Die Alzheimer-Krankheit, benannt nach Alois Alzheimer, ist heute eine der bekanntesten neurodegenerativen Erkrankungen. Doch wie wurde mit Menschen umgegangen, die ähnliche Symptome im Mittelalter zeigten? Dieser Artikel beleuchtet die historische Entwicklung des Verständnisses von Demenz, insbesondere im Mittelalter, und vergleicht sie mit modernen Erkenntnissen.
Der Fall Auguste Deter und die Anfänge der Alzheimer-Forschung
Alois Alzheimer behandelte 1901 in der Städtischen Anstalt für Irre und Epileptische in Frankfurt die 51-jährige Patientin Auguste Deter. Sie litt unter Gedächtnisverlust, Misstrauen, Aggressivität und Weinerlichkeit. Ihre Worte „Ich habe mich sozusagen verloren“ verdeutlichen ihr tiefes Gefühl des Verlustes. Alzheimer vermutete biologische Ursachen für ihren geistigen Verfall und untersuchte nach ihrem Tod 1906 ihr Gehirn.
Seine Entdeckung veröffentlichte er 1907 in der Schrift „Über eine eigenartige Erkrankung der Hirnrinde“. Obwohl damals bereits ein Krankheitsbild namens „Altersblödsinn“ bekannt war, war Auguste Deter erst 56 Jahre alt, als sie starb, was Alzheimer zu seiner Annahme veranlasste, dass es sich um eine andere Krankheit handelte.
Alois Alzheimer: Ein Pionier der Hirnforschung
Alois Alzheimer wurde am 14. Juni 1864 in Marktbreit geboren und studierte Medizin in Würzburg und Tübingen. Er arbeitete ab 1888 als Assistenzarzt in Frankfurt, später in Heidelberg und München. Nach dem Tod von Auguste Deter untersuchte er ihr Gehirn und präsentierte seine Forschungsergebnisse 1911 auf der 37. Versammlung der Südwestdeutschen Irrenärzte in Tübingen.
Zu seiner Enttäuschung wurden seine Erkenntnisse zunächst nicht ernst genommen, da man damals „Altersblödsinn“ auf einen unzüchtigen Lebenswandel zurückführte und nicht auf biologische Ursachen. Erst 1910 nahm sein Vorgesetzter Dr. Emil Kraepelin die Krankengeschichte von Auguste Deter in einem Lehrbuch auf und nannte sie die „Alzheimersche Krankheit“.
Lesen Sie auch: Informationen für Alzheimer-Patienten und Angehörige
Meilensteine der Alzheimer-Forschung
Die von Alois Alzheimer entdeckten Veränderungen im Gehirn von Auguste Deter bilden bis heute die Grundlage der aktuellen Alzheimer-Forschung. Seit dieser ersten Beschreibung hat sich das Verständnis der Krankheit stetig vertieft.
- 1976: Robert Katzman identifiziert die Alzheimer-Krankheit als die mit 60 Prozent am weitesten verbreitete Demenzerkrankung.
- 1984: George Glenner und Caine Wong veröffentlichen Ergebnisse, wonach ein Peptid namens Beta-Amyloid Hauptbestandteil der Plaques ist.
- 1986: Inge Grundke-Iqbal und Kollegen finden heraus, dass ein Protein namens „Tau“ Bestandteil der Neurofibrillen ist.
Die Beta-Amyloid- und Tau-Hypothesen
Die Forschung konzentriert sich seitdem auf die Rolle von Beta-Amyloid und Tau-Proteinen bei der Entstehung der Alzheimer-Krankheit. Die Beta-Amyloid-Hypothese besagt, dass die Verklumpung von Beta-Amyloid-Peptiden zu Plaques Nervenzellen und Synapsen schädigt. Die Tau-Hypothese besagt, dass Veränderungen im Tau-Protein zur Instabilität der Mikrotubuli führen und somit den Transport in den Nervenzellen beeinträchtigen.
Heute geht man davon aus, dass beide Faktoren eine Rolle spielen, wobei Beta-Amyloid möglicherweise der Auslöser ist und Tau am Absterben der Neuronen beteiligt ist.
Ursachen und Risikofaktoren
Mittlerweile sind viele mögliche Ursachen für die Alzheimer-Krankheit bekannt. Neben genetischen Faktoren spielen auch Umweltfaktoren und Lebensstil eine Rolle.
- Alter: Das Altern ist der wichtigste Risikofaktor.
