Einführung
Der Erwerb einer Zweitsprache ist ein komplexer Prozess, der das Gehirn auf vielfältige Weise fordert und verändert. Die Neurowissenschaften bieten faszinierende Einblicke in die neuronalen Mechanismen, die diesem Prozess zugrunde liegen. Dank bildgebender Verfahren wie der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) können Forscher dem Gehirn beim Sprachenlernen "zusehen" und so besser verstehen, wie sich das Gehirn an die Anforderungen einer neuen Sprache anpasst. Dieser Artikel beleuchtet, wie sich das Gehirn beim Zweitspracherwerb verändert, welche Faktoren den Lernprozess beeinflussen und welche Implikationen diese Erkenntnisse für Lehrende und Lernende haben.
Kindheit als sensible Phase für den Spracherwerb
In der frühen Kindheit ist das Gehirn besonders empfänglich für den Spracherwerb. Zwischen dem zweiten und fünften Lebensjahr erreicht das Gehirn die höchste Anzahl an Synapsen, die für Lernprozesse von großer Bedeutung sind. Diese Zeit wird als sensible Phase oder "critical period" bezeichnet, in der sprachliche Kompetenzen scheinbar mühelos erworben werden können. Zwei- bis achtjährige Kinder lernen im Durchschnitt jede zweite Wachstunde ein neues Wort, was etwa acht neuen Wörtern am Tag entspricht.
Voraussetzung für diesen erfolgreichen und raschen Spracherwerb ist jedoch, dass die Umgebung die notwendigen Impulse bietet. Es reicht nicht aus, die Sprache nur zu hören; entscheidend ist die Qualität der sprachlichen Interaktion. Das Gehirn passt sich sowohl reichhaltigem Input als auch geringen sprachlichen Reizen oder wenig variablen Interaktionen an.
Auf molekularer Ebene werden sensible Phasen durch den Wachstumsfaktor BDNF ausgelöst. Dieses Protein richtet die Aufmerksamkeit auf sprachliche Reize und ermöglicht so die Schaffung der Strukturen, die für sprachliche Interaktionen notwendig sind. Nach Abschluss der sensiblen Phase schließt sich das Fenster unter neuerlicher Einwirkung von BDNF wieder.
Warum schließen sich sensible Phasen?
Das Gehirn arbeitet nach dem Stabilitätsprinzip: Nach Phasen intensiven Auf- oder Umbaus muss das Angelegte in einer Konsolidierungsphase gefestigt werden. Ein permanent offenes Fenster für den Spracherwerb könnte die Entwicklung anderer Fertigkeiten hemmen. Sensible Phasen richten den Fokus auf einen bestimmten Ausschnitt und lassen die Energie gebündelt an diese Stelle fließen, während anderes im Schatten liegt.
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Die Rolle des Gehirns beim Erwerb weiterer Sprachen
Forscher untersuchen mithilfe bildgebender Verfahren, in welchen Hirnregionen weitere Sprachen im Laufe der Entwicklung verankert werden. Diese können in denselben oder in sich überlappenden Regionen gespeichert werden bzw. getrennt voneinander. Wie dies geschieht, hängt von verschiedenen Faktoren ab.
Wichtig ist, dass das Gehirn Strukturen durch Gebrauch festigt. Dies gilt auch für die in der Kindheit erworbene(n) Sprache(n). Auf dem Weg ins Erwachsenenalter wird die Erstsprache in der Regel täglich gebraucht und beansprucht schließlich die am besten für Sprache geeigneten Zentren im Gehirn für sich. Danach muss sich jede weitere Sprache in die bereits gefestigten Strukturen hineindrängen - oder auf andere, nicht speziell auf Sprachverarbeitung ausgerichtete Hirnareale ausweichen, wie solche, in denen Gedächtnisinhalte verarbeitet und gespeichert werden.
Zweitspracherwerb im Erwachsenenalter: Herausforderungen und Chancen
Ist es tatsächlich schwieriger, eine Fremdsprache als Heranwachsender oder Erwachsener zu lernen? Die Neurowissenschaften liefern Erklärungen dafür, warum es Lernenden mit zunehmendem Alter oft schwerer fällt, sich eine Fremdsprache anzueignen.
