Akupunktur zur Migräneprophylaxe: Studien, Wirksamkeit und Anwendung

Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, von der etwa jeder zehnte Mensch in Deutschland betroffen ist. Sie äußert sich durch wiederkehrende, oft einseitige Kopfschmerzattacken, die von Übelkeit, Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet sein können. Obwohl es Medikamente zur Linderung der Schmerzen gibt, suchen viele Betroffene nach alternativen oder ergänzenden Behandlungsmethoden, insbesondere zur Vorbeugung von Migräneanfällen. Eine solche Methode ist die Akupunktur, eine traditionelle chinesische Therapie, die seit über 3000 Jahren angewendet wird.

Was ist Migräne?

Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Sie ist eine neurologische Erkrankung, die sich durch anfallsartige, pulsierende Kopfschmerzen äußert, die zwischen einigen Stunden und mehreren Tagen andauern können. Oft treten sie in Kombination mit Übelkeit und einer Überempfindlichkeit gegenüber äußeren Reizen auf. Einige Betroffene erleben vor den eigentlichen Schmerzen Sehstörungen, Kribbel- oder Schwindelgefühle, was als Migräne mit Aura bezeichnet wird.

Die genauen Ursachen von Migräne sind noch nicht vollständig erforscht. Es wird angenommen, dass eine Übererregung von Nervennetzen im Gehirn eine Entzündungsreaktion und Reizung der Blutgefäße auslöst. Äußere Faktoren wie Stress, Schlafmangel, Dehydration, unregelmäßige Mahlzeiten, Hormonschwankungen, Wetterumschwünge, Medikamente und Alkohol können ebenfalls eine Rolle bei der Entstehung eines Migräneanfalls spielen.

Akupunktur als alternative Behandlungsmethode

Die Akupunktur ist eine alternative Behandlungsmethode, die ihre Ursprünge in der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) hat. Sie beruht auf der Annahme, dass festgelegte Leitbahnen (sogenannte Meridiane) im Körper existieren, denen Einflüsse auf Körper- und Organfunktionen zugeschrieben werden. Entlang dieser Meridiane werden spezielle Nadeln an fest definierten Akupunkturpunkten gesetzt. Die heutige, etwas wissenschaftlichere Herangehensweise versteht Akupunktur als lokalen Reiz, der Auswirkungen auf das Nerven- und Hormonsystem des Menschen hat. Insgesamt orientiert sich die heilkundliche Methode an Erfahrungen, die seit über 3000 Jahren gesammelt wurden.

Die Grundlagen der Akupunktur

Die Akupunktur basiert auf der Lehre der Meridiane, durch die die Lebensenergie (Qi) durch den Körper fließt. Gerät diese Energie ins Stocken, kann sich das mit Beschwerden wie Migräne äußern. Bei der Akupunktur werden Blockaden in den Meridianen mit Nadeln gelöst und dadurch die Beschwerden gelindert.

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Wie läuft eine Akupunktur-Sitzung ab?

Vor der Akupunktur-Behandlung schildern Betroffene dem Behandler zuerst ihre Symptome. So kann dieser bestimmen, welche der knapp 400 verschiedenen Akupunkturpunkte er verwendet. Die eigentliche Akupunktur dauert zwischen 20 und 40 Minuten. Der Patient liegt dabei auf einer bequemen Liege und kann sich entspannen.

Der Therapeut sticht nach und nach fünf bis 20 feine Akupunkturnadeln in die Haut und justiert diese sanft. Dabei arbeitet er in der Regel symmetrisch. Akupunkturpunkte für Migräne liegen sowohl im Nacken als auch am Unterarm, unterhalb des Knies und an den Füßen. Die Nadeln bleiben insgesamt 15 bis 30 Minuten an Ort und Stelle und sollten sich nicht bewegen, bevor sie am Ende der Akupunktur-Behandlung wieder herausgezogen werden.

Ist Akupunktur schmerzhaft?

Die für die Akupunktur verwendeten Nadeln sind mit einer Stärke von 0,15 bis 0,4 Millimetern äußerst fein. Außerdem werden sie schnell und nur oberflächlich in die Haut gestochen. Die meisten Menschen empfinden Akupunktur daher als weitestgehend schmerzfrei, nicht schlimmer als das Auszupfen eines Haares.

