Multiple Sklerose (MS), auch Encephalomyelitis disseminata genannt, ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die durch den Abbau der Myelinscheiden gekennzeichnet ist. Die Erkrankung manifestiert sich in der Regel zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr, kann aber prinzipiell in jedem Alter auftreten. Weltweit sind ca. 2,9 Millionen Menschen betroffen, 240.000 allein in Deutschland. Da die Symptome und der Verlauf der MS stark variieren, wird sie auch als "Krankheit mit 1000 Gesichtern" bezeichnet.
Was ist Multiple Sklerose?
Multiple Sklerose (MS) ist eine entzündliche Erkrankung des Gehirns, bei der es aus bisher unbekannten Gründen zu einem Verlust von Myelin kommt, einer Substanz, die unsere Nervenfasern umgibt. Dadurch können Signale zwischen Nervenzellen nicht mehr korrekt weitergeleitet werden. Vermutlich wird der Krankheitsprozess von körpereigenen Immunzellen ausgelöst, wodurch es letztlich auch zur Zerstörung von Nervenfasern sowie -zellen kommt. Die ersten Anzeichen einer Multiplen Sklerose treten bei den meisten Betroffenen mit 20 bis 40 Jahren auf, wobei auch dies variiert.
Ursachen von Multiple Sklerose
Wodurch Multiple Sklerose verursacht wird, ist nach wie vor nicht vollständig geklärt. Die medizinische Ursache von MS konnte bisher nicht vollständig geklärt werden. Die primäre Ursache liegt noch im Dunkeln. Vermutlich kommen bei den Betroffenen mehrere Faktoren zusammen, die gemeinsam die Krankheit auslösen (multifaktorielle Krankheitsentstehung). Man geht derzeit von einer genetischen Veranlagung aus, auf deren Basis gewisse Umweltfaktoren zum Ausbruch der Krankheit führen.
Zu den verantwortlichen Faktoren, die diskutiert werden, gehören neben einer genetischen Disposition auch Umweltfaktoren wie ein chronischer Vitamin-D-Mangel oder Rauchen. Als sicher gilt, dass Autoimmunreaktionen eine zentrale Rolle spielen: Aufgrund einer Fehlsteuerung im Immunsystem greifen Abwehrzellen das Myelin an, das eine schützende Hülle (Myelinscheide) um die Nervenfasern bildet.
Genetische Faktoren
Verschiedene Beobachtungen deuten auf eine genetische Komponente bei der Entstehung von MS hin.
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Zum einen kommt Multiple Sklerose in manchen Familien gehäuft vor: Für Verwandte ersten Grades von MS-Betroffenen besteht ein erhöhtes Risiko, ebenfalls die chronische Nervenerkrankung zu entwickeln.
Zum anderen scheinen bestimmte genetische Konstellationen mit dem Auftreten von MS in Verbindung zu stehen. Im Blickpunkt stehen hier besonders die sogenannten Humanen-Leukozyten-Antigene (HLA). Sie spielen eine Rolle bei der Immunabwehr. Auch alle anderen genetischen Risikofaktoren, die wissenschaftlich bislang mit Multipler Sklerose in Verbindung gebracht wurden, hängen mit dem Immunsystem zusammen.
Zu einem gewissen Teil ist Multiple Sklerose also vererbbar - allerdings wird nicht die Erkrankung selbst vererbt, sondern nur die Neigung, an MS zu erkranken. Erst im Zusammenspiel mit anderen Faktoren (vor allem Umweltfaktoren wie Infektionen) kommt es bei einigen Menschen zum Ausbruch der Krankheit.
Infektionen
Möglicherweise sind auch Infektionen mit Viren und Bakterien am Ausbruch von Multipler Sklerose beteiligt. Entsprechende Hinweise gibt es besonders zum Epstein-Barr-Virus (EBV). Das ist ein Vertreter der Herpes-Viren, der das Pfeiffersche Drüsenfieber verursacht.
Wie genau eine Infektion mit EBV (oder anderen Erregern) zur Entstehung von MS beiträgt, ist bislang nicht bekannt. Möglicherweise lösen die normalen Reaktionen des Immunsystems auf eine Infektion bei entsprechend veranlagten Menschen die Entstehung von MS aus.
