Alkoholentzug kann eine Reihe von Symptomen verursachen, darunter auch Krampfanfälle. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Diagnose und Behandlung von Krampfanfällen im Zusammenhang mit Alkoholentzug, um medizinischem Fachpersonal und Betroffenen einen umfassenden Überblick zu bieten.
Einleitung
Der plötzliche Stopp von Alkoholkonsum nach langjährigem und starkem Alkoholkonsum kann zu Entzugserscheinungen führen. Diese reichen von Zittern und Angstzuständen bis hin zu schweren Komplikationen wie Delirium tremens und Krampfanfällen. Es ist wichtig, die Risiken zu verstehen und angemessene Behandlungsstrategien zu kennen.
Alkohol als Ursache epileptischer Anfälle
Alkoholkonsum bzw. -abhängigkeit ist eine häufige Ursache für epileptische Anfälle im Erwachsenenalter. Studien zeigen, dass zwischen 5 und 35 Prozent der Alkoholiker fast ausschließlich generalisierte Anfälle erleiden, die überwiegend im Kontext des Alkoholentzugssyndroms auftreten. Hochgerechnet auf die geschätzte Zahl von Millionen Alkoholkranken in Deutschland bedeutet dies, dass Hunderttausende von Patienten aufgrund ihrer Alkoholkrankheit epileptische Krampfanfälle erleiden. Jeder dritte Krampfanfall, der stationär behandelt wird, ist durch Alkohol bedingt.
Diagnosestellung
Die Diagnose, ob ein Krampfanfall durch Alkohol ausgelöst wurde, kann schwierig sein. Wenn keine eindeutigen Alkoholentzugssymptome vorliegen, ist eine detaillierte Anamnese unerlässlich. Es ist wichtig, das Trinkmuster der vorangegangenen fünf Tage sowie den Zeitpunkt der letzten Alkoholaufnahme zu kennen. Da Patienten ihren Alkoholkonsum oft herunterspielen, sollte man auch Angehörige oder Freunde befragen.
Definition und Symptome des Delirium Tremens
Delirium tremens ist ein Fachbegriff für Störungen, die auftreten, wenn alkoholkranke Menschen plötzlich mit dem Trinken aufhören. Es ist ein potenziell lebensbedrohlicher Zustand, der eine Überwachung im Krankenhaus erfordert.
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Symptome
Delirium tremens tritt typischerweise nach 2-4 Tagen Alkoholabstinenz auf. Es beginnt meist mit Zittern, Schlafstörungen, Angst und Unruhezuständen. Später treten Verwirrtheit und Halluzinationen auf. Die Betroffenen sind orientierungslos in Bezug auf Zeit, Raum und die eigene Situation. Körperliche Symptome umfassen starke Schweißausbrüche, Herzklopfen, Zittern, erhöhte Temperatur und einen erhöhten oder niedrigen Blutdruck. Gelegentlich können Krampfanfälle auftreten.
Ursachen von Alkoholentzugskrampfanfällen
Unter Alkoholentzug kommt es zu einer Deregulierung einiger Neurotransmitter und damit zu einem Zustand gesteigerter Erregbarkeit. Bereits wenige Stunden nach dem Absetzen von Alkohol kann eine drastische Abnahme von Magnesium im Blut und ein Anstieg des pH-Wertes in den Arterien beobachtet werden. Diese Faktoren können zusammen einen stimulierenden Effekt auf bestimmte Teile des Zentralnervensystems ausüben. Chronischer Alkoholmissbrauch, Schlafmangel und Mangelernährung können das Auftreten eines Alkoholdelirs begünstigen.
Häufigkeit und Risikogruppen
Etwa 5 % aller Alkoholkranken machen ein Alkoholdelir durch, und ein erheblicher Teil davon erleidet später Rückfälle. Betroffen sind typischerweise Patient*innen im Alter zwischen 30 und 50 Jahren nach jahrelangem Alkoholmissbrauch.
Diagnostisches Vorgehen
Der Verdacht eines Alkoholdelirs entsteht anhand der Krankengeschichte und der Symptome. Für die Diagnose ist eine genaue internistische, neurologische und psychiatrische Untersuchung erforderlich. Im Krankenhaus werden Blutuntersuchungen sowie bei Verdacht auf andere Ursachen des Delirs CT, MRT und evtl. EEG durchgeführt. Es ist wichtig, andere Ursachen für Delirien, wie z.B. Drogen- oder Medikamentenentzug, auszuschließen.
Prävention und Behandlung
Die Entwicklung eines Delirium tremens sollte nach Möglichkeit verhindert werden. Die beste Methode zur Verhinderung ist eine frühzeitige Behandlung der Entzugserscheinungen.
