Multiple Sklerose und Parkinson: Unterschiede, Gemeinsamkeiten und Rehabilitationsansätze

Multiple Sklerose (MS) und die Parkinson-Krankheit sind beides neurodegenerative Erkrankungen, die das zentrale Nervensystem (ZNS) betreffen und zu vielfältigen neurologischen Symptomen führen können. Obwohl beide Erkrankungen neurologische Ursachen haben und ähnliche Symptome aufweisen können, handelt es sich um unterschiedliche Krankheitsbilder mit unterschiedlichen Ursachen, Verläufen und Behandlungsmethoden.

Was sind Multiple Sklerose und Parkinson?

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise gesundes Körpergewebe angreift, insbesondere die Myelinscheiden der Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark. Diese Myelinscheiden sind für die schnelle und reibungslose Weiterleitung von Nervenimpulsen verantwortlich. Durch die Entzündung und Zerstörung der Myelinscheiden entstehenMultiple Sklerose im Nervengewebe, die die Nervenfunktion beeinträchtigen. MS wird oft als die "Krankheit mit 1000 Gesichtern" bezeichnet, da die Symptome und Einschränkungen je nach betroffenem Nervengewebe sehr unterschiedlich ausfallen können. In Deutschland sind etwa 130.000 Menschen von MS betroffen.

Die Parkinson-Krankheit (auch Morbus Parkinson oder Schüttellähmung genannt) ist eine fortschreitende neurodegenerative Erkrankung, die durch den Verlust von Dopamin-produzierenden Nervenzellen in einem bestimmten Bereich des Gehirns, der Substantia nigra, gekennzeichnet ist. Dopamin ist ein wichtiger Neurotransmitter, der für die Steuerung von Bewegungen und die Koordination zuständig ist. Der Mangel an Dopamin führt zu den typischen Parkinson-Symptomen wie Muskelzittern, Muskelsteifheit, verlangsamten Bewegungen (Bradykinese) und Gleichgewichtsstörungen. In Deutschland wird die Gesamtzahl der Parkinson-Patienten derzeit auf ca. 400.000 geschätzt, mit sehr hohen Prävalenzen in der Altersgruppe zwischen 70 und 80 Jahren.

Unterschiede in Ursachen und Pathogenese

Obwohl die genauen Ursachen beider Erkrankungen noch nicht vollständig geklärt sind, gibt es wesentliche Unterschiede in ihrer Pathogenese:

  • Multiple Sklerose: MS ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem eine fehlgeleitete Reaktion gegen körpereigene Strukturen im ZNS auslöst. Genetische Faktoren und Umweltfaktoren scheinen eine Rolle bei der Entstehung von MS zu spielen.
  • Parkinson-Krankheit: Die Parkinson-Krankheit ist in erster Linie eine neurodegenerative Erkrankung, bei der Dopamin-produzierende Nervenzellen absterben. Die genauen Ursachen für diesen Zelltod sind noch nicht vollständig verstanden, aber genetische Faktoren, Umweltgifte und altersbedingte Veränderungen könnten eine Rolle spielen.

Unterschiede in Symptomen und Verlauf

Obwohl MS und Parkinson ähnliche Symptome aufweisen können, gibt es auch deutliche Unterschiede in ihrem klinischen Erscheinungsbild und Verlauf:

Lesen Sie auch: Parkinson-Medikamente: Was Sie beachten müssen

  • Multiple Sklerose: Die Symptome von MS sind sehr vielfältig und hängen davon ab, welche Bereiche des Nervensystems betroffen sind. Häufige Symptome sind Sehstörungen, Gefühlsstörungen, Koordinationsprobleme, Muskelschwäche, Fatigue, Spastik, Blasen- und Darmstörungen sowie kognitive Beeinträchtigungen. MS verläuft typischerweise in Schüben, wobei sich die Symptome plötzlich verschlimmern und dann wieder bessern können. Im Laufe der Zeit kann die Erkrankung jedoch auch einen fortschreitenden Verlauf nehmen, bei dem sich die Symptome kontinuierlich verschlechtern.
  • Parkinson-Krankheit: Die Hauptsymptome der Parkinson-Krankheit sind Muskelzittern (Tremor), Muskelsteifheit (Rigor), verlangsamte Bewegungen (Bradykinese) und posturale Instabilität (Gleichgewichtsstörungen). Weitere Symptome können Depressionen, Schlafstörungen, kognitive Beeinträchtigungen und vegetative Störungen sein. Die Parkinson-Krankheit verläuft in der Regel langsam fortschreitend, wobei sich die Symptome im Laufe der Zeit allmählich verschlimmern. Anders als bei MS verläuft Parkinson nicht in Schüben. Es handelt sich um eine neurodegenerative Erkrankung, bei der im Krankheitsverlauf von Zeit zu Zeit Gehirnzellen absterben. Nichtsdestotrotz kann es zeitweise zu plötzlichen Verschlechterungen kommen, die sich wie ein akuter Parkinson-Schub anfühlen.

