Viele Menschen trainieren gezielt ihre Muskulatur, ihr Herz-Kreislauf-System oder ihre Ausdauer - doch oft bleiben trotz intensiven körperlichen Trainings Defizite bestehen. Bewegungen wirken nicht rund, Schmerzen treten auf oder die gewünschte Leistungssteigerung bleibt aus. Der Grund dafür liegt häufig nicht in mangelnder Kraft oder Kondition, sondern in der Art und Weise, wie das Gehirn und das Nervensystem Bewegungen steuern. Hier setzt die Neuroathletik an, eine Trainingsmethode, bei der das Nervensystem im Mittelpunkt steht. Anders als beim klassischen Muskeltraining geht es darum, die Prozesse im Gehirn zu verbessern, die unsere Bewegungen steuern. Es kann der Schlüssel zu einer besseren Beweglichkeit, weniger Schmerzen und mehr Leistung sein - egal, ob im Alltag oder im Sport.
Was ist Neuroathletik?
Neuroathletik ist eine Trainingsmethode, die das zentrale Nervensystem in den Mittelpunkt stellt. Im Gegensatz zu herkömmlichen Sportübungen, die etwa auf Muskelaufbau oder Herz-Kreislauf-Training abzielen, liegt der Fokus bei Neuroathletik auf den bewegungssteuernden Bereichen des Nervensystems.
Der Begriff Neuroathletik wird häufig synonym zu neurozentriertem Training verwendet. Während neurozentriertes Training eher zur Rehabilitation, zur Linderung von Schmerzen, aber auch zur Prävention von Sportverletzungen eingesetzt wird, findet Neuroathletik-Training eher im Bereich des Spitzensports und zur Leistungssteigerung Anwendung. „Trotz der unterschiedlichen Bezeichnungen sind Vorgehen und Übungen bei Neuroathletik und neurozentriertem Training weitestgehend gleich“, erklärt Andreas Könings, Gründer der Deutschen Neuro-Akademie und Experte für neurozentriertes Training. „Beide Varianten kümmern sich nicht um den Körper, also die Hardware, sondern um die neuronalen Aspekte, die Software.“
Den Begriff Neuroathletik hat hierzulande der Sportwissenschaftler Lars Lienhard geprägt, der unter anderem im Jahr 2014 Spieler der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Brasilien betreute. Sein Ansatz wiederum beruht auf dem Prinzip des amerikanischen Chiropraktikers Eric Cobb, der Anfang der 2000er-Jahre begann, Athletiktraining und Neurowissenschaften zu verbinden.
Wie hängen Gehirn und sportliche Leistung zusammen?
Das Gehirn spielt eine zentrale Rolle bei jeder Art von Bewegung, denn es verarbeitet Informationen aus den verschiedenen Sinnessystemen und leitet daraus Bewegungsabläufe ab. „Das Gehirn ist die Zentrale des Nervensystems und das Nervensystem entscheidet letztendlich, wie schnell ich laufe, wie hoch ich springe, wie viel Kraft ich habe oder ob ich Schmerzen habe“, sagt Könings. Das Gehirn steuert Körperfunktionen, Bewegungen und Schmerzempfinden. Neuroathletik zielt durch das Training des Gehirns darauf ab, die Aufnahme und Verarbeitung von Informationen im Nervensystem zu optimieren. Mithilfe der verbesserten Koordination zwischen Gehirn und Muskeln lassen sich Fehlhaltungen korrigieren, Bewegungsmuster optimieren und die eigene Leistungsfähigkeit steigern.
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Man unterscheidet zwischen dem zentralen Nervensystem, zu dem Gehirn und Rückenmark gehören, und dem peripheren Nervensystem, zu dem die Nerven zählen. Sensorische Nerven transportieren Informationen, die wir über Sehen, Hören, Schmecken, Tasten oder Fühlen aufnehmen, an das zentrale Nervensystem. Über die Nerven werden sensorische Reize an das Gehirn geleitet. Dort können die Signale als gefährlich oder ungefährlich interpretiert werden. Wertet das Gehirn eine Gefahr, sendet es Stopp-Signale an die Muskeln und eine mögliche optimale Leistung wird gebremst.
