Die Nerven liegen blank: Was das Baby im Mutterleib und kurz vor der Geburt spürt

Die Schwangerschaft ist eine Zeit großer Veränderungen und intensiver Vorbereitung auf das Leben mit einem neuen Familienmitglied. Doch nicht nur die werdende Mutter, sondern auch das ungeborene Kind durchläuft eine prägende Phase. Von der Entwicklung des Nervensystems bis hin zur Wahrnehmung von Stress und Emotionen der Mutter - die Zeit im Mutterleib beeinflusst das Baby nachhaltig. Auch die Zeit kurz vor der Geburt ist von körperlichen und psychischen Veränderungen geprägt, die sowohl Mutter als auch Kind betreffen.

Prägung im Mutterleib: Ein Leben lang?

„Wie die Schwangere, so ihr Kind“ - dieser Satz bringt auf den Punkt, wie stark die Einflüsse im Mutterleib das ungeborene Kind prägen. Studien zeigen, dass Stress, Ernährung und Emotionen der Mutter die Entwicklung des Babys beeinflussen und sogar die Signatur der Gene verändern können.

Stress der Mutter: Einprogrammiert für die Zukunft

Stress während der Schwangerschaft kann dazu führen, dass das Kind schneller und häufiger gestresst ist, aber unter Stress auch vergleichsweise gute Leistungen erbringt. Verantwortlich dafür ist das Stresshormon Cortisol, das die Plazentaschranke passiert und das kindliche Gehirn erreicht. Eine dauerhaft erhöhte Cortisolkonzentration kann dazu führen, dass die körpereigenen Stresssysteme des Kindes so justiert werden, dass es schneller gestresst ist.

Neurologe Matthias Schwab vom Universitätsklinikum Jena fand heraus, dass Kinder von Müttern, die während der Schwangerschaft Stresshormone bekamen, auch mit acht Jahren noch stressempfindlicher waren und häufiger ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom aufwiesen. Selbst der Intelligenzquotient lag niedriger.

Tierversuche von Forschern um Tracy Bale von der University of Pennsylvania School of Veterinary Medicine zeigten, dass mütterlicher Stress die Synthese eines Enzyms namens OGT vermindert, wodurch das Gehirn der Feten vor der Geburt reprogrammiert wird.

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Obwohl Stress im Mutterleib negative Auswirkungen haben kann, ist eine gewisse Stressbereitschaft evolutiv von Vorteil, da diese Menschen schneller auf der Hut sind und sich kaum leichtfertig in Gefahr begeben. Allerdings kann die ständige Alarmbereitschaft für die Nervenzellen auf lange Sicht ungünstig sein und das Risiko für Schlaganfälle und eine kürzere Lebenserwartung erhöhen. Es gibt sogar die Hypothese, dass Stress im Mutterleib den geistigen Abbau im Alter vorzeichnen könnte.

Angst der Mutter: Vorsichtige Babys

Auch die Angst der Mutter in der Schwangerschaft hinterlässt Spuren im Kind. Studien der Psychologin Bea van den Bergh von der Tilburg University in Belgien zeigen, dass Kinder von Müttern, die zwischen der 12. und 22. Schwangerschaftswoche sehr furchtsam waren, in den ersten sieben Lebensmonaten viel schrien und besonders unregelmäßig schliefen und aßen.

Van den Bergh vermutet, dass das limbische System, die Stressachse und verschiedene Neurotransmittersysteme im Gehirn der Babys auf den erlebten Angstlevel hin geeicht werden. Auch im späteren Leben zeigten diese Kinder Auffälligkeiten: Mit acht bis neun Jahren wurden sie häufiger als besonders schwierig, unkonzentriert und rastlos beurteilt. Auch als Jugendliche im Alter von 14 bis 15 Jahren waren sie in Tests noch immer impulsiver.

Über die Maßen besorgte Frauen haben besonders wenig von einem spezifischen Enzym, das dafür sorgt, dass das Stresshormon Cortisol abgebaut wird, ehe es die Plazenta passiert. Das Gehirn und die Gene des Ungeborenen werden deshalb besonders hohen Werten von Cortisol ausgesetzt.

Babys ängstlicher Schwangerer reagierten in einer Studie auf einen harmlosen Ton im Alter von neun Monaten fortwährend mit innerer Alarmbereitschaft. Sie filtern auch angsterzeugende Informationen viel stärker aus ihrer Umwelt. Für Kinder, die in einem Krisengebiet geboren werden, ist das von Vorteil. In einer sicheren Umwelt ist diese sensible Reaktion jedoch von Nachteil und begünstigt Angsterkrankungen und andere psychische Auffälligkeiten.

