Multiple Sklerose bei Migranten: Herausforderungen und Erkenntnisse

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei der das Immunsystem die Myelinscheide der Nervenfasern in Gehirn und Rückenmark angreift und zerstört. Die Krankheit manifestiert sich meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr. Weltweit leben mehr als 2,5 Millionen Menschen mit MS, in Deutschland sind schätzungsweise über 230.000 Menschen betroffen. Die Ursachen sind noch immer nicht vollständig geklärt, und eine Heilung gibt es bislang nicht. Die Forschung konzentriert sich darauf, die Mechanismen der Erkrankung besser zu verstehen und neue Therapieansätze zu entwickeln.

Genetische Ursachen und Migration

Neueste Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass genetische Faktoren, die vor Tausenden von Jahren durch Migration nach Europa gelangten, das Risiko für MS und andere Erkrankungen erhöhen könnten. Eine Studie aus dem Jahr 2024 untersuchte den Einfluss der DNA unserer Vorfahren auf die heutige Bevölkerung Europas. Diese Forschungsergebnisse zeigen, dass die Einwanderung eines nomadisch lebenden Hirtenvolkes, der Jamnaja, vor etwa 5000 Jahren aus der pontischen Steppe nach Nordwesteuropa Genvarianten mit sich brachte, die das Immunsystem stärker aktivieren und gleichzeitig das Risiko für Autoimmunerkrankungen wie MS erhöhen.

Damals boten diese Genvarianten vermutlich einen Überlebensvorteil, da sie eine bessere Reaktion auf Infektionen ermöglichten. Heute, mit verbesserter Hygiene und fortschrittlicher Medizin, haben diese Infektionen an Relevanz verloren, während das erhöhte Risiko für Autoimmunerkrankungen im Erbgut erhalten blieb. Dies könnte das bekannte Nord-Süd-Gefälle im Auftreten der MS in Europa erklären, da diese Genvarianten in Nordeuropa verbreiteter sind als in Südeuropa.

William Barrie von der Universität Cambridge beschreibt die Ergebnisse als "einen großen Schritt vorwärts in unserem Verständnis der Entwicklung von MS und anderer Autoimmunerkrankungen." Lars Fugger von der Universität Oxford ergänzt, dass man nun versuchen könne, MS als das zu behandeln, "was sie tatsächlich ist: das Ergebnis einer genetischen Anpassung an bestimmte Umweltbedingungen, die schon in unserer Vorgeschichte auftraten."

MS bei Migranten: Globale Perspektiven

Die großen Migrations- und Fluchtbewegungen der letzten Jahre stellen die Neurologie vor Herausforderungen und bieten gleichzeitig die Chance, Erkenntnisse über neurologische Erkrankungen zu gewinnen. Eine norwegische Studie untersuchte die Verbreitung von MS bei Immigranten und stellte fest, dass MS bei Menschen, die aus Europa oder Nordamerika nach Norwegen kamen, am stärksten verbreitet war. Die MS-Prävalenz der Migranten in Norwegen spiegelte somit die ungleiche weltweite Verbreitung der Krankheit wider. Interessanterweise zeigte die Studie auch einen starken Anstieg an MS-Fällen unter pakistanischen Immigranten der zweiten Generation.

Lesen Sie auch: MS-Medikamente im Detail erklärt

Herausforderungen im Gesundheitssystem

Migranten stehen oft vor besonderen Herausforderungen im Gesundheitssystem. Kulturelle Unterschiede, ein niedriger sozioökonomischer Status, ein geringer Bildungsstand und Sprachbarrieren erschweren den Zugang zur Gesundheitsversorgung. Studien zeigen, dass Migranten bei gesundheitlichen Problemen häufig länger im Krankenhaus bleiben als einheimische Patienten, was auf Kommunikationsprobleme und kulturelle Unterschiede zurückzuführen ist. Zudem können neurologische Erkrankungen wie Epilepsie in einigen Kulturen stigmatisiert sein, was zu einer unzureichenden Diagnose und Behandlung führt. Daher ist es wichtig, Migranten besser über das Gesundheitssystem zu informieren und kulturelle Sensibilität in der medizinischen Versorgung zu fördern.