Solche Gefahrensignale für das Gehirn können beispielsweise Schmerzen durch einen verstauchten Knöchel sein, aber auch unzureichende Informationen wie ein durch eine Schirmmütze eingeschränktes Sichtfeld. Könings erklärt diesen Sachverhalt so: Während Ersteres ein echtes Problem für den Körper darstellt und das Gehirn das Signal geben muss, den Fuß nicht mehr zu belasten, ist die Schirmmütze ein Fehlalarm. Aber einer, der die jeweilige Person vielleicht langsamer joggen lässt, da das Gehirn meldet: Tempo runter, sonst stürzt du.
Je besser das Gehirn also in der Lage ist, von den Sinnesorganen vermittelte sensorische Informationen wie Gleichgewicht, visuelle Eindrücke oder die Wahrnehmung der Körperposition einzuordnen und darauf zu reagieren, desto weniger lasse es sich von solchen Fehlalarmen täuschen und umso präziser und effizienter könne die jeweilige Person Bewegungen ausführen.
Wie funktioniert Neuroathletik-Training?
Ziel des Neuroathletik-Trainings ist es, die Verarbeitung sensorischer Reize, die wir durch Sehen, Hören oder Fühlen wahrnehmen, zu trainieren - damit Bewegungen präziser, schneller und sicherer ablaufen. Die koordinativen Fähigkeiten - wie Reaktionsfähigkeit, Gleichgewicht, Kopplungsfähigkeit von Muskeln und Bewegungen - werden gestärkt und gezielt bestimmte Hirnregionen und Nervenbahnen aktiviert.
Neuroathletik zielt auf die Verbesserung des Zusammenspiels von zentralem und peripherem Nervensystem. Dabei liegt der Fokus auf den reizverarbeitenden Systemen, die eine zentrale Rolle für Bewegungsabläufe spielen: das visuelle, das vestibuläre und das propriozeptive System. Diese drei Systeme sind wichtig für visuelle Eindrücke, Gleichgewicht und die Eigenwahrnehmung der Bewegung des Körpers. Sie interagieren kontinuierlich miteinander und mit dem zentralen Nervensystem, das die von ihnen stammenden Informationen verarbeitet und gegebenenfalls ausgleicht. In der Neuroathletik sollen durch bestimmte Übungen eventuelle Fehler im Zusammenspiel der verschiedenen Systeme abgemildert und der Informationsfluss zwischen peripherem und zentralem Nervensystem optimiert werden.
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Grob kann man sagen, dass Bewegung auf drei Säulen aufbaut. Zum einen die Arbeit, die unsere Augen und damit das visuelle System leisten, dann Propriozeption, also die Fähigkeit die Lage unseres Körpers im Raum zu kennen und schließlich Gleichgewicht - die Kenntnis über die Orientierung in Bezug zur Schwerkraft und die Ansteuerung von Muskulatur, die uns die Aufrichtung gegen eben diese erlaubt. An einer Bewegungsentstehung sind diese drei Systeme maßgeblich beteiligt. Wollen wir mit unserer Hand nach der Tasse Kaffee greifen, muss der Bewegungsplan, den unser Gehirn erstellt hat, ausgeführt werden. Dazu müssen wir wissen wo sich unsere Hand im Raum befindet, das propriozeptive System wird also beansprucht. Wir müssen den Abstand zwischen Hand und der Tasse Kaffee einschätzen können, damit unsere Greifbewegung präzise ist und wir uns nicht den Kaffee über unseren Schreibtisch kippen, weil wir denken, sie würde weiter wegstehen. Das visuelle System leistet die Einschätzung der Distanz über Tiefenwahrnehmung. Gleichzeitig muss unsere Wirbelsäule stabilisiert werden. Durch die Bewegung unserer Hand ändert sich unser Körperschwerpunkt. Die Wirbelsäule muss reflexiv angesteuert werden, um die Bewegung der Hand auszugleichen. Alles in allem müssen also verschiedene Systeme in unserem Körper zusammenarbeiten um eine präzise Bewegung zu ermöglichen.