Neuronale Veränderungen beim Zweitspracherwerb
Eine Studie des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig untersuchte die Veränderungen im Gehirn erwachsener syrischer Geflüchteter, die Deutsch lernten. Mithilfe hochauflösender Magnetresonanztomographie (MRT) konnten die Forschenden zeigen, dass sich beim Erlernen einer neuen Sprache die Verbindungen zwischen den Regionen der Sprachverarbeitung dynamisch verändern.
Mit dem Lernfortschritt nahm die Konnektivität zwischen den Spracharealen in beiden Hemisphären zu. Gleichzeitig verringerte sich die Konnektivität zwischen den beiden Gehirnhälften, die über den Gehirnbalken miteinander verbunden sind. Dies deutet darauf hin, dass die linke Hemisphäre, die für die Sprachverarbeitung dominant ist, die rechte Hemisphäre weniger unterdrückt, um die Verarbeitung der neuen Sprache zu ermöglichen.
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Flexibilität und Formbarkeit des Gehirns
Das Experiment zeigt, wie flexibel und formbar unser Gehirn ist, nicht nur beim Erlernen von Sprachen, sondern auch beim Erlernen motorischer Fähigkeiten. Dies ist entscheidend für das Verständnis von Rehabilitationstechniken. Die Forschenden konnten nachweisen, dass sich auch etwas rein Gedankliches im Gehirn widerspiegelt und dass auch bei Erwachsenen noch Veränderungen im Gehirn möglich sind.
Mehrsprachigkeit: Vorteile für das Gehirn
Wer neben seiner Muttersprache eine Fremdsprache lernt, macht sich zweisprachig (bilingual). Sind es sogar mehrere Fremdsprachen, wird man mehrsprachig (multilingual). Mehr als die Hälfte der Menschen weltweit sprechen mindestens zwei Sprachen. In Deutschland beherrschen fast zwei Drittel der Bevölkerung mindestens eine zweite Sprache.
Kognitive Vorteile der Mehrsprachigkeit
Lange hieß es, dass Zwei- oder Mehrsprachigkeit Kinder geistig verwirre. Es gibt inzwischen Studien, die das nicht bestätigen. Stattdessen zeigten sich zweisprachige Kinder einsprachigen in den meisten Tests überlegen, vor allem beim Lösen sprachlicher Aufgaben, die den Unterschied zwischen Form und Bedeutung betonten, sowie bei nonverbalen Aufgaben, wo es darum ging, gewissen Ablenkungen nicht nachzugeben. Hohe Flexibilität beim Bearbeiten wechselnder Aufgaben, ein großes Arbeitsgedächtnis und eine starke Aufmerksamkeitssteuerung sind vorteilhafte Fähigkeiten, die man Zweisprachigen zuschreibt.
Studien an erwachsenen Zweisprachigen ergaben, dass ihre verbalen Fähigkeiten in jeder Sprache im Allgemeinen schwächer sind als die von einsprachigen Sprechern der jeweiligen Sprache. So kennen und erkennen die Zweisprachigen meist weniger Wörter in der Sprache. Zweisprachige benennen Bilder langsamer und weniger genau als Einsprachige. Ebenso beim Verstehen und Produzieren von Wörtern sowie beim Redefluss - und dies auch dann, wenn sie in ihrer ersten und dominanten Sprache antworten.
Andererseits verfügen Zweisprachige in allen Altersstufen über bessere exekutive Kontrolle als Einsprachige. Mit der exekutiven Kontrolle unterstützen wir das Denken auf hohem Niveau, Multitasking und anhaltende Aufmerksamkeit. Bei zweisprachigen Kindern wie Erwachsenen setzt sich dieser Vorteil bis ins hohe Alter fort und schützt vor kognitivem Verfall.
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Mehrsprachigkeit und Demenz
Zweisprachigkeit kann laut Studien den Ausbruch von Demenzerkrankungen wie Alzheimer hinauszögern, um bis zu vier Jahren! Zudem verkraften zweisprachige Gehirne Alzheimer besser als einsprachige, vorausgesetzt, dass beide Sprachen etwa gleich stark benutzt werden. Als Grund dafür wird angenommen, dass das zweisprachige Gehirn große Denklistungen gewohnter ist als das einsprachige.