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Gegen Multiple Sklerose gibt es keinen Impfstoff. Ein Impfstoff gegen das Eppstein-Barr-Virus befindet sich aber derzeit in der Entwicklung. Da Infektionen mit dem Virus als Risikofaktor für MS gelten, könnte die Impfung möglicherweise in Zukunft dazu beitragen, Menschen auch vor MS zu schützen.
Lebensstil und Umwelt
Umwelt- beziehungsweise bestimmte Lebensstil-Faktoren wirken möglicherweise ebenfalls bei der Entstehung von Multipler Sklerose mit. Ein ungesunder Lebensstil ist für sich genommen aber nicht ausreichend, um MS auszulösen.
Ein kritischer Faktor bei der MS-Krankheit ist offenbar Rauchen. So haben Raucher im Vergleich zu Nichtrauchern ein höheres Risiko, an Multipler Sklerose zu erkranken. Zudem scheint Nikotin den Krankheitsverlauf zu verschlechtern.
Einen Mangel an Vitamin D - dem „Sonnenvitamin“ - diskutieren Wissenschaftler ebenfalls als möglichen Risikofaktor für Multiple Sklerose. Dieser Verdacht basiert auf der Beobachtung, dass es einen Zusammenhang zwischen MS und der geografischen Breite gibt: Je weiter man sich vom Äquator entfernt (in Richtung Nord- beziehungsweise Südpol), desto häufiger tritt Multiple Sklerose in der Bevölkerung auf.
Das liegt eventuell an der abnehmenden Sonnen-Exposition: Je weiter entfernt vom Äquator die Menschen leben, desto weniger intensiv ist die Sonnen-Einstrahlung. Und je weniger Sonne auf die Haut fällt, desto weniger Vitamin D wird in der Haut produziert.
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Weitere Faktoren
Das Geschlecht wirkt ebenfalls mit bei der Entstehung von MS. Frauen erkranken häufiger an Multipler Sklerose als Männer. Warum das so ist, weiß man bislang nicht.
Untersuchungen zufolge erhöhen eine fettreiche „westliche“ Ernährung und ein damit verbundenes Übergewicht das Risiko für MS. Als weitere mögliche beeinflussende Faktoren werden eine erhöhte Kochsalz-Zufuhr und die Darmflora diskutiert.
Die ethnische Zugehörigkeit scheint ebenfalls einen Einfluss zu haben: Beispielsweise ist Multiple Sklerose bei weißen Menschen deutlich häufiger anzutreffen als bei anderen Ethnien. So erkranken männliche Schwarze, die in den USA leben, seltener an MS als männliche weiße US-Amerikaner - allerdings häufiger als männliche Schwarze in Afrika. Hier scheint wieder der Einfluss anderer Faktoren zum Tragen zu kommen.
Pathophysiologie des Myelinabbaus
Durch den zunehmenden Abbau von Myelin (Demyeliniserung, Entmarkung) sowie der Bildung von Narben, wozu es vor allem bei ausgedehnten Entzündungsherden (Läsionen) kommen kann, sind weitreichende Schädigungen an Nervenzellen und ihren Nervenfasern möglich.
In der schubförmigen Krankheitsphase sind die körpereigenen Reparaturvorgänge zunächst meist noch schlagkräftig genug, um geschädigte Nervenbahnen durch die Bildung von Myelin (Remyelinisierung) wieder funktionstüchtig zu machen. Deshalb bilden sich die Symptome bei vielen MS-Patienten auch erst einmal wieder zurück.
