Die Alzheimer-Krankheit, Nahtoderfahrungen (NTE) und die terminale Geistesklarheit sind faszinierende Forschungsgebiete, die tiefgreifende Fragen über das menschliche Bewusstsein, das Leben und den Tod aufwerfen. Dieser Artikel beleuchtet die neuesten Erkenntnisse und Forschungsergebnisse zu diesen Themen.
Terminale Geistesklarheit: Ein Lichtblick in den letzten Tagen?
Ein weit verbreitetes Sprichwort besagt: „Mit dem Tod eines Menschen stirbt eine ganze Welt“. Doch im Umfeld des Sterbens geschieht gelegentlich Unerwartetes. Die sogenannte "terminale Geistesklarheit" beschreibt das Phänomen, dass Menschen mit schweren neurologischen Erkrankungen, wie Demenz, kurz vor ihrem Tod eine unerwartete Rückkehr kognitiver Fähigkeiten erleben. Sie gewinnen ihr Erinnerungs- und Kommunikationsvermögen wieder.
Die Forschung von Prof. Alexander Batthyány
Prof. Alexander Batthyány, Direktor des Viktor-Frankl-Forschungsinstituts in Budapest, hat sich intensiv mit diesem Phänomen auseinandergesetzt. Sein Interesse wurde durch ein prägendes Telefonat mit seiner an Demenz erkrankten Großmutter geweckt. Kurz vor ihrem Tod sprach sie klar und orientiert mit ihm, erinnerte sich an gemeinsame Erlebnisse und bedankte sich für die Freude, die sie einander bereitet hatten.
Batthyány führte die erste groß angelegte internationale Studie zur terminalen Geistesklarheit durch. Ihm und seinem Team liegen inzwischen über 400 Berichte von Pflegekräften, Hospizmitarbeitern und Angehörigen vor. Die Fallgeschichten stammen von Patient*innen mit Demenz, Hirntumoren, Schädel-Hirn-Traumata und kognitiven Beeinträchtigungen nach Schlaganfällen.
Batthyány präsentiert in seinem Sachbuch "Das Licht der letzten Tage" einen verständlichen Überblick über neueste Ergebnisse und Fallstudien aus der Nahtodforschung. Er wirft ein neues Licht auf den Geist, den Körper und die Natur des Bewusstseins und bietet Einblicke in die menschliche Erfahrung an der Schwelle des Todes.
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Nahtoderfahrungen: Ein Blick ins Jenseits oder ein Produkt des Gehirns?
Sogenannte Nahtoderfahrungen (NTE) werden von einigen Menschen als Beweis für ein Leben nach dem Tod gewertet. Andere betrachten sie als das Ergebnis hirnphysiologischer Prozesse. Menschen, die für kurze Zeit klinisch tot oder dem Tod sehr nahe waren, berichten von ähnlichen Erlebnissen:
- Ihr gesamtes Leben läuft in wenigen Sekunden vor ihnen ab.
- Sie sehen ein helles Licht und ihnen vertraute Verstorbene.
- Sie schweben über ihrem sterbenden Körper.
Hirnaktivität im Angesicht des Todes
Ein Blick in die Hirnaktivität sterbender Menschen wäre ideal, um das Phänomen zu klären, ist aber aus ethischen Gründen problematisch. Jüngst ergab sich jedoch ein solcher Blick als Nebenprodukt einer medizinischen Behandlung.
Dr. Raul Vicente von der Universität Tartu (Estland) und seine Kollegen setzten bei einem 87-jährigen Epilepsiepatienten eine kontinuierliche Elektroenzephalographie (EEG) ein. Während dieser Aufzeichnungen erlitt der Patient einen Herzinfarkt und verstarb. Die Forscher maßen rund 900 Sekunden Gehirnaktivität um den Todeszeitpunkt und konzentrierten sich auf die 30 Sekunden vor und nach dem Herzstillstand.
Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass das Gehirn kurz vor dem Tod Erinnerungsereignisse abruft und intensive Erlebnisse produziert. Gehirnoszillationen oder Gehirnwellen sind Muster rhythmischer Gehirnaktivität, die in lebenden menschlichen Gehirnen vorkommen.
Die Häufigkeit von Nahtoderfahrungen
Nahtoderfahrungen sind häufiger als angenommen. Bis zu zehn Prozent der Gesamtbevölkerung dürften irgendwann davon betroffen sein. Eine Studie ergab, dass Nahtoderfahrungen nicht nur in tatsächlich gefährlichen Situationen auftreten, sondern auch ohne krisenhaftes Ereignis.
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Die häufigsten Symptome sind:
- Verzerrte Zeitwahrnehmung (87 %)
- Ungewöhnlich beschleunigte Gedanken (65 %)
- Ungewöhnlich empfindliche Sinne (63 %)
- Das Gefühl, den Körper zu verlassen (53 %)
Viele Befragte sahen ihr Leben wie im Film vorüberziehen, waren in einem schwarzen Tunnel in Richtung Licht unterwegs oder hörten Engel singen. Allerdings wurden auch beunruhigende Erfahrungen angegeben, wie vollständige Bewegungsunfähigkeit, verbunden mit dem Gefühl, ein Dämon säße auf der Brust.
