Abstrakte Malerei: Synapsen, Seifenblasen und die Bedeutung des Ungegenständlichen

Die abstrakte Malerei ist ein faszinierendes Feld, das den Betrachter oft vor die Frage stellt: Was soll das bedeuten? Im Gegensatz zu gegenständlichen Werken, die erkennbare Objekte oder Szenen darstellen, verzichtet die abstrakte Kunst auf diese Eindeutigkeit. Stattdessen setzt sie auf Farbe, Form, Linie und Komposition, um eine eigene Bildsprache zu entwickeln.

Die Essenz der Abstraktion

"Meine Bilder sind nur Farbe auf Leinwand", konstatiert Max Frintrop, ein zeitgenössischer Künstler, der sich der abstrakten Malerei verschrieben hat. Diese Aussage trifft den Kern der Sache: In der Abstraktion geht es um die reine Wirkung der malerischen Mittel. Es geht um konstruktive Räumlichkeit, Verschränkung, Tiefe und Transparenz, die durch den Einsatz von Pigmenten, Tinte und Acryl entstehen.

Die abstrakte Malerei bedient keine kritische Botschaft und stellt das eigene Tun nicht in Frage. Sie traut sich einfach zu malen, mit Ausdruck und Geste, ohne ins Kitschige oder allzu Dekorative abzurutschen.

Die Rolle der Farbe

Farben spielen in der abstrakten Malerei eine entscheidende Rolle. Sie haben ein individuelles Wesen, das die Komposition bestimmt. Orange und Blau erhöhen gegenseitig ihren Effekt, während Braun- und Olivtöne kaum Tiefe erzeugen. Durch die Kombination der Farben kann ein Bild visuell leiser oder lauter gemacht werden. Am Ende kommt es darauf an, ob die Bilder mit ihrer subtilen, fast kalligraphisch wirkenden Lässigkeit emotional funktionieren.

Der Schaffensprozess

Der Entstehungsprozess eines abstrakten Gemäldes ist oft ein intuitiver. Frintrop fertigte früher Unmengen von Skizzen an, erstellte einen "Schlachtplan". Inzwischen entsteht die Bildidee komplett im Fluss des Malprozesses. Für Frintrop ist es wichtig, dass all das nur auf unberührtem Weiß passieren kann: einem Weiß, das in seiner Unschuld die "imaginären Tiefe" der Unendlichkeit transportiert.

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Um in seinem Sinn malerisch denken zu können, hat Frintrop spezielle Besenbürstenpinsel an langen Stielen entwickelt. Damit rückt er der auf den Boden gelegten Leinwand streichend und tropfend zu Leibe.

Die Persönlichkeit des Bildes

Ein abstraktes Bild ist fertig, wenn es Persönlichkeit besitzt, wenn es einzigartig ist und Seele hat. Wenn es die „Subtilität des Gelingens“ erreicht hat, die präzise Leichtigkeit. Und bei Unstimmigkeiten? „Dann wird die Leinwand abgespannt und kleingeschnitten. Damit das keiner aus der Tonne klaut“, sagt Frintrop. Man muss halt auch loslassen können, möglichst ohne Trauer. Wie in der Liebe eben.

Die Bedeutung des Betrachters

Die Rezeption abstrakter Kunst ist ein subjektiver Prozess. Was den einen anspricht, lässt den anderen kalt. Schönheit ist etwas, womit wir uns im Alltag gern umgeben, aber sie ist nicht allen gleichermaßen zugänglich. Was für die einen magische Poesie ist, empfinden andere als sinnlose Aneinanderreihung von Worten.

Schönheit als Universalsprache

Gleichzeitig ist Schönheit eine Universalsprache, die uns seit den Anfängen der Menschheitsgeschichte begleitet. Bereits unsere Vorfahren hatten Freude daran, ihre Faustkeile oder meterhohe Steine symmetrisch zu bearbeiten. Schönheit ist von Bedeutung, hilft sie doch, die Welt besser zu verstehen. Oder welches Buch wird bei gleichem Inhalt eher gelesen - das sorgfältig gemachte mit passender Schrift und ansprechendem Buchdeckel oder das schludrig gesetzte mit löchrigem Text, bei dem das Auge abrutscht, statt durch die Zeilen geführt zu werden? Und welches der beiden wird als schöner empfunden? Mein Katalog, mit Leidenschaft und Sorgfalt gemacht. Wichtiges Kriterium: dass ich ihn schön finde.

Objektive Kriterien und subjektives Empfinden

Grundsätzlich gibt es zwei Perspektiven, um die Frage nach Schönheit zu beantworten: Entweder gehorcht sie objektiven Kriterien oder ihr Empfinden hängt vom Betrachter ab. Objektive Merkmale, die Untersuchungen zufolge als schön empfunden werden, sind, neben der bereits genannten Symmetrie, auch Einfachheit und Klarheit (gut, um leicht verstanden zu werden) und eine Ausgewogenheit, etwa bei Kontrast und Proportion. So empfinden vielen Menschen den Goldenen Schnitt - eine klassische Proportionsaufteilung nach einer mathematischen Formel - als besonders schön und er ist Grundlage zahlreicher klassischer Gemälde.

