Zerebrale Krampfanfälle und Migräne: Ursachen und Zusammenhänge

Die Überschneidung von Migräne und Epilepsie, beides paroxysmale zerebrale Anfallsleiden, ist ein komplexes Feld. Migräneartige Kopfschmerzen sind nach epileptischen Anfällen relativ häufig. In seltenen Fällen können epileptische Anfälle während oder nach einer Migräne auftreten, ein Phänomen, das als Migralepsie bekannt ist und zuerst bei Patienten mit Migräne mit Aura beschrieben wurde.

Kopfschmerzen: Eine vielfältige Erscheinung

Kopfschmerzspezialisten haben über 200 verschiedene Arten von Kopfschmerzen identifiziert. Wenn keine strukturelle Ursache für die Kopfschmerzen gefunden wird, spricht man von primären Kopfschmerzen, die etwa 90 % der Fälle ausmachen. Die Auslöser für primäre Kopfschmerzen sind vielfältig. Migräne ist eine häufige primäre Kopfschmerzform, von der etwa 15 % der Bevölkerung betroffen sind. Die genauen Ursachen der Migräne sind noch nicht vollständig geklärt, aber es wird angenommen, dass ein Ungleichgewicht bestimmter Botenstoffe im Gehirn eine Rolle spielt.

Epilepsie: Zerebrale Krampfanfälle im Fokus

Epilepsie, auch bekannt als zerebrales Anfalls- oder Krampfleiden, ist durch wiederholt auftretende zerebrale Krampfanfälle gekennzeichnet. Diese Anfälle entstehen durch eine chronisch übersteigerte Entladungsaktivität von Nervenzellgruppen im Gehirn. Die Auswirkungen eines epileptischen Anfalls hängen davon ab, wie groß der abnorm erregte Bezirk ist und welche Funktion er hat. Es kann zu kurzzeitigen Bewusstseinsstörungen, Grimassieren, Zuckungen einzelner Körperteile oder zu klassischen Krampfanfällen des gesamten Körpers kommen.

Epilepsie kann ohne erkennbare Ursache auftreten (idiopathische Epilepsie) oder als Begleiterkrankung einer feststellbaren Hirnschädigung (symptomatische Epilepsie). In Deutschland sind etwa 0,5-1 % der Bevölkerung von Epilepsie betroffen, wobei die ersten Anfälle meist vor dem 20. Lebensjahr auftreten.

Symptome eines epileptischen Anfalls

Ein epileptischer Anfall kann sich durch folgende Symptome äußern:

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  • Unwillkürliche, nicht kontrollierbare Muskelzuckungen und Steifwerden einzelner Körperteile oder des ganzen Körpers.
  • Unerklärliche Bewegungen oder Handlungen (z. B. Schmatzen, Grimassieren, Wischbewegungen, Körperdrehungen).
  • Wahrnehmungen (z. B. merkwürdige Gerüche oder Geschmäcker).

Ursachen der Übererregung

Bei einem epileptischen Anfall werden die Nervenzellen nicht koordiniert erregt, sondern es kommt infolge einer überschießenden Entladung zur massiven, gleichzeitigen Erregung großer Nervenzellverbände oder gar des gesamten Gehirns. Die Ursachen für diese Übererregung sind noch nicht vollständig geklärt. Die Forschung konzentriert sich vor allem auf die Nervenzellen, aber es gibt auch Hinweise darauf, dass Astrozyten, eine andere Art von Zellen im Gehirn, eine Rolle spielen könnten. Astrozyten kontrollieren normalerweise die Aktivität der Nervenzellen und blockieren bestimmte Signale. Ein Versagen der Astrozyten könnte dazu führen, dass Signale zwischen Nervenzellen uneingeschränkt übertragen werden.

Arten von epileptischen Anfällen

Die Art und Weise, wie sich ein epileptischer Anfall äußert, hängt davon ab, in welchem Gehirnbereich sich die abnormen Aktivitäten abspielen.

  • Einfach-fokale Anfälle: Das Bewusstsein des Betroffenen ist erhalten, und er kann später genau erzählen, was er gespürt hat. Typisch sind Muskelzuckungen oder "Ameisenlaufen" auf der Haut, das Sehen von Lichtblitzen, das Hören von Geräuschen oder anfallartige, meist unangenehme Gerüche oder Geschmacksempfindungen.
  • Komplex-fokale Anfälle: Diese Anfälle gehen mit einer Veränderung des Bewusstseins einher. Der Betroffene wirkt "weggetreten" oder "umdämmert" und vollzieht stereotype Bewegungen, die nicht zur Situation passen. Er ist aber nicht bewusstlos.
  • Primär generalisierte Anfälle: Von Anfang an sind beide Gehirnhälften von den abnormen Erregungen betroffen. Am bekanntesten ist der Grand-mal-Anfall (tonisch-klonischer Anfall), der mit plötzlichem Bewusstseinsverlust, Steifwerden der Muskeln, Atemstörungen und beidseitigen Muskelzuckungen einhergeht. Primär generalisierte Anfälle können aber auch weniger dramatisch ablaufen, wie z. B. Absencen bei Schulkindern.

