Alzheimer-Behandlungsmöglichkeiten: Ein umfassender Überblick

Die Alzheimer-Krankheit ist eine fortschreitende neurodegenerative Erkrankung, die das Gedächtnis und andere wichtige kognitive Funktionen beeinträchtigt. Obwohl es derzeit keine Heilung gibt, haben sich die Behandlungsmöglichkeiten in den letzten Jahren erheblich weiterentwickelt. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die aktuellen und zukünftigen Behandlungsstrategien, um den Verlauf der Krankheit zu verlangsamen, Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.

Die Herausforderung der frühen Diagnose

Für den Neurologen Professor Dr. Thomas Duning ist die Alzheimer-Erkrankung Alltag. Er stellt mit seinen Kollegen in der Gedächtnisambulanz des Klinikverbundes Bremen häufig eine Erstdiagnose. Er betont, dass die Erkrankung im Körper der Betroffenen oft schon Jahrzehnte vorher beginnt. Daher ist es entscheidend, dass das Gesundheitssystem in der Lage ist, die Krankheit in einem möglichst frühen Stadium zu erkennen.

Alois Alzheimer konnte die Krankheit erstmals nach dem Tod seiner Patienten bestimmen. Heute stehen Biomarker und Bluttests zur Verfügung, zumindest in den USA. Professor Duning betont, dass man nach fitten Menschen ab 65 Jahren mit leichten kognitiven Einschränkungen sucht, bei denen der "Point of no Return" noch nicht überschritten ist. Jedoch ist diese Diagnostik bisher nicht im Gesundheitssystem finanziert.

Die in Deutschland gültige S3-Leitlinie empfiehlt, bereits Patienten mit leichten kognitiven Einschränkungen auf relevante Biomarker zu testen. "Dann kann ich die Alzheimer-Erkrankung diagnostizieren - nicht die Alzheimer-Demenz, sondern die Vorstufe", so Duning. Das Risiko, dass Menschen mit leichten kognitiven Störungen und positiven Biomarkern eine Demenz entwickeln, liegt bei etwa 90 Prozent.

Medikamentöse Behandlungsansätze

Antikörper-Medikamente: Ein neuer Therapieansatz

Ein vielversprechender neuer Ansatz in der Alzheimer-Behandlung sind Antikörper-Medikamente, die direkt an einer der möglichen Krankheitsursachen ansetzen: schädliche Proteinablagerungen im Gehirn, sogenannte Amyloid-Plaques. Diese Medikamente markieren die Ablagerungen, woraufhin das Immunsystem sie erkennt und abbaut.

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Zugelassene Antikörper-Medikamente:

  • Lecanemab (Leqembi): War das erste in der EU zugelassene Antikörper-Medikament zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit.
  • Donanemab (Kisunla): Wurde kurz darauf ebenfalls in der EU zugelassen.

Diese Medikamente sind ausschließlich für Menschen im frühen Alzheimer-Stadium geeignet, also bei leichter kognitiver Beeinträchtigung (MCI) oder beginnender Demenz. Vor Behandlungsbeginn sind ein Gentest sowie der Nachweis von Amyloid-Ablagerungen (Liquoruntersuchung oder PET-Scan) erforderlich. Die Behandlung erfolgt in spezialisierten Zentren, wobei Leqembi alle zwei Wochen und Kisunla alle vier Wochen als Infusion verabreicht wird.

Professor Duning erklärt, dass diese Präparate im Allgemeinen gut vertragen werden, obwohl Nebenwirkungen wie Hirnschwellungen und -blutungen auftreten können, da sie eine Entzündungsreaktion auslösen. Die Behandlung ist aufwendig und noch nicht vollständig im System refinanziert. Aktuell kommen diese Therapien nur für einen kleinen Teil der Betroffenen in Frage, schätzungsweise vier bis acht Prozent.

Antidementiva: Verlangsamung des geistigen Abbaus

Antidementiva können helfen, den geistigen Abbau zu verlangsamen und die Selbstständigkeit länger zu erhalten. Es gibt zwei Hauptwirkstoffgruppen:

  • Acetylcholinesterase-Hemmer: Diese Medikamente verbessern die Signalübertragung im Gehirn, indem sie den Abbau des Botenstoffs Acetylcholin hemmen. Sie werden bei leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Demenz eingesetzt. Beispiele sind Donepezil, Rivastigmin und Galantamin.
  • Glutamat-Antagonisten: Memantin wird bei mittelschwerer bis schwerer Alzheimer-Demenz verordnet. Es schützt Nervenzellen vor einer Überstimulation durch Glutamat, einem wichtigen Botenstoff im Gehirn.

Mögliche Nebenwirkungen von Antidementiva sind Übelkeit, Durchfall, Schwindel oder Unruhe.

Ginkgo Biloba: Pflanzliche Unterstützung

Neben Antidementiva kann auch der pflanzliche Wirkstoff Ginkgo biloba zur Unterstützung der kognitiven Funktionen eingesetzt werden. Laut der aktuellen S3-Leitlinie Demenzen gibt es Hinweise auf eine Wirksamkeit bei leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Demenz.

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Behandlung von Begleiterscheinungen

  • Neuroleptika: Werden bei herausfordernden Verhaltensweisen wie plötzlichen Wutausbrüchen, Halluzinationen und Wahnvorstellungen eingesetzt. Ihr Einsatz sollte jedoch wegen möglicher Nebenwirkungen mit Vorsicht erfolgen.
  • Antidepressiva: Depressionen treten bei Menschen mit Demenz häufig auf und sollten behandelt werden, da sie sich negativ auf die Lebensqualität und die geistige Leistungsfähigkeit auswirken können. Die S3-Leitlinie Demenzen empfiehlt zur Behandlung von Depressionen bei Alzheimer-Demenz den Einsatz von Mirtazapin oder Sertralin.