Mögliche Nebenwirkungen

Akupunktur gilt in der Regel als gut verträglich und nebenwirkungsarm. Manchmal können allerdings folgende Begleiterscheinungen auftreten:

  • Leichte Blutung nach dem Entfernen der Akupunkturnadel
  • Kleine Einblutungen in die Haut
  • Leichte Schmerzen wie bei einem Muskelkater rund um die Einstichstelle
  • Konzentrationsschwierigkeiten direkt nach der Behandlung

Akupunktur und Migräne: Was sagen die Studien?

Wissenschaftler haben in zahlreichen Studien die Wirksamkeit von Akupunktur zur Vorbeugung von Migräneanfällen untersucht. Daher bewertet auch der IGeL-Monitor des medizinischen Dienstes den Nutzen von Akupunktur als Prophylaxe-Therapie von Migräneanfällen als „tendenziell positiv“. Das Setzen von Akupunkturnadeln reduziert die Zahl der Migräne-Attacken genauso wirksam wie das Einnehmen von Medikamenten zur Migräne-Vorbeugung. Wenn es um die Stärke der Kopfschmerzen bei einer Migräne geht, lindert Akupunktur diese sogar stärker als Medikamente. Allerdings sprechen nicht alle Menschen gleichermaßen auf Akupunktur an.

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Studienergebnisse im Überblick

  • Wirksamkeit: Studien zeigen, dass Akupunktur die Häufigkeit und Intensität von Migräneanfällen reduzieren kann.
  • Vergleich mit Medikamenten: Akupunktur ist bei der Vorbeugung von Migräneanfällen genauso wirksam wie Medikamente, und in einigen Fällen sogar wirksamer bei der Linderung der Kopfschmerzstärke.
  • Nebenwirkungen: Akupunktur hat weniger Nebenwirkungen als Medikamente zur Migräneprophylaxe.
  • Individuelle Unterschiede: Nicht alle Menschen sprechen gleichermaßen auf Akupunktur an.

Wann ist Akupunktur sinnvoll?

Akupunktur eignet sich vor allem als Behandlung zur Migräne-Vorbeugung, um die Anzahl und Intensität der Migränetage langfristig zu reduzieren. Kündigt sich der Migräneanfall erst einmal mit den typischen Vorboten wie Müdigkeit, Überempfindlichkeit oder Stimmungsschwankungen an, kann Akupunktur nicht mehr akut helfen. Dann greifen Betroffene am besten zu den verordneten Medikamenten, um die Intensität und Dauer der Migräne abzuschwächen.

Akupunktur bei Migräne mit Aura

Bei einer Migräne mit Aura treten zusätzlich zu den pulsierenden, einseitigen Kopfschmerzen neben Übelkeit, Geräusch- und Lichtempfindlichkeit auch Sehstörungen auf. Da Betroffene nicht bei jedem Migräneanfall auch eine Aura haben, lässt sich die Wirksamkeit von Akupunktur auf diese nur schwer untersuchen. Es ist daher nicht ausreichend erforscht, ob Akupunktur neben den Kopfschmerzen auch die Aura abschwächt. In jedem Fall kann Akupunktur als wirksame Migräne-Vorbeugung das Auftreten der Attacken mit Aura verringern.

Wie lange dauert es, bis Akupunktur wirkt?

Als Migräne-Vorbeugung werden zu Beginn der Akupunktur-Behandlung zwei wöchentliche Sitzungen durchgeführt. Durchschnittlich tritt nach etwa einem Monat regelmäßiger Akupunktur eine erste Besserung ein und nach zwei Monaten ist die Behandlung abgeschlossen. Allerdings sprechen nicht alle Menschen mit Migräne gleichermaßen auf Akupunktur an. Bei manchen sind insgesamt bis zu 30 bis 40 Akupunktur-Sitzungen nötig, bis sich die Migräne dauerhaft bessert.

Zur langfristigen Migräne-Vorbeugung sollten Betroffene immer wieder Auffrischungsbehandlungen durchführen lassen. So lassen sich mit einigen Akupunktur-Sitzungen im Abstand von mehreren Monaten die Symptome und das Auftreten der Migräne dauerhaft lindern. Wie oft und in welchem Abstand Akupunktur den größten Nutzen zeigt, ist allerdings noch nicht abschließend erforscht. Am besten testen Betroffene daher aus, was ihnen am meisten hilft.