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Akutbehandlung
Bei voll entwickeltem Delirium besteht die Behandlung meist in der Verabreichung von Beruhigungsmitteln. Bei Bedarf können stärkere Medikamente zum Einsatz kommen. Unter bestimmten Umständen können auch Antipsychotika (Neuroleptika) eingesetzt werden. Vitamin B1 und Magnesium werden im Rahmen der klinischen Überwachung ebenfalls verabreicht. Temperatur, Atmung, Flüssigkeitshaushalt, Puls und Blutdruck sind wegen der Gefahr eines Kreislaufkollapses regelmäßig zu kontrollieren. Psychosoziale und pflegerische Maßnahmen sind von großer Bedeutung, um Unruhe, Desorientierung und Angst zu mildern.
Medikamentöse Therapie des Alkoholentzugs
Medikamente können die Alkoholentgiftung und -entwöhnung erleichtern und helfen, Rückfälle zu vermeiden. Sie ersetzen jedoch nicht die Entzugs- und Abstinenzmotivation und werden in der Regel nur im Rahmen einer professionellen Therapie eingesetzt.
Häufig verwendete Medikamente
- Benzodiazepine: Wirken sedierend und werden häufig bei psychischen Entzugserscheinungen, Delirien und Entzugskrampfanfällen eingesetzt. Beispiele sind Diazepam und Lorazepam.
- Clomethiazol: Reduziert das Krampfrisiko, lindert Erregungs- und Unruhezustände sowie Delirien.
- Antipsychotika: Können bei schwereren Entzugssymptomen wie Halluzinationen verabreicht werden (z.B. Haloperidol).
- Vitamin B1 (Thiamin) und Magnesium: Werden zur Behandlung von Mangelerscheinungen eingesetzt, die häufig bei Alkoholabhängigkeit auftreten.
Wichtige Hinweise zur medikamentösen Therapie
- Die Auswahl der Medikamente hängt von der Schwere der Symptomatik und den möglichen Risiken ab.
- Die Dosierung wird individuell angepasst und der Zustand des Patienten engmaschig überwacht.
- Frei verkäufliche "Tabletten" zur Erleichterung des Alkoholentzugs sind meist wirkungslos und können gefährlich sein.
Notfallmanagement von Krampfanfällen
Ein anhaltender Krampfanfall erfordert sofortiges Handeln.
Erste Schritte
- ABC-Stabilisierung: Fokus auf Atemwege, Atmung und Kreislauf.
- Sauerstoffgabe: 15 l/min über Maske mit Reservoir.
- Schutz vor Verletzungen: Stabile Seitenlage bei Bewusstseinsstörung.
- Neurologischer Status: Orientierende Untersuchung auf Paresen und Pupillenstatus.
- Anamnese: Epilepsie bekannt? BINTE-Schema anwenden.
- BGA mit Elektrolyten: Blutzuckermessung.
Medikamentöse Therapie bei Status Epilepticus
- Stufe 1: Benzodiazepin intravenös (z.B. Lorazepam oder Midazolam).
- Stufe 2: Antikonvulsiva (z.B. Levetiracetam oder Valproat).
- Stufe 3: Narkoseeinleitung (z.B. Propofol und Esketamin).
Bei Schwangeren mit Verdacht auf Eklampsie Magnesiumsulfat verabreichen. Bei bekanntem Alkoholabusus zusätzlich Thiamin.
Differenzialdiagnostik
Nach Stabilisierung des Patienten ist eine frühzeitige Differenzialdiagnostik wichtig. Mögliche Ursachen sind epileptischer Anfall, konvulsive Synkope oder dissoziativer Anfall.
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Zustand nach Krampfanfall
Die meisten Patient:innen in der Notaufnahme sind nach einem Krampfanfall nicht mehr aktiv krampfend, sondern im "Zustand nach".
Checkliste
- Anamnese: Epilepsie bekannt? Hinweis auf konvulsive Synkope? Trigger (BINTE)?
- Neurologische Untersuchung: Postiktales Funktionsdefizit?
- Trauma-Untersuchung: Sturz auf den Kopf? Begleitverletzungen?
Vorgehen bei bekannter Epilepsie
Bei gesicherter häuslicher Versorgung und nachvollziehbarem Trigger ist eine Entlassung oft möglich. Fahrverbot aussprechen und Kontrolle beim Neurologen empfehlen.
Vorgehen bei erstmaligem Anfall
Labordiagnostik, CCT (bei neu aufgetretenem Anfall) und EEG durchführen. Meist ist eine stationäre Aufnahme sinnvoll.
Dissoziativer Krampfanfall
Auch als "psychogener Krampfanfall" bekannt. Unterschiedlichste Symptomatik ohne Auffälligkeiten im EEG.
Checkliste bei Verdacht auf dissoziativen Krampfanfall
- "Basics" nicht vergessen: Blutzucker-Messung, BGA, EKG.
- Hinweise auf Intoxikation?
- Ruhe in die Situation bringen, Stressauslöser abschirmen.
- Vertrauenspersonen kontaktieren.
- Frühzeitig Neurologie/Psychiatrie hinzuziehen.
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