Die Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die mit erheblichen Schmerzen, körperlichen Beeinträchtigungen und reduzierter Lebensqualität einhergeht. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Migräne als eine der zehn Hauptursachen für jahrelanges Leben mit Einschränkungen bei Männern und Frauen eingestuft. Seit einigen Jahren gibt es einen neuen Ansatz zur Migräneprophylaxe: die Migräne-Spritze. Diese enthalten Antikörper, die entweder direkt unter die Haut, intravenös injiziert oder oral eingenommen werden. Diese Antikörper hemmen den Botenstoff CGRP (calcitonin gene-related peptide) oder blockieren seinen Rezeptor. So kann die Wirkung des Botenstoffs gehemmt und Migräne reduziert werden.
Was ist die Migräne-Spritze?
Die Migräne-Spritze ist ein Medikament zur Vorbeugung von Migräne, das zur Gruppe der monoklonalen Antikörper gehört. Diese im Labor hergestellten Wirkstoffe blockieren gezielt den Botenstoff CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) im Körper, der bei der Entstehung von Migräne eine entscheidende Rolle spielt. Durch die Hemmung seiner Wirkung können Attacken seltener auftreten und schwächer ausfallen. Die Spritze wird nicht in akuten Phasen eingesetzt, sondern dient der langfristigen Vorbeugung und wird in der Regel einmal im Monat oder alle drei Monate verabreicht - je nach Präparat. Es handelt sich um eine subkutane Injektion, die Patient*innen nach ausführlicher ärztlicher Einweisung auch selbst zu Hause verabreichen können.
Im Fokus der Wirksamkeit steht das Calcitonin-Gene-Related-Peptide (CGRP). Der Botenstoff wird bei einer Migräneattacke vermehrt freigesetzt und spielt als Entzündungsprotein dabei eine zentrale Rolle. Das proinflammatorische Neuropeptid ist eine der stärksten gefäßerweiternden endogenen Substanzen und maßgeblich an der Entstehung der Migräne beteiligt. Außerdem gilt das Peptid als Entzündungsmediator. Im Zentralnervensystem ist CGRP an der Regulation der Körpertemperatur beteiligt und moduliert die Schmerzübertragung.
Wirkungsweise der Migräne-Spritze
Der Botenstoff CGRP wird bei Migräne in besonders hoher Konzentration ausgeschüttet. Er erweitert die Blutgefäße im Gehirn, fördert Entzündungen und verstärkt die Schmerzleitung. Genau hier setzen die monoklonalen Antikörper der Migräne-Spritzen an. Sie blockieren entweder CGRP selbst oder seinen Rezeptor, sodass der Botenstoff seine Wirkung nicht mehr entfalten kann. Die Folge: weniger Entzündungen, weniger Schmerzübertragung und im besten Fall deutlich weniger Migräne-Anfälle.
Anti-CGRP-Antikörper sind monoklonale Antikörper, die gezielt das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) oder dessen Rezeptor blockieren. CGRP ist ein Neuropeptid, das eine zentrale Rolle in der Pathophysiologie der Migräne spielt, insbesondere durch die Erweiterung der Blutgefäße und die Vermittlung von Schmerzsignalen. Die Einführung von Anti-CGRP-Antikörpern hat die Migräneprophylaxe erheblich verbessert und stellt eine der bedeutendsten therapeutischen Entwicklungen in den vergangenen Jahren dar.
Lesen Sie auch: Vergleichende Analyse: Migräne vs. Epilepsie
Unterschiede zwischen Migräne- und Botox-Spritze
Obwohl beide Spritzen darauf abzielen, Migräne-Anfälle zu reduzieren, wirken sie völlig unterschiedlich. Die Migräne-Spritze blockiert gezielt den Botenstoff CGRP oder seinen Rezeptor und wird bei episodischer und chronischer Migräne eingesetzt. Botox (Botulinumtoxin A) wird nur bei chronischer Migräne empfohlen, wobei der Wirkstoff in niedriger Dosis an mehreren Stellen der Kopf- und Nackenmuskulatur injiziert wird, um die Muskeln zu entspannen und bestimmte Schmerzsignale zu unterdrücken. Die Wahl der geeigneten Spritze hängt von der Art der Migräne, dem bisherigen Verlauf und der individuellen Verträglichkeit ab.
Für wen ist die Migräne-Spritze geeignet?
Die Spritze gegen Migräne kommt infrage, wenn andere vorbeugende Therapien nicht wirken oder nicht vertragen werden. Sie richtet sich an Menschen, die regelmäßig unter Migräne leiden, also meist bei mindestens vier Migräne-Tagen pro Monat. Besonders geeignet ist die Migräne-Spritze für Betroffene mit schweren Verläufen oder bei starker Beeinträchtigung im Alltag. Auch bei chronischer Migräne, also mehr als 15 Kopfschmerztagen im Monat, kann die Spritze eine sinnvolle Option sein. Manche Krankenkassen übernehmen die Kosten nur, wenn andere vorbeugende Medikamente wie etwa Betablocker bereits ausprobiert wurden.
