Die Gender Health Gap: Warum „alle Frauen gleich“ eine gefährliche Annahme ist

Die Vorstellung, dass „alle Frauen gleich sind“, hat in der Medizin lange Zeit zu einer gefährlichen Vernachlässigung der spezifischen gesundheitlichen Bedürfnisse von Frauen geführt. Weibliche Körper funktionieren anders als männliche, doch die Medizin hat weibliche Krankheitssymptome lange Zeit nicht ausreichend erforscht, und Frauen wurden in klinischen Studien oft ignoriert. Dies hat zu erheblichen Wissenslücken und einer unzureichenden medizinischen Versorgung von Frauen geführt. Die geschlechtersensible Medizin will diese Lücke schließen, indem sie die Unterschiede zwischen den Geschlechtern in Forschung, Diagnose und Behandlung berücksichtigt.

Historische Gründe für die männliche Perspektive in der Medizin

Die männliche Perspektive in Medizin und Forschung hat historische Wurzeln. Als die ersten medizinischen Fakultäten an den Universitäten gegründet wurden, durften nur Männer studieren. Gleichzeitig wurden Frauen, die über Kräuter- und Medizinwissen verfügten, als Hexen verbrannt. Dies führte dazu, dass von Anfang an die Medizin fast ausschließlich von einer männlichen Perspektive geprägt war.

Der Contergan-Skandal und seine Folgen

Zwischen den 1960er und 1990er Jahren wurden Frauen fast vollständig von klinischen Studien ausgeschlossen. Ein Hauptgrund dafür war der Contergan-Skandal. Schwangere Frauen hatten Anfang der 1960er-Jahre das Beruhigungsmittel Contergan eingenommen, was in vielen Fällen zu Fehlbildungen bei ihren Babys führte. Aus Angst vor ähnlichen Vorfällen durften junge Frauen nicht mehr an Medikamentenstudien teilnehmen. Infolgedessen wurden Medikamente fast ausschließlich an Männern getestet. Dies führte dazu, dass es jahrzehntelang keine Daten darüber gab, wie Frauen auf Medikamente reagieren oder wie ein Wirkstoff für sie dosiert werden müsste.

Die Gender Health Gap und ihre Auswirkungen

Die Unterrepräsentation von Frauen in klinischen Studien hat eine erhebliche „Gender Health Gap“ verursacht. Da der weibliche Körper stärkeren hormonellen Schwankungen unterliegt, wurden Studien mit weiblichen Testpersonen als komplizierter und teurer angesehen. Hinzu kam das Risiko einer Schwangerschaft bei jungen Frauen, die in diesem Fall doppelt verhüten mussten. Dies führte dazu, dass Medikamente oft nicht optimal auf Frauen zugeschnitten waren.

Ein Beispiel hierfür ist das Herzmittel Digoxin. Es wurde früher Patienten mit Herzinsuffizienz verschrieben, um das Herz zu unterstützen und das Leben zu verlängern. Später stellte sich heraus, dass Digoxin nur bei Männern wirkt. An einer klinischen Studie für das Mittel aus dem Jahr 1997 hatten zwar auch 1.500 Frauen teilgenommen - neben 5.200 Männern. Doch die Forschenden werteten die Ergebnisse nicht nach Geschlechtern aus.

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Frauen leiden oft unter anderen und häufigeren Nebenwirkungen als Männer. Lange Zeit wurden beispielsweise Herzinfarkte bei Frauen nicht erkannt, da sie sich anders äußern als bei Männern. Während Männer bei einem Herzinfarkt häufig über stechende Schmerzen im Arm und ein Engegefühl in der Brust klagen, leiden Frauen eher unter Atemnot, Schmerzen im Oberbauch, Schweißausbrüchen oder Übelkeit. Ärzte erkannten dies oft nicht als Herzinfarkt und behandelten ihre Patientinnen zu spät.

