Die erstaunlichen Vorteile, wenn man zwei Sprachen fließend spricht: Ein tiefer Einblick in die kognitiven, sozialen und beruflichen Vorteile

Fitter im Kopf, schneller gesund nach Infekten, sozialer und kreativer: Es gibt viele Vorteile für jeden, der mehr als eine Sprache spricht. Weltweit sprechen mehr als die Hälfte der Menschen mindestens zwei Sprachen, was zwischen 60 und 75 Prozent der Weltbevölkerung entspricht. Viele Länder haben mehr als eine offizielle Sprache; in Südafrika beispielsweise sind es elf. Und fast überall gilt es mittlerweile als üblich, eine "Supersprache" wie Englisch, Chinesisch, Hindi, Spanisch oder Arabisch zu beherrschen. Multilingualität hat zahlreiche soziale und psychologische Vorteile, ganz zu schweigen von der Lebensqualität. Könnte es also sein, dass unser Gehirn geradezu für Multilingualität gemacht ist?

Die kognitiven Vorteile der Zweisprachigkeit

Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass bilinguale Personen oft eine verbesserte kognitive Flexibilität aufweisen. Das ständige Umschalten zwischen zwei Sprachen erfordert eine erhöhte Aufmerksamkeit und die Fähigkeit, zwischen verschiedenen Denkmustern zu wechseln. Dies kann dazu führen, dass bilinguale Personen besser darin sind, komplexe Probleme zu lösen und sich an neue Situationen anzupassen. Zweisprachige nutzen Exekutivfunktionen zusätzlich zu der typischen Sprachverarbeitung in einem größeren Ausmaß als Einsprachige, um irrelevante Informationen auszublenden. Resultate vieler Studien zeigen, dass Zweisprachige bei Aufgaben, die inhibitorische Kontrolle, flexibles Wechseln zwischen Aufgaben, Arbeitsgedächtnis und Aufmerksamkeitssteuerung erfordern, Stärken zeigen. All dies sind Exekutivfunktionen, die entscheidend für den akademischen Erfolg, langfristige Gesundheit und Wohlbefinden sind.

Verbesserte Gedächtnisleistung

Das Lernen und Verwenden von zwei Sprachen kann die Gedächtnisleistung verbessern. Bilinguale Menschen wechseln ständig zwischen den beiden Sprachen und entwickeln dadurch eine erhöhte Fähigkeit zur Gedächtniskonsolidierung und -abrufung. Dies kann sich positiv auf andere Bereiche des Lebens auswirken, wie zum Beispiel das Erlernen neuer Fähigkeiten, das Erinnern von Informationen.

Schutz vor Demenz

Aktuelle Studien haben gezeigt, dass Zweisprachigkeit den Ausbruch von Alzheimer um bis zu vier Jahre verzögern kann. Obwohl Hirnschäden von gleichaltrigen ein- und zweisprachigen Alzheimer Patienten im Schnitt das gleiche Ausmaß haben, können Gehirne von Zweisprachigen damit besser umgehen. Die Theorie dahinter: Zweisprachigkeit stattet das Gehirn mit besseren Kompensationsmechanismen aus, da das Gehirn gewohnt ist, mit hohen kognitiven Anforderungen umzugehen. Dies ist allerdings nur der Fall wenn beide Sprachen noch gut beherrscht werden.

Veränderungen im Gehirn durch das Erlernen einer Zweitsprache

Das Erlernen einer Zweitsprache führt zu Veränderungen im Gehirn. Die Forschenden konnten erstmals zeigen, dass sich beim Erlernen einer neuen Sprache im Gehirn die Verbindungen zwischen den Regionen der Sprachverarbeitung dynamisch verändern. Mit dem Lernfortschritt nahm die Konnektivität zwischen den Spracharealen in beiden Hemisphären zu. Die Studie zeigte allerdings auch, dass sich beim Erlernen einer Zweitsprache die Konnektivität zwischen den beiden Gehirnhälften, die über den Gehirnbalken miteinander verbunden sind, verringert. Die sprachdominante linke Hemisphäre übt dann weniger Kontrolle über die rechte Hemisphäre aus.

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Soziale und kulturelle Vorteile der Zweisprachigkeit

Durch das Erlernen einer neuen Sprache erhalten bilinguale Personen oft Einblicke in die Kultur und Lebensweise anderer Menschen. Dies fördert ein tieferes Verständnis und eine größere Empathie für Menschen aus verschiedenen kulturellen Hintergründen. Bilingualität kann somit zur Förderung interkultureller Beziehungen und zum Abbau von Vorurteilen beitragen. Zweisprachige Kinder besitzen eine bessere Sozialkompetenz. Diese Studie hat gezeigt, dass zweisprachige Kinder die Interaktionen anderer Menschen besser einzuschätzen vermochten: Im Grunde bedeutet das, dass sie sich gut in andere hineinversetzen und Dinge aus deren Perspektive betrachten konnten. Was dabei in der Entwicklung herauskommt, nämlich gesteigerte Fähigkeiten auf zwischenmenschlicher Ebene ebenso wie beim Verstehen und Zuhören, ist in der heutigen Welt selbstverständlich wichtiger als je zuvor.

