Nervenkrankheiten: Eine umfassende Dokumentation

Die enge Verbindung zwischen Körper und Seele ist unbestreitbar. Diese Wechselwirkung erschwert die klare Abgrenzung der Ursachen vieler Erkrankungen, die weder rein organisch noch ausschließlich psychisch bedingt sind. In der Neurologie spielen funktionelle Störungen eine bedeutende Rolle, doch ihre Diagnose und Behandlung stellen oft eine Herausforderung dar. Ebenso wichtig ist das Verständnis von Neurodiversität und neuropathischen Schmerzen, um eine umfassende Versorgung von Patienten mit Nervenerkrankungen zu gewährleisten.

Funktionelle Störungen: Wenn Körper und Seele aus dem Gleichgewicht geraten

Funktionelle Störungen stellen in neurologischen Praxen und Kliniken einen erheblichen Anteil von 5 bis 10 Prozent der Fälle dar. Betroffene erleben oft eine lange Odyssee von Arztbesuchen, da ihre Beschwerden schwer zuzuordnen sind. Es handelt sich um eine Art "Programmfehler" mit Alarmfunktion, obwohl die "Hardware" des Gehirns und der betroffenen Organe intakt ist.

Symptome und Auslöser

Eine häufige funktionelle Störung ist Schwindel, der in seltenen Fällen auch ohne erkennbaren Auslöser auftreten kann, insbesondere bei Menschen mit Angsterkrankungen oder Depressionen. Funktionelle Lähmungen können leicht ausgeprägt sein und sich beispielsweise im gelegentlichen Fallenlassen von Gegenständen äußern. Oft treten sie in Kombination mit Gefühlsstörungen auf, die aber auch als eigenständiges Symptom vorkommen können.

Auslöser für funktionelle Störungen können Schmerzen sowie Angst- und Bedrohungsgefühle sein. Diese können dazu führen, dass Körperreaktionen unbewusst in Dauerzustände übergehen. Beispielsweise kann sich nach einer Verletzung ein Hinken verfestigen oder ein einschneidendes Erlebnis zu Angstzittern führen.

Behandlungsmöglichkeiten

Das Ziel der Behandlung von funktionellen Lähmungen, Gefühls- und Bewegungsstörungen ist die Neuausrichtung der Körperwahrnehmung, eine Art "Umprogrammierung". Je öfter dies gelingt, desto besser gelingt beispielsweise auch das Gehen wieder. Begleitend ist eine psychotherapeutische Unterstützung ratsam, die auf funktionelle Störungen spezialisiert ist. Auch eine Verhaltenstherapie, wie beispielsweise ein geleitetes Konfrontationstraining, kann hilfreich sein. Weitere Symptome, die bei funktionellen Störungen fast immer vorkommen, werden dabei berücksichtigt.

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Neurodiversität: Die Vielfalt der Gehirne anerkennen

Die Frage, wo die Grenze zwischen normal und nicht normal verläuft, führt zu der Erkenntnis, dass ein "normales" Gehirn nicht existiert. Hinter dem Begriff Neurodiversität steht das Verständnis, dass beispielsweise ADHS, Autismus, Trisomie 21 oder Tourette keine Störungen oder Krankheiten sind, sondern neurobiologische Varianten, die zur Bandbreite unserer Entwicklung gehören. Solche Gehirne werden in der Fachliteratur als divergent bezeichnet, da sie vom Durchschnitt abweichen.

Herausforderungen und Potentiale

Kinder und Erwachsene, deren Gehirne von der erwarteten Norm abweichen, stoßen oft auf hohe Hindernisse, sowohl im Schulsystem als auch in der Arbeitswelt. Legasthenie und Dyskalkulie sind ebenfalls Varianten solcher Divergenz. Es ist jedoch wichtig zu erkennen, dass diese Menschen kein Defizit haben, sondern oft unentdeckte Potentiale.

Inklusion und Barrierefreiheit

Es ist notwendig, die Diversität der Gehirne zu respektieren und die Stichworte Inklusion und Barrierefreiheit auch für unterschiedliche Wahrnehmungen und Reaktionsmuster umzusetzen. Die Medizin kann mit Hilfe moderner Technik gerechter werden, indem beispielsweise Gesundheits-Apps gendersensibel entwickelt werden. Es ist jedoch wichtig, dass Algorithmen mit dem entsprechenden Bewusstsein für die schiefe Datenlage programmiert werden, um Ungerechtigkeiten nicht zu verstärken.

