Aktuelle Neurologie: Zielgruppe, Forschung und Prävention

Die Neurologie ist ein sich ständig weiterentwickelndes Feld, das sich mit der Diagnose und Behandlung von Erkrankungen des Nervensystems befasst. Die "aktuelle Neurologie" umfasst die neuesten Forschungsergebnisse, diagnostischen Verfahren und therapeutischen Ansätze, die für Neurologen, Neuropädiater, Neuropathologen und andere medizinische Fachkräfte relevant sind. Dieser Artikel beleuchtet verschiedene Aspekte der aktuellen Neurologie, von der Prävention neurologischer Erkrankungen bis hin zu spezifischen Forschungsbereichen und Auszeichnungen in diesem Bereich.

Prävention neurologischer Erkrankungen: Ein aktiver Lebensstil als Schlüssel

Zwei der häufigsten und gefürchtetsten neurologischen Erkrankungen sind Alzheimer und Schlaganfall. Es gibt jedoch Möglichkeiten, aktiv vorzubeugen und das persönliche Risiko, an einer dieser Krankheiten zu erkranken, deutlich zu senken. Bewegung und Sport sind hier besonders hervorzuheben.

Eine Studie aus "BMC Public Health" [1] zeigte, dass ein aktiver Lebensstil und ausreichend Schlaf sogar bei Menschen mit genetischer Vorbelastung für diese Krankheiten einen schützenden Effekt hatten.

In den nächsten Jahren wird ein dramatischer Anstieg von Demenz-Erkrankungen erwartet: Derzeit leben in Deutschland etwa 1,8 Millionen Menschen mit einer diagnostizierten Demenz. Nach Angaben des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen e. V. (DZNE) könnte diese Zahl im Jahr 2030 auf bis zu 1,9 Millionen ansteigen, im Jahr 2040 auf bis zu 2,3 Millionen und im Jahr 2050 bis zu 2,7 Millionen erreichen [2]. Auch im Hinblick auf den Schlaganfall wird mit einem Anstieg der Fallzahlen gerechnet. Derzeit erleiden jährlich in Deutschland rund 270.000 Menschen einen Schlaganfall. Gemäß dem Report der „Stroke Alliance for Europe“ (SAFE) [3] wird die Zahl der Menschen, die mit den Folgen eines Schlaganfalls leben müssen, zwischen 2017 und 2040 allein um 35 % ansteigen.

Eine aktuelle prospektive Kohortenstudie aus Großbritannien [1] untersuchte, wie viel Einfluss der Lebensstil auf das Schlaganfall- und Demenzrisiko nehmen kann. Aus der „UK-Biobank“ wurden 474.983 Personen im Alter von 37-73 Jahren ohne vorbekannten Schlaganfall oder Demenz untersucht. Für jeden Teilnehmenden wurde ein Score (0 - 4 Punkte) berechnet, je nach Lebensstil. Darin flossen regelmäßige körperliche Aktivität, eine Schlafdauer von 7 bis 8 Stunden pro Tag, eine tägliche Sitzdauer von weniger als 6 Stunden und eine Handgriffstärke über dem geschlechsspezifischen Medianwert als Marker für die allgemeine Muskelkraft. Das Follow-up betrug im Median 10,1 Jahre. Als primäre Endpunkte wurden inzidente Schlaganfälle und Demenzdiagnosen (mit Subtypen wie Alzheimer- und vaskuläre Demenz) erfasst.

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Im Verlauf der Studie traten 4.992 Schlaganfälle und 2.120 Demenzerkrankungen auf. Und die Analyse belegte einen deutlichen Schutz durch den Lebensstil; je mehr gesunde Faktoren erfüllt waren, desto höher war der Schutzeffekt. Das Schlaganfall-Risiko nahm um 15 % ab, wenn 2 der 4 Kriterien erfüllt wurden, sank um 29 % bei 3 Kriterien und bei Erfüllung aller 4 Kriterien sogar um 35 %. Noch größer waren die Effekte auf das Demenzrisiko.

