Polyneuropathie und Parkinson-Krankheit sind komplexe neurologische Erkrankungen, die oft mit belastenden Symptomen wie Schmerzen, Empfindungsstörungen und Bewegungseinschränkungen einhergehen. Akupunktur, eine traditionelle chinesische Behandlungsmethode, wird zunehmend als ergänzende Therapieoption in Betracht gezogen. Dieser Artikel beleuchtet die aktuelle Studienlage zur Akupunktur bei Polyneuropathie und Parkinson, stellt verschiedene Akupunkturformen vor und diskutiert mögliche Wirkmechanismen und Therapieansätze.
Einführung in Polyneuropathie und Parkinson
Die Polyneuropathie ist eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, bei der es zu Schädigungen an den Nerven kommt, die außerhalb des Gehirns und des Rückenmarks liegen. Typische Symptome sind Empfindungsstörungen wie Taubheit, Kribbeln, Brennen oder Schmerzen, meist beginnend an den Füßen und Unterschenkeln. Auch motorische Ausfälle wie Muskelschwäche oder Lähmungen können auftreten. Häufige Ursachen sind Diabetes mellitus, Stoffwechselstörungen, Vitaminmangel, Alkoholkonsum oder Nebenwirkungen von Medikamenten, insbesondere Chemotherapien.
Die Parkinson-Krankheit ist eine neurodegenerative Erkrankung, die durch den Verlust von Dopamin-produzierenden Nervenzellen im Gehirn gekennzeichnet ist. Die Hauptsymptome sind Bewegungsverlangsamung (Bradykinese), Muskelzittern (Tremor), Muskelsteifheit (Rigor) und posturale Instabilität. Neben den motorischen Symptomen leiden viele Parkinson-Patienten auch unter nicht-motorischen Beschwerden wie Schmerzen, Schlafstörungen, Depressionen und Verdauungsproblemen.
Akupunktur als komplementäre Therapie
Akupunktur ist eine zentrale Säule der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Dabei werden feine Nadeln in bestimmte Körperpunkte, die Akupunkturpunkte, gestochen, um den Energiefluss im Körper (Qi) zu regulieren und Blockaden zu lösen. Die Akupunktur soll gegen viele Beschwerden helfen, teils heilend, teils lindernd. Sie wird unter anderem zur Schmerzlinderung, Muskelentspannung, Stressreduktion und Verbesserung des allgemeinen Wohlbefindens eingesetzt.
Formen der Akupunktur
Es gibt verschiedene Formen der Akupunktur, die sich in der Art der Stimulation und den verwendeten Akupunkturpunkten unterscheiden:
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- Körperakupunktur: Hier werden die Akupunkturpunkte am Körper entlang der Meridiane (Energiebahnen) genadelt.
- Ohrakupunktur (Aurikulotherapie): Diese Methode basiert auf der Vorstellung, dass das Ohr den gesamten Körper repräsentiert. Durch Nadelung bestimmter Ohrpunkte können Organe und Körperregionen beeinflusst werden. Die Ohrakupunktur wurde in den 1950er Jahren in Frankreich entwickelt und kam verschiedentlich bei Parkinsonkranken zum Einsatz.
- Schädelakupunktur nach Yamamoto: Eine weitere spezielle Form der Akupunktur, bei der Punkte am Schädel stimuliert werden.
- Fußsohlen-Akupunktur: Ähnlich der Ohrakupunktur basiert diese Methode auf der Vorstellung, dass die Fußsohle den gesamten Körper widerspiegelt.
- Laserakupunktur: Eine sanftere Form der Akupunktur, bei der die Akupunkturpunkte mit einem Laserlichtimpuls stimuliert werden. Sie eignet sich besonders für Kinder, Patienten mit Angst vor Nadeln oder sehr kranke Menschen. Allerdings ist der Effekt nicht so stark wie bei der klassischen Akupunktur-Behandlung.
- Elektroakupunktur: Bei dieser Methode werden die Akupunkturnadeln zusätzlich mit einem schwachen elektrischen Strom stimuliert.