Neuropathische Schmerzen: Wenn Nerven Schmerzen verursachen

Nervenschmerzen, fachsprachlich auch als neuropathische Schmerzen bezeichnet, entstehen als direkte Folge einer Schädigung von "Gefühlsfasern" des Nervensystems. Dies unterscheidet sie grundsätzlich von anderen Schmerzen wie Rücken-, Kopf- oder Tumorschmerzen. Die Schmerzimpulse entstehen in der Regel nicht mehr im Bereich der Nervenendigungen von Schmerzfasern in den Geweben des Körpers.

Diagnose

Für den Nachweis neuropathischer Schmerzen ist es wichtig, Verteilungsmuster, Stärke und Qualität der Schmerzen zu erheben, also beispielsweise ihren brennenden, bohrenden, einschießenden oder stechenden Charakter. Die Beschwerden treten oft in Ruhe auf und können auch durch leichte Berührungsreize ausgelöst werden (Allodynie). Zudem weisen Betroffene häufig eine verstärkte Schmerzempfindlichkeit nach anderen schmerzauslösenden Reizen auf (Hyperalgesie).

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Eine schmerzhafte Nervenschädigung ist immer dann anzunehmen, wenn die Schmerzausbreitung und eine begleitende Gefühlsstörung dem Versorgungsgebiet eines Gefühlsnervs im Gewebe entsprechen. Gleiches gilt, wenn sich das Muster der Schmerzausbreitung mit dem Versorgungsgebiet einer geschädigten Nervenwurzel, eines Rückenmarkabschnittes oder Gehirnbereiches deckt.

Die Diagnose "neuropathischer Schmerz" kann mit umso größerer Sicherheit gestellt werden, je mehr übereinstimmende Hinweise auf eine Nervenschädigung im Rahmen der Untersuchung und Befragung des Patienten gefunden werden. Sie kann durch eine Schmerzzeichnung, Schmerzfragebögen und weitere Spezialtests ergänzt werden:

  • QST (Quantitative sensorische Testung): Prüfung der Hautempfindlichkeit
  • Neurographie: Bestimmung der Nervenleitgeschwindigkeit
  • SEP (Somatosensibel evozierte Potenziale): Prüfung der gesamten Gefühlsbahn von der Haut über das Rückenmark bis ins Gehirn

Oft werden darüber hinaus moderne bildgebende Verfahren eingesetzt, zum Beispiel die Computertomografie (CT) oder die Magnetresonanztomografie (MRT), um eine Nervenschädigung direkt sichtbar zu machen.

Mögliche Auslöser

Ein relativ häufiges Beispiel für neuropathische Schmerzen ist ein Bandscheibenvorfall, bei dem eine Bandscheibe auf eine Nervenwurzel drückt. Am häufigsten ist dabei die fünfte Nervenwurzel im Lendenbereich betroffen, was zu einem Taubheitsgefühl und einer Schmerzausstrahlung außen seitlich am Bein entlang über den Vorderfuß zur Großzehe hin führen kann.

Eine andere Form der Nervenschädigung liegt bei der sogenannten Polyneuropathie vor, einer Erkrankung vieler Nerven, beispielsweise im Rahmen einer Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus). Dies kann zu einem Brennschmerz der Füße führen, der sich sockenförmig ausbreitet.

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Weitere mögliche Auslöser sind:

  • Schmerzhafte Gürtelrose (Herpes zoster)
  • Nervenquetschungen oder Nervendurchtrennungen im Rahmen von Unfällen oder Operationen
  • Phantomschmerz nach Amputation
  • Engpass-Syndrome wie das Karpaltunnel-Syndrom am Handgelenk

Behandlungsmöglichkeiten

Die Behandlung von Nervenschmerzen gestaltet sich oft schwierig, sofern keine Operation zur Entlastung des betroffenen Nervs möglich ist. Schmerzfreiheit kann nur in den seltensten Fällen erreicht werden. Daher sollen realistische Behandlungsziele vor Therapiebeginn gemeinsam mit dem Patienten besprochen werden.

Die Therapie neuropathischer Schmerzen gründet sich vor allem auf eine für jeden einzelnen Menschen individuell abgestimmte Behandlung mit Medikamenten, um die Beschwerden zu lindern, bis sich die geschädigten Nerven zumindest weitgehend erholt und neu aufgebaut haben. Es werden unterschiedliche Wirkprinzipien angewendet, darunter häufig die Kombinationsbehandlung mit verschiedenen Medikamenten, die den Nervenschmerz über unterschiedliche Wirkmechanismen lindern.