Sowohl fokale als auch primär generalisierte Anfälle können von einer Aura eingeleitet werden.

Ursachen von Epilepsie

Bei idiopathischen Epilepsien ist keine Ursache für die Anfälle zu finden. Vielmehr ist die Krampfschwelle erniedrigt, sodass schon geringe Belastungen einen zerebralen Anfall auslösen können. Die erniedrigte Krampfschwelle kann erblich bedingt sein, die Epilepsie selbst wird aber nicht vererbt. Bei symptomatischen Epilepsien ist eine Gehirnschädigung die Ursache der Epilepsie, wie z. B. Sauerstoffmangel während der Geburt, eine Schädel-Hirn-Verletzung, eine Gefäßfehlbildung, ein Schlaganfall oder ein Gehirntumor.

Diagnose von Epilepsie

Die Diagnosefindung und Abgrenzung von nicht-epileptischen "Anfällen" beruhen auf einer exakten Anfallsbeschreibung sowie einer gründlichen Untersuchung. Unabdingbare technische Untersuchung ist das EEG, mit dem epilepsietypische Veränderungen aufgezeichnet werden können. Allerdings kann das EEG bei bestehender Epilepsie zwischen den Anfällen normal sein, und umgekehrt bedeuten epilepsietypische Veränderungen im EEG bei Beschwerdefreiheit keine Epilepsie. Die Wahrscheinlichkeit, epilepsietypische Veränderungen nachzuweisen, ist am größten, wenn ein normales Ruhe-EEG während oder unmittelbar nach einem Anfall aufgezeichnet wird. Bei normalem EEG, aber weiter bestehendem Verdacht auf Epilepsie kann ein Provokations-EEG Veränderungen provozieren. Außerdem ist immer eine Magnetresonanztomografie (MRT) zum Ausschluss einer Hirnschädigung erforderlich.

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Differenzialdiagnosen

Psychogene Anfälle, Hyperventilation, Migräne und Ohnmacht können zu epilepsie-ähnlichen Krampfanfällen führen. Außerdem sind akute symptomatische Anfälle wie z. B. Fieberkrämpfe bei Kindern abzugrenzen.

Behandlung von Epilepsie

Ein einzelner epileptischer Anfall muss nicht medikamentös unterdrückt werden. Nur wenn der Anfall länger als fünf Minuten dauert oder sich mehrere Anfälle kurz hintereinander ereignen, werden krampfunterdrückende Medikamente gespritzt, um Hirnschäden zu vermeiden. Ziel jeder Epilepsiebehandlung ist, weitere Anfälle zu vermeiden. Bei einer symptomatischen Epilepsie wird, wenn möglich, die Ursache behoben, bei einer idiopathischen Epilepsie werden bekannte Auslöser eines Anfalls gemieden. Reichen diese Maßnahmen nicht aus, werden Antiepileptika als medikamentöse Dauertherapie verordnet, in der Regel nach dem zweiten Anfall.

Medikamentöse Therapie

Antiepileptika (Antikonvulsiva) sind Medikamente zur Unterdrückung zerebraler Anfälle. Um zu wirken, müssen sie dauerhaft und absolut regelmäßig eingenommen werden. Es gibt eine Reihe gut wirksamer Substanzen, deren Auswahl von der Art der Anfälle sowie von Begleiterkrankungen abhängt. Zunächst wird versucht, mit nur einem Medikament auszukommen. Manchmal kann eine Serumspiegelbestimmung des Medikaments im Blut bei der Dosisfindung helfen.

Chirurgische Behandlung

Etwa ein Drittel aller Epilepsiepatienten spricht nicht auf Medikamente an. In diesen Fällen kann eine Epilepsiechirurgie in Erwägung gezogen werden, bei der der Herd, von dem die abnormen Erregungen ausgehen, operativ entfernt wird. Eine weitere Möglichkeit ist die Vagusnervstimulation, bei der ein Impulsgeber den Vagusnerv in programmierten Abständen stimuliert, um die Erregbarkeit des Gehirns zu beeinflussen. In einigen Fällen kann auch eine tiefe Hirnstimulation in Erwägung gezogen werden.

Migräne und Epilepsie: Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Migräne und Epilepsie haben einige Berührungspunkte: Beide Erkrankungen entstehen im Kopf, haben ähnliche Symptome und treten anfallsweise auf. Sie können sich gegenseitig bedingen und sind für Mediziner manchmal schwierig zu unterscheiden. Eine Komplikation der Migräne ist die Migralepsie.

