Die umstrittene Forschung der 1970er Jahre zur Epilepsie: Eine Reise durch geteilte Gehirne und ferngesteuerte Stiere

In den 1960er und 70er Jahren erlebte die Hirnforschung im Bereich der Epilepsie einen Aufschwung, der sowohl bahnbrechende Erkenntnisse als auch ethische Bedenken hervorbrachte. Neurochirurgen griffen zu radikalen Maßnahmen, um die Anfallshäufigkeit bei Patienten mit schwerer Epilepsie zu reduzieren: Sie durchtrennten das Corpus callosum, das größte Nervenfaserbündel im Gehirn. Diese Eingriffe, bekannt als Callosotomien, sollten jedoch nicht ohne Folgen bleiben.

Die Ära der Split-Brain-Experimente

Psychologen um Roger Sperry nutzten die Callosotomie-Patienten, um die Unterschiede zwischen den beiden Gehirnhälften zu erforschen. Durch gezielte Experimente, bei denen visuelle Reize nur einer Gehirnhälfte präsentiert wurden, stellten sie fest, dass die linke Hemisphäre stärker für Sprache zuständig ist, während die rechte Hemisphäre eine größere Rolle bei räumlicher Wahrnehmung und Musik spielt.

Sperrys Forschungen brachten ihm 1981 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin ein und entfachten ein breites öffentliches Interesse an der Lateralitätsforschung. Die Zuschreibung spezifischer Eigenschaften an die Gehirnhälften - Logik und Analyse für die linke, Kreativität und Emotionen für die rechte - fand schnell ihren Weg in die Medien und die Populärkultur.

Das geteilte Gehirn in Literatur und Film

Die Idee eines geteilten Bewusstseins faszinierte auch Künstler und Schriftsteller. Stanisław Lems Science-Fiction-Roman "Frieden auf Erden" (1987) schildert den Protagonisten Ijon Tichy, dessen Gehirn auf einer Mondmission getrennt wird. Plötzlich sind sich Tichy links und Tichy rechts nicht mehr einig, was zu absurden und widersprüchlichen Situationen führt.

Auch in der Realität zeigten Callosotomie-Patienten ähnliche Verhaltensweisen. Manche gerieten beim Einkaufen in Konflikt mit sich selbst, andere erlebten, dass eine Hand eine Handlung ausführen wollte, während die andere Hand sie sabotierte. Diese Beobachtungen warfen grundlegende Fragen nach der Einheit des Bewusstseins und der Rolle der Gehirnhälften auf.

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Die Grenzen der Spezialisierung

Die populäre Vorstellung von der strikten Arbeitsteilung zwischen den Gehirnhälften erwies sich jedoch bald als zu einfach. Neurophysiologen erkannten, dass beide Hemisphären an rationalen und emotionalen Prozessen beteiligt sind. Weder sitzt das Sprachvermögen vollständig in der linken noch das Vorstellungsvermögen vollständig in der rechten Hälfte.

Iain McGilchrist vergleicht das Verhältnis der beiden Gehirnhälften mit einem Bund fürs Leben, der zwar Spannungen beinhaltet, aber insgesamt gedeihlich ist. Er betont, dass man jeder Hirnhälfte eigene Ansichten, Ziele und Werte zuschreiben kann, was zu inneren Konflikten führen kann.

Die Notwendigkeit der Arbeitsteilung

McGilchrist erklärt die Zweiteilung des Gehirns mit der Notwendigkeit, widersprüchliche Herausforderungen zu meistern. Wie ein Vogel, der gleichzeitig ein Nest bauen und nach Feinden Ausschau halten muss, benötigen Menschen unterschiedliche Weisen der Erfahrung. Die linke Hemisphäre konzentriert sich auf isolierte Informationen, während die rechte Hemisphäre das große Ganze erfasst.

Diese unterschiedlichen Perspektiven ermöglichen es uns, die Welt auf vielfältige Weise zu erfahren und komplexe Probleme zu lösen. Studien mit Patienten, bei denen eine Hemisphäre ausgefallen ist, zeigen, wie wichtig das Zusammenspiel beider Hirnhälften für ein vollständiges Bild der Realität ist.