Forschende gehen außerdem davon aus, dass Frauen ein stärkeres Immunsystem haben, weshalb sie häufiger unter Autoimmunkrankheiten leiden und stärker auf Impfungen reagieren.

Gesetzliche Änderungen und Fortschritte

Inzwischen hat die Politik auf die Gender Health Gap reagiert. Seit 2004 gibt es in Deutschland ein Gesetz, das Pharmaunternehmen vorschreibt, Geschlechtsunterschiede bei der Wirkung von Medikamenten zu ermitteln. Seit Februar 2022 müssen Arzneimittelhersteller in der EU klinische Studien so durchführen, dass der Teilnehmerkreis repräsentativ für die Bevölkerung ist. Es müsste vor allem nach Hormonstatus unterschieden werden. Also beispielsweise Frauen vor, während und nach der Menopause. Außerdem Männer vor und nach ihrem 40. Lebensjahr.

Der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen in Deutschland (VFA) betont, dass heutzutage in den ersten Studienphasen der Medikamentenentwicklung meist ausschließlich männliche gesunde Probanden beteiligt sind. Dies liegt daran, dass es wichtig ist zu verstehen, wie sich das Medikament im Körper verhält, ohne dass Hormonschwankungen oder hormonelle Verhütungsmittel die Wirkung beeinflussen. In späteren Studienphasen nehmen dann zwischen 30 bis 80 Prozent weibliche Probandinnen teil. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern seien aber „fast immer geringer als die individuellen Unterschiede von Mensch zu Mensch“, heißt es auf der Webseite des VFA.

Die Bedeutung der geschlechtersensiblen Medizin

Die Forschung der geschlechtersensiblen Medizin ist sich einig: Frauen sind eben nicht einfach nur etwas kleinere Männer. Sie haben andere Symptome, auch das Schmerzempfinden ist anders. Eine stärkere Differenzierung in klinischen Studien würde nicht nur den Frauen helfen. Bisher werfen wir alle Daten in einen Topf und es kommt ein Ergebnis für einen Menschen heraus, den es eigentlich gar nicht gibt.

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Gendermediziner haben das Gefühl, dass sich im Gesundheitssystem etwas verändert. Aktuell sei geschlechtersensible Medizin vor allem in Lehre und Forschung ein Thema, sagt sie.

Geschlechterunterschiede in der Arzneimitteltherapie

Pharmakologin Petra Thürmann betont, dass Frauen doppelt so häufig unter Nebenwirkungen von Medikamenten leiden wie Männer, da die Arzneimittel nicht immer optimal auf sie zugeschnitten sind. In den USA ist gesetzlich vorgeschrieben, dass bei der Medikamentenerforschung nach Geschlechtern getrennte Analysen vorgenommen werden. In Deutschland ist es erst seit 2004 verpflichtend, dass mögliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern in der Medikamentenentwicklung untersucht werden.

Geschlechterspezifische Unterschiede, die Einfluss auf die individuelle Arzneimitteltherapie haben sollten, gibt es laut Petra Thürmann etwa beim Immunsystem. „Der weibliche Zyklus samt seinen Schwankungen oder die Einnahme von Verhütungsmitteln beeinflussen das Immunsystem, das beim weiblichen Geschlecht darauf ausgelegt ist, im Falle einer Schwangerschaft diese auch zu tolerieren“, erklärt die Pharmakologin.

Laut bisheriger Arzneimittelstudien sind geschlechterspezifische Unterschiede jedoch grundsätzlich kleiner als jene bezogen auf genetische Faktoren, den Körperbau oder auch den Lebensstil. Für viele Arzneimittel werde daher die Dosierung generell schon individuell angepasst. Dennoch betont Thürmann, dass die Forschung weiterhin unbedingt nach Geschlechtern getrennte Analysen etwa über Wirkstoffaufnahme und -abbau einplanen muss.

Es gibt Krankheiten, die hauptsächlich bei einem Geschlecht vorkommen, wie Autoimmunerkrankungen, Multiple Sklerose oder das klassische Gelenkrheuma, die deutlich mehr Frauen als Männer betreffen und daher auch eine geschlechterspezifische Behandlung mit Pharmaka verlangen.