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Ernährung der Mutter: Prägung des Stoffwechsels

Auch das Essverhalten der Mutter beeinflusst das Kind, das sie austrägt. Ein Überangebot an Nahrung und Blutzucker während der Schwangerschaft kann dazu führen, dass die Stoffwechselschieflage auch beim Baby zur Norm wird. Das Gehirn der Babys von Diabetikerinnen spricht kaum auf die Hormone Leptin und Insulin an, die normalerweise die Zuckerflut bewältigen und das Signal fürs Sattsein vermitteln. Das wirkt sich zeitlebens auf ihr Essverhalten aus: Sie brauchen viele Kalorien, um ihren Hunger zu stillen.

Forscher fanden sogar Hinweise auf eine mögliche Suchtgefährdung durch die Ernährung der Mutter - zumindest bei Tierversuchen. Zucker und Alkohol sprechen im Gehirn die gleichen Belohnungssysteme an. Kinder, in deren Familien Alkoholmissbrauch vorkommt, verzehren oft auch besonders viele Süßwaren.

Fetale Alkohol-Spektrum-Störungen (FASD)

Als „Fetale Alkohol-Spektrum-Störungen“ werden alle alkoholbedingten Schädigungen auf die Entwicklung des Babys im Mutterleib bezeichnet. Alkohol ist ein giftig wirkender Stoff für das Kind, der die Plazenta ungehindert passiert, weshalb schon kleine Mengen bleibende Schäden verursachen können. Ein gestörtes Wachstum, Schädigungen des Gehörs, des Sehsystems sowie des Herzens können beispielsweise die Folgen sein. Im Januar 2016 listete das kanadische Center for Addiction and Mental Health in Ontario 428 einzelne Entwicklungsdefizite auf, die durch Alkohol verursacht werden. Lana Popova, die Hauptautorin der in Lancet erschienen Übersichtsarbeit betont, dass es keine Menge und keine Phase in der Schwangerschaft gäbe, in der Alkohol nicht schade. Auch könnten Schädigungen in jedem Organ des Körpers auftreten.

Die letzten Tage vor der Geburt: Anzeichen und Vorboten

Die letzten Tage vor der Geburt sind oft von Ungeduld, Unruhe und Nervosität geprägt. Es ist hilfreich, sich der ersten Anzeichen und Vorboten bewusst zu sein, mit denen sich eine bevorstehende Geburt ankündigen kann.

Körperliche Anzeichen

  • Das Baby begibt sich in Startposition: Bereits einige Wochen vor der Geburt drehen sich die meisten Babys mit dem Kopf nach unten und sinken tief ins Becken. Dadurch bekommt die Mutter wieder mehr Luft, aber die tiefe Lage des Babys kann dem Rücken zu schaffen machen.
  • Kindsbewegungen werden ruhiger: Da es eng in Babys Behausung wird, werden die Kindsbewegungen allmählich ruhiger.
  • Der Schleimpfropf löst sich: Einige Tage vor der Geburt löst sich bei vielen Frauen der Schleimpfropf, der bisher die Gebärmutter vor dem Eindringen von Keimen geschützt hat.
  • Der Blasensprung: Mit dem Blasensprung beginnt die eigentliche Geburt. Bei den meisten Frauen „platzt“ die Fruchtblase, wenn sie bereits deutlich spürbare Wehen hat. Es gibt aber auch Frauen, bei denen der Blasensprung die Geburt einleitet.
  • Eröffnungswehen setzen ein: Endgültig und unumkehrbar los geht es, wenn die sogenannten Eröffnungswehen einsetzen. Sie kommen regelmäßig und die Abstände werden im Verlauf der Geburt immer kürzer. Anfangs können sie sich wie stärkere Regelschmerzen anfühlen.

Psychische Anzeichen

  • Innere Unruhe und Schlaflosigkeit: Viele Frauen leiden kurz vor der Geburt unter innerer Unruhe und Schlaflosigkeit.
  • Stimmungstief: Anstatt freudestrahlend die letzten ruhigen Tage zu genießen, ist vielen Frauen nach Heulen oder Streit zumute. Auslöser für das Stimmungstief können Vor- und Senkwehen, Hormonschwankungen, innere Unruhe, Schlaflosigkeit, Ängste und Sorgen sein.

Was tun gegen das Stimmungstief vor der Geburt?