José Delgado und die Kontrolle des Geistes

Ein weiterer kontroverser Aspekt der Hirnforschung in den 1960er und 70er Jahren war die Arbeit von José Delgado. Der Hirnforscher glaubte, eine Methode gefunden zu haben, aggressives Verhalten durch elektrische Hirnstimulation zu unterdrücken. Sein berühmtestes Experiment, bei dem er einen Kampfstier mit einer Fernbedienung "kontrollierte", erregte weltweites Aufsehen.

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Delgado sah in der "elektrischen Hirnstimulation" ein großes Potential für die Therapie neurologischer Krankheiten wie Epilepsie, Schizophrenie und Depression. Er entwickelte chronisch implantierbare, drahtlose Elektroden und eine Gehirn-Computer-Schnittstelle, um die Hirnaktivität zu modulieren.

Ethische Bedenken und das Erbe Delgados

Trotz seiner Pionierarbeit geriet Delgado zunehmend in die Kritik. Seine Experimente wurden als sensationsheischend und kaum kontrolliert kritisiert. Zudem warfen sie ethische Fragen auf: Wer entscheidet, welches Verhalten "unerwünscht" ist und abgestellt werden darf?

In der Zeit des Kalten Krieges wurde Delgados Forschung vom Militär unterstützt, was Assoziationen von staatlicher Gehirnwäsche weckte. Ende der 1960er Jahre waren solche Ideen nicht mehr gesellschaftsfähig, und Delgados Arbeit geriet in Vergessenheit.

Dennoch hat Delgado in der Populärkultur ein paar Denkmäler gesetzt bekommen. Der Romanautor Michael Crichton verarbeitete viele von Delgados Ergebnissen und Technologien in seinem Roman "The Terminal Man".

Die Elektroenzephalographie (EEG)

Parallel zu den kontroversen Experimenten mit Split-Brain-Patienten und ferngesteuerten Stieren entwickelte sich in den 1960er und 70er Jahren die Elektroenzephalographie (EEG) zu einer wichtigen Methode der Hirnforschung und Diagnostik. Die Entdeckung der Hirnströme durch Hans Berger in den 1920er Jahren hatte den Grundstein gelegt, doch erst in den folgenden Jahrzehnten wurde das EEG zu einem weit verbreiteten Instrument.

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Forscher wie Douglas Adrian, William Grey Walter, Herbert Henri Jasper und Frederic Andrews Gibbs trugen maßgeblich zur Weiterentwicklung des EEGs bei. Sie untersuchten die elektrischen Aktivitäten des Gehirns bei verschiedenen Zuständen wie Schlaf, Epilepsie und Hirntumoren.

Das EEG ermöglichte es, Hirnaktivitäten in Echtzeit zu beobachten und Zusammenhänge zwischen Hirnströmen und kognitiven Prozessen herzustellen. Es wurde zu einem wichtigen Werkzeug für die Diagnose und Behandlung von Epilepsie und anderen neurologischen Erkrankungen.

Computermodelle des Gehirns

In den letzten Jahrzehnten hat die Entwicklung von Computermodellen des Gehirns neue Perspektiven in der Hirnforschung eröffnet. Forscher wie Roger D. Traub entwickeln minutiöse Modelle von Nervenzellen und Netzwerken, um herauszufinden, wie diese funktionieren und wie die Zellen untereinander kommunizieren.

Traubs Modelle haben beispielsweise dazu beigetragen, das Verständnis von Sharp Waves zu verbessern, die im normalen Gehirn, aber auch in krankhaft veränderter Form bei Epilepsie-Patienten gemessen werden können. Seine Arbeit hat neue Ideen hervorgebracht, wie man Epilepsie behandeln kann.

Traub betont jedoch, dass die Entschlüsselung des Gehirns ein Langstreckenlauf ist. Es ist nicht nur eine Frage der Computerkapazität, sondern auch des Verständnisses der grundlegenden Prinzipien und der richtigen Fragen.

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