Diagnostik

Die Diagnose von MS und Parkinson basiert auf einer Kombination aus klinischer Untersuchung, neurologischer Beurteilung und verschiedenen diagnostischen Tests:

  • Multiple Sklerose: Die Diagnose von MS basiert auf den McDonald-Kriterien, die den Nachweis vonMultiple Sklerose im ZNS über die Zeit und den Ausschluss anderer Erkrankungen erfordern. Zu den diagnostischen Tests gehören die Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns und Rückenmarks, die Untersuchung des Nervenwassers (Liquor) und evozierte Potentiale.
  • Parkinson-Krankheit: Die Diagnose der Parkinson-Krankheit basiert in erster Linie auf der klinischen Untersuchung und der Beurteilung der typischen motorischen Symptome. Eine bildgebende Untersuchung des Gehirns (z. B. DaTscan) kann durchgeführt werden, um den Dopamin-Verlust im Gehirn nachzuweisen.

Behandlung

Die Behandlung von MS und Parkinson zielt darauf ab, die Symptome zu lindern, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern:

  • Multiple Sklerose: Die Behandlung von MS umfasst in der Regel immunmodulatorische Medikamente, die das Immunsystem beeinflussen und die Entzündungsreaktionen im ZNS reduzieren sollen. Diese Medikamente können den Verlauf der Erkrankung verlangsamen und die Häufigkeit von Schüben reduzieren. Kortikosteroide werden bei akuten Schüben eingesetzt, um die Entzündung zu reduzieren und die Symptome zu lindern. Ergänzend kommen spezielle Kühlwesten zum Einsatz, die bei wärmebedingten MS-Symptomen Linderung verschaffen. Eine innovative Behandlungsmethode stellt die Stammzellentherapie dar. Bei diesem Verfahren werden zunächst Stammzellen aus dem Blut des Patienten gewonnen. Nach einer aggressiven Chemotherapie, die das bestehende Immunsystem ausschaltet, werden die zuvor entnommenen Blutstammzellen wieder transplantiert. Neben der medikamentösen Therapie spielen auch Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und psychologische Unterstützung eine wichtige Rolle bei der Behandlung von MS.
  • Parkinson-Krankheit: Die Behandlung der Parkinson-Krankheit zielt darauf ab, den Dopamin-Mangel im Gehirn auszugleichen und die Symptome zu lindern. Das Hauptmedikament ist Levodopa (L-Dopa), das im Gehirn in Dopamin umgewandelt wird. Darüber hinaus können Dopaminagonisten, MAO-B-Hemmer und COMT-Hemmer eingesetzt werden, um die Dopaminwirkung zu verstärken. Medizinisches Cannabis kann für die Behandlung von parkinsontypischen Begleitsymptomen wie Zittern, Schmerzen, Schlafstörungen und psychischen Beschwerden in Frage kommen. In fortgeschrittenen Fällen kann eine tiefe Hirnstimulation (THS) in Erwägung gezogen werden, bei der Elektroden in bestimmte Bereiche des Gehirns implantiert werden, um die motorischen Symptome zu verbessern. Ebenso vielfältig sind auch die physikalischen Therapien, die eingesetzt werden können. Das oberste Ziel dieser Therapien bei Parkinson ist eine verbesserte Lebensqualität. Physio- und Ergotherapien sollen die Beweglichkeit und das Wohlbefinden der Patienten erhalten oder wiederherstellen. Dazu werden individuelle Interessen der jeweiligen Person berücksichtigt, um die Behandlung möglichst abwechslungsreich zu gestalten.