Nicht-medikamentöse Therapieansätze

Nicht-medikamentöse Therapien sind ein wichtiger Bestandteil der Alzheimer-Behandlung. Sie können helfen, die Selbstständigkeit zu fördern, den Alltag zu strukturieren und kognitive Fähigkeiten möglichst lange zu erhalten.

Ergotherapie

Die Ergotherapie hilft Patientinnen und Patienten im frühen und mittleren Stadium der Demenz, Alltagskompetenzen möglichst lange aufrechtzuerhalten. Gemeinsam mit der Therapeutin oder dem Therapeuten üben Betroffene Tätigkeiten wie Einkaufen, Kochen oder auch Zeitunglesen.

Physiotherapie

Regelmäßige und moderate körperliche Betätigung ist ein wirksames Mittel zur Vorbeugung von Krankheiten und ein wichtiger Baustein der Gesundheitsförderung bei älteren Menschen. Die Physiotherapie kann Menschen mit Demenz dabei helfen, ein gesundes körperliches Aktivitätsniveau möglichst lange aufrechtzuerhalten, das Sturzrisiko im Alltag zu reduzieren und die Leistungsfähigkeit bei der Bewältigung der Aktivitäten des täglichen Lebens zu stabilisieren oder gar zu verbessern.

Kognitives Training

Durch kognitives Training können Menschen mit Demenz im frühen bis mittleren Stadium ihre Wahrnehmung, ihre Lernfähigkeit und ihr Denkvermögen schulen. Einfache Wortspiele in Einzel- oder Gruppentherapie kommen dazu infrage.

Verhaltenstherapie

Diese Form der Therapie ist besonders für Menschen im Frühstadium einer Demenz geeignet. Unterstützt von einem Psychologen oder Psychotherapeuten lernen sie, Probleme zu bewältigen und mit ihrer Demenz besser umzugehen.

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Biografiearbeit

Die biografische Arbeit eignet sich vor allem im frühen bis mittleren Stadium der Demenz. Durch gezielte Gespräche mit der oder dem Betroffenen werden mithilfe von Fotos, Büchern und persönlichen Gegenständen positive Erinnerungen an frühere Lebensabschnitte wachgerufen.

Realitätsorientierung

Die Realitätsorientierung hilft in allen Stadien der Demenz, sich räumlich und zeitlich zurechtzufinden und Personen und Situationen wieder besser einzuordnen.

Musiktherapie

Musiktherapie kann in allen Stadien der Demenz helfen. Im Frühstadium spielt nicht nur das Hören, sondern auch das Musikmachen eine wichtige Rolle. Im späten Stadium kann das Hören vertrauter Melodien beruhigen und Schmerzen lindern.

Kunsttherapie

Kunst und Kunsttherapie ermöglichen die Begegnung mit sich selbst und anderen. Sie tragen dazu bei, die Lebensqualität zu erhalten.

Milieutherapie

Die Milieutherapie ist in allen Stadien der Demenz sinnvoll. Sie zielt darauf ab, Wohn- und Lebensräume so umzugestalten, dass Betroffene sich darin wohlfühlen und möglichst selbstständig und selbstbestimmt leben können.

Organisation der Alzheimer-Behandlung

Professor Dr. Timo Grimmer macht darauf aufmerksam, dass es, abgesehen von einigen lokalen Netzwerken, keine etablierten Patientenpfade gibt, die dafür sorgen, dass die Betroffenen zu den Spezialambulanzen finden. Er will auch die Hausärzte stärker einbinden, da diese viel in Sachen Demenzprävention tun könnten, wie Bewegung, Normalgewicht oder eingestellter Blutdruck.

Prävention: Das Fortschreiten verlangsamen

Das Versprechen der neuen Arzneimittel ist, das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen. Das hat auch Auswirkungen auf die Lebensqualität und die Belastung der pflegenden Angehörigen. Professor Grimmer betont, dass Menschen mit einer Alzheimer-Erkrankung, die noch selbstständig sind und im Alltag klarkommen, durch eine frühzeitige Behandlung Zeit gewinnen, in der sie keine Hilfe brauchen.

Lebensstil und Selbsthilfe

Auch der eigene Lebensstil kann einen wichtigen Unterschied machen - sowohl für die geistigen Fähigkeiten als auch für die Lebensqualität.

  • Bewegung: Regelmäßige körperliche Aktivität verbessert Fitness, Stimmung und Schlaf.
  • Geistige Anregung: Aktivitäten, die das Gehirn fordern, können den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen.
  • Soziale Kontakte: Ein gutes Miteinander macht zufriedener und hält den Kopf fit.

Zukünftige Entwicklungen

Die Alzheimertherapie der Zukunft sieht für Neurologen so aus: eine viel frühere, prä-symptomatische Diagnostik mit neuen, auch digitalen Tools, flankiert mit einer Kombinationstherapie aus symptomatischen und krankheitsmodifizierenden Medikamenten. Professor Grimmer betont, dass verschiedene neue Wirkstoffe bereits in der Entwicklung sind und es vielleicht gelingt, Alzheimer zu einer chronischen Erkrankung zu machen.

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