- Implantat-Akupunktur (Neurostimulation): Bei der Implantat-Akupunktur werden winzige, biokompatible Titan-Implantate an definierten Punkten der Ohrmuschel dauerhaft eingesetzt. Durch den ständigen Kontakt der Implantatnadeln mit den Ästen des zentralen Nervensystems über das Ohr, entstehen elektrische Impulse, die die Ausschüttung bestimmter Botenstoffe anregen und damit verschiedene Körperfunktionen positiv beeinflussen können. Diese besondere Form der Ohrakupunktur wurde im Jahr 2000 in Deutschland entwickelt.
Die Entdeckung der Implantat-Akupunktur
Die Implantat-Akupunktur entstand quasi per Zufall: Ein Neurologe bemerkte, dass eine Patientin mit Trigeminusneuralgie nach dem Einwachsen einer abgebrochenen Nadelspitze in die Ohrmuschel beschwerdefrei wurde. Nach der operativen Entfernung der Nadelspitze traten die Beschwerden erneut auf. Daraus entstand die Idee, durch Dauerstimulation mit Implantaten an betroffenen Ohrpunkten Krankheiten gezielt zu behandeln.
Wirkmechanismen der Implantat-Akupunktur
Es konnte nachgewiesen werden, dass durch Titan-Dauernadeln an der Ohrmuschel das zentrale Nervensystem kontinuierlich stimuliert wird und verschiedene Botenstoffe frei setzt, darunter Dopamin und Endorphine. Wie bereits bei der Vorstellung der klassischen Ohrakupunktur beschrieben, finden sich am menschlichen Ohr ca. 200 bekannte Akupunkturpunkte, die sich bestimmten Körperregionen bzw. Organen zuordnen lassen. Vor einer Implantation werden die entsprechenden Ohrareale systematisch untersucht. Diese Untersuchung ist sehr zeitaufwendig und muss äußerst präzise durchgeführt werden, da die Punkte mit ca. Nur funktionsgestörte Punkte reagieren tatsächlich auf Schmerzreize. Durch subtile Untersuchungstechniken findet der geübte Akupunkteur die entsprechenden Punkte. Über diese Ohrpunkte kann der gesamte menschliche Körper mit all seinen gestörten Funktionen behandelt werden. Momentan werden im Wesentlichen zwei Nadeltypen verwendet: Die lebenslang implantierte Titannadel und die resorbierbare Templantatnadel.
Anwendungsgebiete der Implantat-Akupunktur
Die Implantat-Akupunktur wird bei verschiedenen neurologischen Erkrankungen eingesetzt, darunter:
- Morbus Parkinson
- Restless-Legs-Syndrom
- Beginnende Demenz
- Polyneuropathie
Die Behandlung zielt darauf ab, Symptome zu lindern, die Lebensqualität zu erhöhen und das Fortschreiten der Erkrankung hinauszuzögern. Außerdem haben sich bei vielen Probanden Antrieb und Stimmung verbessert. Mit Hilfe der Implantat-Akupunktur wird versucht, das Gehirn zur vermehrten Ausschüttung körpereigener Botenstoffe anzuregen. Hierdurch können die typischen Symptome der Polyneuropathie gelindert oder unterdrückt werden.
Studienlage zur Akupunktur bei Polyneuropathie
Die Studienlage zur Akupunktur bei Polyneuropathie ist noch nicht umfassend, aber es gibt vielversprechende Hinweise auf eine Wirksamkeit. Eine Metaanalyse von 25 randomisiert-kontrollierten Studien mit insgesamt 1649 Teilnehmern untersuchte die Wirksamkeit von Akupunktur bei Chemotherapie-induzierter peripherer Neuropathie (CIPN), einer häufigen Langzeit-Nebenwirkung nach einer Brustkrebs-Therapie.
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Akupunktur bei Chemotherapie-induzierter Polyneuropathie (CIPN)
Eine koreanische Studie behandelte zehn Brustkrebspatientinnen mit CIPN vier Wochen lang dreimal wöchentlich mit Akupunktur und erzielte damit eine signifikante Reduzierung der CIPN sowie eine Verbesserung der Lebensqualität. Eine weitere amerikanische Studie untersuchte 104 Patientinnen mit Brustkrebs in den Stadien I-III, die mit Paclitaxel behandelt wurden, auf die Entwicklung einer CIPN hin. Die Akupunkturpunkte waren bilateral die Ohrpunkte shenmen, Point Zero und zwei weitere Ohrpunkte an Stellen, wo ein elektrodermales Signal empfangen wurde, sowie bilateral IC4/Di4 (hegu), T5/3E5 (waiguan), IC11/Di11 (quchi), S40/Ma40 (fenglong) und Ex19 (bafeng).