  • Lass die schlechte Stimmung zu: Erlaube Dir auch mal schlechte Laune!
  • Bereite Dich auf Dein Baby vor - aber ohne Perfektionsdruck: Erledige alle notwendigen Anschaffungen rechtzeitig und nimm Unterstützung an.
  • Sprich über Deine Sorgen: Sprich mit Deinem Partner, Freunden oder der Familie über Deine Ängste und Sorgen.
  • Lies Dir Geburts-Wissen an: Informiere Dich über den Geburtsverlauf und mögliche Komplikationen.
  • Lenk‘ Dich ab - und fokussiere Dich auf alles, was Dir guttut: Unternimm etwas Schönes, entspanne Dich und verwöhne Dich selbst.

Wenn der Geburtstermin überschritten ist

Nur wenige Babys kommen genau am errechneten Termin zur Welt. Viele lassen sich ein paar Tage mehr Zeit. Versuche die Zeit vor der verspäteten Ankunft eures neuen Familienmitgliedes bewusst zu genießen, statt Frust zu schieben.

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  • Wichtig: Ungeduld, Frust oder Sorgen sind ganz normale Begleiter dieser persönlichen Ausnahmesituation. Sich diese Gefühle einzugestehen, sie mit Partner, Freunden oder der Hebamme zu teilen, kann entlasten.
  • Gönn dir alles, was dich glücklich macht und entspannt: kleine Ausflüge mit deinem Partner, ein warmes Bad, deine Lieblingsserie, ein gutes Buch, leckeres Essen, Faulenzen im Garten, eine Massage oder einfach noch einmal ausschlafen (so gut es eben geht).
  • Bewegung kann körperliche Beschwerden lindern und hilft, den Kopf freizubekommen: Dreh deine Lieblingsmusik auf und tanze! Lass die Hüften kreisen und sing laut mit.
  • Schalte bei eurem Messenger (vorübergehend) die Funktion „zuletzt online“ sowie die Lesebestätigung empfangener Nachrichten aus.
  • Vielleicht möchtest du noch ein paar Babybodys sortieren, die Kliniktasche prüfen, Anträge (für Elterngeld, Kindergeld etc.) vorbereiten, eine Playlist für die Geburt zusammenstellen oder ein Erinnerungsbuch beginnen?
  • Spätestens ab dem errechneten Termin finden engmaschigere Kontrollen statt. Gemeinsam mit der betreuenden Ärztin oder Hebamme besprichst und entscheidest du über das weitere Vorgehen.

Die Geburt: Ein einzigartiges Erlebnis

Jede Geburt ist einzigartig und kann ganz unterschiedlich lang dauern. In der Regel dauert eine Erstgeburt nicht länger als 24 Stunden, eine weitere Geburt nicht länger als 18 Stunden. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Geburt zu gestalten und die Schmerzen zu lindern.

Geburtsorte

  • Klinik: Bei einer stationären Entbindung in der Klinik werden Sie für einige Tage im Krankenhaus bleiben. Sofern keinerlei Komplikationen auftreten, können Sie das Krankenhaus nach ca. zwei bis drei Tagen wieder verlassen.
  • Geburtshaus: Das Geburtshaus ist eine Einrichtung, die von Hebammen betrieben wird. Diese ist meist familiärer und gemütlicher als ein Krankenhaus. Bedenken Sie jedoch, dass hier kein Arzt vor Ort ist.
  • Hausgeburt: Bei der Hausgeburt rufen Sie Ihre Hebamme an, sobald Sie die ersten Wehen bemerken. Viele Frauen fühlen sich bei der Hausgeburt wohler, da sie die Umgebung kennen.

Möglichkeiten der Schmerzlinderung

  • PDA (Periduralanästhesie): Die PDA ist eine Rückenmarksnarkose, die zum Einsatz kommt, wenn Frauen ihre Geburtsschmerzen lindern möchten.
  • Wassergeburt: Durch warmes Wasser kann der Wehenschmerz unter Umständen gelindert werden, denn die Wärme wirkt beruhigend.
  • Duftöle: Verschiedene Duftöle können den Geburtsvorgang unterstützen: So sorgen ein paar Tropfen Rosen- oder Lavendelöl in der Badewanne für Entspannung, Schmerzlinderung und sogar leichte Desinfizierung.
  • Himbeerblättertee: Himbeerblättertee macht den Beckenboden weich und unterstützt die Wehentätigkeit des Körpers.

Natürliche Geburt

Von einer natürlichen Geburt spricht man, wenn das Baby auf dem herkömmlichen Weg - also vaginal - zur Welt kommt. Die natürliche Geburt hat viele Vorteile. Einer der größten ist sicherlich, dass viele Frauen eine engere Bindung zu Ihrem Kind verspüren.

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