Formen der Akupunktur

Es existieren heute viele verschiedene Formen von Akupunktur. Die wichtigsten Vertreter sind die Körperakupunktur sowie Ohr-, Schädel- und Handakupunktur. Dabei werden jeweils verschiedene Methoden zur Punktstimulation benutzt wie etwa klassische Akupunkturnadeln, Dauernadeln, Akupressur oder Stimulation mittels Laser.

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Dauernadeln

Neben der klassischen Akupunktur mit Nadeln können die Akupunkturpunkte auch durch andere Reize stimuliert werden. Es gibt Dauernadeln, die 1 bis 2 Wochen in der Haut verbleiben. Die winzigen Nadeln werden am Ohr gesetzt und mit kleinen Pflastern abgedeckt, damit sie im Alltag nicht stören.

Implantat-Akupunktur

Eine besondere Form der traditionellen Punktstimulation ist vor allem in Asien verbreitet: An den bekannten Akupunkturpunkten werden kurze Fäden aus auflösbarem chirurgischen Nahtmaterial an bekannte Akupunkturpunkte unter die Haut implantiert (Catgut-Akupunktur). So wird eine Langzeitstimulation erreicht.

Die moderne europäische Implantat-Akupunktur ist eine Form der Ohrakupunktur. Anstatt der kurzfristigen Anwendung von klassischen Akupunkturnadeln oder Dauernadeln werden winzige Implantatnadeln an den bekannten Reflexpunkten gesetzt. Die Nadel wächst nach 1-2 Tagen völlig unsichtbar in der Ohrmuschel ein und muss nicht wieder entfernt werden. Die verwendeten Akupunktur-Implantate haben in etwa die Größe einer Stecknadelspitze. Sie bestehen aus medizinischem Reintitan und sind hochverträglich. Als Alternative zu Dauerimplantaten aus Titan können Templantate eingesetzt werden (»Jahresnadeln«). Diese Nadeln bestehen aus einem synthetischen organischen Hightech-Material auf Glucose-Milchsäurebasis und sind auflösbar. Sie verbleiben 15-20 Monate im Ohr und werden während dieser Zeit vom Körper vollständig abgebaut.

Was kostet Akupunktur?

Akupunktur zur Vorbeugung von Migräneanfällen ist eine sogenannte individuelle Gesundheitsleistung (IGeL). Das heißt, dass sie nicht zum festgeschriebenen Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen gehört und nicht standardmäßig von ihnen übernommen wird. Private Krankenkassen haben einen deutlich größeren Leistungskatalog, der oft auch alternative Heilverfahren wie die Akupunktur einschließt. Menschen mit Migräneanfällen sollten im Vorfeld der Behandlung prüfen, ob und in welcher Höhe Akupunktur in ihrem Tarif enthalten ist und welche Voraussetzungen die Behandlung und der Therapeut eventuell für eine Übernahme der Akupunktur durch die Krankenkasse erfüllen müssen. Eine Akupunktur-Sitzung kostet je nach Dauer der Behandlung 11,66 Euro oder 20,40 Euro im einfachen Satz.

Was kann man vorbeugend gegen Migräne tun?

Akupunktur ist nur einer von vielen Bausteinen zur erfolgreichen Vorbeugung von Migräneanfällen. Da Stress zu den häufigsten Auslösern von Migräne gehört, empfiehlt die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft in ihrer Leitlinie zur Therapie und Prophylaxe von Migräne auch Entspannungsverfahren. Dabei können Betroffene selbst herausfinden und wählen, was ihnen guttut und sie entspannt. Infrage kommen zum Beispiel Yoga, Qi Gong, Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung nach Jacobson oder Biofeedback-Verfahren. Entsprechende Kurse zum Erlernen von Entspannungstechniken werden oft von den Krankenkassen bezuschusst - egal, ob man unter Migräneanfällen leidet oder nicht.

Mithilfe eines Kopfschmerztagebuchs können Menschen mit Migräne herausfinden, welche persönlichen Auslöser es für ihre Schmerzattacken gibt. Anschließend lassen sich beispielsweise triggernde Lebensmittel oder Gerüche gezielt vermeiden und damit die Häufigkeit von Migräneanfällen deutlich verringern.

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