Die Alzheimer-Krankheit ist eine fortschreitende neurodegenerative Erkrankung, die durch Gedächtnisverlust, kognitive Beeinträchtigungen und Verhaltensänderungen gekennzeichnet ist. Obwohl es derzeit keine Heilung für Alzheimer gibt, stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung, die den Krankheitsverlauf verlangsamen und die Symptome lindern können. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die verfügbaren Alzheimer-Medikamente, ihre Wirkstoffe, Anwendungsbereiche und aktuellen Entwicklungen.
Neue Hoffnung: Antikörper-Medikamente gegen Amyloid-Plaques
Ein vielversprechender Ansatz in der Alzheimer-Therapie sind Antikörper-Medikamente, die direkt an einer der möglichen Krankheitsursachen ansetzen: schädliche Proteinablagerungen im Gehirn, sogenannte Amyloid-Plaques. Diese Medikamente zielen darauf ab, die Amyloid-Plaques zu reduzieren oder zu entfernen, um so den Krankheitsverlauf zu verlangsamen.
Lecanemab (Leqembi): Der erste Alzheimer-Antikörper in der EU
Lecanemab (Handelsname Leqembi) war das erste in der EU zugelassene Antikörper-Medikament zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit. Es wurde am 15. April 2025 von der EU-Kommission für eine genau umrissene Gruppe von Patientinnen und Patienten mit Alzheimer im Frühstadium zugelassen. Seit dem 25. August 2025 ist Leqembi in Österreich erhältlich, in Deutschland ab dem 1. September.
Lecanemab ist ein Antikörper-Wirkstoff, der gezielt eine Vorstufe der für Alzheimer typischen Amyloid-beta-Protein-Plaques im Gehirn erkennt und bindet. Dadurch wird das körpereigene Immunsystem aktiviert und baut die Plaques ab beziehungsweise verhindert die Bildung neuer Plaques.
Wirkungsweise: Lecanemab reduziert schädliche Amyloid-beta-Ablagerungen im Gehirn. In der großen Phase-3-Studie CLARITY AD zeigte sich, dass die Erkrankung bei den Teilnehmenden, die Lecanemab erhielten, langsamer fortschritt als in der Placebo-Gruppe.
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Anwendungsbereich: Leqembi richtet sich ausschließlich an Menschen im frühen Alzheimer-Stadium, also bei leichter kognitiver Beeinträchtigung (MCI) oder beginnender Demenz. Vor Beginn der Behandlung sind ein Gentest sowie der Nachweis von Amyloid-Ablagerungen (Liquoruntersuchung oder PET-Scan) erforderlich.
Verabreichung: Leqembi wird alle zwei Wochen als Infusion (Tropf) direkt in die Vene verabreicht. Die Behandlung dauert jeweils etwa eine Stunde.
Nebenwirkungen und Sicherheitsvorkehrungen: In Studien traten bei einem Teil der Teilnehmenden Nebenwirkungen auf - darunter Hirnschwellungen (ARIA-E) und Hirnblutungen (ARIA-H). Diese waren in den meisten Fällen symptomlos, wurden aber engmaschig kontrolliert. Das Risiko für solche Nebenwirkungen hängt stark vom ApoE4-Gen ab: Menschen mit zwei Kopien dieses Gens sind besonders gefährdet und daher von der Behandlung ausgeschlossen. Vor Beginn der Therapie erhalten Patientinnen und Patienten sowie ihre behandelnden Ärztinnen und Ärzte ausführliche Informationen, um mögliche Nebenwirkungen frühzeitig zu erkennen und richtig einzuordnen. Zusätzlich ist die Teilnahme an einem EU-weiten Kontrollprogramm verpflichtend (Controlled Access Program, CAP).
Donanemab (Kisunla): Ein weiterer Hoffnungsträger
Nur wenige Wochen nach der EU-Zulassung von Lecanemab wurde mit Donanemab (Handelsname Kisunla) ein weiteres Alzheimer-Medikament in Deutschland verfügbar. Auch Donanemab richtet sich gegen ß-Amyloid-Plaques im Gehirn, wo es deren Abbau unterstützen soll.
Wirkungsweise: Studien mit Donanemab haben eindeutig eine Verlangsamung der Erkrankungsprogression gezeigt. Innerhalb von 18 Monaten sei ein Gewinn von vier bis sechs Monaten erreicht worden, so der Neurologe Jörg B. Schulz von der Universitätsklinik RWTH Aachen.
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Anwendungsbereich: Wie Lecanemab kommt auch Donanemab nur für einen vergleichsweise kleinen Teil der Alzheimer-Betroffenen für eine Behandlung infrage, nämlich für Patienten mit Alzheimer im Frühstadium - also in der Phase einer leichten kognitiven Störung oder beginnenden Demenz.
Verabreichung: Donanemab wird alle vier Wochen per Infusion verabreicht.
Risiken: Zu den Risiken von Donanemab zählen Veränderungen im Gehirn - etwa Ödeme oder Mikroblutungen. Laut Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), ist das Risiko unter Donanemab höher als bei Lecanemab. Zusätzlich habe sich gezeigt, dass bei beiden Substanzen die Wirksamkeit bei Frauen geringer ausfalle als bei Männern.
