Migräne und Clusterkopfschmerzen stellen für viele Betroffene eine erhebliche Belastung dar. In Darmstadt und bundesweit werden verschiedene Therapieansätze untersucht, darunter Akupunktur und Neuromodulation. Dieser Artikel beleuchtet aktuelle Studien, Entwicklungen und Expertenmeinungen zu diesen Behandlungsformen.
Die Herausforderung chronischer Kopfschmerzen
Chronische Migräne, definiert als täglicher, stundenlanger Kopfschmerz auf dem Boden einer Migräne, und chronischer Clusterkopfschmerz, der sich durch wiederkehrende, heftige Schmerzen in der Nähe eines Auges oder einer Schläfe äußert, sind weit verbreitete Leiden. Mehr als jeder Zweihundertste in Deutschland ist betroffen. Ein großes Problem besteht darin, dass bei etwa jedem zweiten Patienten mit chronischer Migräne und fast allen mit chronischem Clusterkopfschmerz vorbeugende Medikamente, Akupunktur oder Entspannungstechniken nicht anschlagen. Professor Dr. med. Dr. phil. Stefan Evers vom Universitätsklinikum Münster betont, dass Menschen mit chronischen Clusterkopfschmerzen selten auf eine Prophylaxe ansprechen.
Neuromodulation als Hoffnungsträger?
Für Patienten, bei denen herkömmliche Therapien versagen, könnte die Neuromodulation eine vielversprechende Alternative darstellen. Bei diesem Verfahren werden Nerven durch elektrische Impulse stimuliert. Ein internationales Forscherteam entdeckte, dass die Stimulation des Ganglion sphenopalatinum (SPG) Patienten mit Clusterkopfschmerz helfen kann. Das SPG ist ein Nervenknoten, der Nervenfasern zu Auge und Nase schickt. In einer Studie implantierten Wissenschaftler 28 Betroffenen Elektroden in der Nähe dieses Nervenknotens hinter dem Kieferknochen. Bei Auftreten von Kopfschmerzen konnten die Patienten die Elektroden mithilfe einer Fernbedienung aktivieren. Die gezielte Nervenstimulation reduzierte bei 19 der Patienten (rund zwei Drittel) die Häufigkeit und/oder Stärke der Anfälle.
Ähnliche Ergebnisse wurden in Studien erzielt, bei denen der Vagusnerv am Hals stimuliert wurde. Dieses Verfahren ist in den USA bereits zur Behandlung schwerer, medikamentenresistenter Depressionen zugelassen. In Deutschland fehlt dem Stimulator jedoch die CE-Kennzeichnung, weshalb er in der Praxis noch nicht angewendet werden sollte.
Trotz der vielversprechenden Ergebnisse warnen Experten der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN) vor einer verfrühten Anwendung in der Praxis. Professor Evers betont, dass Stimulationsverfahren gegen Kopfschmerzerkrankungen derzeit ausschließlich in Studien untersucht werden sollten, da Wirksamkeit und potenzielle Gefahren noch nicht ausreichend erforscht seien. Er nimmt an zwei Langzeitstudien mit insgesamt rund 100 Patienten teil, die die Stimulation des Ganglion sphenopalatinum und des Vagusnervs bei chronischen Clusterkopfschmerzen und chronischer Migräne untersuchen. Die DGKN rechnet mit ersten Empfehlungen zur genauen Platzierung der Elektroden und zur optimalen Stromstärke in etwa einem Jahr. Erst dann sollten neuromodulatorische Verfahren Kopfschmerzpatienten, denen keine andere Therapie hilft, auch in der Praxis angeboten werden.
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Akupunktur als Alternative in der Schmerztherapie
Akupunktur hat sich als eine weitere Option in der Schmerztherapie etabliert. Studien der renommierten Cochrane Collaboration zeigen, dass Akupunktur bei Spannungskopfschmerzen ebenso gut wirkt wie Tabletten, jedoch ohne deren Nebenwirkungen. Die Cochrane Collaboration wertete insgesamt 22 Studien mit 4400 Migränepatienten aus. Das Ergebnis: Bei jedem zweiten mit Akupunktur behandelten Patienten halbierte sich die Häufigkeit der Anfälle. Auch die Zahl der Kopfschmerztage sowie die Schmerzintensität waren nach mindestens acht Wochen Akupunktur deutlich niedriger. Elf Akupunktursitzungen wirken genauso gut wie Betablocker oder Antiepileptika, die der Patient über sechs Monate täglich einnehmen muss.
