Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte, unprovozierte Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle entstehen durch abnorme elektrische Entladungen im Gehirn. Bei Kindern können Epilepsie und insbesondere Absence-Epilepsie verschiedene Formen annehmen und mit Verhaltensauffälligkeiten einhergehen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, verschiedenen Formen von Epilepsie bei Kindern und den Zusammenhang mit Verhaltensauffälligkeiten.
Was ist Epilepsie?
Epilepsie ist keine einzelne Krankheit, sondern ein Sammelbegriff für verschiedene Erkrankungen des Gehirns, die durch eine erhöhte Anfallsbereitschaft gekennzeichnet sind. Die Ursachen für Epilepsie sind vielfältig und können genetisch bedingt, strukturell, infektiös, metabolisch oder immunologisch sein.
Ursachen von Epilepsie
Jedes Ereignis, das einen Schaden im Gehirn verursacht, kann ein potenzieller Auslöser für ein epileptisches Anfallsleiden sein. Die Medizin unterscheidet hier strukturelle, infektiöse, metabolische, genetische und immunologische Ursachen.
- Strukturelle Ursachen: Veränderungen am Gehirn, die beispielsweise durch Schlaganfälle, Hirntumore, Narben nach Geburtsschäden, Unfälle oder Entzündungen entstehen können. Ein Teil dieser Fehlbildungen betrifft beide Hirnhälften und manchmal die gesamte Hirnrinde. Die Betroffenen sind meist schwer behindert und haben schwierig zu behandelnde Epilepsien. Andere Fehlbildungen sind regional begrenzt und verursachen fokale Anfälle aus dieser Region.
- Infektiöse Ursachen: Infektionen des Gehirns, die durch Viren oder Bakterien verursacht werden, wie z. B. Borreliose.
- Metabolische Ursachen: Veränderungen im Stoffwechsel, die z. B. mit seltenen Stoffwechselerkrankungen wie der Phenylketonurie in Verbindung stehen. Phenylketonurie ist eine angeborene, erbliche Erkrankung des Eiweißstoffwechsels, die den Abbau der Aminosäure Phenylalanin verhindert.
- Genetische Ursachen: Genetisch bedingt haben manche Menschen eine stärkere Veranlagung zu epileptischen Anfällen als andere. Die Forschung geht heute davon aus, dass bei diesen Patienten ein oder mehrere Gene defekt sind, die als Ursache der Epilepsie anzusehen sind. Häufig sind die betroffenen Gene nicht bekannt, und es müssen bestimmte Gen-Konstellationen vorliegen, damit es zu einer Epilepsie kommt. Daher sind diese Epilepsie-Ursachen meist nicht vererbbar, auch wenn sie neuerdings als genetische Epilepsien bezeichnet werden.
- Immunologische Ursachen: Entzündungsvorgänge im Gehirn, z. B. wenn die eigene Körperabwehr (Immunsystem) das Hirngewebe angreift und es zu einer Hirnhautentzündung kommt.
Zusätzlich gibt es sogenannte kryptogene Epilepsien, die heute schlichtweg als Epilepsie mit unbekannter Ursache bezeichnet werden.
Formen von Epilepsie bei Kindern
Epilepsie kann bei Kindern verschiedene Formen annehmen, die sich in Art und Häufigkeit der Anfälle sowie im Alter des ersten Auftretens unterscheiden. Einige der häufigsten Formen sind:
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- Absence-Epilepsie des Schulkindalters (Pyknolepsie): Diese Form tritt meist im Alter von fünf bis acht Jahren auf, wobei Mädchen häufiger betroffen sind. Die Kinder erleben bis zu 100 Absencen am Tag. Absencen sind kurze Bewusstseinspausen, in denen das Kind seine Umgebung nicht wahrnimmt. Diese Form hat im Allgemeinen eine gute Prognose.
- Juvenile Absence-Epilepsie: Diese Form tritt bei Kindern zwischen dem neunten und 15. Lebensjahr auf. Beide Geschlechter sind etwa gleich häufig betroffen. Die Patienten erleben nur wenige Absencen am Tag, die aber oft mit einem tonisch-klonischen Krampfanfall (Grand mal) verbunden sind. Die Prognose ist weniger günstig, besonders bei unregelmäßigem Lebensstil und fehlender Behandlung.
