Alzheimer-Forschung in den USA: Ein Überblick über aktuelle Entwicklungen und Medikamente

Die Alzheimer-Forschung hat in den letzten Jahren bedeutende Fortschritte gemacht, insbesondere in den Vereinigten Staaten. Die sogenannte Amyloid-Hypothese, die besagt, dass die Ablagerung von Amyloid-Beta-Proteinen im Gehirn eine zentrale Rolle bei der Entstehung der Alzheimer-Krankheit spielt, hat die Forschung über Jahrzehnte hinweg maßgeblich geprägt. Dies führte zur Entwicklung der ersten Antikörpertherapien, die auf die Beseitigung dieser Ablagerungen abzielen.

Die Amyloid-Hypothese und ihre Bedeutung

Die Amyloid-Hypothese ist ein Eckpfeiler der Alzheimer-Forschung. Sie besagt, dass die Ansammlung von Beta-Amyloid-Plaques zwischen den Nervenzellen wesentlich zum Absterben dieser Zellen beiträgt. Viele Arzneimittelkandidaten setzen daher an der Substanz an, aus der diese Plaques bestehen: dem Beta-Amyloid-Protein. Ein Ansatz beinhaltet gentechnisch hergestellte Antikörper, die sich an das Beta-Amyloid-Protein oder Vorstufen davon heften. Das Immunsystem baut dann das so markierte Protein ab, wodurch der Raum zwischen den Nervenzellen gereinigt wird. Dieser Ansatz wird auch als "passive Immunisierung gegen Alzheimer" bezeichnet.

Die Studienergebnisse mit mehreren gegen Beta-Amyloid gerichteten Medikamenten belegen, dass Beta-Amyloid-Plaques tatsächlich eine relevante Rolle im Krankheitsgeschehen spielen. Wie zentral diese ist, ist damit aber noch immer nicht geklärt. Einige Wissenschaftler weisen seit Jahren darauf hin, dass sich solche Plaques mitunter auch im Gehirn von Menschen finden, die in geistiger Klarheit gestorben sind. Andererseits sind Menschen, die aufgrund einer genetischen Besonderheit kaum Beta-Amyloid-Plaques bilden können, anscheinend vor der Krankheit geschützt.

Zugelassene Medikamente und ihre Wirkung

In den letzten Jahren wurden mehrere Medikamente zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit zugelassen, die auf unterschiedliche Weise in den Krankheitsprozess eingreifen.

Aducanumab (Aduhelm)

Aducanumab war ein Antikörper-Wirkstoff, der im Jahr 2021 in den USA unter dem Namen Aduhelm zugelassen wurde. Er zielte gezielt gegen aggregiertes, also verklumptes Amyloid-beta, und sollte durch den Abbau der schädlichen Amyloid-Plaques den Rückgang kognitiver Fähigkeiten verlangsamen. Die Zulassung von Aduhelm war jedoch von einer kontroversen Diskussion begleitet, da die Ergebnisse der Phase-III-Studien widersprüchlich waren und die Wirksamkeit des Medikaments nicht eindeutig nachgewiesen werden konnte. Im Dezember 2021 lehnte die Europäische Arzneimittelbehörde EMA den Antrag auf Zulassung von Aducanumab ab. Trotzdem galt die Entwicklung von Antikörper-Medikamenten als wichtiger Meilenstein der Alzheimer-Forschung. Zum Jahresende 2024 hat der Hersteller Biogen die Produktion und den Verkauf des Medikaments Aduhelm endgültig eingestellt, um sich auf die Entwicklung anderer Alzheimer-Medikamente, wie Leqembi zu konzentrieren.

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Donanemab (Kisunla)

Donanemab wurde am 2. Juli 2024 von der US-amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) für die Behandlung von Erwachsenen im Frühstadium der Alzheimer-Krankheit zugelassen. Es ist ein weiterer Antikörper, der sich gezielt gegen Amyloid-Plaques richtet. Die Wirksamkeit von Donanemab wurde anhand von Scores wie der integrated Alzheimer Disease Rating Scale (iADRS) und der Clinical Dementia Rating Scale (CDR-SB) erfasst. Die Teilnehmer zeigten zu Beginn der Studie erst milde Symptome. Donanemab wird alle vier Wochen als intravenöse Infusion verabreicht. Die häufigsten Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen und amyloidbedingte Bildgebungsanomalien (ARIA).

Lecanemab (Leqembi)

Lecanemab ist ein Antikörper-Wirkstoff, der gezielt eine Vorstufe der für Alzheimer typischen Amyloid-beta-Protein-Plaques im Gehirn erkennt und bindet. Dadurch wird das körpereigene Immunsystem aktiviert und baut die Plaques ab beziehungsweise verhindert die Bildung neuer Plaques. Am 15. April 2025 wurde Lecanemab von der EU-Kommission für eine genau umrissene Gruppe von Patientinnen und Patienten mit Alzheimer im Frühstadium zugelassen. Studien zufolge kann Lecanemab bei frühzeitiger Anwendung das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen. Seit dem 25. August 2025 ist Leqembi in Österreich erhältlich, in Deutschland ab dem 1. September. Vor der Behandlung gelten besondere Auflagen: Patientinnen und Patienten sowie ihre behandelnden Ärztinnen und Ärzte müssen sich in ein EU-weites Register einschreiben. Zusätzlich erhalten die Erkrankten eine Patientenkarte und ausführliche Aufklärungsunterlagen, die von den Behörden genehmigt wurden.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Antikörper-Therapien