Aktuelle Forschungsergebnisse deuten nun darauf hin, dass sich das Verständnis der Krankheit an dieser Stelle ändern muss. In der aktuellen Studie konnten die Forschungsgruppen zeigen, dass das bisher als schützend angesehene Myelin, das Überleben der Axone sogar gefährden kann. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn Myelinscheiden durch Immunzellen angegriffen wurden, aber weiterhin die Axone umhüllen und damit von der Außenwelt isolieren. Oligodendrozyten sind nämlich nicht nur für die Bildung des Myelins zuständig. Sie leisten auch wichtige Unterstützungsfunktionen für den Energiestoffwechsel der Axone. Insbesondere myelinisierte Axone sind stark von metabolischer Unterstützung abhängig, da sie kaum eigenen Zugang zu Nährstoffen haben. Für die Unterstützung myelinisierter Axone durch eine Myelinscheide hindurch ist es erforderlich, dass die Architektur des Myelins intakt ist, einschließlich der engen Kommunikationskanäle zwischen Oligodendrozyten und Axonen.„Wenn Oligodendrozyten einer akuten entzündlichen Umgebung ausgesetzt sind, könnten sie ihre unterstützende Funktion für die Nervenfasern verlieren und das Myelin wird zu einer Bedrohung für das Überleben der Nervenfasern“, beschreibt Klaus-Armin Nave vom MPI für Multidisziplinäre Naturwissenschaften die eingangs aufgestellte Forschungshypothese des Teams.
Um ihre Vermutung zu überprüfen, untersuchten die Forschenden Gewebeproben von Patientinnen mit Multipler Sklerose und zusätzlich verschiedene Mausmodelle dieser Krankheit, um den Autoimmunangriff auf das Myelin experimentell nachzustellen. Dabei konnten sie erstmals in den Gewebeproben der Erkrankten mit Elektronenmikroskopie nachweisen, dass die irreversible Schädigung fast immer in den noch mit Myelin ummantelten Axonen auftritt (s. Abbildung). Umgekehrt konnten die Wissenschaftlerinnen mit Hilfe von genetisch veränderten Mausmodellen zeigen, dass „nackte“ Axone in einer akuten entzündlichen Region des zentralen Nervensystems besser vor der Degeneration geschützt sind.
Symptome der Multiplen Sklerose
Die Symptome Multipler Sklerose sind sehr variabel. Mit ein Grund dafür ist, dass der Abbau von Myelin in verschiedenen Regionen des Gehirns auftritt, die wiederum unterschiedliche Funktionen des Körpers kontrollieren. Kaum eine Erkrankung zeigt sich so individuell wie Multiple Sklerose. So können die verschiedenen Krankheitszeichen in unterschiedlicher Intensität und Kombination auftreten - je nachdem, welche Bereiche des Zentralen Nervensystems von den MS-bedingten Entzündungsherden bzw. Schädigungen betroffen sind. Die MS ist häufig durch Schübe gekennzeichnet. Ein Schub ist definiert als ein neues oder reaktiviertes Krankheitszeichen, das mindestens 24 Stunden anhält und sich anschließend komplett oder inkomplett zurückbildet (Remission). Der Abstand zum vorangegangenen Schub muss mindestens 30 Tage betragen.
Häufig sind sowohl Empfindungsstörungen (sensible Symptome), als auch Störungen der Muskelfunktion (motorische Symptome). In die erste Gruppe fallen Sehstörungen, Taubheitsgefühle, Prickeln und andere ungewöhnliche Empfindungen, aber auch Benommenheit und Schwindel sowie bei beiden Geschlechtern Schwierigkeiten, den sexuellen Höhepunkt zu erreichen. Unter die motorischen Symptome fallen Schwierigkeiten beim Gehen oder mit dem Gleichgewicht, Zittern, Schwäche, Steifheit, Verstopfung und Probleme, Harn und Stuhl zu kontrollieren. All diese Symptome sind oft schwer bzw. gar nicht vorhersehbar und oft können Episoden (so genannte Schübe) wie aus heiterem Himmel entstehen. In der Regel klingen sie dann innerhalb von Tagen oder Wochen ab und es kommt zu einer teilweisen bis kompletten Erholung (Remission). Allerdings kann diese in manchen Fällen auch ausbleiben und eine Beeinträchtigung bestehen bleiben. Generell gibt es zwischen einzelnen Betroffenen oft eine große Variabilität, was die Schwere, die Dauer sowie die Häufigkeit von Schüben sowie deren Remission betrifft. Dies bedeutet, dass Ihr individueller Fall sich nicht mit dem von anderen Erkrankten vergleich lässt.
