Alkohol ist in vielen Kulturen ein fester Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens. Doch während ein gelegentlicher Drink für viele harmlos erscheint, können regelmäßiger und übermäßiger Alkoholkonsum erhebliche negative Auswirkungen auf das Gehirn haben, insbesondere bei Jugendlichen. Dieser Artikel beleuchtet die Folgen von Alkoholkonsum auf das Gehirn und untersucht, wie sich eine Alkoholkarenz auf die kognitiven Funktionen und die allgemeine Gesundheit auswirken kann.
Die schädlichen Auswirkungen von Alkohol auf das jugendliche Gehirn
Das jugendliche Gehirn befindet sich noch in der Entwicklung und ist daher besonders anfällig für die schädlichen Auswirkungen von Alkohol. Regelmäßiges Rauschtrinken kann die Hirnleistungen beeinträchtigen und langfristige Schäden verursachen. Eine US-amerikanische Studie untersuchte die Auswirkungen von regelmäßigem Rauschtrinken auf die Hirnleistungen von Schülern im Alter zwischen 16 und 18 Jahren. Die Teilnehmer absolvierten umfangreiche Hirnleistungstests, bei denen sie Zahlenreihen und Wortlisten auswendig lernen, komplexe Figuren aus dem Gedächtnis nachzeichnen und ihre Flexibilität im Denken unter Beweis stellen mussten. Die Ergebnisse zeigten, dass Jugendliche, die regelmäßig Rauschtrinken betrieben, in fast allen Tests schlechter abschnitten als die abstinente Vergleichsgruppe. Obwohl sie ihre Leistungen innerhalb eines vierwöchigen Testzeitraums verbessern konnten, erreichten sie bis zum Schluss nicht das Niveau der abstinenten Jugendlichen. Im Schnitt waren ihre Leistungen 5 bis 10 Prozent schlechter. Die Untersuchung zeigte somit auf, dass sich das Gehirn von Jugendlichen, die sich regelmäßig betrinken, auch nach vier Wochen Abstinenz noch nicht vollständig von den schädlichen Auswirkungen des Alkoholkonsums erholt.
Die positiven Auswirkungen einer Alkoholkarenz
Eine Alkoholkarenz, wie sie beispielsweise im Rahmen des "Dry January" praktiziert wird, kann zahlreiche positive Auswirkungen auf den Körper und das Gehirn haben. Studien haben gezeigt, dass bereits ein vierwöchiger Alkoholverzicht zu einer Verbesserung des Schlafs, einem Anstieg des Energieniveaus, Gewichtsverlust und einer Verbesserung des Hautbildes führen kann. Darüber hinaus profitiert eine Vielzahl von Organen von einem Alkoholverzicht, insbesondere Leber, Herz und Haut. Alkohol ist ein Zellgift und kann als Auslöser oder Verstärker an über 200 Erkrankungen beteiligt sein.
Verbesserung der Herzgesundheit
Alkohol kann den Blutdruck erhöhen und zu Herzrhythmusstörungen (Arrhythmien) und Herzrasen (Tachykardie) führen. Eine Untersuchung aus München mit 3.000 Biertrinkenden zeigte, dass ab 0,8 Promille Alkohol im Blut jeder Dritte Herzrhythmusstörungen bekommt und jeder Vierte unter Herzrasen leidet. Dies liegt daran, dass beim Abbau von Alkohol Acetaldehyd entsteht, ein Stoff, der im Körper eine Freisetzung von erregenden Substanzen wie Adrenalin und Noradrenalin bewirkt. Diese steigern den Blutdruck und die Herzfrequenz. Insbesondere Menschen, die zu Herzrhythmusstörungen neigen, profitieren von einem alkoholfreien Monat, da sich der Herzschlag wieder normalisiert und auch der Wasserhaushalt reguliert wird.
Verbesserung der Schlafqualität
Alkohol erleichtert zwar das Einschlafen, stört aber das Durchschlafen. Bereits nach wenig Konsum fühlen sich Betroffene am nächsten Morgen weniger erholt, energiereich und fit für den Tag. Das liegt unter anderem daran, dass Alkohol die für Erholung, Lernen und Regeneration wichtige REM-Schlafphase (Rapid-Eye-Movement) hinauszögert, verkürzt und stört. Eine Alkoholkarenz kann daher zu einer deutlichen Verbesserung der Schlafqualität führen.
