Botulinumtoxin (Botox) bei Spastik bei Kindern: Ein umfassender Überblick

Die infantile Zerebralparese (ICP) ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die verschiedene motorische Störungen umfasst und als Folge einer Schädigung der unreifen Hirnstrukturen auftritt. Diese Schädigung kann zu einer Vielzahl von Problemen führen, darunter Spastik, die durch eine erhöhte Muskelspannung und Steifheit gekennzeichnet ist. Botulinumtoxin (BTX), besser bekannt als Botox, hat sich als eine wertvolle Behandlungsoption zur Linderung der Spastik bei Kindern mit ICP etabliert. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Anwendung von Botox bei Kindern mit Spastik, einschliesslich der Wirkungsweise, Indikationen, des Verfahrens, der Ergebnisse, der Risiken und der Bedeutung im Rahmen eines umfassenden Behandlungsansatzes.

Einführung in die Spastik bei Kindern mit ICP

Spastik ist ein häufiges und beeinträchtigendes Symptom der ICP. Sie resultiert aus einer Schädigung der motorischen Bahnen im Gehirn, die die Muskelbewegung steuern. Dies führt zu einer überaktiven Muskelspannung, die die Bewegung erschwert und zu Fehlstellungen der Gelenke, Schmerzen und funktionellen Einschränkungen führen kann. Typische Manifestationen der Spastik sind die Streck-, Adduktions- und Innenrotationsstellung der Beine sowie die Beuge-, Innenrotations- und Pronationsstellung der Arme. Ganze Muskelketten können von gekoppelten Bewegungsstereotypien betroffen sein, bei denen bestimmte Muskeln stark, andere jedoch kaum aktiviert werden.

Unbehandelt kann die Spastik zu strukturellen Muskelverkürzungen und sekundären Schäden an Gelenken und Knochen führen. Daher ist eine frühzeitige und effektive Behandlung von entscheidender Bedeutung, um diese Komplikationen zu verhindern und die Lebensqualität der betroffenen Kinder zu verbessern. Es ist wichtig zu beachten, dass die zentrale Hirnschädigung, die der ICP zugrunde liegt, irreversibel ist. Die therapeutischen Möglichkeiten konzentrieren sich daher auf die Modifikation der peripheren sekundären Auswirkungen der Schädigung.

Was ist Botulinumtoxin (Botox)?

Botulinumtoxin ist ein von dem Bakterium Clostridium botulinum produziertes Neurotoxin. Es wirkt, indem es die Freisetzung von Acetylcholin an der neuromuskulären Endplatte blockiert, wodurch die Muskelkontraktion verhindert wird. In der Medizin wird Botulinumtoxin in stark verdünnter Form eingesetzt, um gezielt Muskeln zu schwächen, die von Spastik betroffen sind.

Es gibt verschiedene Arten von Botulinumtoxin, wobei Botulinumtoxin Typ A (BTX-A) am häufigsten in der Behandlung von Spastik eingesetzt wird. Andere Typen wie B, C und F sind ebenfalls verfügbar, haben aber in der Regel eine kürzere Wirkdauer. Handelspräparate von BTX-A sind Botox® und Dysport®, die sich in ihren wirksamen Einheiten und Dosierungen unterscheiden.

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Wirkungsweise von Botox bei Spastik

Botox wirkt direkt am Muskel, indem es die Übertragung von Nervenimpulsen blockiert. Dies führt zu einer vorübergehenden Lähmung und Entkrampfung des Muskels. Die Wirkung setzt in der Regel innerhalb von 7-10 Tagen ein und hält etwa 3-6 Monate an.

Durch die Reduktion der Muskelspannung ermöglicht Botox, dass der Muskel wachsen kann und die Gefahr von Gelenkversteifungen herabgesetzt wird. Es kann auch dazu beitragen, orthopädische Operationen hinauszuzögern oder sogar zu verhindern. Die verbesserte Muskelbalance kann in neue Bewegungsabläufe integriert werden und die Effekte der Physiotherapie und anderer konservativer neuroorthopädischer Therapien verbessern.

Indikationen für die Botox-Therapie bei Kindern mit Spastik

Die Botox-Therapie ist indiziert bei Kindern mit ICP, die unter einer isolierten, funktionell hinderlichen, spastischen Muskeltonuserhöhung ohne strukturelle Muskelverkürzung leiden. Eine sehr gute Indikation ist der funktionelle dynamische Spitzfuß, die häufigste behandlungsbedürftige Deformität bei Patienten mit ICP.

Weitere Indikationen umfassen:

  • Adduktorenspasmus (eingeschränkte Abspreizfähigkeit der Oberschenkel)
  • Beugestellung der Finger und des Handgelenkes (spastische Hand)
  • Verkrümmung der Wirbelsäule (neurogene Skoliose)

Die Therapieziele können funktionelle Verbesserungen (z.B. Verbesserung des Stehens und Gehens), Pflegeerleichterung oder die Verringerung von Schmerzen sein.

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Ablauf der Botox-Behandlung

1. Indikationsprüfung

Vor der Botox-Behandlung erfolgt eine ausführliche anamnestische und neuropädiatrische Befunderhebung, um festzustellen, ob die Therapie für das Kind in Frage kommt. Die Eltern werden über die Wirkungsweise, mögliche Nebenwirkungen und den weiteren Ablauf der Behandlung aufgeklärt.

