Fernsehen ist für viele Menschen ein fester Bestandteil ihres Lebens. Für Angehörige von Alzheimer-Patienten stellt sich jedoch oft die Frage, ob und wie lange Fernsehen eine geeignete Beschäftigung für ihre Lieben ist. Wenn Betroffene Schwierigkeiten haben, selbst auszuwählen, was sie sehen möchten, und ihre kognitiven Beeinträchtigungen den Alltag stark beeinflussen, ist es wichtig, einige Aspekte zu berücksichtigen.
Gewohnheiten und Routinen beibehalten
Solange sich Betroffene beim Fernsehen wohlfühlen, gibt es keinen Grund zur Sorge. Routinen und Gewohnheiten sind für alle Menschen wichtig, besonders aber für Menschen mit Demenz, da sie in einer sich verändernden und schwer zu interpretierenden Welt zusätzliche Sicherheit bieten. Vielfach wird berichtet, dass Betroffene die Gewohnheit des Zeitungslesens beibehalten, obwohl die Inhalte möglicherweise nicht mehr im eigentlichen Sinne verstanden werden.
Wahrnehmung und Realitätsunterscheidung
Im fortgeschrittenen Stadium der Demenz können die Wahrnehmung und Interpretation von Ereignissen beeinträchtigt sein. Betroffene haben möglicherweise Schwierigkeiten, das, was sie im Fernsehen sehen, von der Realität zu unterscheiden. Dies kann dazu führen, dass aufregende Filme oder Nachrichten, wie Kriege oder Katastrophen, erhebliche Unruhe auslösen. Aber auch weniger aufregende Themen können Unruhe verursachen, beispielsweise wenn Betroffenen unklar ist, ob eine Band nur im Fernsehen spielt oder sich tatsächlich im Raum befindet.
Auswahl geeigneter Sendungen
Um Unruhe und Überforderung zu vermeiden, sollten Sie Sendungen gemeinsam auswählen, die thematisch an Vorlieben und frühere Sehgewohnheiten anknüpfen. Ruhigere Formate wie Tierfilme oder Dokumentationen sind oft besser geeignet. Achten Sie auch auf die Länge der Sendung und beobachten Sie, ob Unruhe auftritt. Sendungen mit wenigen oder ohne Werbeunterbrechungen sind ebenfalls zu bevorzugen, da Betroffene Schwierigkeiten haben können, die Unterbrechung als solche zu erkennen und die Konzentration aufrechtzuerhalten.
Signale der Überforderung erkennen
Gerade wenn die Fähigkeit zur verbalen Kommunikation stark eingeschränkt ist, können Betroffene dazu neigen, eine Situation, die sie überfordert, ohne Vorwarnung verlassen zu wollen. Wenn Ihr Angehöriger mit Demenz während der TV-Sendung aufsteht und den Raum verlässt, kann dies ein Zeichen dafür sein, dass es Zeit ist, abzuschalten. Ihn immer wieder zum Fernsehsessel zurückzuführen, weil die Sendung noch nicht vorbei ist, ist kontraproduktiv.
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Die Auswirkungen von Fernsehen auf das verbale Gedächtnis
Eine Studie aus Großbritannien hat gezeigt, dass ein hoher Fernsehkonsum von täglich mehr als 3,5 Stunden bei über 50-Jährigen zu einem Abbau des verbalen Gedächtnisses führen kann. Das verbale Gedächtnis ist dafür zuständig, sprachliche Botschaften zu erfassen und zu verarbeiten. Es ist somit zentral wichtig für die Aufnahme und das Verwenden von Informationen, die uns in Worten übermittelt werden. Die Studie zeigte, dass dieser Abbau nicht nur mit Bewegungsmangel zusammenhängt. Interessanterweise war aber nur das verbale Gedächtnis vom TV-Konsum-bedingen Abbau betroffen, nicht die Wortflüssigkeit.
Studienergebnisse im Detail
Die Studie umfasste 3.590 Teilnehmer über 50 Jahre ohne Demenz. Nach sechs Jahren wurden ihre kognitiven Fähigkeiten und Fernsehgewohnheiten untersucht. Es zeigte sich ein dosisabhängiger Effekt: Je mehr TV ein Teilnehmer schaute, desto mehr hatte das verbale Gedächtnis im Vergleich zum Ausgangswert abgebaut. Die kritische Schwelle lag bei 3,5 Stunden Fernsehkonsum pro Tag. Dieses Ergebnis blieb auch nach Berücksichtigung von Einflussfaktoren wie demographischen Größen und gesundheitlichen Daten bestehen.