- Rolando-Epilepsie: Diese Form zählt zu den häufigsten Formen von Kinderepilepsie und zeigt sich durch oft nächtliche Anfälle, die meist nur sporadisch auftreten.
- Primäre Lese-Epilepsie: Diese Form beginnt meist im Alter von 17 bis 18 Jahren, kann aber auch bei Kindern vor der Pubertät auftreten. Die epileptischen Anfälle werden durch lautes oder leises Lesen ausgelöst. Diese Form hat eine gute Prognose.
- West-Syndrom (BNS-Epilepsie): Dies ist eine seltene, ernst zu nehmende Epilepsie bei Babys, die meist im Alter von zwei bis acht Monaten beginnt. Jungen sind häufiger betroffen. Die kleinen Patienten erleiden meist mehrere epileptische Anfälle hintereinander (in Serie). Die Prognose ist meist ungünstig, und die meisten betroffenen Kinder leiden an Entwicklungsstörungen.
- Lennox-Gastaut-Syndrom (LGS): Dies ist eine weitere seltene Form von Epilepsie bei Kindern, die meist zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr erstmals in Erscheinung tritt. Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen. Die Patienten erleiden oft mehrere Anfälle am Tag, manchmal auch in der Nacht. Die Entwicklung der betroffenen Kinder ist meist mehr oder weniger stark beeinträchtigt.
- Juvenile myoklonische Epilepsie: Diese Form tritt typischerweise bei Kindern/Jugendlichen im Alter von zwölf bis 18 Jahren zum ersten Mal auf. Charakteristisches Merkmal sind mehr oder weniger stark ausgeprägte Muskelzuckungen (Myoklonien). Die juvenile myoklonische Epilepsie lässt sich mit Medikamenten oft recht gut behandeln.
- Dravet-Syndrom: Dies ist eine sehr seltene und schwere Form der Epilepsie bei Kindern. Meist erkranken Kinder zwischen dem dritten und zwölften Lebensmonat daran, selten später. Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen. Das Dravet-Syndrom ist nur schwer behandelbar. Medikamente wirken oft nicht so gut. Weil sie aber oft kognitive Einschränkungen und Verhaltensauffälligkeiten nach sich ziehen, hat diese Form von Epilepsie bei Kindern trotzdem eine ungünstige Prognose.
Was sind Absence-Anfälle?
Absence-Anfälle sind eine spezielle Form von epileptischen Anfällen, die vor allem bei Kindern auftreten. Sie zeichnen sich durch kurze Bewusstseinspausen aus, in denen das Kind seine Umgebung nicht wahrnimmt. Es gibt zwei Haupttypen von Absencen:
- Typische Absencen: Diese Anfälle beginnen und enden plötzlich und dauern nur wenige Sekunden. Das Kind unterbricht seine aktuelle Tätigkeit und setzt sie nach dem Anfall fort, ohne sich an die Bewusstseinspause zu erinnern.
- Atypische Absencen: Diese Anfälle haben einen langsameren Beginn und ein langsameres Ende und können mit zusätzlichen Symptomen wie Muskelzuckungen oder Veränderungen der Muskelspannung einhergehen.
Symptome eines epileptischen Anfalls
Einem epileptischen Anfall kann eine sogenannte Aura vorausgehen. Bei der Aura können Wahrnehmungsstörungen, Halluzinationen und Schwindelgefühle auftreten. Allgemeine Symptome bei epileptischen Anfällen können sein:
- Bewusstseinsveränderungen, geistige Abwesenheit (Absence), Bewusstseinsverlust
- Wahrnehmungsstörungen: Sehstörungen, Geschmacks- und Geruchshalluzinationen
- Schwindelgefühle
- Übelkeit und Unwohlsein
- Kribbeln in den betroffenen Körperteilen
- ungewöhnliche Muskelaktivität, Muskelzuckungen und Krämpfe im Sinne tonisch-klonischer Entäußerungen
- unwillkürliche Laute
Je nach Art des Anfalls sind die Betroffenen in der Regel zwischen den Anfällen beschwerdefrei und weisen keine neurologischen Symptome auf.