Typische Bestandteile neurologischer Übungen
- Visuelles Training: Deine Augen liefern dir wichtige Informationen für jede Bewegung. Übungen wie das Verfolgen eines sich bewegenden Objekts, das Fokussieren auf einen Punkt oder die Arbeit mit einer Lochbrille, die mit Löchern statt Gläser ausgestattet ist, verbessern die Verarbeitung visueller Reize und die Hand-Auge-Koordination. Ein großer Teil der Bewegungssteuerung läuft über die Augen: Wie groß ist das Hindernis, wo im Raum befinden sich die Spielenden der eigenen und gegnerischen Mannschaft, wie weit ist die 100-Meter-Ziellinie entfernt? Sind Sicht oder Sehvermögen eingeschränkt, kann sich das auf verschiedene Bewegungsfaktoren auswirken, zum Beispiel das Gleichgewicht oder die Körperhaltung. Die Bewegung wird ineffizienter. Visuelle Neuroathletik-Übungen sollen die Wahrnehmung und die Kommunikation zwischen Augen und Gehirn verbessern und so die Reaktionszeit verkürzen. Dabei kommt beispielsweise die durch den Spitzensport bekannte Rasterbrille zum Einsatz oder ein Stab, dem die Augen beim Kreisen folgen, ohne dass der Kopf bewegt wird.
- Gleichgewichtstraining: Das Gleichgewichtsorgan im Innenohr sendet Signale ans Gehirn, um deine Körperhaltung zu steuern. Balancieren auf instabilen Untergründen oder einbeinige Standübungen fordern und verbessern dein vestibuläres System, welches zusammen mit dem Kleinhirn das Gleichgewicht, die Orientierung und Körperstabilität steuert. Das vestibuläre System sitzt im Innenohr und liefert wichtige Informationen für unseren Gleichgewichtssinn. Dort erfasst es die Bewegung und Beschleunigung des Kopfes und gibt die Informationen an das Gehirn weiter. Das vestibuläre System ermöglicht es dem Menschen, sich im Raum zu orientieren, ist aber auch an der Haltung und der Ausrichtung der Augen beteiligt. Die Bedeutung des Zusammenspiels von visuellen und vestibulären Eindrücken zeigt sich mitunter dadurch, dass es schwer ist, mit geschlossenen Augen auf einem Bein zu stehen. Bekommt das Gehirn die Information „Hier ist etwas nicht stabil“, reagiert es, indem es die Bewegungen verlangsamt und die Agilität einschränkt. Über Neuroathletik-Übungen für besseres Gleichgewicht und mehr Stabilität sollen Verletzungen reduziert und die Körperbeherrschung verbessert werden. Typische Übungen sind immer mit einer Bewegung verbunden, zum Beispiel einem Drehen des Kopfes.
- Propriozeptives Training: Hier geht es um das feine Körpergefühl: Definiere, wo sich dein Arm oder dein Bein im Raum befindet, ohne, dass du dabei hinschaust. Übungen auf instabilen Flächen oder gezielte Gelenkbewegungen stärken deine Körperwahrnehmung. Wichtig ist auch, dass du deine Körpermitte stärkst. Das propriozeptive System umfasst unsere sogenannte Tiefensensibilität oder Eigenwahrnehmung. Dabei liefern propriozeptive Sensoren in Muskeln, Sehnen und Gelenken Informationen darüber, in welcher Stellung sich Arme, Beine und andere Körperregionen befinden, was wichtig für die Statik ist. Außerdem erfasst das propriozeptive System über Drucksensoren auf der Haut, in welcher Haltung wir uns befinden und auf welchem Untergrund und wie schnell wir uns bewegen. All dies sind wichtige Voraussetzungen für sportliche (Höchst-)Leistungen. Propriozeptive Übungen umfassen unter anderem Beweglichkeitsübungen der Gelenke sowie Gleichgewichtsübungen, etwa mit einem Balance-Board, Widerstandsbändern oder Vibrationsrollen. So sollen Gleichgewicht, Koordination und die allgemein körperliche Leistungsfähigkeit verbessert werden.
- Kognitive Übungen im Sport: Neuroathletik bindet auch das Gehirn als Denkorgan mit ein. Aufgaben, bei denen du schnell reagieren, Entscheidungen treffen oder Bewegungen unter erschwerten Bedingungen ausführen musst, trainieren deine kognitive Leistungsfähigkeit.
Neuroathletik - Übungen zum Ausprobieren
- Fixationsübung: Halte deinen Daumen etwa 30 Zentimeter vor dein Gesicht und fixiere ihn mit den Augen. Bewege ihn langsam von links nach rechts, während dein Kopf ruhig bleibt. Ziel: Die Augenbewegungen bewusst steuern.
