Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist ein komplexes Krankheitsbild, das meist im Kindesalter diagnostiziert wird und Betroffene bis ins Erwachsenenalter beeinträchtigen kann. Die Symptomatik ist breit gefächert und kann von motorischen Auffälligkeiten bis hin zu affektiven und kognitiven Symptomen reichen. Eine umfassende Befunderhebung ist daher unerlässlich.
Die Herausforderung der ADHS-Diagnose
Die Symptomatik der ADHS ist relativ unspezifisch, was Mediziner vor diagnostische Herausforderungen stellt. Es gilt zu beurteilen, wann Auffälligkeiten krankheitswertig sind, welche Komorbiditäten und Differenzialdiagnosen in Betracht gezogen werden müssen und ob es objektivierbare Parameter gibt, die die Diagnostik erleichtern können.
Symptome von ADHS bei Kindern
Die Kernsymptome der ADHS umfassen:
- Unaufmerksamkeit: Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, leichte Ablenkbarkeit, Desorganisation, Vergesslichkeit.
- Hyperaktivität: Dauernde motorische Unruhe, Zappeligkeit, gesteigerte Aktivität.
- Impulsivität: Schwierigkeiten, abzuwarten, Hineinplatzen in Gespräche, Antworten, bevor die Frage beendet ist.
Die Ausprägung dieser Symptome kann von Patient zu Patient unterschiedlich sein. Um überhaupt von einer ADHS auszugehen, müssen die Verhaltensauffälligkeiten über einen längeren Zeitraum (mindestens sechs Monate) vorhanden sein und bereits im Vorschulalter in mindestens zwei Lebensbereichen (z.B. Familie und Kindergarten/Schule) beobachtet worden sein.
Der Weg zur Diagnose: Ein Mosaik aus Informationen
Es gibt keinen spezifischen "Test" für ADHS. Die Diagnose wird anhand vieler einzelner Hinweise gestellt, ähnlich einem Mosaik. Wichtige Bausteine sind:
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- Anamnese: Umfassende Befragung der Eltern/des Betroffenen zur Lebenssituation, Krankheitsgeschichte und familiären Vorbelastung. Bei Verdacht auf eine Aufmerksamkeitsstörung führen Spezialisten das Erstgespräch gern ohne Kind, damit Eltern offen und ungestört erzählen können.
- Körperliche und neurologische Untersuchung: Überprüfung der körperlichen Entwicklung, der Sinnesorgane, der Fein- und Grobmotorik, der Bewegungskoordination. Bei der neurologischen Untersuchung werden Hirnnerven (z.B. Augenbewegungen, Hören), die Muskulatur (Kraft, Haltung), Reflexe, Koordination, Gleichgewicht und die Wahrnehmung von Reizen auf der Haut geprüft. Die Untersuchung ist harmlos und schmerzfrei.
- Testpsychologische Untersuchungen: Intelligenz- und Aufmerksamkeitstests, Überprüfung schulischer Fähigkeiten (Lesen, Schreiben, Rechnen), Untersuchung der emotionalen und sozialen Entwicklung.
- Verhaltensbeobachtungen und -bewertung: Verhaltensbeschreibungen aus Alltagssituationen von verschiedenen Personen (Eltern, Verwandte, Lehrer, Erzieher, Kinder- und Jugendarzt, Freunde), evtl. Videoaufzeichnungen von Alltagssituationen, Feststellen von Stärken/Kompetenzen und Schwächen/Defiziten. Eltern, Lehrer, Erzieher und gegebenenfalls der Jugendliche selbst erhalten zudem spezielle ADHS-Fragebögen, um Verhaltensauffälligkeiten genau zu dokumentieren.
- Weitere Untersuchungen (bei Bedarf): Messung der Hirnströme (EEG) und der Herztätigkeit (EKG) sowie Blutuntersuchungen (insbesondere bei geplanter Medikamentengabe). In der Regel wird beim Zweittermin, an dem das Kind kennengelernt wird, eine neurologische Untersuchung und Ableitung einer Hirnstromkurve (EEG) kombiniert.
