Der Neurologe als sinnvolle Anlaufstelle bei Depressionen

Depressionen sind eine weit verbreitete und oft unterschätzte Erkrankung, die Menschen aller Altersgruppen und sozialer Schichten betreffen kann. Die Frage, ob ein Neurologe bei Depressionen eine sinnvolle Anlaufstelle darstellt, ist komplex und hängt von verschiedenen Faktoren ab. Dieser Artikel beleuchtet die Rolle des Neurologen im Diagnose- und Behandlungsprozess von Depressionen, die verschiedenen Aspekte der Erkrankung und die Bedeutung einer umfassenden Betreuung.

Einführung

Depressionen sind mehr als nur vorübergehende Traurigkeit. Sie sind eine ernsthafte psychische Erkrankung, die das Denken, Fühlen und Verhalten einer Person beeinträchtigen kann. Die Erkrankung kann sich in verschiedenen Schweregraden äußern und sowohl psychische als auch körperliche Symptome verursachen. Es ist wichtig, die Symptome frühzeitig zu erkennen und professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Epidemiologie der Depression

Depressionen zählen zu den häufigsten Erkrankungen weltweit. Schätzungen zufolge leiden etwa 16-20 % der Menschen im Laufe ihres Lebens an einer Form der Depression. Laut einer repräsentativen Studie leiden in Deutschland etwa 8,2 % der Bevölkerung im Alter von 18 bis 79 Jahren unter depressiven Symptomen. Weltweit stieg die Häufigkeit von Depressionen allein im ersten Jahr der COVID-19-Pandemie um etwa ein Viertel und liegt jetzt bei fast 280 Millionen betroffenen Menschen. Frauen sind häufiger betroffen als Männer.

Ursachen von Depressionen

Die Ursachen von Depressionen sind vielfältig und komplex. Es wird davon ausgegangen, dass mehrere Faktoren zusammenwirken und sich daraus eine Depression entwickelt. Dazu gehören:

  • Genetische Faktoren: Eine genetische Veranlagung kann das Risiko, an einer Depression zu erkranken, erhöhen. Sind Verwandte ersten Grades betroffen, liegt die Wahrscheinlichkeit, ebenfalls an einer Depression zu erkranken, bei etwa 15 %.
  • Neurobiologische Faktoren: Veränderungen im Gehirnstoffwechsel, insbesondere bei den Neurotransmittern Serotonin, Dopamin, Glutamat und GABA, können eine Rolle spielen. Depressive Patient:innen weisen im Vergleich zu Gesunden oft eine verminderte Aktivität dieser Substanzen auf.
  • Psychosoziale Faktoren: Belastende Erlebnisse wie der frühe Verlust eines Elternteils, Missbrauch, Vernachlässigung, eine gestörte Mutter-Kind-Beziehung oder Trennung können das Risiko erhöhen. Auch anhaltender Stress, Überforderung, wenig gesellschaftliche Kontakte oder Arbeitslosigkeit können eine Rolle spielen.
  • Neuroplastizität: Eine beeinträchtigte Neuroplastizität, also die Fähigkeit des Gehirns, sich an veränderte Anforderungen anzupassen, kann zu einer Depression führen.

Symptome von Depressionen

Die Hauptsymptome einer depressiven Episode sind:

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  • Gedrückte, traurige Stimmung
  • Freud- und Interessenlosigkeit
  • Antriebsschwäche mit erhöhter Müdigkeit

Begleitend können folgende Anzeichen auftreten:

  • Verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit
  • Geringes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
  • Gefühle von Schuld und Wertlosigkeit
  • Psychomotorische Agitiertheit oder Hemmung
  • Negative und pessimistische Zukunftswahrnehmung
  • Suizidgedanken oder -handlungen, Selbstverletzungen
  • Schlafstörungen
  • Verminderter Appetit

Zusätzlich können auch körperliche Symptome wie Schmerzen, Druckgefühle auf der Brust, Atembeschwerden, Kopfschmerzen, Verdauungsstörungen oder chronische Schmerzen auftreten.

Diagnose von Depressionen

Die Diagnose einer Depression wird anhand internationaler Klassifikationssysteme wie ICD-10 oder ICD-11 gestellt. Dabei werden die Haupt- und Begleitsymptome berücksichtigt. Die Diagnose wird häufig dadurch erschwert, dass Patient:innen selten über typische Symptome berichten und körperliche Symptome oft nicht mit einer Depression in Verbindung gebracht werden.

Schweregrade von Depressionen

Depressionen können in unterschiedlichen Schweregraden auftreten:

  • Leicht: Zwei Hauptsymptome halten mindestens zwei Wochen an, zusätzlich treten zwei Zusatzsymptome auf.
  • Mittelgradig: Zwei Hauptsymptome bestehen mindestens zwei Wochen, zusätzlich werden drei bis vier Zusatzsymptome diagnostiziert.
  • Schwer: Alle drei Hauptsymptome treten mindestens zwei Wochen lang auf, außerdem leiden die Betroffenen unter mindestens vier Zusatzsymptomen.