- Hand-Mobilisation: Unsere Hände sind zentrale Punkte für Bewegung und Wahrnehmung. Die zahlreichen Gelenke der Hand lassen sich leicht mobilisieren, etwa durch das Kreisen der Finger oder des Handgelenks - auch am Arbeitsplatz.
Wie du Neuroathletik in deinen Alltag einbauen kannst
Das Neuro-Training muss nicht kompliziert oder zeitaufwändig sein. Schon kleine Einheiten lassen sich leicht integrieren:
- Beim Warten auf den Kaffee: Augenübungen durchführen oder auf einem Bein balancieren.
- Während kurzer Pausen: Zehn Wiederholungen einer Fixationsübung oder sanftes Kreisen des Kopfes in sogenannten Halbkreisen bis zur Schulter zur Stimulation des Gleichgewichtssinns.
- Im Fitnessstudio: Vor dem klassischen Training ein paar kognitive Aufgaben einbauen, wie schnelles Reagieren auf akustische Reize. Zum Beispiel beim Laufen auf der Stelle oder Armkreisen die Workout-Musik-Playlist alle 30 Sekunden automatisiert stoppen lassen. Beim Stopp sofort stehen bleiben, Augen schließen, 3 tiefe Atemzüge und weiter geht's.
Trainingsdauer
Was den Umfang des Neuroathletik-Trainings betrifft, darüber gehen die Meinungen auseinander. Manche Anbieter empfehlen, 20 Minuten pro Tag und Themenkomplex über sechs bis acht Wochen zu trainieren. Könings rät, erst einmal mit einer Handvoll individuell passender Übungen und wenigen Minuten täglich in die Neuroathletik einzusteigen. Das Training der Neuroathletik kann dabei helfen, plötzliche sowie sporadische Probleme des Körpers in wenigen Tagen zu verbessern. Bei chronischen Beschwerden kann es nötig sein, das Athletiktraining zur Verbesserung der Symptome über mehrere Monate hinweg wahrzunehmen. Die Neuroathletik ist allerdings keine lebenslange Therapie. Die Therapeutinnen und Therapeuten der Neuroathletik erstellen jedem Patienten und jeder Patientin einen individuellen Trainingsplan für zu Hause.
Was passiert, wenn Informationen aus den jeweiligen Systemen fehlen?
Ein Beispiel: Uns fehlt Information an unserem rechten Handgelenk. Durch eine ältere Verletzung bedingt haben wir eine Narbe und das Gefühl über der Narbe ist herabgesetzt. Die Konsequenz: Unser Gehirn weiß nicht mehr zu 100% wo sich unser Handgelenk im Raum befindet. Statt also, während wir nach unserer Tasse Kaffee greifen, das Handgelenk abzukippen, bewegen wir womöglich den ganzen Arm aus Ellenbogen- und Schultergelenk. So vermeiden wir die Abkippbewegung des Handgelenks unbewusst.
Warum vermeiden wir Bewegungen über Körpergebieten wo unser Gefühl, wie im Beispiel oben durch Narben, herabgesetzt ist? Die Aufgabe unseres Gehirns ist Sicherheit. Sicherheit für den Organismus und damit einhergehend das Sicherstellen des eigenen Überlebens. Das steht an erster Stelle. Alles, was irgendwie dazu führt unsere Sicherheit und unsere physische Unversehrtheit zu beeinträchtigen, bedeutet im ersten Schritt Gefahr und wird, falls möglich, vermieden. Fehlen uns nun Informationen über unser Handgelenk kann unser Gehirn nicht vorhersagen was passiert, wenn wir es bewegen. Es weiß schlichtweg nicht ob die Bewegung sicher ist. Nach dem Motto „better safe than sorry“ gleicht unser Gehirn die Bewegung nun so an, dass wir das Handgelenk nicht bewegen müssen. So bleibt im ersten Schritt unsere körperliche Unversehrtheit bestehen und wir müssen uns nicht mit Situationen beschäftigen, die wir nicht vorhersagen können.