Eine Multiple Sklerose kann sich durch die unterschiedlichsten Erstsymptome ankündigen. Es gibt jedoch einige Symptome, die zu Beginn der Erkrankung besonders oft auftreten. Bei 20 bis 30 Prozent stehen im Anfangsstadium (meist einseitige) Gefühlsstörungen in den Beinen oder Störungen der Sensibilität wie Taubheitsgefühle oder Ameisenkribbeln in anderen Regionen wie Rumpf und/oder Arme im Vordergrund. Ist z.B. das motorische System in Mitleidenschaft gezogen, treten Störungen, etwa der Bewegungskoordination, und/oder Lähmungserscheinungen in den Vordergrund. Oft treten diese und viele weiteren Symptome plötzlich im Rahmen eines akuten Schubs auf, die dann nach Abklingen des Schubs weitgehend wieder verschwinden.
Weitere mögliche Symptome sind:
- Sehstörungen
- Empfindungs- bzw. Koordinations- und Bewegungsstörungen
- Sprechstörungen
- Persönlichkeitsveränderungen (gereizter, aggressiver, lustloser, ängstlicher, vielleicht auch ungewohnt euphorisch)
- Psychische Beeinträchtigungen (Depression)
- Neuropathische Schmerzen
- Krämpfe (Spastik)
Verlaufsformen der Multiplen Sklerose
Multiple Sklerose ist eine Erkrankung mit vielen Facetten, die bei jedem Betroffenen verschieden verlaufen kann. Während es bei der Mehrzahl der Patienten (vor allem Frauen) zu einem schubförmigen Verlauf - der durch akute Verschlechterungen mit anschließender Besserung (Remission) bestimmt ist -, liegt bei ca. zehn Prozent eine fortschreitende Form vor, die mit einer steten - manchmal kaum merklichen - Verschlechterung einhergeht.
Man unterscheidet hauptsächlich drei Verlaufsformen:
- Schubförmig remittierende MS (RRMS): Etwa 85 Prozent der Multiple-Sklerose-Erkrankten haben eine schubförmigen Verlauf. Per Definition hält ein Schub mindestens 24 Stunden lang an; meist bilden sich die Symptome nach vier bis acht Wochen weitgehend wieder zurück (remittierend = zurückbildend). Zwischen den einzelnen Schüben liegen Intervalle von mehr als 30 Tagen; im Idealfall dauert es Monate und Jahre bis zum nächsten Schub.
- Sekundär progrediente MS (SPMS): Es treten dann immer seltener Schübe auf, gleichzeitig kommt es zu einer schleichenden Verschlechterung der Beschwerden und die Einschränkungen bilden sich nicht mehr vollständig zurück.
- Primär progrediente MS (PPMS): Bei etwa 10 bis 15 Prozent der Betroffenen nimmt die Erkrankung von Beginn an einen fortschreitenden (progredienten) Verlauf, der eine kontinuierliche Verschlechterung der Beschwerden mit einer Zunahme der Einschränkungen zur Folge hat. Der primär chronisch-progrediente Verlauf tritt häufiger auf, wenn die Betroffenen ihre Diagnose ab dem 40. Lebensjahr erhalten.
Diagnose der Multiplen Sklerose
Für eine sichere Diagnose müssen die aktuellen McDonald-Kriterien (2017) erfüllt sein, die auf dem Konzept der zeitlichen und räumlichen (örtlichen) Dissemination beruhen. Belege für eine zeitliche Dissemination sind beispielsweise Krankheitsschübe zu unterschiedlichen Zeitpunkten und/oder wenn im Liquor oligoklonale Bande gefunden wurden.
Wichtige diagnostische Verfahren sind:
- MRT (Magnetresonanztomographie): Die Magnetresonanztomographie (MRT) ist für die Diagnostik einer Multiplen Sklerose unverzichtbar. Denn sie ist derzeit das einzige bildgebende Verfahren, mit dem MS-bedingte Veränderungen von Gehirn und Rückenmark bereits in einem sehr frühen Stadium sicher nachgewiesen werden können. Für eine noch genauere Diagnostik, etwa zur Unterscheidung zwischen frischen und älteren Entzündungsherden, kann ein Kontrastmittel (Gadolinium) eingesetzt werden.
