Alkoholentzug Krampfanfall: Eine umfassende Betrachtung

Alkoholentzugskrampfanfälle sind ein wichtiges klinisches Thema, das im Kontext der Alkoholabhängigkeit und des Entzugssyndroms auftritt. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte von Alkoholentzugskrampfanfällen, von der Klassifikation und den Ursachen bis hin zur Diagnose und Behandlung.

Einleitung

Ein epileptischer Anfall entsteht durch synchrone oder hochfrequente Entladungen von Nervenzellverbänden des Gehirns, insbesondere im Bereich des Kortex, was sich durch eine vielgestaltige Symptomatik äußert. Abhängig vom betroffenen Areal lassen sich Anfälle mit fokalem Beginn von Anfällen mit generalisiertem Beginn unterscheiden, die sich klinisch sehr unterschiedlich darstellen. Epileptische Anfälle können als Symptom einer akuten Störung des Gehirns (bspw. Infektion) oder im Rahmen einer dauerhaft erhöhten Epileptogenität (bspw. Epilepsie) auftreten. Während eines Anfalls steht der Ausschluss akut behandelbarer Ursachen im Vordergrund. Anschließend sind neben einer ausführlichen Anamnese und einer neurologischen Untersuchung i.d.R. erweiterte Laboruntersuchungen sowie eine EEG-Ableitung und eine zerebrale Bildgebung indiziert. Meist sind epileptische Anfälle selbstlimitierend, prolongierte Episoden erfordern jedoch eine medikamentöse Anfallsunterbrechung. Mittel der Wahl sind i.d.R.

Ein epileptischer Anfall ist ein Symptom einer akuten Störung des Gehirns und NICHT gleichbedeutend mit einer Epilepsieerkrankung! Insb. Einnahme anfallsbegünstigender Drogen (bspw. Fieber (bei Kindern ) Elektrolytentgleisungen (bspw. Hypoglykämie (v.a. Zerebrale Ischämie Intrakranielle Blutung Schädel-Hirn-Trauma Hirntumor Z.n. Medikamente , bspw. Antibiotika (insb. Antiemetika (Metoclopramid, Ondansetron) Theophyllin Methohexital Evtl. Obwohl es zahlreiche prokonvulsive Wirkstoffe gibt, sind durch Medikamente oder Drogen ausgelöste epileptische Anfälle eine seltene Komplikation (Inzidenz <2%)!

Definition und Klassifikation des Alkoholentzugssyndroms

Das Alkoholentzugssyndrom (AWS) ist eine Gruppe von Symptomen unterschiedlicher Zusammensetzung und Schwere, die nach absolutem oder relativem Entzug einer psychotropen Substanz auftreten, die anhaltend konsumiert worden ist. Der Verlauf des Entzugssyndroms ist zeitlich begrenzt und abhängig von der Substanzart und der Dosis, die unmittelbar vor der Beendigung oder Reduktion des Konsums verwendet worden ist.

Nach ICD-10 (F10.3) handelt es sich um einen Symptomenkomplex von unterschiedlicher Zusammensetzung und wechselndem Schweregrad nach dem absoluten oder relativen Entzug von Alkohol, der wiederholt und zumeist über einen längeren Zeitraum in meist größerer Menge konsumiert worden ist.

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Ursachen und Pathophysiologie von Alkoholentzugskrampfanfällen

Alkohol wirkt als dämpfende Substanz auf das zentrale Nervensystem. Bei regelmäßigem und hohem Alkoholkonsum passt sich das Gehirn an diese dämpfende Wirkung an. Wird der Alkoholkonsum plötzlich reduziert oder ganz eingestellt, kommt es zu einer Übererregung des Nervensystems, die sich in verschiedenen Entzugssymptomen äußern kann, darunter auch Krampfanfälle. Die Ursache des Krampfes ist nicht auf neurologische Ursachen, sondern auf den Entzug zurückzuführen.

Symptome und Diagnose

Das Alkoholentzugssyndrom beginnt in der Regel 4-12 Stunden nach Ende oder Verminderung des Trinkens, erreicht seine stärkste Ausprägung am zweiten Tag der Abstinenz und verschwindet meist nach 4-5 Tagen.