Lesen Sie auch: Gehirnzellen und Alkohol: Eine wissenschaftliche Analyse
Erholung der Leber
Als Entgiftungsorgan leidet die Leber besonders unter Alkohol. Sie baut ihn ab und versucht den Stoff möglichst schnell aus dem Körper zu befördern. Wenn sie regelmäßig oder ständig Alkohol abbauen muss, lagert sie Fett ein und wird zu einer sogenannten Fettleber. Das Gute ist, dass sich die Leber in frühen und mittleren Stadien von Alkoholkonsum erholen kann. Schon nach sieben Tagen ohne Alkohol kann sich der Fettgehalt der Leber halbieren. Auch die im Blut messbaren Leberwerte, wie die Transaminasen ALT/ GPT und AST/ GOT und die Transferase γGT können sich bereits nach einer Woche ohne Alkohol verbessern.
Reduzierung von Entzündungen
Alkohol fördert Entzündungen im gesamten Körper. Besonders deutlich sichtbar ist das an der Haut, wo Alkohol Pilz- und Bakterien-Infektionen begünstigt. Zudem schädigt er die Hautbarriere, führt zu Wasserverlusten über die Haut und regt die Talgproduktion an. Dadurch können sich Erkrankungen wie Akne, Neurodermitis und Rosazea verschlimmern. Auch Schuppenflechte (Psoriasis) kann durch Alkohol angeregt, verstärkt und unterhalten werden. Eine Alkoholkarenz kann dazu beitragen, Entzündungen im Körper zu reduzieren und das Hautbild zu verbessern.
Reduzierung des Krebsrisikos
Die International Agency for Research on Cancer (IARC), die spezialisierte Krebsforschungseinrichtung der WHO, sieht es als ausreichend belegt an, dass Alkohol beim Menschen Krebs verursacht. Nachgewiesen ist das bisher für folgende sieben Krebsarten: Mundhöhlen-, Rachen-, Kehlkopf-, Speiseröhren-, Dickdarm-, Leber- und Brustkrebs. Für die Entstehung von Brustkrebs ist Alkohol sogar einer der größten Risikofaktoren. Auch eine geringe Trinkmenge kann bereits krebserregend sein, da das Alkoholabbauprodukt Acetaldehyd hochreaktiv ist und zu Schäden an der Erbsubstanz (DNA) führen kann, was Krebs auslösen kann. Eine Alkoholkarenz kann dazu beitragen, das Krebsrisiko zu senken.
Gewichtsverlust
Alkohol ist ein Gewichtstreiber, da er mit 7 Kilokalorien pro Gramm beinahe so viel Energie wie Fett (9 Kilokalorien pro Gramm) enthält. Zusätzlich hemmt Alkohol die Fettverbrennung, stört den Muskelaufbau und steigert die Insulinausschüttung, was zu Heißhungerattacken führen kann. Eine Alkoholkarenz kann somit zu Gewichtsverlust beitragen.
Die Auswirkungen von Alkohol auf das Gehirn im Detail
Alkoholmissbrauch schädigt das Gehirn. Die weiße Substanz, die fast die Hälfte des Gehirns ausmacht, ist nachweislich stark betroffen; dieser Teil des Zentralnervensystems besteht überwiegend aus Leitungsbahnen und Nervenfasern. In der Folge kann es zu zahlreichen Einschränkungen kommen, die Kontrolle des Menschen über die eigene Handlungsfähigkeit nimmt ab. Dies befördert wiederum die Sucht - ein Teufelskreis.
Lesen Sie auch: Alkohol als Risikofaktor für Demenz
Hirnschäden während des Entzugs
Nach neuesten Erkenntnissen treten Hirnschäden nicht nur beim Rauschtrinken selbst auf, sondern verstärken sich insbesondere während der ersten Phasen des Entzugs. Laut Dr. Ann-Katrin Stock tragen die entzugsbedingten Schäden wiederum dazu bei, bestehende Suchtstörungen aufrechtzuerhalten - umso stärker, je mehr Entzüge notwendig sind. Um die nachlassende dämpfende Wirkung von Alkohol zu kompensieren, passen sich bei dauerhaftem Konsum die Art und Anzahl der entsprechenden Rezeptoren im Gehirn an - der Alkohol wirkt weniger dämpfend. Als Folge werden immer höhere Mengen getrunken, um den gewünschten Effekt noch erzielen zu können. Im Klartext heißt das: Der Entzug ist für den Patienten umso gefährlicher, je mehr Alkoholtoleranz sein Körper im Lauf der Zeit entwickelt hat.