Weitere Studien zu Akupunktur bei Neuropathie
Schröder et al. untersuchten, ob medizinische Kräuter die Regeneration oder den Neuroschutz stimulieren und neuropathische Schmerzen bei Chemotherapie-induzierter peripherer Neuropathie (CIPN) behandeln können. Franconi et al. veröffentlichten eine systematische Übersichtsarbeit über experimentelle und klinische Akupunktur bei Chemotherapie-induzierter peripherer Neuropathie.
Fallbeispiele und Erfahrungsberichte
Unsere ersten Nachuntersuchungsergebnisse zu diesem neuen Therapieverfahren sind vielversprechend. Die Methode gilt als risikoarm, da bisher keine relevanten Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen bekannt sind. Die gerade veröffentlichten Ergebnisse dreier Langzeitbeobachtungen der Mediziner Dr. Rolf Wlasak und Dr. Stefan Lobner zeigen deutlich, dass Implantat-Akupunktur (Neurostimulation) vielen Menschen mit Morbus Parkinson, Restless Legs Syndrom und beginnender Demenz helfen kann: Symptome werden oftmals gelindert, die Lebensqualität erhöht und das Fortschreiten der Erkrankung häufig hinausgezögert. Außerdem haben sich bei vielen Probanden Antrieb und Stimmung verbessert.
Studienlage zur Akupunktur bei Parkinson
Auch zur Akupunktur bei Parkinson gibt es einige vielversprechende Studien. Eine chinesische Studie behandelte 41 Parkinson-Patienten 12 Wochen lang entweder mit Levodopa allein oder zusätzlich mit Verum-Akupunktur auf Rg20/LG20 (baihui), F20/Gb20 (fengchi) und Chorea Tremor Control Area auf der Kopfhaut oder mit Sham-Akupunktur. Mit Verum-Akupunktur verbesserten sich die Symptomwerte mit Parkinson-Bezug wie Tremor, Beweglichkeit und Alltagskompetenz. Die Unified Parkinson´s Disease Rating Scale-Werte (UPDRS) und die Depressionswerte waren statistisch zurückgegangen und blieben acht Wochen unverändert.
Akupunktur und Gehirnaktivität bei Parkinson
Eine chinesische Studie untersuchte die neuronalen Effekte von Akupunktur bei Patienten mit Alzheimer (AK) und leichter kognitiver Beeinträchtigung (LKB). Dabei wurden mit Verum-Akupunktur (bilateral H3/Le3 (taichong) und IC4/Di4 (hegu)) größere Bereiche von Aktivierung und Deaktivierung angesprochen als mit Sham-Akupunktur.
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Akupunktur bei Restless-Legs-Syndrom (RLS)
Akupunktur ist eine wirksame Behandlung bei Restless Legs Syndrom (RLS). Das zeigt eine Metaanalyse von 18 Studien mit insgesamt 640 RLS-Patient:innen in der Akupunkturgruppe und 447 in der Kontrollgruppe. Chinesische Forscher:innen untersuchten in einer Meta-Analyse die Wirksamkeit von Akupunktur zur Behandlung von Restless Legs Syndrom (RLS). Der primäre Endpunkt der Studie war die „Gesamtwirkungsrate“, definiert als die Summe aus „Heilungsrate“, „ausgeprägter Wirkungsrate“ und „Effektivitätsrate“ der Behandlung, wobei „Heilung“ das Verschwinden der RLS-Symptome bei ausreichendem Schlaf (≥6 Stunden) bedeutete. Die Metaanalyse der zwei Studien, die standardisierte Fragebögen zur Selbsteinschätzung verwendet hatten, zeigte 6 bis 8 Wochen nach der Akupunkturbehandlung eine statistisch signifikante Verbesserung der Werte im International Restless Legs Syndrome Rating Scale.