„Das sind sehr beeindruckende Zahlen“, erklärt DGN-Generalsekretär Prof. Dr. Peter Berlit. „Wer über zehn Jahre konsequent körperlich aktiv ist, also regelmäßig Sport treibt, am Tag wenig sitzt und darüber hinaus ausreichend schläft, kann dieser aktuelle Erhebung zufolge sein Demenzrisiko mehr als halbieren.“ Besonders aufschlussreich sei zudem, dass diese Schutzwirkungen auch bei Personen beobachtet wurden, die als genetisch vorbelastet gelten. Die Vorteile eines gesünderen Lebensstils auf Schlaganfall und Demenz zeigten sich unabhängig vom Vorliegen der APOE-ε4-Genvariante, die für die Entwicklung von Demenz-Erkrankungen und neuen Erkenntnissen zufolge auch mit Schlaganfällen bei jüngeren Menschen [4] in Zusammenhang steht.

„In der Studie hatten die Lebensstilmaßnahmen auch bei Menschen mit diesem Risiko-Gen signifikante Schutzwirkungen. Mut mache das hohe Ausmaß der Schutzwirkung von lediglich zwei Maßnahmen, einem körperlich aktiven Lebensstil und ausrechender Schlafdauer. Den großen Effekt von Bewegung hatte bereits eine Anfang November im Fachjournal „Nature Medicine“ veröffentlichte Studie [5] gezeigt, in der bei 296 kognitiv unbeeinträchtigten Personen longitudinal über einen Zeitraum von bis zu 14 Jahren die mittels Schrittzähler gemessene körperliche Aktivität, Aβ- und Tau-PET-Daten sowie die Ergebnisse der jährlichen kognitiven Untersuchung ausgewertet wurden. Analysiert wurde, ob körperliche Aktivität mit einem langsameren kognitiven und funktionellen Rückgang durch unterschiedliche Ausprägung der Aβ- und Tau-Akkumulation verbunden ist. Diese Hypothese bestätigte sich im Ergebnis. Es zeigte sich eine „dosisabhängige“ Wirkung von Bewegung bei einem täglichen Pensum von 5.000 bis 7.500 Schritten, und der Effekt dieses im Verhältnis moderaten Bewegungspensums war enorm: Im Vergleich zu inaktiven Personen war der kognitive Abbau bei steigender körperlicher Aktivität bis zu 51 % geringer.

„Beide Studien zeigen, dass ausreichend Bewegung bereits die halbe Miete in Sachen Demenzprävention ist“, fasst DGN-Generalsekretär Berlit zusammen. Neben Bewegungsmangel sind viele weitere Demenzrisikofaktoren bekannt, wie z. B. schlechtes Seh- oder Hörvermögen, soziale Isolation oder ungesunde Ernährung. „Das alles sind Stellschrauben, über die jeder sein persönliches Demenzrisiko beeinflussen kann. Und die Korrektur vieler dieser Risikofaktoren schützt auch vor anderen neurologischen Krankheiten wie Schlaganfall oder Parkinson.

Neurowoche: Interdisziplinärer Austausch und aktuelle Themen

Die Neurowoche ist eine wichtige Veranstaltung, die Neurologen, Neuropädiater und Neuropathologen zusammenbringt, um sich über die neuesten Entwicklungen in der Neurologie auszutauschen. Auf der Neurowoche werden intensiv ihre interdisziplinären Themen behandelt. Die vierte Neurowoche fand beispielsweise vom 30. Oktober bis 3. November 2018 in der Messe Berlin statt.

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Die Neurowoche deckt wie gewohnt die gesamte Breite der Neurologie ab und verspricht interessant und produktiv zu werden.