Die Rolle des Neurologen bei Depressionen

Ein Neurologe ist ein Facharzt für Erkrankungen des Nervensystems, des Rückenmarks und des Gehirns. Im Gegensatz zum Psychiater, der sich auf psychische Erkrankungen spezialisiert hat, liegt der Fokus des Neurologen auf organischen Ursachen von Erkrankungen.

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Wann ist ein Neurologe bei Depressionen sinnvoll?

  • Ausschluss körperlicher Ursachen: Ein Neurologe kann helfen, körperliche Ursachen für depressive Symptome auszuschließen. Krankheiten wie Demenz, Schilddrüsenunterfunktion, Tumorleiden, verschiedene neurologische Erkrankungen oder Medikamentennebenwirkungen können die Symptomatik einer Depression imitieren. Der Ausschluss dieser Differentialdiagnosen erfolgt durch eine genaue Erhebung der Krankengeschichte, eine körperliche (neurologische und ggf. internistische) Untersuchung und eine Labordiagnostik (Bluttests). Bedarfsweise wird diese Untersuchung durch apparative Verfahren (EEG, MRT des Gehirns) ergänzt.
  • Depressionen nach einem Schlaganfall: Nach einem Schlaganfall können Depressionen auftreten, entweder durch direkte Schädigung der für Emotionen zuständigen Gehirnbereiche oder als Reaktion auf die durch den Schlaganfall verursachten Einschränkungen. Ein Neurologe kann in diesem Fall die neurologischen Aspekte der Depression beurteilen und zusammen mit einem Psychiater die Behandlung planen.
  • Begleitende neurologische Erkrankungen: Bei Patienten mit Depressionen, die gleichzeitig an neurologischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose, Parkinson oder Demenz leiden, kann ein Neurologe eine wichtige Rolle bei der Koordination der Behandlung spielen.
  • Therapieresistenz: Wenn Antidepressiva nicht wirken, kann ein Neurologe weitere Untersuchungen durchführen, um mögliche Ursachen für die Therapieresistenz zu finden und alternative Behandlungsstrategien zu entwickeln.

Was kann ein Neurologe bei Depressionen tun?

  • Neurologische Untersuchung: Der Neurologe führt eine umfassende neurologische Untersuchung durch, um organische Ursachen für die Depression auszuschließen.
  • Bildgebende Verfahren: Bei Bedarf kann der Neurologe bildgebende Verfahren wie MRT oder CT des Gehirns veranlassen, um strukturelle Veränderungen im Gehirn zu erkennen.
  • EEG: Ein EEG (Elektroenzephalogramm) kann durchgeführt werden, um die Hirnströme zu messen und mögliche Störungen der Gehirnfunktion festzustellen.
  • Medikamentöse Behandlung: Neurologen können Antidepressiva verschreiben, insbesondere wenn eine klare Diagnose vorliegt und keine Kontraindikationen bestehen.
  • Überweisung an andere Fachärzte: Bei Bedarf kann der Neurologe den Patienten an einen Psychiater, Psychotherapeuten oder andere Fachärzte überweisen.

Therapie von Depressionen

Die Therapie von Depressionen ist vielfältig und wird individuell an die Bedürfnisse des Patienten angepasst. Zu den wichtigsten Therapieformen gehören:

  • Psychotherapie: Verschiedene Psychotherapieverfahren wie kognitive Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie oder systemische Therapie können helfen, depressive Denk- und Verhaltensmuster zu erkennen und zu verändern.
  • Medikamentöse Therapie: Antidepressiva können helfen, das Gleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn wiederherzustellen. Es gibt verschiedene Arten von Antidepressiva, die unterschiedliche Wirkmechanismen haben. Die Auswahl des geeigneten Medikaments erfolgt in Absprache mit dem Arzt.
  • Kombinationstherapie: In vielen Fällen ist eine Kombination aus Psychotherapie und medikamentöser Therapie am wirksamsten.
  • Weitere Therapieformen: Ergänzend können weitere Therapieformen wie Lichttherapie, Bewegungstherapie, Ergotherapie, Kunsttherapie oder Musiktherapie eingesetzt werden.
  • rTMS (repetitive transkranielle Magnetstimulation): Ein medikamentenfreies und hochwirksames Verfahren zur Therapie unterschiedlicher neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen. In unserer Praxis wird die rTMS primär zur Behandlung von Depressionen, aber auch bei Demenz, chronischen Schmerzen und Sucht eingesetzt, da für diese Indikationsfelder ausgezeichnete wissenschaftliche Wirksamkeitsbelege vorliegen. Bei der rTMS werden mit einem Magnetfeld gezielt Teile der Großhirnrinde (Cortex) stimuliert. Die Behandlung wird i.d.R. über 6 Wochen einmal täglich durchgeführt und dauert jeweils nur wenige Minuten. Die Wirkung ist nachhaltig (zumeist über ein Jahr).
  • Ketamintherapie: Ketamin bzw. Esketamin ist seit Jahrzehnten als Schmerz- und Narkosemittel im Einsatz. Seine herausragende antidepressive Wirkung wurde allerdings erst spät erkannt und genutzt. Seit März ist die ambulante Behandlung mit Esketamin-Nasenspray (in Kombination mit einem „klassischen“ Antidepressivum) zugelassen. Die Verabreichung darf nur in einem medizinischen Umfeld (z.B. einer Arztpraxis) und unter Überwachung erfolgen, da es in den ersten 2 Stunden zu leichten Blutdruckerhöhungen, Benommenheit und dissoziativen Zuständen führen kann, bei denen Patientinnen und Patienten oft das Gefühl haben, „neben sich zu stehen“. Diese Nebenwirkungen sind jedoch in aller Regel nur mäßig ausgeprägt und verschwinden wegen der kurzen Halbwertszeit des Wirkstoffs binnen 1 bis 2 Stunden vollständig. Die Behandlung erfolgt i.d.R. in den ersten 4 Wochen 2 x wöchentlich, danach 1x/Woche. Bitte beachten Sie, dass Sie nach der Behandlung bis zum nächsten Morgen nicht aktiv am Straßenverkehr teilnehmen dürfen.

