Impfempfehlungen bei Multipler Sklerose: Notwendigkeit, Herausforderungen und Lösungsansätze

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, von der in Deutschland etwa 250.000 Menschen betroffen sind. Patienten mit MS haben oft ein erhöhtes Risiko für Infektionen, insbesondere wenn sie mit immunmodulierenden Therapien behandelt werden. Vor diesem Hintergrund spielen Impfungen eine zentrale Rolle in der Versorgung von Menschen mit MS. Trotz klarer Impfempfehlungen bleiben viele MS-Patienten unzureichend geschützt. Eine aktuelle Beobachtungsstudie des Jenaer Uniklinikums zeigt, dass nur etwa die Hälfte der MS-Patienten die von Fachgesellschaften empfohlenen Standardimpfungen vollständig erhalten hat.

Warum Impfungen für MS-Patienten wichtig sind

Impfungen sind ein wesentlicher Bestandteil der MS-Therapie, um Infektionsrisiken zu verringern, insbesondere bei immunsuppressiven Behandlungen. Infektionen können das Schubrisiko erhöhen und somit eine doppelte Gefahr mit sich bringen. Eine Grippeschutzimpfung ist auf jeden Fall sinnvoll - vor allem für die Risikogruppen, wie Senioren über 60, Schwangere, Pfleger, medizinisches Personal und chronisch Kranke. Denn diese haben durch ihr geschwächtes Immunsystem oder durch den Umstand, dass sie den Viren stärker ausgesetzt sind, eine deutlich erhöhte Infektionsgefahr. Wer einmal eine Grippe hatte, weiß zu gut: Medikamente bleiben oft wirkungslos! Denn die Viren verändern sich ständig und bilden sogar Resistenzen. Was die Grippe außerdem gefährlich macht: Sie verbreitet sich rasend schnell! In der Grippesaison 2024/25 gab es 389.403 bestätigte Grippeinfektionen. Davon wurden über 68.000 Patientinnen und Patienten wurden stationär behandelt. Insgesamt starben 1.754 Menschen mit Influenza; die meisten (90%) von ihnen waren 60 Jahre und älter. (Quelle: PTAheute)

Die Leitlinien zu Impfungen bei MS empfehlen eine vollständige Basisimpfstoffabdeckung sowie zusätzliche indikationsspezifische Impfungen, die vom Grad der Immunsuppression abhängen. Ziel ist es, Infektionsrisiken zu minimieren und so die Krankheitskontrolle zu verbessern.

Aktuelle Impfquoten bei MS-Patienten

Die Jenaer Studie, die in sechs deutschen MS-Zentren durchgeführt wurde, ergab, dass die Impfquote von MS-Patienten (n = 397) tendenziell niedriger war als bei gesunden Kontrollpersonen (n = 300). Ein Impfindex, der die Abdeckung von acht Standardimpfungen misst, lag bei MS-Betroffenen bei durchschnittlich 0,58, verglichen mit 0,62 in der Kontrollgruppe. Im Ergebnis hatten MS-Erkrankte nur gut die Hälfte der empfohlenen Standardimpfungen. In einer altersangepassten gesunden Vergleichsgruppe lag die Impfrate sogar leicht höher. Weniger als jeder fünfte MS-Erkrankte war ausreichend gegen Gürtelrose, Grippe oder andere Atemwegserkrankungen geimpft. Das galt auch für MS-Patienten mit hochwirksamen immunsupprimierenden Medikamenten.

Empfohlene Impfungen für MS-Patienten

Die Wissenschaftler unterteilten die Impfungen in Standardimpfungen und indikationsspezifische Impfungen.

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Standardimpfungen

Zu den Standardimpfungen gehören:

  • Tetanus
  • Diphtherie
  • Polio
  • Keuchhusten
  • Masern
  • Mumps
  • Röteln
  • COVID-19

Diese Impfungen werden für alle Erwachsenen in der Kontroll- und MS-Gruppe empfohlen. Bei den Standardimpfungen - mit Ausnahme der COVID-19-Impfung - war die Impfquote bei MS-Patienten niedriger als in der Kontrollgruppe. Generell gelten für MS-Patienten die gleichen Impf-Empfehlungen wie für gesunde Menschen: Erwachsenen sollten sich gegen Poliomyelitis, Masern (für alle Erwachsenen, die nach 1970 geboren sind und nicht bzw. in der Kindheit nur einmal gegen Masern geimpft wurden), Diphtherie, Tetanus und Pertussis (Keuchhusten) schützen. Die Schutzimpfungen gegen Diphtherie, Tetanus und Pertussis müssen dabei alle 10 Jahre aufgefrischt werden.