Verbesserte kommunikative Fähigkeiten

Bilinguale Personen sind oft besser darin, sich auszudrücken und ihre Gedanken klar zu kommunizieren, sowohl in ihrer Muttersprache als auch in der erlernten Sprache. Das Beherrschen von zwei Sprachen erweitert den sprachlichen Ausdruck und fördert die Fähigkeit zur Präzision und Nuancierung in der Kommunikation.

Multikulturelle Kompetenz

Zweisprachigkeit bedeutet in erster Linie, dass man in der Lage ist, sich mit Menschen aus anderen Kulturen auszutauschen. Zweisprachigkeit stärkt die Empathie. Es gibt Studien zu Weltoffenheit, Aufgeschlossenheit und kultureller Sensibilität, die beweisen, dass Mehrsprachige auch hier besser abschneiden als Menschen, die nur ihre Muttersprache beherrschen. Die Erfahrungen, die man macht, wenn man in eine weitere Sprache eintaucht, ermöglichen es einem, eine Sache auch aus der Sicht der anderen Kultur zu betrachten.

Berufliche Vorteile der Zweisprachigkeit

In einer globalisierten Wirtschaftswelt sind bilinguale Fähigkeiten äußerst gefragt. Unternehmen schätzen Mitarbeiterinnen, die in der Lage sind, mit Kundinnen und Kolleg*innen aus verschiedenen Ländern zu kommunizieren. Bilingualität kann die beruflichen Aussichten verbessern und zu besseren Karrieremöglichkeiten führen. Studien in Nordamerika berichten über einen Gehaltszuwachs von 3-7% (in Kanada) und etwa 1,5 - 3,8% (in den Vereinigten Staaten, wo Sprecher des Deutschen im Laufe ihrer Karriere in den Genuss von geschätzten 128.000 zusätzlichen Dollar kommen). In Indien verdienen Angestellte mit englischen Sprachkenntnissen im Durchschnitt ganze 34% mehr pro Stunde.

Der richtige Zeitpunkt, um eine zweite Sprache zu lernen

Da das Gehirn bis zum dritten Lebensjahr besonders aufnahmefähig ist, gibt es keinen besseren Zeitpunkt als das Kindesalter, um eine zweite Sprache zu lernen. Das akzentfreie Erlernen ist in der Regel nur als Kind möglich. Wenn Kinder zweisprachig aufwachsen passt sich deren Gehirn schnell daran an, zwei Sprachen zu sprechen, indem es die Netzwerke und Verbindungen formt, die es ermöglichen, mit den erhöhten kognitiven Anforderungen fertig zu werden. Im Gegensatz dazu ist das erwachsene Gehirn relativ stabil und benötigt mehr Input oder Training, um seine Struktur oder Funktion zu verändern. Diese Eigenschaft des Gehirns ist der Grund, warum es so viel einfacher ist, eine Sprache fließend zu sprechen, wenn sie in einem sehr jungen Alter erlernt wird. Dies bedeutet jedoch nicht, dass es aussichtslos ist, im Erwachsenenalter eine neue Sprache zu lernen. Veränderungen des Gehirns und die damit verbundenen kognitiven Vorteile wurden auch bei konsekutiven Zweisprachigen, die ihre zweite Sprache erst im Erwachsenenalter erwarben, festgestellt. Es erfordert nur ein bisschen mehr Zeit und Aufwand.

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Tipps für das Erlernen einer neuen Sprache

  • Wählen Sie eine Sprache, die Sie interessiert: Wählen Sie eine Sprache, die Sie auch im Alltag üben können - sei es mit Freunden oder in Ihrer multikulturellen Umgebung. Eine Sprache, die Sie nur im Urlaub anwenden, wird Ihnen langfristig nicht viel bringen.
  • Nutzen Sie Sprachlern-Apps: Zahlreiche Apps oder Internet-Plattformen bieten Ihnen die Möglichkeit, für wenig bis gar kein Geld Fremdsprachen zu lernen.
  • Tauchen Sie in die Kultur ein: Durch das Lernen einer Sprache tauchen Sie in verschiedene Kulturen ein, denken auf neue Weise und erweitern Ihr Wissen.
  • Seien Sie geduldig und ermutigend: Zweisprachige Kinder haben eine schwierigere Aufgabe als Kinder, die nur eine Sprache lernen. Sie lernen zwei Sätze von Vokabeln und Sprachlauten.
  • Finden Sie einen funktionalen Zweck für die zweite Sprache: Ein Kind muss das Gefühl haben, dass die Sprache praktisch ist und einen Nutzen hat.

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