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Das veränderte Frauenbild und seine Auswirkungen

Gesellschaftliche Einstellungen zur Rolle von Männern und Frauen am Arbeitsmarkt, in der Familie, Bildung oder Politik unterliegen einem zeitlichen Wandel. Berechnungen auf der Grundlage von Daten des World Value Survey zeigen, dass das gesellschaftliche Rollenbild der Frau in den letzten Jahrzehnten in Deutschland deutlich moderner geworden ist. In der letzten Befragungswelle lehnten mehr als 80 Prozent eine Bevorzugung von Männern bei Jobknappheit am Arbeitsmarkt ab.

In den Befragungen stellt sich heraus, dass Frauen tendenziell egalitärere Vorstellungen zu Geschlechterrollen am Arbeitsmarkt haben als Männer. Im internationalen Vergleich herrschen heutzutage in Deutschland relativ egalitäre Vorstellungen zu Geschlechterrollen vor. Insbesondere unter den nördlichen EU-Mitgliedstaaten gibt es jedoch einige Länder mit deutlich egalitäreren Einstellungen. Hingegen findet sich in vielen Teilen der Welt ein deutlich weniger egalitäres Rollenbild.

Diese Veränderung in den Geschlechterrollen fügt sich ein in einen breiteren gesellschaftlichen Wandlungsprozess, der als Modernisierung bezeichnet wird. Zentrales Merkmal dieser Modernisierung ist die Angleichung des Rollenverständnisses von Frauen und Männern, so dass individuelle Eigenschaften und Präferenzen zunehmend stärker über den Lebensweg entscheiden als das Geschlecht.

Gleichstellung in Deutschland: Fortschritte und Herausforderungen

Das Ziel der Gleichberechtigung von Männern und Frauen ist in Art. 3 (2) des deutschen Grundgesetzes verankert: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Die Hans-Böckler-Stiftung forscht seit langem zum Thema Gleichstellung und Chancengleichheit von Mann und Frau und analysiert Geschlechtergerechtigkeit und Geschlechterungleichheit.

Im Jahr 2020 arbeiteten Frauen durchschnittlich 7,9 Stunden weniger als Männer. Seit 2005 hat sich der Gender Time Gap, der die Lücke der geleisteten Erwerbsstunden zwischen Männern und Frauen definiert, alljährlich verringert. Auch Ende 2023 tragen Frauen weiterhin die Hauptlast der Kinderbetreuung. Ohne Kinder arbeiten 63 Prozent der Frauen aus Zweiverdiener-Paarhaushalten in Vollzeit (93 Prozent der Männer).

Bei Weiterbildungen, die der Karriere nutzen, kommen Frauen seltener zum Zug als Männer, zeigt eine neue Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Frauen nehmen etwas häufiger an betrieblicher Weiterbildung teil als Männer. Aber: Sie absolvieren öfter kürzere Maßnahmen, die weniger karrierefördernd sind. Sie erhalten dabei seltener finanzielle und zeitliche Unterstützung.

Die Erwerbsbeteiligung von Frauen war laut WSI-Gleichstellungsreport 2022 im Jahr 2020 rund 7 Prozentpunkte niedriger als die der Männer. Anfang der 1990er Jahre war die Differenz indes noch fast dreimal so groß. Eine weitere WSI-Studie aus dem Jahr 2020 zeigt außerdem, dass die Erwerbstätigenquote der Frauen in Westdeutschland deutlicher unter jener der Männer liegt als in Ostdeutschland.

Der Gender Pay Gap beschreibt den prozentualen Unterschied zwischen dem durchschnittlichen Bruttostundenverdienst abhängig beschäftigter Männer und Frauen. Im Jahr 2020 verdienten Frauen jedoch immer noch rund 18 Prozent weniger als Männer. Frauen sind am Arbeitsmarkt weiterhin in vielerlei Hinsicht benachteiligt, nicht nur hinsichtlich Arbeitszeit sondern vor allem auch bei den Einkommen.

