Rheuma und neurologische Erkrankungen: Eine differenzialdiagnostische Betrachtung

Rheumatische Erkrankungen sind vielfältig und komplex. Schätzungsweise mehr als neun Millionen Menschen in Deutschland leben mit einer dieser Erkrankungen, wobei etwa 1,5 Millionen von einer entzündlichen Form betroffen sind. Im ICD-10-GM 2016 sind über 400 verschiedene Diagnosen in diesem Bereich gelistet, was die Herausforderung bei der Diagnose und Behandlung verdeutlicht. Arthrose-Erkrankungen der peripheren Gelenke treten zahlenmäßig am häufigsten auf und gehen oft mit permanenten Gelenkschmerzen und eingeschränkter Belastbarkeit einher. Ursache hierfür sind meist degenerative, verschleiß- und altersbedingte Prozesse am Bewegungsapparat.

Die Rheumatologie ist ein medizinisches Fachgebiet, das sich mit Autoimmunerkrankungen beschäftigt. Während bei Multipler Sklerose (MS) das Rückenmark und das Gehirn betroffen sind, greift das Immunsystem bei rheumatologischen Erkrankungen andere Zielstrukturen an, beispielsweise im Bereich der Gelenke, was zu vielfältigen Krankheitsbildern führen kann. Die Rheumatologie spielt eine wichtige Rolle bei der Diagnosestellung von MS, da einige rheumatologische Erkrankungen der MS ähneln können. Es gibt auch Patienten, die gleichzeitig an einer rheumatologischen Erkrankung und MS leiden.

Häufige rheumatische Erkrankungen

Zu den häufigsten entzündlich-rheumatischen Erkrankungen, die in den MEDIAN Kliniken behandelt werden, gehören:

  • Rheumatoide Arthritis (chronische Polyarthritis)
  • Entzündliche Wirbelsäulenerkrankungen/Spondylarthritiden (z.B. Morbus Bechterew)
  • Entzündlich-rheumatische Systemerkrankungen oder Kollagenosen/Vasculitiden (z.B. Lupus erythematodes)
  • Gelenkentzündungen bei Schuppenflechte (Psoriasis-Arthritis)
  • Arthritis bei Stoffwechselerkrankungen (z.B. Gicht)
  • Weichteilrheumatische Syndrome (z.B. Fibromyalgie)

Gicht

Die Gicht ist eine häufige, ernährungsbedingte Stoffwechselerkrankung, die durch einen Überschuss an Harnsäure im Körper entsteht. Diese lagert sich an verschiedenen Stellen ab und führt zu chronischen Entzündungen und Schäden.

Morbus Bechterew

Morbus Bechterew, auch Spondylitis ankylosans genannt, ist eine entzündlich-rheumatische Erkrankung, die hauptsächlich die Wirbelsäule betrifft. Typisch sind chronische, tiefsitzende Rückenschmerzen. Bis zu 1 % der Bevölkerung ist betroffen.

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Rheumatoide Arthritis

Die rheumatoide Arthritis ist die häufigste entzündliche Gelenkerkrankung. Etwa einer von 100 Erwachsenen leidet daran. Die Krankheit tritt statistisch gesehen meist zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr auf, kann aber auch in jüngeren oder höheren Lebensaltern beginnen.

Differenzialdiagnose: Rheuma und neurologische Erkrankungen

Die Abgrenzung zwischen rheumatischen und neurologischen Erkrankungen kann eine Herausforderung darstellen, da sich die Symptome überschneiden können. Es ist wichtig, auf spezifische Symptome und mögliche zusätzliche rheumatische Erkrankungen zu achten. Bei "Rheuma" denken viele Menschen an Gelenkerkrankungen, aber es gibt eine Vielzahl von rheumatischen Erkrankungen, die unterschiedliche Organe und Systeme betreffen können.

Symptome und Anzeichen

Rheumatische Erkrankungen können sich durch verschiedene Symptome äußern, darunter:

  • Gelenkschmerzen, Morgensteifigkeit, Gelenkschwellungen, Überwärmung und Rötung der Gelenke (Arthritis)
  • Hautveränderungen
  • Organbeteiligungen an Nieren, Lunge und Herz
  • Fieber ohne begleitende Infektion
  • Körperliche Abgeschlagenheit und rasche Erschöpfbarkeit

Diese eher unspezifischen Anzeichen treten vor allem bei Kollagenosen und Vasculitiden auf, deren häufigster Vertreter der Lupus erythematodes ist.