- Liquoruntersuchung: Eine Untersuchung des Nervenwassers (Liquor) wird durchgeführt, um Entzündungszellen sowie bestimmte Muster von Antikörpern, sogenannte isolierte oligoklonale Bande (OKB), nachzuweisen. Diese OKB entstehen nur dann, wenn sich ein chronisch-entzündlicher Prozess im Zentralen Nervensystem abspielt, und lassen sich bei einem Großteil der MS-Patienten finden.
- OCT (Optische Kohärenztomographie): Eine etablierte Methode der Augenheilkunde könnte künftig zur Vorhersage des wahrscheinlichen Krankheitsverlaufs einer frisch diagnostizierten MS herangezogen werden: die optische Kohärenztomographie (OCT), die dazu dient, die Dicke der Netzhaut im Auge zu messen. Verschiedene Studien legen nahe, dass sich mithilfe der OCT Rückschlüsse auf die Schwere des Krankheitsverlaufs einer Multiplen Sklerose ziehen lassen. Denn es hat sich gezeigt: Je dünner die Netzhaut ist, desto wahrscheinlicher ist ein eher schwerer Krankheitsverlauf mit häufigen Schüben, ausgeprägteren Symptomen und zunehmenden Einschränkungen.
Neuer möglicher Prognosemarker
Forscher haben einen neuen Biomarker ausfindig gemacht, der Rückschlüsse auf das Ausmaß der Nervenschäden und den Krankheitsverlauf bei multipler Sklerose zulässt. Dabei handelt es sich um ein spezielles Eiweiß im Blutserum: das sogenannte Neurofilament light chain protein, abgekürzt NfL. Dieses ist ein Bestandteil des Gerüsts von Nervenzellen. Beim Abbau des Myelins werden diese Bruchstücke in die Gehirn- und Rückenmarksflüssigkeit und schließlich ins Blut freigesetzt. Je größer das Ausmaß der Läsionen und je kleiner das Gehirnvolumen war, umso höher war die Menge des NfL im Blut. Auch die Wirksamkeit einer MS-Behandlung lasse sich durch dieses Eiweiß überprüfen.
Therapie der Multiplen Sklerose
Auch wenn die MS bis jetzt nicht heilbar ist, gibt es MS-Therapien, die in vielen Fällen die Häufigkeit, Schwere und Dauer der Schübe bremsen können. Trotz großen medizinischen Fortschritts existiert zurzeit kein Medikament, das in der Lage ist, Multiple Sklerose ursächlich zu heilen. Allerdings gibt es sehr wohl Möglichkeiten, positiv auf den Krankheitsverlauf Einfluss zu nehmen, um Ihnen das höchstmögliche Maß an Selbstständigkeit und Lebensqualität zu ermöglichen.
Erklärtes Behandlungsziel der Schulmedizin ist es, die Lebensqualität des an Multiple Sklerose erkrankten Patienten bestmöglich zu erhalten, das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen sowie drohende Einschränkungen und Behinderungen möglichst lange hinauszuzögern.
Die Ziele der schulmedizinischen Therapie sind: MS-Schübe zu verhindern, ein Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen und Behinderungen möglichst lange hinauszuzögern.
Das Therapiemodell umfasst drei Säulen:
- Akuttherapie (Schubtherapie): Die Kortisonstoßtherapie (zum Beispiel Methylprednisolon) ist eine bewährte Methode zur Behandlung eines akuten Schubs. Das Kortison wird entweder als Infusion über die Vene oder als Tablette bzw. Trinklösung drei bis fünf Tage lang verabreicht. Bleibt diese Maßnahme ohne Erfolg, empfiehlt die Patientenleitlinie eine Ultra-Hochdosis-Kortison-Therapie über weitere drei bis fünf Tage.