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Hoher Blutdruck und Übergewicht können zu Gefäßschädigungen und einer verminderten Durchblutung des Gehirns führen.
- Entzündungsprozesse: Entzündungen im Gehirn können ebenfalls zur Entstehung der Alzheimer-Krankheit beitragen.
- Genetische Risikofaktoren: Bestimmte genetische Variationen erhöhen das Risiko, an Alzheimer zu erkranken.
Von der Randerscheinung zum globalen Problem
In über 100 Jahren hat sich die Alzheimer-Krankheit von einem Randphänomen zu einem weltweiten Gesellschaftsproblem entwickelt. Der demografische Wandel führt zu einer Zunahme der Patientenzahlen, was die Gesundheitssysteme vor große Herausforderungen stellt.
Lesen Sie auch: Kinder-Alzheimer: Ein umfassender Überblick
Diagnostik und Therapie
Dank Fortschritten in der Forschung gibt es heute bessere Möglichkeiten zur Diagnose der Alzheimer-Krankheit. Bildgebende Verfahren wie MRT und PET können abgelagertes Amyloid sichtbar machen.
Es gibt zwar noch keine ursächliche Behandlung, aber Therapien und Medikamente können den Krankheitsverlauf verzögern und die Lebensqualität der Erkrankten verbessern. Antidementiva können die geistige Leistungsfähigkeit verbessern und Begleiterkrankungen können behandelt werden, um die kognitive Leistungsfähigkeit zusätzlich zu unterstützen.
Prävention
Eine gute Prävention ist wichtig, um das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, zu verringern. Dazu gehören:
- Gehirnaktivierung: Das Gehirn sollte durch geistige Aktivitäten angeregt werden.
- Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung kann das Gehirn unterstützen.
- Körperliche Aktivität: Regelmäßige Bewegung fördert die Durchblutung des Gehirns.
Die Situation im Mittelalter
Wie aber sah es im Mittelalter aus? Die Menschen im Mittelalter hatten kein Verständnis von den biologischen Prozessen, die der Alzheimer-Krankheit zugrunde liegen. Verwirrtheit und Gedächtnisverlust im Alter wurden oft als Strafe Gottes, Zeichen von Besessenheit oder als natürliche Folge des Alterns interpretiert.
Religiöse und volkstümliche Erklärungen
Im Mittelalter waren medizinische, religiöse und volkstümliche Erklärungen eng miteinander verbunden. Menschen mit Demenz wurden oft gemieden oder sogar ausgestoßen, anstatt Fürsorge zu erhalten. Alte, verwirrte Frauen wurden nicht selten zu Außenseiterinnen und manchmal sogar verfolgt.
Lesen Sie auch: Alzheimer und Demenz im Vergleich
Mangelnde medizinische Kenntnisse
Es gab im Mittelalter keine systematische medizinische Erforschung von Geisteskrankheiten. Erst in der Renaissance kam es zu ersten Ansätzen einer Klassifikation geistiger Erkrankungen, etwa durch Felix Platter, der Demenz als „Verblödung“ bezeichnete und sie von angeborener geistiger Behinderung unterschied.
Versorgungslage
Die Versorgungslage für Menschen mit Demenz war im Mittelalter prekär. Sie wurden oft in Armenhäusern oder Gefängnissen untergebracht, zusammen mit Kriminellen und psychisch Kranken. Eine gezielte Behandlung oder Pflege gab es nicht.
Kulturelle Unterschiede
Es ist wichtig zu betonen, dass der Umgang mit Demenz auch von kulturellen Faktoren beeinflusst wird. In einigen Kulturen werden ältere Menschen mit Demenz stärker in die Familie integriert und erhalten mehr Unterstützung als in anderen.
Traditionelle chinesische Medizin
Bereits vor über 2000 Jahren erkannte die chinesische Medizin Erscheinungen von Gedächtnisschwund und Desorientierung im Alter. Demenz galt als behandelbar, und es wurden Kräuter und Akupunktur eingesetzt, um den Verfall zu bremsen.
Japanische Kultur
In Japan gab es bis ins 20. Jahrhundert den volkstümlichen Begriff „boke“ für altersbedingte Vergeßlichkeit. In ländlichen Regionen wird altersbedingte Verwirrung nicht rein medizinisch interpretiert, sondern als kulturell vertrauter Zustand verstanden, in dem ein alter Mensch allmählich in eine andere soziale Rolle übergeht.
tags: #alzheimer #im #mittelalterlichen #kloster