Eine weitere Analyse von elf Studien mit 2300 Patienten mit Spannungskopfschmerzen zeigte, dass die Kombination Akupunktur plus Medikamente einer rein medikamentösen Therapie deutlich überlegen ist: Eine Reduktion der Kopfschmerztage um mindestens die Hälfte wurde bei 47 Prozent der Patienten mit Akupunktur, aber nur bei 16 Prozent mit alleiniger Schmerzmitteltherapie erreicht.
Dr. med. erklärt, dass Akupunktur damit eine echte Alternative zur medikamentösen Prophylaxe darstellt, und das bei deutlich geringeren Nebenwirkungen.
Der IGeL-Monitor bewertete Akupunktur bei Migräne tendenziell positiv, da die Methode laut Studienlage helfen kann, Migräneanfälle zu verhindern oder abzuschwächen. In den betrachteten Studien schnitt Akupunktur besser ab als eine Nichtbehandlung, unterschied sich jedoch nicht von einer Scheinakupunktur. Bei Spannungskopfschmerzen fand das Team des IGeL-Monitors jedoch keine Hinweise darauf, ob Akupunktur helfen könne.
Migräne in Hessen: Ein Überblick
Die Zahl der Migräne-Diagnosen in Hessen ist gestiegen. Im Jahr 2021 erhielten etwa 37 von 1000 Menschen in Hessen eine Migräne-Diagnose, was einem Anstieg von fast neun Prozent gegenüber 2018 entspricht. Frauen sind mit 57 je 1000 Personen deutlich häufiger betroffen als Männer (17 je 1000). Regional gibt es Unterschiede: In Gießen, im Vogelsbergkreis und im Landkreis Waldeck-Frankenberg liegt die Rate bei 43 je 1000, in Frankfurt bei 33 und in Darmstadt bei 29.
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Martin Till, Landeschef der Barmer in Hessen, betont, dass die genauen Ursachen für Migräne noch nicht abschließend erforscht sind. Neben einer genetischen Prägung können bestimmte Umstände oder Reize einen Migräneanfall auslösen. Er rät, bei regelmäßigen Kopfschmerzen einen Arzt aufzusuchen. Vorbeugende Maßnahmen können die Häufigkeit, Schwere und Dauer der Migräneattacken verringern. Neben Schmerzmitteln werden Entspannungstechniken und Ausdauersport zur Prophylaxe empfohlen. Auch Akupunktur gehört zur Schmerztherapie.
Neue Schmerztherapeutin in Darmstadt-Dieburg
Skadi Stahlberg ist seit dem 1. April als Spezialistin für konservative Schmerztherapie am Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) in Jugenheim tätig. Sie hat sich nach und nach auf die Schmerztherapie spezialisiert und schätzt die interdisziplinäre Zusammenarbeit in diesem Bereich. Am OrthoCentrum Jugenheim sowie am MVZ und an den Kreiskliniken Darmstadt-Dieburg wird dieser Ansatz verfolgt. Die Schmerztherapie arbeitet mit Menschen, die an chronischen Schmerzerkrankungen leiden, von Kopf- über Bauch- oder Nervenschmerzen bis hin zu Migräne und vielem mehr. Stahlberg plant, in Jugenheim eine Schmerztherapie nach ihren Vorstellungen aufzubauen, mit dem Ziel, Patienten auch stationär zu behandeln. Gruppen-Veranstaltungen zum Thema Schmerz, Einzeltherapie, Alternativmedizin und die Expertisen von Orthopäden und Neurochirurgen könnten so in Jugenheim vereint werden. Auch die Physiotherapie spielt eine große Rolle bei diesem Konzept.
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