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Wieso Ausweichbewegungen bestmöglich vermieden werden sollen, ist eine andere gute Frage. Rein energetisch betrachtet ist es ein viel höherer Aufwand den ganzen Arm zu bewegen anstatt das kleine Handgelenk abzukippen. Es verbraucht schlichtweg mehr Energie, mehr ATP im Muskel, mehr Glucose aus dem Blut. Greife ich einmal am Tag nach meiner Tasse Kaffee, ist das natürlich nicht schlimm. Aber es bleibt nicht bei der einen Bewegung für die kompensiert werden muss. Wir führen am Tag unzählige Bewegungen aus, bei denen, nach dem Beispiel oben, unser Handgelenk lieber bewegt werden würde statt den ganzen Arm durch den Raum zu bewegen. Wir verschwenden unnötigerweise Unmengen an Energie. Darüber hinaus bleibt es nicht bei dem Handgelenk. Wir haben über unser Leben hinweg viele Verletzungen akkumuliert. Die einen haben wir gut aufgearbeitet, andere weniger gut. Wir haben nicht nur ein System für das wir kompensieren müssen sondern mehrere. Zwar arbeiten diese Systeme redundant und können Teile der Arbeit des anderen übernehmen, dennoch ist diese Kompensation ab einem gewissen Punkt ausgereizt.
Wie oben erwähnt arbeiten wir uns entlang der Propriozeption, des visuellen Systems und des Gleichgewichtsorgans. Bei Menschen, die unter Migräne leiden, fangen wir oft an der Propriozeption und Oberflächensensibilität des Nackens an. Sind wir nicht in der Lage unseren Nacken bewusst adäquat zu spüren und zu bewegen, ist die reflexive Kontrolle, auf die wir nun einmal angewiesen sind, beeinträchtigt. Wir bringen unseren Kundinnen und Kunden also bei ihre Nackenmuskulatur präzise anzusteuern. Eine Art Bewusstseinstraining dafür, wo sich die einzelnen Muskeln befinden, wie sie zusammenarbeiten sollten und welche Bewegungen der Nacken überhaupt machen kann. Das Ziel von dem Ganzen: Das Wiedererlernen von Bewegungen, die eventuell nicht mehr ausgeführt wurden, weil das Gehirn aus Sicherheitsgründen diese Bewegungen blockiert hat. Propriozeption ist im Endeffekt eine Fähigkeit. Die Fähigkeit Informationen aus der Körperperipherie aufzunehmen, zu verarbeiten um dann zu wissen wo sich die einzelnen Gliedmaßen im Raum befinden. Zwar ist die Fähigkeit der Informationsaufnahme im ersten Schritt keine Fähigkeit des zentralen Nervensystems oder gar des Gehirns, jedoch muss unser Gehirn zwangsläufig diese Informationen interpretieren um daraus einen Sinn zu erstellen. Die Muskelspannungen von 30 Muskeln alleine als Informationen sind wenig wertvoll. Erst durch die Verarbeitung der Informationen bekommen wir ein Bild für unseren Körper im Raum. Genau dafür ist unser Nervensystem verantwortlich. Neurozentrisches Training schaut sich also von der Informationsaufnahme, -verarbeitung bis zur Bewegungsentstehung und -ausführung alle Schritte an und überprüft wo genau kompensiert wird.
Für wen ist Neuroathletik sinnvoll?
Neuroathletik-Training ist für alle spannend, die ihre Beweglichkeit und Leistungsfähigkeit verbessern möchten. Zudem unterstützt es bei der Rehabilitation nach Verletzungen und hilft, diese zu vermeiden - unabhängig von Alter oder Fitnesslevel. Gerade weil das neurofunktionelle Training am Ursprung der Bewegung, dem Nervensystem, ansetzt, kann sie vielseitig eingesetzt werden:
- Sportlerinnen und Sportler profitieren von einer besseren Reaktionsgeschwindigkeit, mehr Präzision und schnellerem Lernen neuer Bewegungsabläufe. Im Profisport entscheiden oft kleinste Details über Erfolg oder Misserfolg. Unregelmäßigkeiten in Atmung, Wahrnehmung oder Bewegungssteuerung können die Leistung mindern und das Verletzungsrisiko erhöhen.
- Menschen mit Schmerzen oder Verletzungen nutzen Neuroathletik, um Bewegungsmuster neu zu programmieren. Gerade bei chronischen Beschwerden, die auf eine fehlerhafte Bewegungssteuerung zurückzuführen sind, können neurologische Übungen helfen, Schmerzen zu reduzieren und neue, schmerzfreie Bewegungsmuster zu etablieren. Viele Beschwerden wie Schmerzen, Verspannungen oder Gangunsicherheiten haben ihren Ursprung in fehlerhaften Bewegungen oder einer gestörten Wahrnehmungsverarbeitung. Auch Symptome wie Schwindel oder Gleichgewichtsstörungen lassen sich durch Neuroathletik oft verbessern.