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Unser Gehirn kann abstrahieren - und in Abstraktem Vertrautes erkennen. Unser Gehirn ist zwar effizient, mag aber trotzdem Herausforderungen. So schafft es zu abstrahieren, also aus verschiedenen Dingen die Gemeinsamkeit zu extrahieren. Umgekehrt mag es aber durchaus, wenn man ihm ein bisschen Eigenleistung beim Denken zugesteht. Mehrdeutiges animiert es dazu, nach einem Prinzip zu suchen, nach etwas Bekanntem oder einer Möglichkeit zu abstrahieren.

Die zweite Erklärungsmöglichkeit, wann etwas als schön wahrgenommen wird: Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Wir empfinden eher das als schön, was wir kennen. Vielleicht liegt das daran, dass Vertrautes die Wahrscheinlichkeit vermindert, böse Überraschungen zu erleben - ein klarer Überlebensvorteil. Dies ist vermutlich ein Grund dafür, dass Neuerungen häufig eine Zeit brauchen, bis sie von vielen Menschen akzeptiert und für gut befunden zu werden, ein Phänomen, das etwa in der Modewelt hinlänglich bekannt ist.

Dokoupils Soap-Bubble Paintings: Ein Beispiel für abstrakte Kunst

Ein faszinierendes Beispiel für abstrakte Kunst sind die Soap-Bubble Paintings von Jiří Georg Dokoupil. Diese Bilder entstehen durch eine spezielle Technik, bei der mit Pigmenten angereicherte Seifenblasen auf die Leinwand gebracht werden. Die zerplatzenden Blasen hinterlassen Spuren, die an Synapsen, Unterwasserwelten oder Planetengestöber erinnern können.

Die Technik hinter den Bildern

Dokoupil malt keine Seifenblasen, sondern er malt abstrakte Bilder mit echten Seifenblasen. Mit Pusterohren aus Metall rührt er große Seifenblasen an, die er so über die Leinwand zieht, dass sie auf dieser zerplatzen und wirkungsvolle, bildträchtige Spuren hinterlassen. Die spezielle Mixtur aus Seifenlauge und Pigmenten, die Dokoupil hierbei verwendet, bleibt ein Geheimnis. Ein Stück weit ist damit auch das im Spiel, was der romantische Naturforscher Friedlieb Ferdinand Runge den "Bildungstrieb der Stoffe" nannte.

Dokoupil inszeniert so ein piktorales Spannungsfeld aus Chemie und Kunst, aus nicht- subjektiven Gesten und naturwissenschaftlicher Methode, kalkulierter Spontanität und sich selbst unterlaufendem Kalkül, aus flat formality und räumlicher Illusion, aus Formlos-Sein und Form-Werden - ein malerisches Empfindungsdenken, ein informelles Denken in Seifenblasen auf Leinwand.

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Die Assoziationen der Betrachter

Die Soap-Bubble Paintings sind offen für ein breites Spektrum an Assoziationen. Je nach Lichteinfall und Blickwinkel können sie an Synapsen-Konstellationen, farbprächtige Unterwasserwelten, Planetengestöber oder mikro- und makrokosmische Gebilde erinnern. Sie lassen das gesamte Universum an Assoziationen auftauchen und wieder verschwinden.

Die Faszination der Soap-Bubble Paintings

Die Soap-Bubble Paintings üben eine besondere Anziehungskraft auf Kinder aus und erwecken Erinnerungen an das faszinierte Zur-Welt-sein der Kindheit. Sie sind ein Medium einer überraschenden Seelenexpansion. In Augenblicken ihrer Faszination vermögen sie Erinnerungen an eine beseelte Sphäre zu evozieren, die uns allen in die Kindheit scheint.

Abstrakte Malerei und die Suche nach Schönheit

Die Frage, ob abstrakte Malerei schön sein kann, ist eng mit der Frage verbunden, was Schönheit überhaupt bedeutet. In der Kunst haftet ihr schnell der Geruch von Gefälligkeit an. Ist etwas dekorativ, kann es keine Kunst sein (und umgekehrt).

Schönheit als mehr als Gefälligkeit

Schönheit ist für mich mehr als Gefälligkeit. Und es ist auch mehr als pure Handwerkskunst. Ein schönes Kunstwerk hat etwas, was nicht ganz glattgebügelt ist. Es enthält ein Geheimnis, eine Irritation. Eine Rätselhaftigkeit, die Geschichten erzählt und das Gehirn des Betrachtenden dazu animiert, sich selbst welche auszudenken, Erklärungen zu finden - zumindest dann, wenn es auch ihm Vertrautes enthält, an das sein Gehirn andocken kann. Ein schönes Bild zeigt nicht nur, sondern regt an, setzt etwas in Gang. Und berührt so den Menschen auf einer ganz persönlichen Ebene.

Die Freiheit des Künstlers

Als Künstlerin habe ich keine Angst vor Schönheit. Auch wenn es objektive Kriterien zu ihrer Bewertung gibt, wohnt ihr aus meiner Sicht etwas inne, das sehr viel mit individuellem Empfinden und ästhetischen Vorlieben zu tun hat. Wenn Kunst dem einen gefällt, dem anderen nicht, kann sie auch nicht gefällig sein. Mir tut es gut, ein für mich schönes Bild zu malen. Das ist das einzige Kriterium, was für mich im Schaffensprozess zählt.

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