Akupunkturpunkte bei RLS
Liu vom TCM-Krankenhaus in Yangzhou nutzte Akupunktur und Moxibustion zur Behandlung von 49 Patient:innen mit Restless Legs Syndrom. Dazu wählte er als Hauptpunkte Yanglingquan (Gb 34), Jinggu(Bl 64), Chengshan (Bl 57), Chengjin (Bl 56) und Shangqiu (Mi 5). Bei Patient:innen mit Leber- und Nieren-Yin Xu fügte er Ganshu (Bl 18), Shenshu (Bl 23) und Taixi (Ni 3) hinzu. Zusätzlich nadelte er bei allen Patient:innen die Punkte Chengshan (Bl 57) und Chengjin (Bl 56) und manipulierte sie bis zum Eintreten des Nadelgefühls (De Qi). Danach wurde Nadelmoxa angewendet. Abschließend erhielten die Patient:innen eine Injektion mit einer Mischung aus Vitamin B1/B12 und Dan Shen (Radix Salviae Miltiorrhizae) in dem Punkt Chengshan (BL 57) beidseits.
Eine andere Studie verwendete bei Patient:innen mit Kälte und Müdigkeit die Punkte Ma 25 und Ma 37 (Diagnose Yang Xu in den Beinen). Andere Autor:innen stellten die Diagnosen Yang-Stagnation im Shao Yang (verwendete Punkte: Gb 32 und 3E 12), bzw. Qi-Stagnation (Le 1 und Gb 34). Krämpfe in den Beinen mit kalten Füßen, Harninkontinenz und Schlafstörungen wurden mit den Punkten Gb 32 und Le 6 behandelt (Diagnose: Ying Xu und Yang-Stagnation).
Individuelle Therapieansätze
Die Auswahl der Akupunkturpunkte und die Art der Stimulation sollten immer individuell auf den Patienten und seine spezifischen Beschwerden abgestimmt werden. Vor einer Implantation werden die entsprechenden Ohrareale systematisch untersucht. Diese Untersuchung ist sehr zeitaufwendig und muss äußerst präzise durchgeführt werden, da die Punkte mit ca. Nur funktionsgestörte Punkte reagieren tatsächlich auf Schmerzreize. Durch subtile Untersuchungstechniken findet der geübte Akupunkteur die entsprechenden Punkte. Über diese Ohrpunkte kann der gesamte menschliche Körper mit all seinen gestörten Funktionen behandelt werden.
Ergänzende Therapieansätze
Neben der Akupunktur gibt es weitere naturheilkundliche und konventionelle Therapieansätze, die bei Polyneuropathie und Parkinson eingesetzt werden können:
- Konventionelle Therapie: Bei Polyneuropathie werden je nach Ursache Medikamente zur Behandlung der Grunderkrankung (z.B. Diabetes) oder zur Linderung der Symptome (z.B. Schmerzmittel, Antidepressiva) eingesetzt. Bei Parkinson werden Dopamin-Ersatzmittel (z.B. Levodopa) und andere Medikamente zur Verbesserung der Motorik eingesetzt.
- Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Vitaminen und Mineralstoffen ist wichtig für die Nervenfunktion. Bei Diabetes sollte der Blutzucker gut eingestellt sein.
- Bewegung: Regelmäßige Bewegung kann die Durchblutung verbessern und die Muskelkraft stärken.
- Physiotherapie: Gezielte Übungen können helfen, die Beweglichkeit zu verbessern und Stürzen vorzubeugen.
- Ergotherapie: Ergotherapeuten können den Patienten helfen, ihren Alltag besser zu bewältigen und Hilfsmittel anzupassen.
- Psychotherapie: Bei Depressionen oder Angstzuständen kann eine Psychotherapie hilfreich sein.
- Hydro- und Thermotherapie: Milde Formen der Hydro- und Thermotherapie, wie Trockenbürsten, Wassertreten oder ansteigende Teilbäder, können die Durchblutung anregen und einen Reiz auf die Nervenrezeptoren ausüben.
- Phytotherapie: Pflanzliche Präparate wie Teufelskralle, Johanniskrautöl oder Capsaicin-Salbe können zur Schmerzlinderung eingesetzt werden.
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