Vorurteile und Stigma

Depressionen sind im sozialen wie auch im beruflichen Kontext nach wie vor mit einem Stigma behaftet. Betroffene kämpfen oft mit Vorurteilen gegen ihre Erkrankung, denn vielfach wird ihnen von ihrer Umwelt fälschlicherweise „Unausgeglichenheit“, „mangelnde Selbstdisziplin“, „Selbstmitleid“ oder sogar „Faulheit“ vorgeworfen. Die Reaktion des sozialen Umfelds hat starken Einfluss auf die Situation erkrankter Menschen. Abwertung und Distanzierung fördern den sozialen Rückzug, verstärken negative Gefühle und können dazu führen, dass Betroffene sich erst spät ärztlich behandeln lassen.

Auswirkungen auf Angehörige und Freunde

Familiäre und freundschaftliche Beziehungen werden durch Depressionen oft belastet. Enge Angehörige machen sich große Sorgen um Betroffene. Wenn sie sich frustriert, erschöpft oder überfordert fühlen, kommen meist Ärger und Wut hinzu, was die Betroffenen zusätzlich belastet.

Gesellschaftliche Auswirkungen

Schwere Depressionen können verheerende Folgen haben: für Betroffene, ihre Angehörigen und unter gesundheitsökonomischen Gesichtspunkten. Depressionen gehören zu den wichtigsten Volkskrankheiten, deren Stellenwert in Zukunft weiter steigen wird. Eine höhere Bildung und eine sichere berufliche Situation gehen mit einer geringeren Häufigkeit von Depressionen einher. Menschen mit einem niedrigen sozioökonomischen Status weisen ein höheres Risiko für depressive Erkrankungen auf.

Heilungschancen und Prognose

Die Heilungschancen nach einer einzelnen depressiven Phase sind gut. Das Rückfallrisiko nach einer ersten Episode beträgt ohne Vorsorge etwa 50 %, bei schweren Depressionen 75 %. Ungünstig auf die Prognose wirken sich beispielsweise Alkohol- oder Drogenmissbrauch, Essstörungen, begleitende Angst- und Zwangsstörungen sowie chronische Verläufe aus. Wichtigster Faktor für das Rückfall- oder Wiedererkrankungsrisiko ist die Anzahl früherer Episoden.

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Erste Anlaufstelle: Der Hausarzt

Wenn Sie den Verdacht haben, unter Depressionen zu leiden, führt der erste Weg in der Regel zum Hausarzt. Er kennt Sie und Ihre bisherige Krankengeschichte und kann abklären, ob eventuell eine körperliche Erkrankung zugrunde liegt. Kann eine körperliche Ursache ausgeschlossen werden, hängt das weitere Vorgehen vom Schweregrad Ihrer Erkrankung und von der Qualifikation des Arztes ab. Bei leichten depressiven Verstimmungen wird er Sie vielleicht selbst behandeln. Liegt eine schwere Depression vor, wird er Sie in der Regel zu einem Psychiater überweisen. Auch eine Überweisung zu einem Psychotherapeuten ist möglich.

Weitere Anlaufstellen

  • Psychiater: Ein Facharzt für seelische Erkrankungen, der Medikamente verschreiben und Laboruntersuchungen veranlassen kann.
  • Psychologischer Psychotherapeut: Ein Therapeut, der keine Medikamente verschreiben oder Laboruntersuchungen veranlassen kann, aber eine Psychotherapie durchführen kann.
  • Kombiärzte: Allgemeinmediziner, die neben ihrer Tätigkeit als Hausärzte auch eine psychotherapeutische Tätigkeit ausüben.
  • Psychiatrische Kliniken: In Krisensituationen können sich Betroffene direkt an die Ambulanzen psychiatrischer Kliniken wenden.
  • Selbsthilfegruppen: Eine wichtige Stütze für viele Menschen, die an Depressionen leiden.

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