Verhaltensauffälligkeiten bei Epilepsie
Verhaltensauffälligkeiten können bei Kindern mit Epilepsie häufig auftreten und verschiedene Ursachen haben. Sie können eine direkte Folge der epileptischen Aktivität im Gehirn sein, aber auch durch die Medikamente zur Behandlung der Epilepsie oder durch psychosoziale Faktoren verursacht werden.
Ursachen für Verhaltensauffälligkeiten
- Direkte Auswirkungen der Epilepsie: Epileptische Entladungen können bestimmte Hirnregionen beeinflussen, die für Verhalten und Emotionen zuständig sind. Dies kann zu Verhaltensauffälligkeiten wie Hyperaktivität, Aggressivität, Angstzuständen oder Depressionen führen.
- Nebenwirkungen von Medikamenten: Antiepileptika können verschiedene Nebenwirkungen haben, die sich auf das Verhalten auswirken. Einige Medikamente können Müdigkeit, Reizbarkeit oder Konzentrationsschwierigkeiten verursachen.
- Psychosoziale Faktoren: Kinder mit Epilepsie können aufgrund ihrer Erkrankung unter sozialer Ausgrenzung, Stigmatisierung oder Angst vor Anfällen leiden. Dies kann zu Verhaltensauffälligkeiten wie sozialem Rückzug, Angstzuständen oder Depressionen führen.
Arten von Verhaltensauffälligkeiten
Bei Kindern mit Epilepsie können verschiedene Arten von Verhaltensauffälligkeiten auftreten, darunter:
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- Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS): Kinder mit Epilepsie haben ein erhöhtes Risiko für ADHS. Symptome können Hyperaktivität, Impulsivität und Konzentrationsschwierigkeiten sein.
- Angststörungen: Angstzustände sind bei Kindern mit Epilepsie häufig. Sie können sich in Form von generalisierter Angst, sozialer Angst oder spezifischen Phobien äußern.
- Depressionen: Kinder mit Epilepsie haben ein erhöhtes Risiko für Depressionen. Symptome können Traurigkeit, Interessenverlust, Müdigkeit und Schlafstörungen sein.
- Autismus-Spektrum-Störungen (ASS): Einige Studien deuten auf einen Zusammenhang zwischen Epilepsie und ASS hin. Symptome können Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion, repetitive Verhaltensweisen und eingeschränkte Interessen sein.
- Aggressives Verhalten: In einigen Fällen können Kinder mit Epilepsie aggressives Verhalten zeigen. Dies kann durch die Epilepsie selbst, durch Medikamente oder durch psychosoziale Faktoren verursacht werden.
Diagnose und Behandlung von Verhaltensauffälligkeiten
Es ist wichtig, Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern mit Epilepsie frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Eine umfassende Beurteilung durch einen Arzt oder Psychologen kann helfen, die Ursachen der Verhaltensauffälligkeiten zu identifizieren und eine geeignete Behandlung zu planen.
Die Behandlung von Verhaltensauffälligkeiten bei Epilepsie kann verschiedene Ansätze umfassen:
- Medikamentöse Behandlung: In einigen Fällen können Medikamente zur Behandlung von ADHS, Angstzuständen oder Depressionen eingesetzt werden.
- Verhaltenstherapie: Verhaltenstherapeutische Ansätze können Kindern helfen, ihre Verhaltensauffälligkeiten zu bewältigen und soziale Kompetenzen zu entwickeln.
- Elternberatung: Elternberatung kann Eltern helfen, ihr Kind mit Epilepsie und Verhaltensauffälligkeiten besser zu verstehen und zu unterstützen.
- Anpassung der Epilepsie-Behandlung: In einigen Fällen kann eine Anpassung der Epilepsie-Behandlung, z. B. durch Wechsel des Medikaments, erforderlich sein, um Verhaltensauffälligkeiten zu reduzieren.