Die Forscher korrigierten die Befunde auch gegen das Sitzen, also den Bewegungsmangel von Menschen, die viel Fernsehen schauen - und selbst dann blieb das Ergebnis robust. Der Abbau des verbalen Gedächtnisses kann also nicht allein mit Bewegungsmangel erklärt werden.
TV-bedingte Demenz?
Prof. Dr. med. Gereon R. Fink, Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN), erklärt: „Verschiedene Studien hatten die These aufgestellt, dass viel TV das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, fördern könnte. Alzheimer-Patienten haben aber auch kognitive Defizite jenseits des verbalen Gedächtnisverlustes. Dennoch sind diese Studienergebnisse beunruhigend, da sich möglicherweise eine ganz eigene Krankheitsentität, die TV-bedingte Demenz, entwickelt“.
Tipps für den Umgang mit Fernsehen bei Demenz
- Wissen über die Krankheit: Wissen über die Krankheit verleiht Sicherheit im Zusammenleben und im Umgang mit den Erkrankten.
- Bedürfnisse und Wünsche berücksichtigen: Die Angehörigen sollten lernen, die Bedürfnisse und Wünsche der Betroffenen, aber auch deren ganz eigene Sicht der Realität wahrzunehmen und zu berücksichtigen.
- Eigenständigkeit fördern: Eigenständigkeit ist eine Wurzel von Selbstachtung, Sicherheit und Lebenszufriedenheit bei Gesunden wie bei Kranken. Deshalb sollte man den Erkrankten nicht alle Aufgaben abnehmen, nur weil sie ihnen schwerer fallen als früher oder sie weniger gut ausgeführt werden.
- Gleichbleibender Tagesablauf: Ein gleichbleibender, überschaubarer Tagesablauf, helles Licht und die Beleuchtung wichtiger Wege in der Nacht erleichtern es den Kranken, sich zurecht zu finden.
- Sinneseindrücke reduzieren: Bestimmte Sinneseindrücke können von Menschen mit Demenz verkannt werden und zu Verwirrung führen (z. B. laufender Fernseher, Musik und Stimmen aus dem Radio oder das eigene Spiegelbild). Versuchen Sie diese dann zu vermeiden.
- Besuch ankündigen: Wenn Besuch kommt oder Ihnen unterwegs ein Bekannter begegnet, weisen Sie vorher darauf hin: „Ach, da kommt ja Frau Soundso“, „…dein Bruder Karl“ usw.
- Ursachen von Verhaltensweisen verstehen: Viele Verhaltensweisen von Menschen mit Demenz, die Pflegende vor Herausforderung stellen, sind Reaktionen, die man aus der Krankheit heraus verstehen und nachvollziehen kann: Rat- und Orientierungslosigkeit können zu Ängstlichkeit, Anhänglichkeit und zum ständigen Wiederholen von Fragen führen. Aggressivität und Wutausbrüche können aus Frustration oder Überforderung entstehen, Depression und Rückzug aus einem Mangel an Aktivität und Ermunterung.
- Ruhig bleiben und auf Gefühle eingehen: Um mit anstrengenden und problematischen Verhaltensweisen umzugehen, ist es hilfreich, ruhig zu bleiben und auf den Gefühlszustand des erkrankten Menschen einzugehen.
- Ablenkung bei Aggressivität: Bemühen Sie sich herauszufinden, was der Auslöser für das aggressive Verhalten war, um solche Situationen in Zukunft möglichst zu vermeiden. Versuchen Sie gelassen zu bleiben und die Vorwürfe oder das Verhalten der erkrankten Person nicht auf sich zu beziehen. Dieses Verhalten wird durch die Krankheit ausgelöst. Versuchen Sie in der akuten Situation die bzw. den Kranken abzulenken, wechseln Sie das Thema.
- Ursachen von Unruhe erkennen: Menschen mit Demenz sind oft unruhig und laufen immer wieder die gleiche Strecke auf und ab. Daran sollte man sie nicht hindern. Sie können aber versuchen herauszufinden, was dieses Verhalten verursacht: Vielleicht tut der bzw. dem Kranken etwas weh oder ihn beschäftigt gerade etwas.
- Gespräche über die Vergangenheit: Demenzerkrankte leben in einer anderen Welt. So kann es sein, dass eine 85-Jährige das Gefühl hat, schnell nach Hause zu müssen, weil die Mutter mit dem Essen wartet. Die Antwort, dass die Mutter doch schon lange tot ist und dass Sie auch gerade gegessen haben, hilft in einer solchen Situation nicht weiter. Günstiger ist es, dann ein Gespräch darüber anzufangen („Was macht deine Mutter denn, wenn du zu spät kommst?“ oder „Deine Mutter kocht wohl sehr gut?“).