Antidementiva: Symptomlinderung und Erhalt der Selbstständigkeit
Antidementiva sind Medikamente, die den geistigen Abbau verlangsamen und die Selbstständigkeit länger erhalten können. Es gibt zwei Wirkstoffgruppen, die je nach Stadium der Erkrankung zur Anwendung kommen: Acetylcholinesterase-Hemmer und Glutamat-Antagonisten.
Acetylcholinesterase-Hemmer: Verbesserung der Signalübertragung im Gehirn
Diese Medikamente verbessern die Signalübertragung im Gehirn, indem sie den Abbau des Botenstoffs Acetylcholin hemmen. Sie kommen bei leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Demenz zum Einsatz. In Deutschland sind derzeit drei Cholinesterasehemmer auf dem Markt:
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- Donepezil (z. B. Aricept®): Donepezil wirkt als selektiver und reversibler Inhibitor der Acetylcholinesterase, einem Enzym, das für den Abbau des Neurotransmitters Acetylcholin im synaptischen Spalt verantwortlich ist. Durch die Hemmung dieses Enzyms erhöht Donepezil die Verfügbarkeit von Acetylcholin an cholinergen Synapsen, was zu einer verstärkten cholinergen Neurotransmission führt.
- Rivastigmin (z. B. Exelon®): Rivastigmin ist auch als Pflaster erhältlich, dessen Wirkstoff über die Haut in den Körper gelangt. Rivastigmin-Pflaster führen seltener zu Magen-Darm-Problemen als die Tabletten.
- Galantamin (z. B. Reminyl®)
Wirkungsweise: Cholinesterasehemmer können den Abbau der geistigen Leistungsfähigkeit leicht verzögern. Manche Menschen mit Demenz können sich dadurch Dinge etwas besser merken. Dies kann auch helfen, Alltagstätigkeiten wie Einkaufen oder Anziehen etwas länger selbst zu bewältigen.
Nebenwirkungen: Alle drei Substanzen können Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen, Schwindel oder Durchfall haben. Sie treten umso häufiger auf, je höher die Dosis ist.
Glutamat-Antagonisten: Schutz der Nervenzellen vor Überstimulation
Memantin wird bei mittelschwerer bis schwerer Alzheimer-Demenz verordnet. Es schützt Nervenzellen vor einer Überstimulation durch Glutamat, einen wichtigen Botenstoff im Gehirn.
Wirkungsweise: Memantin kann den Abbau geistiger Fähigkeiten bei manchen Menschen mit Demenz etwas verzögern. Es gibt auch Hinweise, dass mit Memantin alltagspraktische Fähigkeiten wie Zähneputzen, Anziehen oder das Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln etwas länger erhalten bleiben. Zudem deuten Studien an, dass es starke Unruhe verringern und die Stimmung verbessern kann.
Verträglichkeit: Memantin ist insgesamt gut verträglich.
Weitere Medikamente und Therapieansätze
Neben den genannten Medikamenten gibt es weitere Therapieansätze, die bei Alzheimer eingesetzt werden können:
- Ginkgo biloba: Der pflanzliche Wirkstoff Ginkgo biloba kann zur Unterstützung der kognitiven Funktionen eingesetzt werden. Laut der aktuellen S3-Leitlinie Demenzen gibt es Hinweise auf eine Wirksamkeit bei leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Demenz.
- Neuroleptika: Neuroleptika werden bei bestimmten Begleiterscheinungen der Alzheimer-Krankheit eingesetzt, wie z. B. herausfordernde Verhaltensweisen, Halluzinationen und Wahnvorstellungen. Wegen möglicher Nebenwirkungen ist der Einsatz von Neuroleptika mit Vorsicht zu bewerten.
- Antidepressiva: Depressionen treten bei Menschen mit Demenz häufig auf und sollten behandelt werden, da sie sich negativ auf die Lebensqualität und die geistige Leistungsfähigkeit auswirken können. Die S3-Leitlinie Demenzen empfiehlt zur Behandlung von Depressionen bei Alzheimer-Demenz den Einsatz von Mirtazapin oder Sertralin.
- Palliative Versorgung: Palliative Versorgung kann Menschen mit Alzheimer in allen Krankheitsphasen entlasten - nicht nur am Lebensende. Sie berücksichtigt auch seelische und soziale Aspekte sowie persönliche Werte und Wünsche. Ziel ist es, Symptome zu lindern und eine möglichst gute Lebensqualität zu ermöglichen - unabhängig vom Krankheitsstadium.
Die Zukunft der Alzheimer-Therapie
Die medikamentöse Behandlung von Demenzerkrankungen wie Alzheimer entwickelt sich stetig weiter. Neben den bereits erhältlichen Antikörpern werden weitere Wirkstoffe erforscht, zum Beispiel Blarcamesin, der die natürlichen Reinigungsmechanismen der Nervenzellen aktivieren soll. Viele Wissenschaftler:innen weisen seit Jahren darauf hin, dass sich solche Plaques mitunter auch im Gehirn von Menschen finden, die in geistiger Klarheit gestorben sind. Andererseits sind Menschen, die aufgrund einer genetischen Besonderheit kaum Beta-Amyloid-Plaques bilden können, anscheinend vor der Krankheit geschützt.
Die Zukunft liegt vermutlich in Kombinationstherapien, die verschiedene Krankheitsmechanismen gleichzeitig angehen. Mögliche Ansatzpunkte sind neben den Amyloid-Plaques auch die sogenannten Tau-Proteine, entzündliche Prozesse sowie kardiovaskuläre Begleiterkrankungen.
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