Umgang mit Epilepsie im Alltag
Epilepsie kann den Alltag von Kindern und ihren Familien stark beeinflussen. Es ist wichtig, Strategien zu entwickeln, um mit der Erkrankung umzugehen und ein möglichst normales Leben zu führen.
Tipps für den Umgang mit Epilepsie
- Aufklärung: Informieren Sie sich umfassend über Epilepsie und die spezifische Form, die Ihr Kind hat.
- Medikamenteneinnahme: Stellen Sie sicher, dass Ihr Kind die Medikamente regelmäßig und gemäß den Anweisungen des Arztes einnimmt.
- Schlaf: Achten Sie auf ausreichend Schlaf und einen regelmäßigen Schlaf-Wach-Rhythmus.
- Stress: Vermeiden Sie Stress und sorgen Sie für Entspannung.
- Ernährung: Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung.
- Sicherheit: Treffen Sie Vorkehrungen, um Verletzungen bei Anfällen zu vermeiden.
- Soziale Unterstützung: Suchen Sie Unterstützung bei anderen Betroffenen, Selbsthilfegruppen oder Beratungsstellen.
- Schule: Informieren Sie die Schule über die Epilepsie Ihres Kindes und entwickeln Sie gemeinsam einen Notfallplan.
Verhalten bei einem epileptischen Anfall
Wenn man Zeug*in eines epileptischen Anfalls bei einer anderen Person wird, ist es sehr wichtig, ruhig und besonnen zu bleiben. Vor allem sollte man überlegen, wie man die Person vor Verletzungen schützt. Alles andere hängt von der Stärke und der Art der Anfälle ab.
- Leichte epileptische Anfälle mit wenigen Symptomen: Bei kurzen Absencen oder Muskelzuckungen besteht keine unmittelbare Gefahr. Danach können sich die Betroffenen unsicher fühlen und Unterstützung benötigen.
- Anfälle mit eingeschränktem Bewusstsein oder Verhaltensänderungen: Wenn Menschen mit einem epileptischen Anfall verwirrt wirken, ist es wichtig, sie vor Gefahren zu schützen (z. B. im Straßenverkehr). Gehen Sie dabei mit der Person ruhig um und fassen Sie sie nicht hart an. Hektik, Zwang oder Gewalt können zu starken Gegenreaktionen führen. Versuchen Sie dem oder der Betroffenen Halt und Nähe zu vermitteln.
- Große generalisierte epileptische Anfälle: Bei einem großen generalisierten Anfall verkrampft der ganze Körper und die Person verliert das Bewusstsein. In diesen Fällen sollten Sie Folgendes tun:
- Ein epileptischer Anfall kann verschiedene Ursachen haben und das Symptom eines lebensbedrohlichen Notfalls sein. Wählen Sie daher immer den Notruf 112 und rufen Sie professionelle Hilfe.
- Sorgen Sie für Sicherheit, indem Sie z. B. gefährliche Gegenstände beiseite räumen.
- Polstern Sie den Kopf des*r Betroffenen ab.
- Nehmen Sie seine/ihre Brille ab.
- Lockern Sie enge Kleidung am Hals, um die Atmung zu erleichtern.
- Bitten Sie Menschen, die in der Situation nicht helfen können, weiterzugehen.
- Viele Epileptikerinnen haben eine „Notfalltablette“ dabei, die einen längeren Anfall beenden kann. Diese Tablette sollte demr Betroffenen jedoch von geschulten Hilfspersonen verabreicht werden. Wenn Sie selbst nicht darin geschult sind, warten Sie bis professionelle Hilfe angekommen ist.
- Bleiben Sie nach dem Anfall bei der Person und bieten Sie Ihre Unterstützung an. Wenn die Person nach dem Anfall erschöpft ist und einschläft, bringen Sie sie in die stabile Seitenlage.
Das sollten Sie in keinem Fall tun:
- Dieden Betroffenen festhalten oder zu Boden drücken
- der betroffenen Person etwas in den Mund schieben - auch wenn sie sich in die Zunge beißt
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