- Reha-Patientinnen und -Patienten setzen Neuro-Training gezielt ein, um nach Operationen oder Verletzungen die Beweglichkeit, Stabilität und das Ansteuern der Muskulatur wiederherzustellen.
- Ältere Menschen profitieren davon, Gleichgewicht, Koordination und Gehirnleistung zu fördern - wichtige Faktoren, um Stürze vorzubeugen und die Selbstständigkeit zu erhalten.
- Neuroathletik kann auch deine mentale Leistungsfähigkeit stärken. Denn regelmäßiges kognitives Training im Sport verbessert Konzentration und Stressresistenz.
Auch für Hobbysportlerinnen und -sportler ist Neuroathletiktraining sinnvoll. Besonders im Kraftsport können fehlerhafte Bewegungsmuster oder falsche Körperhaltungen zu stagnierendem Fortschritt, Verspannungen oder sogar Verletzungen führen.
Therapeutinnen und Therapeuten oder spezialisierte Neuroathletiktrainerinnen bzw. Auch Trainerinnen und Trainer profitieren von einem besseren Verständnis der Neuroathletik. Durch das Wissen über die neurologischen Zusammenhänge von Bewegung, Kopfsteuerung und Gelenkstabilität können sie ihre Trainingsmethoden optimieren und Sportlerinnen und Sportler gezielt dabei unterstützen, ihre Fähigkeiten zu verbessern, Verletzungen zu vermeiden und die Bewegungssteuerung effizienter zu gestalten.
Neuroathletik aus wissenschaftlicher Sicht
Wissenschaftlerinnen und Sportmediziner sind sich einig: Bewegungsqualität hängt entscheidend davon ab, wie gut das Gehirn Informationen aus den Sinnesorganen verarbeitet. Wenn zum Beispiel die Augen ein schwaches Signal senden oder das Gleichgewichtsorgan nicht optimal arbeitet, kann es zu unsauberen Bewegungen oder sogar Schmerzen kommen. Gezielte neurophysiologische Übungen können dabei helfen, solche Schwachstellen zu erkennen und Bewegungsabläufe zu verbessern. Zudem ist bekannt, dass Koordinationstraining die sportliche Leistungsfähigkeit verbessert.
Welche Gehirnstrukturen für welche Aufgaben zuständig sind und in welcher Reihenfolge die verschiedenen Systeme kommunizieren, ist mittlerweile gut erforscht. Die Neuroathletik nutzt diese Informationen, um bestimmte Hirnareale durch Übungen gezielt anzusprechen. Die Theorie dabei ist, dass dadurch neue Synapsen gebildet werden und so die Leistungsfähigkeit gesteigert werden kann. Während eine Wirkung im Gehirn inzwischen etwa für Meditation recht gut belegt ist, sieht es bei der wissenschaftlichen Bewertung von Neuroathletik anders aus.
„Es gibt immer mehr Leute, die Neuroathletik machen oder anbieten. Auch Studien belegen die Arbeitsweise im Neurotraining. Allerdings werden diese nicht unter dem Namen Neuroathletik geführt, da dies ein viel zu junger und allgemeiner Begriff ist, der viele Aspekte umfasst“, räumt Könings ein. Die Studien ergeben eine gewisse Tendenz, aber keine wissenschaftliche Evidenz. So existieren bislang keine systematischen Belege für die Wirkung von Neuroathletik. Zwei Untersuchungen zeigten zwar einen Effekt von visuellem Training auf die Verletzungshäufigkeit, jedoch waren die Probandengruppen mit jungen, sportlichen Menschen zwischen 18 und 26 Jahren beziehungsweise ausschließlich Football-Spielern recht eng gefasst. Zudem ist es schwer, die Übungen unter möglichst gleichen Bedingungen wiederholt durchzuführen und Veränderungsprozesse im Gehirn während der Bewegung nachzuvollziehen, da für eine genaue Bildgebung des Gehirns der Kopf in Ruhe gehalten werden muss. Auch wenn sich derzeit noch nicht gesichert sagen lässt, ob die Hirnstrukturen, die das Training ansprechen soll, tatsächlich aktiviert werden - und ob sie überhaupt für eine Leistungssteigerung relevant sind -, sind die Ansätze von Neuroathletik grundsätzlich spannend.
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