Schwerpunktthemen und Innovationen in der Neurologie

Die aktuelle Neurologie umfasst eine Vielzahl von Themen, von denen einige im Folgenden hervorgehoben werden:

  • Vaskulitiden: Die Neurowoche thematisierte beispielsweise die Schlaganfall und zerebrale Vaskulitis, einschließlich der Therapie der Vaskulitiden sowie Indikationen und Limitationen therapeutischer Konzepte und deren Abklärung.
  • Parkinson-Syndrome: Das Thema Parkinson-Syndrome wurde von Prof. Dr. Günter U. Höglinger und Prof. Dr. Daniela Berg vorgestellt, wobei es um neue Erkenntnisse zu Ursachen, Diagnostik und Prognoseabschätzung ging.
  • Demenzerkrankungen: Die Diagnostik demenzieller Erkrankungen auf Basis von Biomarkern stand im Zentrum der Diskussion, wobei Prof. Dr. Markus Otto, Ulm, diesen Bereich vertrat. Prof. Dr. Peter Dal-Bianco, Graz, Österreich, präsentierte Demenzen und Stoffwechselerkrankungen.
  • Migräne: Ein weiterer Schwerpunkt lag auf neuen Therapieansätzen und deren Bedeutung für die Therapie der Migräne.
  • Rehabilitation: Die rehabilitative Nachsorge von neurologischen Patienten wurde vom Akutstadium bis zur rehabilitativen Nachsorge dargestellt.
  • Kognitive Neurowissenschaften: Die Erforschung der kognitiven Funktionen des Gehirns, einschließlich Störungen wie Neglect und Sprachstörungen, ist ein wichtiger Bereich der aktuellen Neurologie. Prof. Dr. Gereon R. Fink, Köln/Jülich, und Prof. Dr. Hubertus Axer, Essen, präsentierten Behandlungszentren für Menschen mit Behinderung. Prof. Dr. Alexander Thiel setzte sich mit der Pathophysiologie von Sprachstörungen auseinander.

Studiendaten und therapeutische Fortschritte

Die Neurologie ist ein forschungsintensives Gebiet, in dem ständig neue Studiendaten und therapeutische Ansätze entwickelt werden. Auf der Neurowoche wurden beispielsweise Studiendaten zum Verschluss des Foramen ovale (PFO) nach Schlaganfall (REDUCE, CLOSE, RESPECT) und zum Einsatz von Ocrelizumab und Cladribin bei Multipler Sklerose diskutiert.

Der Charity Award von Springer Medizin

Mit dem Charity Award zeichnet Springer Medizin jedes Jahr das herausragende Engagement von Stiftungen, Organisationen und Institutionen aus, die sich in besonderer Weise der Gesundheitsversorgung in Deutschland verpflichtet fühlen.

Weitere wichtige Aspekte der aktuellen Neurologie

  • Allergische Arzneimittelreaktionen: Die Haut ist bei weitem das häufigste Zielorgan von allergischen Arzneimittelreaktionen.
  • Mikrobiomforschung: Während das Darmmikrobiom in den letzten Jahren im Mittelpunkt der Mikrobiomforschung stand, richtet sich die Aufmerksamkeit nun zunehmend auf mikrobielle Ökosysteme in anderen Körperregionen.
  • Diagnostische Kriterien: Die diagnostischen Kriterien für neurologische Erkrankungen, wie z.B. Schizophrenie und katatone Syndrome, haben sich oft gewandelt, zuletzt mit der Einführung der ICD-11.
  • Geburtsmodus nach Sectio: Schmerzen an Uterotomienarbe in der 35. Schwangerschaftswoche können ein Hinweis auf eine Uterusruptur sein und müssen sorgfältig abgeklärt werden.

Schlussfolgerung

Die aktuelle Neurologie ist ein dynamisches und vielschichtiges Feld, das sich durch ständige Forschung, Innovation und interdisziplinären Austausch auszeichnet. Von der Prävention neurologischer Erkrankungen durch einen aktiven Lebensstil bis hin zu spezifischen Therapieansätzen und der Erforschung der komplexen Funktionen des Gehirns bietet die Neurologie eine Vielzahl von Möglichkeiten, die Gesundheit und Lebensqualität von Patienten zu verbessern. Die Neurowoche und der Charity Award von Springer Medizin sind Beispiele für wichtige Initiativen, die den Fortschritt und das Engagement in diesem Bereich fördern.

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