- Verlaufsmodifizierende Therapie (Immuntherapie): Mit Medikamenten, die einen direkten Einfluss auf das Immunsystem und damit auf die entzündlichen Prozesse nehmen, indem sie entweder verändernd (immunmodulierend) oder dämpfend (immunsuppressiv) wirken. Zur Immuntherapie stehen inzwischen eine Reihe von Wirkstoffen zur Verfügung, die teilweise erst kürzlich die Zulassung erhalten haben. Dazu gehören die Wirkstoffe Beta-Interferone, Dimethylfumarat, Glatirameracetat und Teriflunomid. Welches Medikament aus welcher Wirksamkeitskategorie individuell geeignet ist, richtet sich nach der Verlaufsform und dem Grad der Krankheitsaktivität. Aber auch individuelle Aspekte wie das Alter und Allgemeinbefinden des Patienten werden bei der Entscheidungsfindung berücksichtigt. Die aktuelle Patientenleitlinie empfiehlt allen Menschen mit einer diagnostizierten Multiple Sklerose eine Immuntherapie. Daten legen nahe, dass vor allem jüngere Menschen mit einer entzündlich-aktiven MS profitieren, wenn sie direkt nach der Diagnose mit einer Immuntherapie beginnen. Mit dem Alter nimmt die Wirksamkeit einer Immuntherapie jedoch ab und das Risiko für Nebenwirkungen nimmt zu. Umso wichtiger ist es, dass in jedem einzelnen Fall sorgfältig abgewogen wird, ob bzw. zu welchem Zeitpunkt eine Immuntherapie angezeigt ist oder nicht. Dazu gehört auch ein ausführliches Beratungsgespräch, bei dem der behandelnde Therapeut seine Patient:innen umfassend über Nutzen und Risiken informiert und mit ihm gemeinsam die Entscheidung für oder gegen eine Immuntherapie trifft.
- Symptomatische Therapie: Die symptomatische Therapie ist die dritte Säule des Therapiemodells. Begleitend zur medikamentösen Behandlung haben sich nicht-medikamentöse Maßnahmen wie Physio- und Ergotherapie, Logopädie, Psychotherapie, Gruppentherapie, neuropsychologische Therapie und andere Behandlungsmöglichkeiten bewährt. Hinzu kommen Therapiestrategien, die gezielt zur Linderung der vorherrschenden Symptome eingesetzt werden, etwa Beckenbodengymnastik als Begleitbehandlung zur Linderung von Blasenstörungen oder kognitive Verhaltenstherapie bei Depression.
Weitere Therapieansätze
- Alpha-Liponsäure: Schon länger gehen Mediziner:innen davon aus, dass die Einnahme der Fettsäure Alpha-Liponsäure den Verlauf einer Multiple Sklerose günstig beeinflussen, die Symptome lindern und womöglich auch einem krankheitsbedingten Verlust an Hirnvolumen (Hirnatrophie) bremsen kann. Dies legen verschiedene Studien nahe, allen voran eine randomisierte kontrollierte Pilotstudie aus dem Jahr 2017 in den USA, die vier Jahre lang die Wirkung hoch dosierter Liponsäure speziell bei MS-Patienten mit einer sekundär progredienten MS (SPMS) untersucht hat. Einer anderen Untersuchung (2021) zufolge könnten es die ausgeprägten antioxidativen und anti-entzündlichen Eigenschaften der Liponsäure sein, die zum Abklingen der MS-Entzündungsherde im Gehirn beitragen könnten.
Remyelinisierung
Aufgrund der Schädigung der Myelinscheiden bei MS können Nervenimpulse nicht mehr korrekt weitergeleitet werden. Die Schädigungen an den Myelinscheiden können bis zu einem gewissen Grad wieder von selbst regenerieren (Remyelinisierung). Ist das nicht mehr der Fall, könnten in Zukunft Medikamente weiterhelfen. Ein neuer interessanter Ansatzpunkt ist das Eiweiß Chi3l3. Forscher zeigten im Mausmodell, dass es eine wichtige Rolle bei der Myelinregeneration spielt. Aussichtsreich könnte auch das in Teeblättern enthaltene Theophyllin sein. Dieser Wirkstoff konnte bei Mäusen eine deutliche Verbesserung in der Regeneration von Myelin auslösen und wird bereits in der Therapie von Asthma und anderen Atemwegserkrankungen eingesetzt.