Anwendung und Dauer
Die Migräne-Spritze wird unter die Haut gespritzt, meist am Bauch oder Oberschenkel. Nach einer ausführlichen ärztlichen Einweisung können Patientinnen sich die Spritze auch selbst zu Hause verabreichen. Die Migräne-Spritze ist für eine langfristige Anwendung gedacht. Es gibt keine feste Höchstdauer, solange Betroffene das Medikament gut vertragen und sich eine Besserung zeigt. In der Regel kontrollieren Ärztinnen in gewissen Abständen, ob sich die Häufigkeit der Migräne-Anfälle deutlich reduziert hat. Bleibt die Wirkung aus, wird die Therapie meist beendet. Zeigt sich hingegen eine gute Wirkung, kann die Behandlung teils über mehrere Jahre hinweg fortgesetzt werden. Manche Fachleute empfehlen, nach sechs bis neun Monaten eine Therapiepause einzulegen, um zu prüfen, ob die Migräne vielleicht auch ohne das Medikament stabil bleibt.
Zugelassene Medikamente und Studienergebnisse
Seit 2018 sind verschiedene Migräne-Antikörper in Deutschland zugelassen, darunter Erenumab (Aimovig®), Fremanezumab (Ajovy®) und Galcanezumab (Emgality®). Im Juli 2018 hatte Erenumab als erster Antikörper zur Migräne-Prophylaxe die EU-Zulassung erhalten, im November kam das Arzneimittel schließlich auf den Markt. Im September erhielt Lilly für Galcanezumab grünes Licht. Die vier monoklonalen Antikörper sind die ersten Arzneimittel, die speziell für die Migräneprophylaxe entwickelt und zugelassen wurden. Bislang wurden Arzneistoffe eingesetzt, deren präventive Wirkung im Zusammenhang mit Migräne eher ein Zufallsfund war.
Die Zulassung basiert auf Studien, die eine Reduktion der Migränetage gezeigt haben.
Lesen Sie auch: Neurologische Expertise bei Migräne
- Erenumab (Aimovig®): Eine Studie mit 955 Teilnehmern mit episodischer Migräne zeigte eine Reduktion der durchschnittlichen Zahl der Migränetage über einen Beobachtungszeitraum von sechs Monaten im Vergleich zu Placebo um ein bis zwei Tage. Eine weitere Studie mit 577 Teilnehmern bestätigte die Reduktion der Migränetage um einen Tag pro Monat binnen drei Monaten. Eine weitere zulassungsrelevante Studie bestätigte die Reduktion der Migränetage um 2,5 pro Monat im Vergleich zu Placebo. Der Beobachtungszeitraum beträgt auch hier drei Monate. Die 667 Teilnehmer litten im Durchschnitt monatlich an 18 Migränetagen und wurden entweder mit 70 oder 140 mg Erenumab behandelt.
- Fremanezumab (Ajovy®): Eine randomisierte kontrollierte Studie mit etwa 900 Teilnehmern zeigte über einen Studienzeitraum von zwölf Wochen eine Senkung der Anzahl der Migränetage pro Monat. In der Gruppe, die mit 225 mg behandelt wurde, sank die Zahl von durchschnittlich 8,9 auf 4,9 Tage, in Gruppe 2 von 9,2 auf 5,3 und in der Placebogruppe von 9,1 auf 6,5.
- Galcanezumab (Emgality®): Die Studien Evolve 1 und 2 sowie Regain liefern entsprechende Zahlen. Letztere zeigt über einen Zeitraum von drei Monaten bei Patienten, die mit 120 mg beziehungsweise 240 mg behandelt wurden, eine durchschnittliche Reduktion um 4,7 Tage beziehungsweise 4,6 Tage. Unter Placebo waren es zum Vergleich 2,8 Tage. Die Phase-III-Studie Promise 1 zu Eptinezumab zeigte eine Reduktion der monatlichen Migränetage um etwa vier Tage.
Galcanezumab (Emgality®) ist als subkutane Injektion zur Migräneprophylaxe bei Erwachsenen mit mindestens vier Migränetagen pro Monat zugelassen. Galcanezumab ist ein rekombinanter humanisierter monoklonaler IgG4-Antikörper, der in Ovarialzellen chinesischer Hamster (CHO) hergestellt wird. Er bindet an das Calcitonin-Gene-Related-Peptide (CGRP) und hindert dieses somit an der Aktivierung seines Rezeptors, der in der Pathophysiologie der Migräne eine zentrale Rolle spielt. Die empfohlene Dosis beträgt 120 mg Galcanezumab einmal monatlich, die Behandlung wird mit einer Initialdosis von 240 mg (zwei Injektionen zu je 120 mg am selben Tag) eingeleitet.