Nicht-medikamentöse Verfahren können ergänzend oder in der Akuttherapie zur Überbrückung der Zeit bis zum Anschlagen der sonstigen Medikamente eingesetzt werden. Darüber hinaus können im Einzelfall, je nach Ausprägung der Beschwerden, physikalische Maßnahmen, Ergotherapie und Psychotherapie sinnvoll sein.

Polyneuropathie: Eine häufige Nervenerkrankung

Etwa fünf Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer Polyneuropathie, einer Schädigung der langen Nerven, die Muskeln, Haut und Organe mit dem Gehirn verbinden. Häufig sind es lange, sensible Nervenfasern, die bis in den Fuß reichen.

Symptome

Typische Symptome sind Kribbeln, Brennen und Taubheit, die anfangs an beiden Füßen und Beinen auftreten. Schäden an motorischen Nerven können auch die Muskulatur schwächen oder lähmen.

Ursachen

Die Ursache der Polyneuropathie ist trotz aller diagnostischen Fortschritte in vielen Fällen unklar ("idiopathische Neuropathie"). Bekannte Ursachen sind:

  • Diabetes mellitus (diabetische Polyneuropathie)
  • Toxine wie Alkohol und Medikamente (insbesondere Chemotherapeutika)
  • Immunvermittelte Neuropathien
  • Erbliche Neuropathien
  • Systemerkrankungen wie Lungenerkrankungen, Sarkoidose oder Rheuma

Diagnose

Zur Diagnose werden verschiedene Untersuchungen eingesetzt:

  • Messung der Nervenleitgeschwindigkeit
  • Prüfung des Vibrationsempfindens mit einer Stimmgabel
  • Standardisierte Quantitative Sensorische Testung (QST) mit Messung des Temperaturempfindens
  • Untersuchung einer Gewebeprobe (Nerv-Muskel-Biopsie oder Hautbiopsie)

Behandlung

Die Behandlung der Polyneuropathie zielt darauf ab, die Ursache zu behandeln und die Symptome zu lindern. Bei Diabetes ist eine gute Blutzuckerkontrolle wichtig, bei Alkohol- oder Medikamenteninduzierter Polyneuropathie ist Abstinenz bzw. ein Wechsel der Präparate erforderlich.

Zur Schmerzbekämpfung haben sich Antidepressiva und Medikamente gegen Krampfanfälle (Antikonvulsiva) bewährt. Capsaicin-Pflaster können ebenfalls helfen, Schmerzen zu lindern und die Durchblutung zu steigern. Bei der Elektrotherapie werden die Nerven durch Impulse stimuliert, um Schmerzen zu reduzieren. Gegen Gangunsicherheit hilft Gleichgewichtstraining in der Physiotherapie.

Entzündliche Erkrankungen des Nervensystems

Entzündliche Erkrankungen des Nervensystems können erregerbedingt (infektiös-entzündlich) oder im Rahmen einer Autoimmunerkrankung auftreten (autoimmun-entzündlich). Autoimmunerkrankungen des Nervensystems werden in der modernen Welt häufiger und betreffen in der Regel junge Erwachsene.

Autoimmunerkrankungen

Die häufigste Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems ist die Multiple Sklerose. Eigenständige (aber weniger häufige) Autoimmunerkrankungen des zentralen Nervensystems sind die Neuromyelitis optica (NMO) und MOG-Antikörper assoziierte Erkrankungen (MOGAD).

Infektiös-entzündliche Erkrankungen

Neben bakteriellen und viralen Hirnhaut- und Hirnentzündungen spielen hier die Diagnostik und Therapie opportunistischer Infektionen eine Rolle.

Therapie

In den letzten Jahren hat es eine dynamische Entwicklung möglicher therapeutischer Interventionsmöglichkeiten gegeben. Modernste Verfahren zur Diagnostik und Prognoseabschätzung sind wichtig, um optimale, individualisierte Therapien durchzuführen.

Geschlechterspezifische Unterschiede in der Medizin

Frauen und Männer sind unterschiedlich, vor allem biologisch. Dies wird in der Medizin oft nicht ausreichend berücksichtigt. Frauen erhalten häufig falsche Diagnosen und Therapien, z.B. bei Krebs, Herzinfarkten oder Nervenkrankheiten. Gleichzeitig werden auch Männer falsch behandelt, bei angeblich "weiblichen" Krankheiten wie Osteoporose oder Depressionen.

Schuld an der Schieflage sind althergebrachte Geschlechterrollen, die auch unsere Medizin prägen: Der Mann gilt als Norm, die Frau als Abweichung. Es ist wichtig, eine neue, gerechtere Medizin zu entwickeln, die die geschlechterspezifischen Unterschiede berücksichtigt.

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