Die neurologischen Aspekte der Sprachverarbeitung
Die linke Gehirnhälfte ist der Ort, wo wir Sprache großteils verarbeiten. Die entsprechenden Areale heißen Broca- und Wernicke-Areal. Das Broca-Areal gilt als motorisches Sprachzentrum, dort produzieren wir unsere Sprache. Das Wernicke-Areal ist der Ort, wo wir Sprache verstehen.
Jüngere Erkenntnisse zeigen, dass Sprache auch in einem beträchtlichen Teil der Großhirnrinde und in Teilen der unter ihr liegenden Regionen stattfindet. Die rechte Hirnhälfte ist unter anderem am Deuten von Sprache beteiligt. Sie verarbeitet auch Musik und Gefühle.
Verarbeitung verschiedener Sprachen im Gehirn
Laut Studien verarbeitet das Broca-Hirnareal sehr zeitig im Leben erworbenen Sprachen in denselben Netzwerken. Lernen wir die Sprache erst später, aktiviert das Gehirn nebeneinander liegende Bereiche für jede neue Sprache. Separate Netzwerke stellen erhöhte kognitive Anforderungen an das Gehirn. Das belegt auch, dass früher Spracherwerb spielerischer und müheloser ist als der späte.
Inzwischen wurde auch nachgewiesen, dass Zweisprachige für ihre beiden Sprachen denselben Speicher in der linken Großhirnhälfte nutzen.
Wie trennt das Gehirn Zweisprachiger seine beiden Sprachen?
Wir aktivieren unseren cingulären Cortex, wenn wir die Wahl zwischen zwei Reaktionen haben, um eine davon zu unterdrücken. Auch beim Wählen einer Sprache ist diese gürtelförmige Hirnregion aktiv. Zudem wählt der Nucleus caudatus die Sprache mit. Zeitgleich zur Auswahl der richtigen Sprache blockt das Gehirn Wörter anderer Sprachen. So wird ein Vokabelmix vermieden.
Aktuelle Forschungen zeigen, dass im Gehirn zweisprachiger Menschen stets beide Sprachen „wach“ sind, auch dann, wenn nur eine aktiv verwendet wird.
Praktische Implikationen für den Fremdsprachenunterricht
Die Einblicke in die neurowissenschaftliche Forschung sollten Lehrende und Lernende ermutigen, mit sich selbst als Sprachlernenden bzw. mit Schülerinnen und Schülern Geduld zu haben. Zudem besitzen erwachsene Lerner im Vergleich zu Kindern deutlich mehr Erfahrungen mit Strategien und individuell bevorzugten Lernzugängen. Daran sollte der Fremdsprachenunterricht methodisch anknüpfen. Außerdem können ältere Lerner kognitive Zugänge wie Visualisierung, Musterbildung, Verschriftlichung oder Selbstverbalisierung nutzen.
Individuelle Lernwege berücksichtigen
Matthias Schwendemann, Linguist am Herder-Institut der Universität Leipzig, betont, dass der beste Weg, um eine Sprache zu lernen, letztlich etwas sehr Individuelles ist. Er ermutigt Sprachlernende, neben den vielen Dingen, die ‚gelernt werden müssen‘, auch immer wieder ganz viele Dinge zu tun, die ihnen einfach nur Spaß machen, z. B. sich Musik in der zu erlernenden Sprache anzuhören, Lieblingsserien anzusehen oder die Übertragung einer Sportveranstaltung in der zu erlernenden Sprache anzusehen.
Die Rolle der Lehrkräfte
Schwendemann betont, dass viele Lehrkräfte bereits Meisterinnen und Meister im Umgang mit Variabilität und heterogenen Lerngruppen sind, da Unterricht in den allermeisten Fällen anders gar nicht funktionieren könnte. Hier ist die Didaktik im Fach vielleicht in manchen Fällen der Forschung sogar ein wenig voraus.
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