Die typischen Symptome des Alkoholentzugssyndroms sind:

  • Zittern
  • Schwitzen
  • Herzrasen
  • Kopfschmerzen
  • Angst
  • Schlaflosigkeit
  • Übelkeit und Erbrechen
  • In schweren Fällen: Halluzinationen, Delirium und Krampfanfälle

Bei einem Krampfanfall im Rahmen des Alkoholentzugs ist es wichtig, andere Ursachen für Krampfanfälle auszuschließen, wie z.B. Epilepsie oder andere neurologische Erkrankungen.

Differenzialdiagnosen

Die häufigsten Differenzialdiagnosen des epileptischen Anfalls mit Bewusstseinsverlust, zwischen denen in jedem akuten Fall unterschieden werden muss, sind Synkopen und psychogene nicht-epileptische Anfälle. Diese drei Phänomene unterscheiden sich erheblich im Hinblick auf Prognose und erforderliche Therapie. Sehr viel seltenere und oft nur mit größerem Aufwand zu unterscheidende Differenzialdiagnosen sind bspw. Schlafattacken im Rahmen einer Narkolepsie oder REM-Schlaf-Verhaltensstörungen. Siehe dazu auch die Auflistung von Differenzialdiagnosen epileptischer Anfälle der ILAE unter Tipps & Links.

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Auch Synkopen können mit Konvulsionen einhergehen und damit epileptischen Anfällen sehr ähneln! Die Betroffenen sind aber nach konvulsiven Synkopen in wenigen Sekunden vollständig reorientiert! Wenn bei einer Synkope verhindert wird, dass die betroffene Person zu Boden geht (bspw. Rollstuhl, helfende Person) kommt es nicht zu einem durch die Schwerkraft begünstigten sofortigen Rückstrom des Bluts zum Gehirn! Dies kann die Bewusstlosigkeit verlängern, was nicht mit einer verzögerten Reorientierung verwechselt werden sollte!

Diagnostische Maßnahmen

Bei jedem Anfall ist zunächst zu klären, ob tatsächlich ein epileptischer Anfall vorliegt! Die weitergehende Diagnostik richtet sich danach, ob Anhaltspunkte für einen Notfall existieren und ob es sich um einen erstmaligen oder einen wiederholten Anfall handelt!

Neben einer fokussierten Eigen- und v.a. Fremdanamnese lassen sich über Blutuntersuchungen wichtige Zusatzinformationen zur Einordnung sowie Abklärung möglicher Ursachen und Folgen gewinnen.

Zusätzliche Diagnostik nach erstmaligem epileptischem Anfall:

Die hier aufgeführte Diagnostik muss bei allen Patient:innen mit einem erstmaligen epileptischen Anfall zeitnah, idealerweise im Rahmen eines stationären Aufenthalts durchgeführt werden - auch wenn zuvor bereits Diagnostik unter dem V.a. einen neurologischen oder neurochirurgischen Notfall durchgeführt wurde (s.o.). Sollten in der erweiterten Diagnostik Hinweise auf eine erhöhte Epileptogenität zu finden sein, ist anhand der Definition einer Epilepsie zu prüfen, ob die Diagnose einer Epilepsie zu stellen ist.

  • EEG: Während oder möglichst frühzeitig nach dem Anfall , idealerweise inkl. Provokation durch Hyperventilation und visuelle Reize, ggf. Interiktales EEG: Ggf. Nachweis von epilepsietypischen Potenzialen (bspw.
  • Kranielle MRT (ggf. fMRT, SPECT, PET), idealerweise nach speziellem Epilepsieprotokoll (bspw. HARNESS-Protokoll) inkl.

Ein epileptischer Anfall mit einer neuartigen Anfallssemiologie bei einer bekannten Epilepsie sollte diagnostisch wie ein erstmaliger epileptischer Anfall bearbeitet werden!

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Während und/oder kurz nach einem epileptischen Anfall müssen die Vitalfunktionen beurteilt und akut behandelbare Ursachen ausgeschlossen werden!

  • Entwicklungsstand (motorisch, sprachlich, kognitiv, somatisch )
  • Organstatus (bspw. Hepatosplenomegalie)
  • Dysmorphiezeichen
  • Hautauffälligkeiten (bspw.
  • Fundoskopie (bspw.
  • Urinstatus, ggf. Inkl.
  • Ggf. Zerebrale Bildgebung (bevorzugt cMRT, in der Akutsituation ggf.

Persistieren postiktale Paresen oder andere neurologische Defizite, ist spätestens nach 2-3 h eine zerebrale Bildgebung indiziert! Nach einem afebrilen epileptischen Anfall ist neben einer ausführlichen neuropädiatrischen Untersuchung immer ein EEG indiziert!