Indikationsspezifische Impfungen

Zu den indikationsspezifischen Impfungen gehören:

  • Pneumokokken
  • Meningokokken
  • Hepatitis A und B
  • Saisonale Grippe (Influenza)
  • Herpes Zoster (Gürtelrose)
  • Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME)

Letztere werden nur für Erwachsene mit bestimmten prädisponierenden Erkrankungen oder unter Immunsuppression empfohlen. Für Erwachsene ab 60 Jahren werden außerdem Schutzimpfungen gegen Influenza (Grippe), Pneumokokken und Herpes zoster (Gürtelrose) empfohlen. In manchen Regionen Deutschlands sollte man sich zusätzlich gegen FSME schützen. Bei den indikationsspezifischen Impfungen gegen Pneumokokken, Influenza, Herpes Zoster und Frühsommer-Meningoenzephalitis war die Impfquote bei MS-Patienten hingegen insgesamt höher als in der Kontrollgruppe.

Herausforderungen und Gründe für niedrige Impfquoten

Eine wachsende Impfskepsis in der Allgemeinbevölkerung stellt eine der größten Herausforderungen dar. Ein weiterer relevanter Faktor sind sogenannte „Impfmythen“, wie die Annahme, dass Impfungen MS-Schübe auslösen könnten. Solche Mythen beeinflussen nicht nur die Patienten selbst, sondern auch die Empfehlungen von Hausärzten, die oft unsicher in Bezug auf Impfungen bei MS sind.

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Die aktuelle Studie konnte allerdings keine signifikanten Unterschiede bei der allgemeinen Impfzurückhaltung zwischen den Gruppen feststellen. Allerdings gaben 82 % der befragten Hausärzten an, dass sie bei MS-Patienten zögern, Impfungen zu empfehlen. Häufige Gründe waren Unsicherheiten bezüglich möglicher Nebenwirkungen (42,5 %) und möglichen Wechselwirkungen mit MS-Therapien (40,7 %). Rund 28 % der Hausärzte glauben, dass Impfungen MS-Schübe auslösen können, während 24 % neutral bleiben. Trotz dieser Bedenken empfehlen 76-95 % der Ärzte regelmäßig Standardimpfungen für MS-Patienten, unabhängig von deren Therapie. Indikationsspezifische Impfungen empfehlen Ärzte insgesamt seltener. Während Pneumokokken-Impfungen mit 86 % noch am häufigsten vorgeschlagen werden, liegt die Empfehlung für HPV-Impfungen nur bei 16 %.

Impfstoffe: Totimpfstoffe vs. Lebendimpfstoffe

MS-Patienten sollten beim Impfen auf die verschiedenen Impfstoffe achten. Hier unterscheidet man zwischen sogenannten „Totimpfstoffen“ und „Lebendimpfstoffen“. Wie der Name schon nahelegt, enthalten Totimpfstoffe nur abgetötete Krankheitserreger, die sich nicht mehr vermehren können. Diese werden vom Körper als fremd erkannt und regen das körpereigene Abwehrsystem an, ohne dass die jeweilige Krankheit ausbricht. Lebendimpfstoffe hingegen enthalten geringe Mengen des Krankheitserregers, die auch noch in der Lage sind, sich weiter zu vermehren. Da sie aber so abgeschwächt wurden, dass sie die Erkrankung nicht auslösen, sind sie für gesunde Menschen völlig harmlos. Für MS-Patienten besteht bei Lebendimpfstoffen jedoch - laut aktueller Studienlage - ein erhöhtes Schubrisiko, weshalb diese vermieden werden sollten. Zu den Lebendimpfstoffen gehören beispielsweise Impfstoffe gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken. Ggf. Typhus: Nur die Schluckimpfung ist ein Lebendimpfstoff. Ggf. Influenza (Grippe): Nur der Impfstoff, der als Nasenspray bei Kindern verabreicht wird, ist ein Lebendimpfstoff.

Pawlitzki betont in seinem Vortrag, dass bei Totimpfstoffen der Nutzen der Impfung höher ist als das Risiko, die Multiple Sklerose zu triggern. Dahingegen sollten Lebendimpfstoffe bei MS aber nur in strenger Nutzen-Risiko-Abwägung verabreicht werden, da sie möglicherweise Infektionen hervorrufen oder die Aktivität der MS begünstigen könnten.

