchen Situationen Sie besonders dazu neigen, Ihre Zähne aufeinanderzubeißen, weil Sie gestresst oder angespannt sind. Versuchen Sie, zwischendurch immer wieder bewusst lockerzulassen. Kleine Erinnerungsbotschaften können hilfreich sein. Kleben Sie sich z. B. ein Post-it oder einen Klebepunkt als Reminder zum Lockerlassen an den Bildschirm oder ins Cockpit Ihres Autos.
  • Stressbewältigung: Erlernen Sie Techniken zur Stressbewältigung wie Yoga, Meditation oder Atemübungen.

Ganzheitliche Betrachtung und interdisziplinäre Zusammenarbeit

Wie Sie sehen konnten, stellt der Kopf ein sensibles System dar, dessen Bereiche sich gegenseitig beeinflussen können. Alternative Heilmethoden haben schon immer den Zusammenhang von Zähnen und Allgemeingesundheit ins Auge gefasst. Die enge Zusammenarbeit mit Neurologen, Physiotherapeuten und anderen Fachärzten ist von entscheidender Bedeutung, um die richtige Behandlung zu finden.

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