Fibromyalgie-Syndrom

Das Fibromyalgie-Syndrom, auch Weichteilrheuma genannt, spielt eine zunehmend große Rolle. Es handelt sich um ein komplexes Krankheitsbild mit chronifizierten Schmerzen am gesamten Bewegungsapparat, das häufig stressinduziert ist und psychosomatische Begleitsymptome mit sich bringt. Es handelt sich nicht um eine entzündlich rheumatische Erkrankung. Es handelt sich wahrscheinlich um eine Störung der Schmerzverarbeitung im zentralen Nervensystem (Gehirn und Rückenmark).

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Rolle der Rheumatologie bei der MS-Diagnose

Die Rheumatologie spielt insbesondere bei der Diagnosestellung der MS eine wichtige Rolle, weil es manche rheumatologischen Erkrankungen gibt, die einer Multiplen Sklerose ähneln. Es gibt auch Patienten, die zugleich an einer rheumatologischen Erkrankung und einer MS leiden.

Gemeinsame Therapieansätze

Im Bereich der MS konnten einige Therapien aus der Rheumatologie übernommen werden, wie z.B. die B-Zell-depletiven Therapien oder Teriflunomid, das als Leflunomid in der Basistherapie des Gelenkrheumas zum Einsatz kommt. Allerdings gibt es interessanterweise auch Medikamente, die in der Rheumatologie eingesetzt werden, aber als Nebenwirkung zur Auslösung einer Multiplen Sklerose führen können. Hier wird erkennbar, dass Autoimmunerkrankungen in Rheumatologie und Neurologie nicht mittels ähnlicher pathophysiologischer Mechanismen verursacht werden. Eine Therapie, die bei einer bestimmten Autoimmunerkrankung hilft, kann eine andere Autoimmunerkrankung auslösen und verstärken.

Diagnostische Verfahren

Die internistisch-rheumatologische Diagnostik umfasst hauptsächlich die körperliche Untersuchung, differenzierte Laboruntersuchungen, Ultraschall- und Röntgenuntersuchungen der Gelenke und Wirbelsäule sowie ggf. weiterführende bildgebende Maßnahmen (z.B. MRT, CT).

Bedeutung der frühzeitigen Diagnose

Eine frühzeitige und korrekte Diagnose ist entscheidend, um die geeignete Therapie einzuleiten und den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen. Es ist wichtig zu klären, ob es sich um Multiple Sklerose handelt, um eine neurologische Manifestation einer rheumatischen Krankheit oder um eine Kombination beider Erkrankungen. Eine solche Unterscheidung beeinflusst nicht nur die Prognose des Krankheitsverlaufs, sondern auch die Wahl der angemessenen Therapie. Das Verständnis und die Erkennung dieser Feinheiten sind für die bestmögliche Patientenversorgung sehr wichtig.

Rheuma-Therapie

Die medikamentöse Behandlung entzündlich-rheumatischer Erkrankungen umfasst in erster Linie die Gabe von Schmerzmitteln, Cortison und das Immunsystem beeinflussenden Medikamente, die häufig dauerhaft genommen werden müssen. Darüber hinaus sind physiotherapeutische und ergotherapeutische Maßnahmen zum Erhalt der Gelenk- und Wirbelsäulenbeweglichkeit angezeigt. Im Rahmen stationärer Rehabilitationsmaßnahmen werden die Patienten auch über die empfehlenswerte Rheuma-Ernährung beraten, zumal vor allem die entzündlich-rheumatischen Erkrankungen mittels einer geeigneten Ernährungsumstellung günstig beeinflusst werden können. Auch spielt die Ernährung bei stoffwechselbedingten Erkrankungen, wie z.B. Gicht, eine große Rolle.

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Medikamentöse Therapie

Die medikamentöse Rheuma-Behandlung steht an erster Stelle und muss vom behandelnden rheumatologischen Facharzt festgelegt werden.

Nicht-medikamentöse Therapie

An zweiter Stelle stehen alle Möglichkeiten der Physiotherapie, Ergotherapie und physikalischen Anwendungen sowie die Patientenschulung im Umgang mit der Erkrankung, chronischen Schmerzen und möglicherweise daraus resultierender Behinderung in Alltag und Beruf.