Leben mit Multipler Sklerose
Trotz signifikanten medizinischen Fortschritts existiert momentan keine Therapie, die Multiple Sklerose heilen kann. Allerdings hilft eine Vielzahl von verfügbaren Behandlungsmöglichkeiten Ihnen dabei, Ihr Leben lang möglichst unbehelligt durch die Erkrankung zu leben. Die Diagnose Multiple Sklerose ist zunächst einmal ein Schock. Aber ein Leben trotz MS ist möglich und machbar!
Hier sind einige Tipps für den Alltag mit MS:
- Bleiben Sie aktiv und treiben Sie Sport: Achten Sie aber dabei darauf, die für Sie passende Sportart zu finden und sich selbst nicht zu überanstrengen. Während eines Schubes sollten Sie allerdings, abgesehen von Physiotherapie, auf sportliche Betätigung verzichten. Zudem wirkt sich Sport auch positiv auf Ihre Stimmung, Ihr Wohlbefinden sowie Ihre Lebensfreude aus. Bleiben Sie deswegen aktiv, wo Sie können: Steigen Sie Treppen statt den Aufzug zu nehmen, gehen Sie zu Fuß oder fahren Sie Fahrrad statt ins Auto oder den Bus zu steigen. Engagieren Sie sich in Sportvereinen und fangen Sie eine neue Sportart an, von der Sie schon immer geträumt haben. Selbstverständlich sollten Sie dabei Ihre MS nicht aus dem Blick verlieren und Ihre Grenzen respektieren. Am besten fragen Sie dazu Ihren Neurologen und informieren Sie sich auch ergänzend über physiotherapeutische, ergotherapeutische sowie logopädische Angebote.
- Suchen Sie sich Hilfe bei psychischen Problemen: Oft kann es während der MS zu Phasen von Niedergeschlagenheit und Ängstlichkeit kommen, die Ihre Lebensqualität stark reduzieren können. Thematisieren Sie dies mit Ihrem Arzt und suchen Sie sich Hilfe. Viele Patienten mit Multipler Sklerose erleben Phasen, in denen sie sich sehr deprimiert und ängstlich fühlen. Sollten Sie merken, dass dies Sie in Ihrem Alltag und Ihrer Lebensfreude einzuschränken beginnt, dann wird es Zeit, das mit Ihrem Arzt oder Neurologen zu besprechen. Auch kann es zu vermehrter Erschöpfung und chronischer Ermüdung (so genannter Fatigue) kommen, die Sie ebenfalls bei Ihrem Arzt ansprechen sollten. Zögern Sie nicht, auch weitere Symptome, die Ihre Lebensqualität einschränken, zur Sprache zu bringen - schämen Sie sich nicht für Ihre Sorgen und Befürchtungen, sondern pflegen Sie eine offene und ehrliche Beziehung zu Ihrem behandelnden Arzt und Ihren Angehörigen. Nur so kann Ihnen optimal geholfen werden.
- Beziehen Sie Ihre Angehörigen ein: Beziehen Sie Ihre Angehörigen in Ihr Leben mit ein und diskutieren Sie Ihre Sorgen, Ängste und Bedürfnisse offen und ehrlich. Machen Sie deutlich, was Sie sich wünschen und wie dies in den Lebensalltag integriert werden kann. Auf diese Weise kann jeder auf den anderen besser eingehen und Konflikte sowie Enttäuschung lassen sich im Vorfeld vermeiden.
- Informieren Sie sich und vernetzen Sie sich mit anderen Betroffenen: Informieren Sie sich über Multiple Sklerose und versuchen Sie, sich mit anderen Betroffenen zu vernetzen. Gute Anlaufstellen sind die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft und das Kompetenznetz Multiple Sklerose. Sicherlich gibt es in Ihrer Stadt auch ein MS-Netzwerk, das sich regelmäßig trifft. Oft kann bereits das Kennenlernen von anderen Patienten die eigene Angst hemmen und Ihnen neue Wege aufzeigen, mit der Erkrankung umzugehen.