Rehabilitation bei MS und Parkinson

Die Rehabilitation spielt eine wichtige Rolle bei der Behandlung von MS und Parkinson, um dieFunktionsfähigkeit, Selbstständigkeit und Lebensqualität der Betroffenen zu erhalten oder zu verbessern. Die Rehabilitation umfasst in der Regel ein interdisziplinäres Team von Ärzten, Therapeuten und anderen Fachkräften, die gemeinsam einen individuellen Behandlungsplan entwickeln.

Ziele der Rehabilitation:

  • Verbesserung der motorischen Funktionen (Kraft, Koordination, Gleichgewicht)
  • Reduktion von Schmerzen und Spastik
  • Verbesserung der kognitiven Funktionen (Aufmerksamkeit, Gedächtnis)
  • Bewältigung von Fatigue und Depressionen
  • Anpassung an den Alltag und Erhalt der Selbstständigkeit
  • Förderung der sozialen Teilhabe

Rehabilitationsmaßnahmen:

  • Physiotherapie: Gangtraining, Gleichgewichtstraining, Muskelkräftigung, Dehnübungen
  • Ergotherapie:Training vonAlltagsaktivitäten, Anpassung von Hilfsmitteln, Beratung zur Wohnraumanpassung
  • Logopädie: Sprach- und Schlucktherapie
  • Neuropsychologie: Kognitives Training,Verhaltenstherapie
  • Sport- und Bewegungstherapie: Ausdauertraining, Krafttraining, therapeutisches Klettern
  • Psychologische Betreuung: Einzel- und Gruppentherapie,Entspannungstechniken

Rehabilitationserfolge im Passauer Wolf Bad Gögging:

Im Passauer Wolf Bad Gögging werden spezielle Therapiemethoden und ein interdisziplinäres Zusammenwirken vieler Professionen eingesetzt, um relevante Verbesserungen der motorischen Symptome bei Patient:innen mit Multipler Sklerose und Morbus Parkinson zu erzielen. Um Erfolge sichtbar zu machen, wird die systematische Erfassung von aussagekräftigen Parametern vor und nach der Reha eingeführt.

Prof. Dr. med. Tobias Wächter, Chefarzt der Neurologie im Passauer Wolf Bad Gögging, schreibt die Verbesserung der motorischen Symptome der Patient:innen auch dem interdisziplinären Zusammenspiel von unterschiedlichen Professionen sowie den effektiven Behandlungsmethoden zu. Die Auswertungen berücksichtigen die Krankheitsbilder Morbus Parkinson und Multiple Sklerose. Bei Parkinsonpatient:innen konnte z. B. eine Punktwertverbesserung von mehr als 9 erreicht werden. »Dabei ist bereits ein Wert ab 4 als signifikant einzustufen«, so der Chefarzt. Ergänzend zur Therapie der Motorik und Feinmotorik gehören neuropsychologische Behandlungsverfahren zur Verbesserung anhaltender Erschöpfung (Fatigue), von Aufmerksamkeit und Gedächtnis sowie die Optimierung der Medikation zum Behandlungsspektrum. Ein Beispiel dafür ist die LSVT-BIG-Therapie für Parkinsonpatient:innen, bei der der Fokus auf dem Einüben großer Bewegungsumfänge liegt.

Lesen Sie auch: Die Stadien der Parkinson-Krankheit erklärt

Dr. med. Daniel Utpadel-Fischler, Oberarzt der Neurologie im Passauer Wolf Bad Gögging, erklärt, dass ein paar Meter mehr etwas schneller gehen zu können, im Alltag einen enormen Unterschied machen kann. Es entscheidet beispielsweise darüber, ob man es selbstständig schafft, bei Grün über eine Ampel zu kommen. Für die medizinisch-therapeutische Behandlung wird jeweils ein individueller Plan entwickelt. Gangtraining auf dem Laufband, roboterassistierte Therapie von Gangstörungen, Kraft-, Ausdauer- oder Gleichgewichtstraining, aber auch therapeutisches Klettern zählen hier zum mobilitätsstärkenden Angebot. Sport-, Spastik- und Physiotherapien unterstützen die medikamentöse Behandlung und die Immuntherapien. Auch hier sprechen die Zahlen für sich: Die Gangstrecken wurden in kürzerer Zeit bewältigt als zu Beginn der Rehabilitation (um 0,8 Sek.).

Lesen Sie auch: Überblick zur Dopamin-Erhöhung bei Parkinson

tags: #msund #parkinson #unterschiede