Ernährung

Eine spezielle entzündungshemmende Ernährung kann ergänzend zur medikamentösen Behandlung helfen. Fleisch sollte nur noch selten auf den Tisch kommen, weil es viel entzündungsfördernde Arachidonsäure enthält. Auch Zucker, Weißmehlprodukte und Fertiggerichte sollten nur sehr sparsam konsumiert werden. Empfehlenswert ist stattdessen, jeden Tag mehrere Portionen Gemüse zu essen - und davon möglichst viele verschiedene Varianten. Denn pflanzliche Mineralstoffe und Antioxidantien sowie gute Fette, insbesondere Omega-3-Fettsäuren, helfen gegen die Entzündung.

Begleiterkrankungen und Komorbiditäten

Im Zusammenhang mit Multipler Sklerose gibt es oft begleitende Erkrankungen. Eine davon ist die Schilddrüsenkrankheit, die durch eine autoimmune Reaktion entstehen kann, bei der das körpereigene Immunsystem das Schilddrüsengewebe angreift. Ebenfalls sind entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn von Bedeutung, ebenso wie rheumatoide Arthritis, die sich durch geschwollene Gelenke zeigt. Während solche Erkrankungen oft später im Leben auftreten, sind sie bei jüngeren Menschen nicht ungewöhnlich. Die Schuppenflechte, bekannt als Psoriasis, gilt auch als Autoimmunerkrankung der Haut. Sie ist einer der häufigeren Begleiter von Multipler Sklerose. Weitere Beispiele für solche Krankheiten sind der systemische Lupus Erythematodes und das Sjögren-Syndrom. Beide können im Kontext von Multipler Sklerose relevant sein, sei es als mögliche Differenzialdiagnose oder in Kombination mit Multipler Sklerose.

Es ist interessant zu beachten, dass Menschen mit einer Allergie eine erhöhte Wahrscheinlichkeit haben, eine weitere Allergie zu entwickeln. Ähnlich verhält es sich mit Autoimmunerkrankungen: Wenn jemand bereits an einer Autoimmunerkrankung leidet, steigt das Risiko, eine zweite zu entwickeln, an. Dieses Phänomen ist für die klinische Praxis besonders relevant, da es die Behandlung und Prognose des Patienten beeinflussen kann.

Einige Autoimmunerkrankungen können gravierende Schäden an Organen verursachen, wie beispielsweise die Nierenbeteiligung. Daher ist es von zentraler Bedeutung, bereits frühzeitig eine genaue Diagnose zu stellen. Dies ermöglicht rechtzeitige Kontrolluntersuchungen beim Nephrologen. Sollten sich pathologische Veränderungen zeigen, kann rasch reagiert und die Therapie entsprechend angepasst werden. Deshalb sollte man stets über den Tellerrand der primären Diagnose hinausblicken und mögliche begleitende Erkrankungen in Betracht ziehen.

Polymyalgia rheumatica (entzündliches Muskelrheuma)

Charakteristische Symptome der Polymyalgia rheumatica (entzündliches Muskelrheuma) sind symmetrische Muskelschmerzen, typischerweise in der Nacht und frühmorgens, im Schultergürtel und in den Oberarmen, in der Gesäß- und Beckenmuskulatur sowie in den Oberschenkeln. Die Polymyalgia rheumatica zeichnet sich durch das akute Auftreten von Muskelschmerzen des Schulter-Nacken- und ggf. auch der Beckengürtelmuskulatur aus. Oft bestehen nicht nur Schmerzen, sondern auch eine ausgeprägte Steifigkeit und Schwäche in den jeweiligen Muskeln. Die Betroffenen haben Schwierigkeiten, am Morgen die Arme zu heben, oder es zeigt sich ein schmerzhaft verlangsamtes Gangbild mit Muskelschmerzen beim Treppensteigen.

Die Polymyalgia rheumatica kann durch die körperliche Untersuchung eines Neurologen oder Rheumatologen diagnostiziert werden. Erforderlich ist die Bestimmung der Blutkörperchensenkungsgeschwindigkeit (BSG) und des C-reaktiven Proteins (CRP). Die Polymyalgia rheumatica kann medikamentös sehr gut behandelt werden. Es existieren verschiedene Medikamente für jedes Stadium der Polymyalgia rheumatica. Oft besteht schon 24 Stunden nach Ersteinahme eines Kortikosteroids Beschwerdefreiheit. Die Polymyalgia rheumatica kann geheilt werden. Die Erkrankung kann, wenn sie früh erkannt wird, sehr gut behandelt werden und die medikamentösen Therapieoptionen können die individuellen Symptome des Patienten zielgerecht adressieren.

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