- Angst und Unbehagen reduzieren: Unruhe kann auch Ausdruck von Ängstlichkeit oder Unbehagen sein, denen Sie mit folgenden Maßnahmen begegnen können: Gestalten Sie die Umgebung ruhig. Bleiben Sie ruhig und sprechen Sie sanft. Beruhigen Sie die erkrankte Person, halten Sie Körperkontakt und reagieren Sie auf die Gefühle, die sie ausdrückt. Schaffen Sie eine entspannte Atmosphäre. Gut beleuchtete Ecken verhindern Angst erzeugende Schatten. Schaffen Sie Zeiten der Ruhe und Entspannung.
- Körperkontakt: Menschen mit Demenz mögen meistens Körperkontakt. Eine Massage der Hände mit einem wohlriechenden Lieblingsöl beruhigt.
- Stärken und Vorlieben berücksichtigen: Finden Sie die Stärken und Vorlieben der oder des Kranken heraus. Suchen Sie zum Beispiel nach Spielen, Liedern, und Beschäftigungen, die aus der Vergangenheit bekannt sind, aber berücksichtigen Sie auch die berufliche Biografie. Üben sie die Lieblingsbeschäftigungen ruhig öfter.
- Alltagsaktivitäten einbeziehen: Menschen mit Demenz fühlen sich zugehörig und nützlich, wenn sie den Tisch mit decken, Kartoffeln schälen oder sich anders an der täglichen Arbeit beteiligen.
- Gemeinsame Aktivitäten: Gemeinsames Singen und Spielen, Musizieren und Tanzen oder andere Bewegungsübungen können Spaß machen. Körperliche Bewegung regt den Kreislauf an, hebt die Stimmung und verbessert die Mobilität; auch Spaziergänge tun gut.
- Fotoalben: Sie können gemeinsam alte Fotos ansehen, nachdem Sie möglichst sichergestellt haben, dass sie aus guten Zeiten stammen. Kommentieren Sie aktuellere Fotos. Damit verhindern Sie bei Ihrem erkrankten Familienmitglied das ungute Gefühl etwas nicht mehr zu wissen. Schreiben Sie Namen, Daten und vielleicht den Anlass zu den Fotos.
Spezielle Filme für Menschen mit Demenz
Menschen mit Demenz haben im Verlauf ihrer Erkrankung zunehmend Schwierigkeiten, dem herkömmlichen Fernsehprogramm und Spielfilmen zu folgen. Das Tempo ist in aller Regel hoch, zu viele Informationen, schnelle Schnitte und lange Dialoge überfordern die Betroffenen. Zudem kann es passieren, dass nicht mehr zwischen Realität und Fiktion unterschieden werden kann, also das Geschehen im Fernsehen als Wirklichkeit erlebt und oftmals als bedrohlich empfunden wird.
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Auf diesem Hintergrund entstehen nun erste Filme, die versuchen, dieser Situation gerecht zu werden. In ruhigen, klaren Bildern sollen Szenen gezeigt werden, die den Betrachter nicht mit zu vielen akustischen und optischen Informationen und Reizen überfluten. Die Handlung soll für den Menschen mit Demenz möglichst einen Wiedererkennungswert haben, dabei jedoch positive Gefühle auslösen. Sie richten sich jedoch vor allem an Menschen mit einer weiter fortgeschrittenen Demenz.
Geeignete Formate und Inhalte
- Filme aus dem Alltag: Alltagsbilder, die mit dem eigenen Leben und Erleben zu tun haben, bringen die Möglichkeit mit, dass sich die Menschen erinnern oder emotional angesprochen werden.
- Musiksendungen mit bekannten Liedern: Volksmusik, Schlager oder Operetten können Erinnerungen wecken.
- Alte Spielfilme oder Serien aus früheren Jahrzehnten: Geschichten aus der Jugend oder dem jungen Erwachsenenalter schaffen Vertrautheit.
- Filme ohne Werbung oder abrupte Themenwechsel: Kontinuität und Ruhe sind entscheidend.
Rahmenbedingungen anpassen
- Kurze Einheiten: 15 bis 30 Minuten reichen oft aus.
- Gemeinsam schauen und reagieren: Ob zu Hause oder im Pflegeheim - Fernsehen wirkt besser, wenn jemand dabei ist, der Reaktionen wahrnimmt, Fragen beantwortet und für Ruhe sorgt.
- Biografisch relevante Themen: Viele Filme greifen vertraute Alltagssituationen oder Erinnerungen auf, die den Betroffenen ein Gefühl von Nähe vermitteln.
Alternativen zum Fernsehen
Weniger (TV-)Konsum, mehr geistige und soziale Aktivität! Für die, die geistig fit bleiben wollen, gilt daher die Devise: Weniger (TV-)Konsum, mehr geistige und soziale Aktivität!
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