Epstein-Barr-Virus (EBV) und Multiple Sklerose

Infektionen mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV), dem Erreger des Pfeifferschen Drüsenfiebers (Mononukleose), begünstigen unabhängig vom ethnischen Hintergrund die Entwicklung einer Multiplen Sklerose. Eine Fall-Kontroll-Studie aus dem Jahr 2017 bestätigte diese Hypothese. Die Studie zeigte, dass Menschen ohne EBV-Antikörper fast nie an MS erkranken, während nach einer Infektion das Risiko ansteigt. Interessanterweise wurde eine negative Assoziation mit Antikörpern des Zytomegalievirus (CMV) festgestellt, was die Annahme einer Hygiene-Hypothese unterstützt.

Annette Langer-Gould vom Forschungszentrum des Krankenversicherers Kaiser Permanente in Pasadena wertete Krankenakten verschiedener ethnischer Gruppen aus und bestätigte die Assoziation zwischen EBV-Infektionen und MS in allen untersuchten Gruppen. Die Ergebnisse zeigten, dass Afroamerikaner und Menschen lateinamerikanischer Herkunft ein noch deutlicheres Risiko hatten als Menschen europäischer Herkunft.

Neue Therapieansätze

Die MS-Forschung konzentriert sich auf die Entwicklung neuer Therapien, die den krankheitsauslösenden Mechanismus unterbinden. Ein vielversprechender Ansatz ist die Untersuchung der Rolle des Kaliumkanals TREK1 bei der Immunzellwanderung durch die Blut-Hirn-Schranke. Wissenschaftler der Universität Münster haben entdeckt, dass TREK1 die Wanderung von Immunzellen reguliert und eine Aktivierung des Kanals diese Migration verhindert. Diese Erkenntnis könnte die Basis für neue Therapien bilden, die gezielter und stärker auf den Kaliumkanal einwirken.

Ein weiterer Forschungsansatz befasst sich mit der Anwendung des Proteins EGFL7. Wissenschaftler der Universitätsmedizin Mainz haben herausgefunden, dass EGFL7 im Gefäßsystem von MS-Patienten hochreguliert ist und die Immunzellen im perivaskulären Raum festhält. Durch die Anwendung von EGFL7 konnte die Blut-Hirn-Schranke stabilisiert und die Immunzellinfiltration in das ZNS reduziert werden, was zu einer Verbesserung des klinischen Verlaufs führte.

Lesen Sie auch: Wie man MS vorbeugen kann

Unterstützung für Flüchtlinge mit MS aus der Ukraine

Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) unterstützt Flüchtlinge mit MS aus der Ukraine. Unmittelbar nach Kriegsbeginn startete die DMSG mit Hilfe der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung ein Projekt zur Unterstützung der Betroffenen. Eine Kontaktperson steht den Flüchtlingen zur Verfügung und unterstützt sie bei der Suche nach einem Therapieplatz und bei den Herausforderungen in Deutschland.

Fallrechtliche Aspekte

Das deutsche Aufenthaltsgesetz (§ 60 Abs. 7) sieht vor, dass von einer Abschiebung abgesehen werden soll, wenn im Zielstaat eine erhebliche konkrete Gefahr für Leib, Leben oder Freiheit besteht. Eine solche Gefahr kann auch dann vorliegen, wenn die im Zielstaat drohende Beeinträchtigung in der Verschlimmerung einer Krankheit besteht, unter der der Ausländer bereits in Deutschland leidet. In einem Fall, der vor Gericht verhandelt wurde, litt eine Antragstellerin an schubförmig verlaufender Multipler Sklerose und war auf das Medikament Copaxone angewiesen, um neue Krankheitschübe zu verhindern. Da dieses Medikament oder gleichwertige Präparate in der Ukraine nicht zur Verfügung standen und die Antragstellerin die Kosten für einen Import nicht finanzieren konnte, wurde ein Abschiebungsverbot ausgesprochen.

Lesen Sie auch: MS und Rückenschmerzen: Ein Überblick

tags: #einwanderer #multiple #sklerose