Behandlung von Alkoholentzugskrampfanfällen

Die Behandlung von Alkoholentzugskrampfanfällen umfasst in erster Linie die Behandlung des Alkoholentzugssyndroms. Dies kann durch Medikamente wie Benzodiazepine erfolgen, die die Übererregung des Nervensystems reduzieren. In einigen Fällen können auch Antikonvulsiva eingesetzt werden, um Krampfanfälle zu verhindern.

ICD-10-GM-Kodierung

Die korrekte Kodierung von Alkoholentzugskrampfanfällen nach ICD-10-GM ist wichtig für die Dokumentation und Abrechnung.

  • F10.3: Entzugssyndrom durch Alkohol: Diese Kategorie wird verwendet, wenn ein Krampfanfall im Rahmen eines Alkoholentzugssyndroms auftritt, ohne dass ein spezifisches epileptisches Syndrom nachgewiesen werden kann.
  • G40.-: Epilepsie: Bei einer vorbekannten oder im Aufenthalt durch EEG oder bildgebende Diagnostik mit Fokus-Nachweis diagnostizierten Epilepsie ist ein Kode aus G40.- zu verwenden. Dabei ist es unerheblich, ob der Krampfanfall durch Alkoholeinfluss oder Alkoholentzug ausgelöst wurde. Bei Alkoholentzug (mit Entzugssymptomatik entsprechend der Hinweise zum ICD-Kode) kann ein Kode aus F10.- zusätzlich angegeben werden.

Pflegerische Beobachtung und Maßnahmen

Die folgenden Symptome können bei einem epileptischen Anfall auftreten, aber auch Vorboten eines Anfalls sein.

  • Atmung: Ggf. irreguläres Atemmuster, insb.
  • Sauerstoffsättigung: spO2-Abfälle mit Zyanose der Lippen
  • Vigilanz: Bei generalisierten Anfällen sind Patient:innen bewusstlos, bei fokalen Anfällen i.d.R.
  • Nesteln, unbewusste bzw.

Unbedingt sollte der Zeitpunkt des Beginns und der zeitliche Verlauf der Symptome beobachtet und falls möglich notiert werden! Jede plötzlich auftretende Veränderung von Muskeltonus, Verhalten oder Bewusstsein sowie unklare vegetative Symptome können Anzeichen eines epileptischen Anfalls sein!

  • Mobilisation: Meist keine Bettruhe notwendig
  • Sturzprophylaxe: Ggf.
  • Dauer
  • Art des Anfalls
  • Ablauf, inkl.

Erste Hilfe und Akutmaßnahmen

  • Vitalfunktionen beurteilen, überwachen und ggf. stabilisieren
  • Sekundäre Verletzungen vermeiden
  • Ggf. Indikation: Anfallsdauer >5 min (Erwachsene) bzw.
  • Eine medikamentöse Anfallsunterbrechung ist ab einer Dauer >5 min (Erwachsene) bzw. >3 min (Kinder und Jugendliche) indiziert!
  • Ärztliches Personal verständigen!
  • Patient:in nicht festhalten, alleine lassen oder Bewegungsablauf bremsen
  • Ruhe bewahren, ggf.
  • Patient:in flach hinlegen, Kopf ggf. mit Kissen unterstützen, ggf.
  • Anfall dokumentieren, insb. Beobachtungen, Verletzungen und Stürze
  • Ggf. Auf Flüssigkeits- bzw. orale Medikamentengaben sollte aufgrund der Aspirationsgefahr verzichtet werden!
  • Patient:in in stabile Seitenlage bringen
  • Erbrochenes oder Schleim ggf. absaugen
  • Evtl. Mund- und Körperpflege durchführen, insb.

Insb. nach generalisierten Anfällen sind Betroffene oft vigilanzgemindert (sog. Terminalschlaf). Sie sollten in diesem Fall in die stabile Seitenlage gebracht werden, um die Aspirationsgefahr zu vermindern!

Alkoholabhängigkeit und Entzugstherapie

Die Behandlung von Alkoholentzugskrampfanfällen ist eng mit der Behandlung der Alkoholabhängigkeit verbunden. Eine umfassende Entzugstherapie beinhaltet in der Regel:

  • Medikamentöse Behandlung des Entzugssyndroms
  • Psychotherapeutische Maßnahmen zur Behandlung der Alkoholabhängigkeit
  • Sozialtherapeutische Maßnahmen zur Unterstützung der sozialen Reintegration

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