Laut der Statistik des WSI-Gleichstellungsreports 2022 sind Frauen in den Top-Positionen der Wirtschaft deutlich seltener vertreten als Männer. Nur elf Prozent aller Vorstandsposten der 160 größten deutschen börsennotierten Unternehmen mit Frauen besetzt. In Aufsichtsräten liegt der Anteil immerhin bei 32 Prozent.

Um für mehr Gendergerechtigkeit in Führungsgremien zu sorgen, gibt es in vielen Ländern gesetzliche Geschlechterquoten. Laut einer Analyse des Instituts für Unternehmensmitbestimmung (I.MU.) war davon die gesetzliche Geschlechterquote in Deutschland im Jahr 2019 die schwächste.

Laut einer Studie vertreten Beschäftigte in Betrieben mit freiwilligen Frauenquoten egalitärere Ansichten als Beschäftigte an Arbeitsplätzen ohne eine solche Maßnahme.

Das Paradox der Gleichberechtigung

Mit zunehmender Gleichstellung scheinen sich Frauen und Männer nicht ähnlicher, sondern im Gegenteil immer unähnlicher zu werden - in ihrer Persönlichkeit ebenso wie bei der Wahl des Studienfachs.

Stoet und Geary berechneten, wie viele unter sämtlichen Absolventinnen eines Landes einen Abschluss in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder einem technischen Studiengang gemacht hatten. Diese so genannten MINT-Fächer gelten traditionell als Männerdomäne.

Doch das Gegenteil war der Fall: Je gleichberechtigter ein Land, desto seltener wählten Studentinnen dort Maschinenbau, Physik oder Informatik. Die ungleiche Geschlechterverteilung in MINT-Berufen ist ihrer These zufolge daher kein Ausdruck ungleicher Chancen - im Gegenteil: Sie entsteht aus der zunehmenden Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen.

Geschlechtersensible Medizin: Definitionen und Konzepte

Geschlechtersensible Medizin ist der umfassendste Begriff, der sowohl Sex als auch Gender beinhaltet und darauf hinweist, dass die Versorgung diese Aspekte berücksichtigen sollte. Im Allgemeingebrauch hat sich Gendermedizin etabliert. Allerdings kann dieser Begriff als einschränkend oder irreführend gesehen werden, da sich die Medizin vor allem mit der Sex- Komponente von Geschlecht befasst und Gender noch relativ wenig berücksichtigt wird.

Intersektionalität bedeutet die Anerkennung der Tatsache, dass nicht alle Frauen (und andere Geschlechter) eine homogene Gruppe darstellen, sondern dass sich ihre Gesundheitserfahrungen aufgrund von Alter, sexueller Orientierung, Migrationserfahrung, Behinderung, sozialer Lage und vielen anderen Faktoren stark unterscheiden können.

Konsequenzen mangelnder Berücksichtigung von Geschlecht

Mangelndes Wissen zu Geschlechterunterschieden in der Entstehung, dem Verlauf und den Konsequenzen von Erkrankungen führt zu letztendlich schlechterer Gesundheit und Lebensqualität. Patientinnen und Ärztinnen können aufgrund mangelnder Kenntnisse zu geschlechterspezifischer Symptomatik eine Erkrankung potenziell gar nicht erst vermuten.

Arzneimitteltherapie: Studien sollten die zukünftigen Nutzer*innen abbilden

Ein relevanter Punkt, um den Gender-Data-Gap zu verringern und praxisrelevante Informationen zu generieren, ist die Abbildung der Diversität der Allgemeinbevölkerung in der Forschung. In der Arzneimittelforschung kann davon ausgegangen werden, dass eine diverse Gruppe von Menschen das entwickelte Arzneimittel gebrauchen wird. Dementsprechend sollte diese Diversität bereits in der Entwicklung und Testungsphase berücksichtigt werden.

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