Erklärungsansätze für Nahtoderfahrungen
Ein möglicher Erklärungsansatz ist das Auftreten bestimmter Charakteristika des REM-Schlafes im Wachzustand ("REM intrusion"). Dieses Phänomen könnte einen Teil der beschriebenen Erfahrungen erklären, zumal es bei fast der Hälfte der Personen mit bestätigten Nahtoderfahrungen vorlag.
Alzheimer-Forschung: Fortschritte und Herausforderungen
Die Alzheimer-Krankheit ist eine neurodegenerative Erkrankung, die durch Gedächtnisverlust und kognitive Beeinträchtigungen gekennzeichnet ist. Die Forschung konzentriert sich auf das Verständnis der Ursachen und die Entwicklung von Therapien, um den Verlauf der Krankheit zu verlangsamen oder aufzuhalten.
Die Amyloid-Hypothese
Die Amyloid-Hypothese besagt, dass die Akkumulation des Peptids Amyloid-β zur Bildung von Plaques und in weiterer Folge zu neurodegenerativen Prozessen führt. Allerdings brachten gegen Amyloid gerichtete Therapieversuche in klinischen Studien nicht die erhofften Erfolge.
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Bart De Strooper, Direktor des Londoner UK Dementia Research Institute, betont, dass die frustrierenden Ergebnisse klinischer Studien durch den sehr späten Zeitpunkt der Behandlung erklärbar sind. Die Alzheimererkrankung entwickle sich über Jahrzehnte und der Fokus auf die späten, klinisch manifesten Stadien stehe der Entwicklung wirksamer Therapien im Wege.
Weitere Forschungsansätze
Aktuelle Grundlagenforschung spricht für eine entscheidende Rolle der Mikroglia in der präklinischen Phase der Erkrankung. Auch die neuronalen Hintergründe zeitlicher und räumlicher Orientierung sowie die Veränderungen der verantwortlichen Systeme im Rahmen von Demenzerkrankungen werden erforscht.
Edvard Moser von der Universität Trondheim erläuterte die Rolle von Rasterzellen ("grid cells") im Gehirn, die auch als GPS-System des Gehirns bezeichnet werden. Sie generieren hexagonale Raster, die unsere räumliche Umwelt beschreiben und Informationen zu Distanzen und Richtungen liefern.
Prävention und Lebensstil
Eine Studie hat gezeigt, dass ein gesunder Lebensstil das Risiko einer Alzheimer-Erkrankung senken kann, selbst wenn bereits erste Anzeichen von Proteinablagerungen im Gehirn vorhanden sind.
Die Forscher analysierten die Daten von 586 Personen und bewerteten, wie gesund der Lebensstil der Teilnehmer war. Je gesünder die Probanden lebten, desto besser war auch ihre Kognition. Selbst wenn im Zuge der Autopsie bereits Proteinablagerungen im Hirn festgestellt wurden, beeinträchtigten diese nicht den starken Zusammenhang zwischen der Lebensweise und der Kognition.
Ein gesunder Lebensstil kann älteren Menschen eine kognitive Reserve bieten, um die kognitiven Fähigkeiten unabhängig von den üblichen krankhaften Veränderungen des Gehirns bei Demenz beizubehalten.
Stress, Kindheit und Demenz: Gibt es einen Zusammenhang?
Es gibt Hinweise darauf, dass lang anhaltender Stress in der Kindheit im weiteren Verlauf des Lebens die Stresszentren in dauernder Alarmbereitschaft hält. Menschen mit ungünstigen frühen Beziehungserfahrungen sind für alle möglichen Krankheiten viel anfälliger als andere, die unter günstigeren Bedingungen aufwachsen konnten.
Bruno Bettelheim führte Interviews mit Überlebenden des Holocaust und fand heraus, dass diejenigen, die zuverlässige, tragfähige Bindungserfahrungen mit ihren Eltern gemacht hatten, in der Lage waren, den Horror hinter sich zu lassen und positiv die Zukunft neu zu gestalten. Diejenigen, denen eine solche Kindheit nicht geschenkt worden war, entwickelten psychische Störungen und kamen nie wieder ganz zurecht in ihrem Leben.
Wiederbelebung und das Verständnis vom Tod
Die Erkenntnisse von Peter Safar, der 1957 beschrieb, wie man jemanden nach einem Herzstillstand wiederbeleben kann, stießen einen fundamentalen Wandel in unserem Verständnis vom Tod an. An der Grenze zwischen Leben und Tod war plötzlich ein Übergang. Mediziner wie Laien begannen zu begreifen, dass der Tod kein Moment ist, sondern ein Prozess, der sich aufhalten und sogar rückgängig machen lässt.