Differentialdiagnostik: Andere Ursachen ausschließen
Im Rahmen der differentialdiagnostischen Untersuchung ist es wichtig, begleitende Probleme wie Störungen im Sozialverhalten, Lernschwierigkeiten, depressive Verstimmungen oder Ängste zu erkennen, um sie gegebenenfalls gesondert behandeln zu können. Es muss abgeklärt werden, ob die Verhaltensauffälligkeiten nicht durch andere Erkrankungen verursacht werden, wie z.B.:
- Intelligenzminderung (oder in seltenen Fällen auch Hochbegabung)
- Schädel-Hirn-Traumen
- Epilepsie
- Schilddrüsenstörungen
- Andere psychische Erkrankungen (z.B. kindliche depressive Verstimmungen, Ängste, Zwangserkrankungen, tiefgreifende Entwicklungsstörungen wie Asperger-Autismus, Psychosen bei Jugendlichen, posttraumatische Belastungsstörungen)
- Bestimmte Medikamente
Die Rolle des Neurologen bei der ADHS-Diagnose
Ein erfahrener Kinder- und Jugendarzt oder Kinder- und Jugendpsychiater, der sich auf die Diagnostik und Behandlung von ADHS spezialisiert hat, ist der richtige Ansprechpartner. Dieser kann mit verschiedenen Test- und Untersuchungsverfahren und Fragebögen ADHS diagnostizieren und erforderliche Therapiemaßnahmen einleiten.
Die neurologische Untersuchung ist ein wichtiger Bestandteil der ADHS-Diagnostik. Sie dient dazu, neurologische Ursachen für die Symptome auszuschließen und Informationen über die motorischen Fähigkeiten, die Koordination und die Wahrnehmung des Kindes zu gewinnen.
Frühzeitige Diagnose und Behandlung sind entscheidend
Lassen Sie anhaltende Verhaltensauffälligkeiten Ihres Kindes unbedingt von einem Kinder- und Jugendarzt abklären, denn das frühzeitige Erkennen einer ADHS ist ganz entscheidend. Nur dann kann der Betroffene adäquat behandelt werden und sich positiv entwickeln. Auch lernt die ganze Familie rechtzeitig, mit der Störung richtig umzugehen. Die Diagnose „ADHS“ entlastet oft die Familie und nimmt das schlechte Gewissen.
Therapieansätze bei ADHS
Bei leichteren Formen der ADHS können Elternarbeit und Psychoedukation (Aufklärung über die Symptomatik, günstige Verhaltensweisen von Eltern und Lehrern) bereits die Symptomatik verringern. Bei schwereren Formen hat sich entsprechend der Leitlinien der Fachgesellschaft die Kombination von medikamentöser Therapie mit verhaltenstherapeutisch orientierten psychotherapeutischen Interventionen zur Verbesserung der Konzentration und Impulsivität bewährt.
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Zur medikamentösen Behandlung kommen verschiedene Medikamente, z.B. Psychostimulanzien (Methylphenidat), zur Anwendung, die eine sorgfältige fachärztliche Therapieüberwachung notwendig machen.
ADHS-Leitlinien: Ein medizinisches Regelwerk
Die ADHS-Diagnostik erfolgt anhand der ADHS-Leitlinie und orientiert sich streng an den Testkriterien der Klassifikationssysteme ICD-10 (International Classification of Diseases, 10th Revision) und DSM-5 (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 5th Edition).
- ICD-10: Herausgegeben von der Weltgesundheitsorganisation (WHO), wird die ICD-10 weltweit für die Klassifizierung von Krankheiten in der medizinischen Praxis und Forschung eingesetzt. In der ICD-10 wird ADHS unter der Kategorie „F90 Hyperkinetische Störungen“ aufgeführt.
- DSM-5: Herausgegeben von der American Psychiatric Association, ist das DSM-5 ein Handbuch, das in den USA und in vielen anderen Teilen der Welt weit verbreitet ist. Im DSM-5 wird ADHS als eine Störung mit mehreren Subtypen (vorwiegend unaufmerksamer Typ, vorwiegend hyperaktiv-impulsiver Typ, kombinierter Typ) klassifiziert.
Beide Systeme sind wesentlich für die Standardisierung der Diagnose von ADHS und ermöglichen es Ärzten und Therapeuten, die Störung einheitlich zu identifizieren und zu behandeln.
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