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Migräne: Wiederkehrende Kopfschmerzen mit Begleiterscheinungen

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, meist einseitige Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Die Kopfschmerzen sind oft pulsierend und werden von Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Lichtempfindlichkeit (Photophobie) oder Geräuschempfindlichkeit (Phonophobie) begleitet. Bei manchen Patienten geht einem Migräneanfall eine Migräneaura voraus, während der insbesondere optische oder sensible Wahrnehmungsstörungen auftreten können.

Migralepsie: Eine seltene Kombination

Die seltene Migralepsie bezeichnet einen epileptischen Anfall, der innerhalb einer Stunde nach einer Migräne mit Aura auftritt. Dabei entstehen Krämpfe im Gehirn, die zu Bewusstseinsverlust und verkrampften Muskeln am ganzen Körper führen können.

Differenzialdiagnose: Migräne-Aura vs. zerebrale Ischämie und fokale Epilepsie

Bei Migränepatienten mit Sehstörungen ist es wichtig, visuelle Auren von anderen Erkrankungen abzugrenzen, insbesondere von zerebralen Ischämien und fokalen Epilepsien. Typisch für die visuelle Aura ist die Kombination aus Positiv- und Negativsymptomen, wie z. B. visuelle Überempfindlichkeit mit hellen Blitzen und visuellen Ausfällen (Skotome). Die Sehstörung beginnt in der Regel zentral und breitet sich zentrifugal aus.

Im Zweifelsfall können MRT oder EEG zur Abklärung herangezogen werden. Mit der Visual Aura Rating Scale kann man die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um eine Aura handelt, abschätzen.

Migräne-Aura-Status: Eine seltene Komplikation

Ein sehr seltenes Phänomen ist der Migräneaura-Status, bei dem mindestens drei Auraepisoden pro Tag über mindestens drei Tage auftreten.

Visual Snow Syndrom: Eine mögliche Komorbidität

Eine hohe Komorbidität mit Migräne (mit und ohne Aura) weist das seltene Visual Snow Syndrom (VSS) auf. Betroffene sehen „das Schneetreiben“ mit offenen und geschlossenen Augen.

Ursachen von Migräne

Die genauen Ursachen der Migräne sind noch nicht vollständig geklärt, aber es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischen und Umweltfaktoren eine Rolle spielt. Zu den möglichen Auslösern (Triggern) einer Migräne gehören:

  • Hormonelle Faktoren: Hormonelle Schwankungen, insbesondere bei Frauen, können Migräneattacken auslösen.
  • Stress: Stress ist ein häufiger Auslöser von Migräne.
  • Schlaf: Unregelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus mit Schlafmangel oder zu viel Schlaf kann Migräneattacken provozieren.
  • Lebensmittel: Bestimmte Lebensmittel und Getränke, wie z. B. Alkohol, Schokolade und Käse, können bei manchen Menschen Migräne auslösen.
  • Umweltfaktoren: Wetterschwankungen, Gerüche und andere Umweltfaktoren können ebenfalls Migräneattacken triggern.

Klassifikation der Migräne

Die Migräne wird gemäß den Richtlinien der International Headache Society (IHS) primär anhand des Auftretens oder der Abwesenheit einer Migräneaura klassifiziert:

  1. Migräne ohne Aura (Gewöhnliche Migräne): Die häufigste Form der Migräne, bei der keine Aura auftritt.

  2. Migräne mit Aura (Klassische Migräne): Eine Migräne, die von neurologischen Symptomen (Aura) begleitet wird.

    • Typische Aura mit Migränekopfschmerz
    • Typische Aura mit Nicht-Migränekopfschmerz
    • Typische Aura ohne Kopfschmerz
    • Familiäre hemiplegische Migräne
    • Sporadische hemiplegische Migräne
  3. Periodische Syndrome in der Kindheit, die im Allgemeinen Vorläufer einer Migräne sind:

    • Zyklisches Erbrechen
    • Abdominelle Migräne
    • Gutartiger paroxysmaler Schwindel in der Kindheit
  4. Retinale Migräne

  5. Migränekomplikationen:

    • Chronische Migräne
    • Status migränosus
    • Persistierende Aura ohne Hirninfarkt
    • Migränöser Infarkt
    • Zerebrale Krampfanfälle, durch Migräne getriggert (Migralepsie)
  6. Wahrscheinliche Migräne (migräneartige Störung):

    • Wahrscheinliche Migräne ohne Aura
    • Wahrscheinliche Migräne mit Aura

Dissoziative Anfälle: Eine Differenzialdiagnose

Dissoziative Anfälle sind eine weitere wichtige Differenzialdiagnose bei der Abklärung von Krampfanfällen. Bei dissoziativen Anfällen verlieren Betroffene vorübergehend die Kontrolle über ihren Körper, was sich in Zuckungen, Ohnmachtsanfällen oder Verkrampfungen äußern kann. Anders als bei Epilepsie fehlt jedoch eine krankhafte elektrische Entladung im Gehirn. Die Anfälle entstehen ohne erkennbare körperliche Ursache und dauern oft mehrere Minuten. Sie sind meist Folge unbewusster seelischer Belastung.

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