Fortschreitende Schädigung auch nach dem Entzug
Eine Studie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim und des Instituto de Neurociencias de Alicante (Spanien) zeigte, dass alkoholbedingte Schädigungen im Gehirn noch für mindestens sechs Wochen fortschreiten, auch wenn der Betroffene in der Zwischenzeit völlig abstinent war. Bisher war man davon ausgegangen, dass sich alkoholbedingte Schäden schnell zurückbilden, wenn man mit dem Trinken aufhört. Von den Schädigungen betroffen ist vor allem die weiße Substanz des Gehirns, die eine wichtige Rolle für Lernen und Gedächtnisbildung spielt. Die Forscher glauben, dass dies durch eine alkoholbedingte Entzündungsreaktion im Gehirn verursacht werden könnte. Diese Reaktion könnte auch für die hohe Rückfallrate von Patienten, insbesondere während der frühen Phase der Abstinenz, eine Rolle spielen.
Auswirkungen auf Dopamin
Bei Alkoholismus wechseln sich häufig Perioden der Trunkenheit mit Abstinenzphasen ab, in denen die Betroffenen versuchen, auf Alkohol zu verzichten. Am Ende dieser Phasen steht dabei oft der Rückfall, wodurch die Sucht nur vertieft wird. Während dieser Zyklen finden viele Veränderungen im Gehirn statt. Besonders wichtig ist dabei der Neurotransmitter Dopamin, der die Signalübertragung in Belohnungszentren im Gehirn vermittelt. Wenn sich gelegentlicher Alkoholkonsum zu einer Sucht entwickelt, verändern sich auch die Bindungsstellen für Dopamin, über die der Botenstoff seine Wirkungen vermittelt. Studien haben gezeigt, dass die Dopamin-Mengen im akuten Entzug stark vermindert sind. Doch wenn die Tiere über einen längeren Zeitraum keinen Alkohol erhielten, stiegen die Dopamin-Werte deutlich über das Normalniveau. Dies hatte unter anderem den Effekt, dass die Tiere hyperaktiv wurden.
Alkohol und vorzeitiges Altern des Gehirns
Schon eine Flasche Bier am Tag lässt die graue sowie die weiße Substanz im Gehirn schrumpfen, wenn Sie über einen langen Zeitraum regelmäßig konsumieren. Die Veränderungen, die Alkohol in den Gehirnsubstanzen verursacht, sind jedoch nicht linear: Je mehr man trinkt, desto schneller schrumpft das Gehirn. Die Folgen der Hirnalterung machen sich vor allem durch ein geschwächtes Erinnerungsvermögen bemerkbar. Aber der Alkohol beeinträchtigt auch andere kognitive Fähigkeiten: Aufmerksamkeit, Orientierung oder die Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung. Jüngere Studien weisen darauf hin, dass regelmäßiger Alkoholkonsum von bereits fünf bis sechs Standardgläsern pro Woche die kognitive Leistungsfähigkeit vermindert.
Erhöhtes Demenzrisiko
Im Gehirn verursacht ein regelmäßiger Konsum hoher Alkoholmengen außerdem Veränderungen, die das Risiko einer Demenzerkrankung stark erhöhen. Studien zeigen, dass sich das Demenzrisiko deutlich erhöht, wenn man regelmäßig viel Alkohol trinkt. Personen ab 45 Jahren, die mehr als 24 Gramm reinen Alkohol (ca. 250 ml Wein) am Tag trinken, sind besonders gefährdet. Nicht nur der Konsum von Alkohol, sondern insbesondere die Entzugsphasen nach Alkoholmissbrauch können problematische Veränderungen im Gehirn nach sich ziehen.
Lesen Sie auch: Wie Alkohol die Signalübertragung im Gehirn beeinflusst
Empfehlungen und Hilfsangebote
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) kommt zu einer Neubewertung: Es gibt keine sichere Menge für einen unbedenklichen oder risikofreien Alkoholkonsum. Auch kleinste Mengen können demnach das Risiko für Erkrankungen erhöhen. Darum rät die DGE allen Personen, keinen oder möglichst wenig Alkohol zu trinken.
Für Menschen, die ihren Alkoholkonsum reduzieren oder ganz aufgeben möchten, gibt es zahlreiche Hilfsangebote:
- Suchtberatungsstellen: Diese Stellen bieten Unterstützung und Beratung beim Umgang mit Alkohol, auch wenn noch keine Abhängigkeit besteht.
- Sucht & Drogen Hotline: Unter der bundesweiten Telefonnummer 01806 313031 erhalten Sie rund um die Uhr professionelle Unterstützung.
- "Kenn dein Limit" - Aufklärung über Alkoholismus: Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) bietet unter der Initiative "Kenn dein Limit" umfangreiche Informationen rund um den Umgang mit Alkohol und Hinweise zu Hilfsangeboten.
- Hilfe und Beratung bei Gewalt und Sucht in der Familie: Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend bietet Unterstützung und Kontaktstellen, die speziell auf solche Situationen zugeschnitten sind.