2. Injektionstermin

Die Injektion von Botox erfolgt in der Regel ambulant. Bei Kindern wird die Behandlung oft unter Analgosedierung (Dämmerschlaf) oder Narkose durchgeführt, um Schmerzen undUnbehagen zu minimieren. In einigen Fällen kann auch Lachgas (Livopan) zur Sedierung eingesetzt werden. Die Injektion erfolgt intramuskulär mit einer dünnen Nadel unter sonographischer Kontrolle, um sicherzustellen, dass das Medikament präzise in den Zielmuskel injiziert wird.

Die Dosierung von Botox wird individuell auf das Körpergewicht des Patienten berechnet (z.B. Botox® 4-8 Units/kgKG, Dysport® 20-30 Units/kgKG). Der Wirkstoff wird mit Kochsalzlösung verdünnt.

3. Nachbehandlung

Nach der Injektion ist eine intensive physiotherapeutische Behandlung wichtig, um die durch Botox erreichte Muskelentspannung optimal zu nutzen und neue Bewegungsabläufe zu erlernen. In einigen Fällen können auch Unterschenkel-Therapiegipse oder Orthesen eingesetzt werden, um die Wirksamkeit der Therapie zu erhöhen und zu verlängern.

4. Verlaufskontrolle

Etwa 6 Wochen nach der Botox-Behandlung erfolgt eine Verlaufskontrolle, um den Effekt der Behandlung auf den Muskeltonus und das funktionelle Ergebnis zu beurteilen. Anhand eines Evaluationsbogens werden die Fortschritte in der Physiotherapie und/oder Ergotherapie dokumentiert.

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Ergebnisse der Botox-Therapie

Die Botox-Therapie kann bei Kindern mit Spastik zu einer Reihe von positiven Ergebnissen führen, darunter:

  • Reduktion der Muskelspannung und Spastik
  • Verbesserung der Beweglichkeit undFunktion
  • Verringerung von Schmerzen
  • Verbesserung der Körperhaltung und des Gangbildes
  • Erleichterung der Pflege
  • Hinauszögerung oder Vermeidung von Operationen
  • Verbesserung der Lebensqualität

In der instrumentellen Ganganalyse lässt sich nach der Behandlung mit Botox eine Verbesserung der Sprunggelenkwinkel in der Stand- und Schwungphase des Gehens objektivieren, die bei den meisten Patienten zwischen 2,5 bis 6 Monate anhält.

Risiken und Nebenwirkungen der Botox-Therapie

Die Botox-Therapie ist im Allgemeinen eine sichere Behandlungsmethode. Mögliche Nebenwirkungen sind jedoch:

  • Schmerzen an der Injektionsstelle
  • Muskelschwäche
  • Müdigkeit
  • Grippeähnliche Symptome
  • In seltenen Fällen: Darm- oder Blasenlähmung, Störungen der Augenmotilität oder Schluckstörungen

Alle unerwünschten Wirkungen sind jedoch in der Regel reversibel und treten insgesamt sehr selten auf.

Es besteht auch das Risiko, dass der Körper Antikörper gegen Botox bildet, wenn es zu häufig angewendet wird. Dies kann dazu führen, dass die Therapie mit der Zeit weniger wirksam wird.

Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit

Die Botox-Therapie ist am effektivsten, wenn sie im Rahmen eines umfassenden, interdisziplinären Behandlungsansatzes eingesetzt wird. Dieser sollte die Zusammenarbeit von Ärzten verschiedener Fachrichtungen (z.B. Kinderneurologen, Kinderorthopäden, Neurochirurgen), Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Orthopädietechnikern und den Eltern des Kindes umfassen.

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ermöglicht eine individuelle und ganzheitliche Betreuung des Kindes, bei der die verschiedenen Aspekte der Erkrankung berücksichtigt werden. Das angestrebte Therapieziel muss immer gemeinsam mit dem Patienten, seinen Eltern und dem Behandlungsteam festgelegt werden.

Alternativen zur Botox-Therapie

Neben der Botox-Therapie gibt es auch andere Behandlungsmöglichkeiten für Spastik bei Kindern mit ICP, darunter:

  • Physiotherapie: Physiotherapie ist ein wichtiger Bestandteil der Behandlung von Spastik. Sie kann helfen, die Muskelkraft, Beweglichkeit und Koordination zu verbessern.
  • Ergotherapie: Ergotherapie kann helfen, dieFunktionsfähigkeit im Alltag zu verbessern.
  • Orthesen: Orthesen können helfen, die Gelenke zu stabilisieren und Fehlstellungen zu korrigieren.
  • Medikamentöse Therapie: Orale Antispastika wie Baclofen können bei generalisierter Spastik eingesetzt werden. Aufgrund von Nebenwirkungen wie Müdigkeit und Muskelschwäche werden sie jedoch oft nicht bis zu einer therapeutisch befriedigenden Stärke aufdosiert.
  • Selektiv-dorsale Rhizotomie: Bei der selektiv-dorsalen Rhizotomie wird der die Muskelverkrampfung unterhaltende „Reflexbogen“ im Bereich von Nervenwurzeln der Lendenwirbelsäule gezielt unterbrochen. Dieser Eingriff kommt für Kinder in Frage, die neben ihrer Muskelverkrampfung noch genügend Kraft in den Beinen haben.
  • Baclofen-Pumpe: Bei Kindern mit schwerer Spastik kann die intrathekale Baclofenpumpe eingesetzt werden. Eine in das Unterhautfettgewebe der Bauchwand eingepflanzte Pumpe gibt das Medikament über einen kleinen Schlauch dauerhaft in den Rückenmarkskanal ab.
  • Operative Eingriffe: In einigen Fällen können operative Eingriffe erforderlich sein, um Sehnen zu verlängern oder Knochenfehlstellungen zu korrigieren.

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