Der Einfluss von MS-Therapien auf Impfungen

Immunsupprimierende Medikamente können das Risiko für schwere Infektionen erhöhen. Systemische Infekte können dann möglicherweise auch die MS triggern und die Schubrate und die MRT-Aktivität erhöhen. Impfungen können vorbeugend gegen schwere Infekte wirken.

Vor Beginn mit einer (neuen) MS-Therapie ist es immer ratsam, seinen Impfstatus zu überprüfen und ggf. aufzufrischen. Abgeraten wird im Allgemeinen von Lebendimpfstoffen unter immunsuppressiver Therapie (z.B. die bei Einreise nach Paraguay oder Kongo notwendige Gelbfieberimpfung).

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Einige MS-Therapien, wie Ocrevus oder Kesimpta, die B-Zellen hemmen, können die Wirksamkeit von Impfungen reduzieren. Optimal ist die Impfung vor Beginn einer MS-Therapie. Ist dies nicht möglich, sollte während stabiler Phasen oder in Therapieintervallen geimpft werden.

Pawlitzki gibt in seinem Vortrag außerdem wertvolle Tipps zum idealen Impfzeitpunkt bei den verschiedenen Medikamenten. Er geht außerdem auch speziell auf Medikamente ein, die eine B-Zell-Depletion verursachen und möglicherweise die Wirkung verringern könnten.

Handlungsempfehlungen zur Verbesserung der Impfquoten

Die Studienautoren betonen die Notwendigkeit, die Impfberatung zu verbessern und Unsicherheiten bei Ärzten durch gezielte Aufklärung zu reduzieren. Dazu sagt der Studienleiter PD Dr. Florian Rakers: „Wir hören sowohl von Hausärzten als auch von Patienten immer wieder Befürchtungen, dass Impfungen Schübe auslösen oder den Verlauf der MS verschlechtern könnten.“ Dafür gebe es aber keinerlei Belege. „Dass Infektionen die MS negativ beeinflussen können, ist dagegen gesichert“, so der Neurologe.

Rakers schlägt vor, einige MS-Behandlungszentren als spezialisierten Impfzentren zu etablieren. Einheitliche Impfempfehlungen und besser geschulte Ärzte könnten dazu beitragen, die Impfquoten in dieser Risikogruppe nachhaltig zu verbessern.

Vor diesem Hintergrund empfiehlt es sich: Zum nächsten Arztbesuch einfach mal den Impfausweis mitnehmen und überprüfen lassen, ob alle Schutzimpfungen ausreichend und aktuell sind.

Die Rolle der Patientenaufklärung

Dr. Thomas Grüter, Neurologe am St. Josef-Hospital in Bochum und Teil des VAC-MAC Teams, betont die Notwendigkeit, Patienten mit Autoimmunerkrankungen über die Vorteile von Impfungen aufzuklären. Er widerlegt das Gerücht, dass Impfungen Autoimmunerkrankungen auslösen könnten, und betont, dass Studien keinen kausalen Zusammenhang zeigen.

Dr. Grüter empfiehlt MS-Patienten, sich nicht von Mythen abschrecken zu lassen und sich umfassend über die Vorteile und Risiken von Impfungen zu informieren. Für Frauen mit Kinderwunsch empfiehlt er eine umfassende Impfplanung vor der Schwangerschaft.

Empfehlungen der Fachleute

Wissenschaftler haben Standards für alle Fragen rund ums Impfen bei Multipler Sklerose entwickelt. Hier die Liste der empfohlenen Impfungen bei Multipler Sklerose:

  • Grundimmunisierungen der Allgemeinbevölkerung (Tetanus etc.)
  • Regelmäßige Impfung gegen Influenza (Grippe-Impfung)
  • Pneumokokken (häufigste Form der Lungenentzündung)
  • Impfung gegen HPV (humanes Papillomavirus)
  • Herpes zoster (Gürtelrose) ab 50 Jahren, v.a. bei immunsuppressiver Therapie
  • Hepatitis (bei MS-Therapie mit anti-CD20-Antikörpern)
  • Impfung gegen SARS-Cov2

Europäische Neurologen sind sich einig, dass MS-Patienten von einer Impfung gegen SARS-Cov2 profitieren. Wie bei den anderen angeratenen Impfungen auch überwiegen die Vorteile eventuelle Risiken. Allemal ist eine Impfung besser als mit dem echten Coronavirus infiziert zu sein.

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