Langzeitdaten
Für Erenumab liegen erste Langzeitdaten vor. Die entsprechenden Daten einer Interimsanalyse nach 4,5 Jahren einer insgesamt fünf Jahre laufenden offenen Beobachtungsstudie wurden im Rahmen des 19. Kongresses der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft in Dublin, Irland, präsentiert. Demnach erreichten 77 Prozent der Patienten unter einer kontinuierlichen Einnahme des Antikörpers eine Reduktion der monatlichen Migränetage um mindestens 50 Prozent. Bei mehr als der Hälfte der Patienten (56 Prozent) nahmen die monatlichen Migränetage um 75 Prozent ab. 33 Prozent erzielten nach 4,5 Jahren eine Reduktion der monatlichen Migränetage um 100 Prozent.
Mögliche Nebenwirkungen
Wie die meisten Medikamente kann auch die Migräne-Spritze Nebenwirkungen haben. Viele Beschwerden sind eher mild und vorübergehend. Dazu zählen beispielsweise:
- Reaktionen an der Einstichstelle: Rötungen, Schwellungen, Juckreiz oder Schmerzen direkt nach der Injektion.
- Müdigkeit oder Erschöpfung: Vor allem in den ersten Tagen nach der Anwendung kann ein allgemeines Schwächegefühl auftreten.
- Verstopfung: Einige Wirkstoffe (z. B. Erenumab) stehen mit einer veränderten Darmtätigkeit in Zusammenhang.
- Muskel- oder Gliederschmerzen: Diese Beschwerden können gelegentlich auftreten, sind aber meist nur leicht ausgeprägt.
- Allergische Reaktionen: In sehr seltenen Fällen kann es zu allergischen Reaktionen kommen, etwa mit Hautausschlag, Juckreiz oder Atembeschwerden.
Relevant sind bei allen monoklonalen Antikörpern Obstipationen, die selten schwerwiegend sein können. Unter Fremanezumab kam es zudem noch zu Blasenentzündungen, unter Galcanezumab zu Schwindel.
In den Zulassungsstudien wurden schwerwiegende kardiovaskuläre unerwünschte Arzneimittelereignisse bei insgesamt sieben Patienten berichtet: akute Myokardinfarkte, Lungenembolie, TIA und instabile Angina pectoris.
Lesen Sie auch: Migräne als Risikofaktor für Demenz?
Warnhinweise und Gegenanzeigen
Auch wenn das Nebenwirkungsprofil der Antikörper bislang gut aussieht, schränken die Leitlinien-Experten den Einsatz der Migräne-Antikörper vorsichtshalber ein. Patienten mit symptomatischer koronarer Herzerkrankung, ischämischem Insult, Subarachnoidalblutung, peripherer arterieller Verschlusskrankheit (PAVK), COPD (chronisch obstruktive Lungenerkrankung), pulmonaler Hypertension (Bluthochdruck im Lungenkreislauf) oder Morbus Raynaud und Transplantationsempfänger sollten keine Migräne-Antikörper erhalten.
Auch in Schwangerschaft und Stillzeit dürfen Erenumab und Co. nicht angewendet werden. Die Leitlinie begründet diesen Rat damit, dass Antikörper ab Tag 90 der Schwangerschaft die Plazenta über einen aktiven Transportmechanismus überqueren, weswegen sie mit Eintritt der Schwangerschaft abgesetzt werden sollen. Unter Antikörpertherapie sollten Frauen auf eine sichere Verhütung achten.
Für Kinder und Jugendliche gibt es bisher keine Informationen zur Verträglichkeit und Sicherheit. Patienten mit Autoimmunerkrankungen waren ausgeschlossen. Bis auf weiteres sollten Migräne-Antikörper folglich auch nicht bei Patienten mit entzündlichen Darmerkrankungen oder Wundheilungsstörungen eingesetzt werden.
Die Migräne-Spritze sollte nicht verwendet werden bei:
- Allergie gegen einen Inhaltsstoff
- Schwangerschaft
- Stillzeit
- Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren
- Bestimmte Vorerkrankungen (schwerwiegende Herz-Kreislauf-Erkrankungen)
Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten
Die Spritze gegen Migräne zeigt bislang kaum Wechselwirkungen mit gleichzeitig eingenommenen anderen Medikamenten. Das liegt daran, dass der Körper die Wirkstoffe der Migräne-Spritze nicht über die Leber verstoffwechselt, so wie es bei vielen Arzneimitteln der Fall ist.
Wirtschaftlichkeit und Kostenübernahme
Die Migräne-Spritze kostet je nach Präparat zwischen 250 und 500 Euro pro Stück. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten für eine Migräne-Spritze, wenn mindestens vier Migräne-Tage pro Monat vorliegen und andere vorbeugende Therapien nicht ausreichend geholfen haben oder nicht vertragen wurden.
tags: #migrane #spritze #langzeitfolgen