Alle drei genannten Medikamente (Aducanumab, Donanemab und Lecanemab) sind Antikörper-Therapien, die auf die Beseitigung von Amyloid-Beta-Ablagerungen im Gehirn abzielen. Sie unterscheiden sich jedoch in ihren spezifischen Zielstrukturen, Studienergebnissen und Zulassungsstatus. Aducanumab hat sich aufgrund widersprüchlicher Studienergebnisse und der Ablehnung durch die EMA als weniger erfolgreich erwiesen und wurde vom Hersteller vom Markt genommen. Donanemab und Lecanemab haben in Studien vielversprechendere Ergebnisse gezeigt und sind in den USA bzw. der EU zugelassen.

Herausforderungen und Einschränkungen der aktuellen Therapien

Trotz der Fortschritte in der Alzheimer-Forschung gibt es weiterhin erhebliche Herausforderungen und Einschränkungen bei den aktuellen Therapien.

Wirksamkeit

Die derzeit verfügbaren Medikamente können die Alzheimer-Krankheit weder heilen noch aufhalten. Ziel der Behandlung ist es, den geistigen Abbau bei Menschen im frühen Krankheitsstadium zu verlangsamen. Die Wirkung von Leqembi wird von vielen Expertinnen und Experten eher als moderat eingeschätzt. Es ist fraglich, inwieweit die Wirkung für an Alzheimer erkrankte Menschen spürbar ist und im Alltag einen Unterschied macht.

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Zielgruppe

Die Antikörper-Therapien sind nur für Menschen im Frühstadium der Alzheimer-Krankheit geeignet, also bei leichter kognitiver Beeinträchtigung (MCI) oder beginnender Demenz. Die krankhaften Amyloid-beta-Ablagerungen müssen im Gehirn nachgewiesen werden - entweder durch eine Lumbalpunktion oder mittels Amyloid-PET. Auch genetische Voraussetzungen spielen eine Rolle: Erkrankte dürfen höchstens eine Kopie des sogenannten ApoE4-Gens tragen. Personen mit zwei Kopien sind wegen der erhöhten Gefahr für Hirnblutungen von der Behandlung ausgeschlossen. Leqembi eignet sich außerdem nicht für Menschen, die Gerinnungshemmer einnehmen.

Nebenwirkungen

In Studien traten bei einem Teil der Teilnehmenden Nebenwirkungen auf - darunter Hirnschwellungen (ARIA-E) und Hirnblutungen (ARIA-H). Diese waren in den meisten Fällen symptomlos, wurden aber engmaschig kontrolliert. Das Risiko für solche Nebenwirkungen hängt stark vom ApoE4-Gen ab: Menschen mit zwei Kopien dieses Gens sind besonders gefährdet und daher von der Behandlung ausgeschlossen.

Kosten und Aufwand

Die Behandlung mit Antikörper-Therapien ist teuer und aufwendig. Sie erfordert eine frühzeitige Diagnose, spezialisierte Einrichtungen mit ausreichender personeller und technischer Ausstattung sowie regelmäßige MRT-Untersuchungen zur Überwachung möglicher Nebenwirkungen.

Alternative Therapieansätze und Forschungsperspektiven

Neben den Antikörper-Therapien gibt es noch etliche andere Ansatzpunkte für eine Alzheimer-Therapie, die derzeit in klinischen Studien oder bei Tieren erprobt werden.

Nicht-medikamentöse Therapien

Nicht-medikamentöse Therapien spielen eine wichtige Rolle bei der Behandlung von Menschen mit Alzheimer. Ergotherapie, Gedächtnistraining oder auch Musik- und Kunsttherapie können beispielsweise helfen, das Wohlbefinden zu steigern und auch herausforderndes, aggressive Verhaltensweisen abzumildern.

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Repurposing von Medikamenten

Eine spannende Richtung ist das "Repurposing", also die Umwidmung von Medikamenten, die bereits zur Behandlung anderer Krankheiten zugelassen sind. Es häufen sich vielversprechende Studien mit Diabetesmedikamenten und neuen Abnehmspritzen wie Wegovy.

Impfstoffe

Eine Studie hat untersucht, wie sich Shingrix, der neue Impfstoff gegen Gürtelrose, auf den Ausbruch von Alzheimer auswirkt. Alzheimer wurde zwar auch bei einigen Geimpften diagnostiziert - aber im Schnitt rund ein halbes Jahr später als bei den Ungeimpften.

Bluttests und digitale Diagnostik

Die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) hat erstmals einen Bluttest zur Diagnose von Alzheimer zugelassen. Der Test misst die Konzentration von Amyloid-Beta-Proteinen und Tau-Proteinen im Blut. Auch an sogenannten digitalen Tests wird geforscht - dabei geht es zum Beispiel um Gedächtnistests auf dem Smartphone oder um Auffälligkeiten in der Sprache.

Risikofaktoren und Prävention

Eine Kommission des Fachmagazins Lancet Psychiatry hat 14 Risikofaktoren für Alzheimer zusammengetragen und die These aufgestellt, dass sich damit rund 45 Prozent aller Fälle vermeiden ließen. Neu hinzugekommen sind auf der Risikoliste: zu hohe Werte beim LDL-Cholesterin und Sehverlust.

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