Demenz ist eine fortschreitende Erkrankung des Gehirns, die Gedächtnis, Denkvermögen und Orientierung beeinträchtigt. Für Betroffene wird es zunehmend schwerer, Gefahren richtig einzuschätzen und sich in ihrer Umgebung zurechtzufinden. Eine demenzgerechte Umgestaltung der Wohnung kann dazu beitragen, die Sicherheit, Orientierung und das Wohlbefinden von Menschen mit Demenz zu verbessern und ihnen ein möglichst selbstbestimmtes Leben im eigenen Zuhause zu ermöglichen.
Die Herausforderungen der Demenz im Wohnraum
Mit fortschreitender Demenz verändern sich die Wahrnehmung und die Fähigkeiten der Betroffenen. Vergesslichkeit, Wahrnehmungsstörungen, motorische Einschränkungen und emotionale Reaktionen treten verstärkt in den Vordergrund. Alltagsaufgaben werden zur Herausforderung, und die Betroffenen finden sich im eigenen Haushalt oft nicht mehr zurecht.
- Orientierungslosigkeit: Menschen mit Demenz haben Schwierigkeiten, sich räumlich und zeitlich zu orientieren. Sie vergessen, wo sich bestimmte Räume oder Gegenstände befinden, verwechseln Tag und Nacht oder können die Jahreszeit nicht mehr richtig benennen.
- Gefahr der Selbst- und Fremdgefährdung: Vergesslichkeit und Wahrnehmungsstörungen erhöhen das Risiko für Unfälle. Betroffene vergessen, den Herd auszuschalten, verwechseln Medikamente oder unterschätzen Gefahren im Straßenverkehr.
- Bewegungsdrang und Hinlauftendenz: Viele Menschen mit Demenz haben einen ausgeprägten Bewegungsdrang und neigen dazu, ziellos umherzuwandern. Dies kann insbesondere in unbekannter Umgebung zu Problemen führen.
- Emotionale Veränderungen: Demenz kann zu Angst, Verwirrung, Reizbarkeit und Aggression führen. Veränderungen in der gewohnten Umgebung können diese Emotionen verstärken.
Grundprinzipien der demenzgerechten Wohnraumgestaltung
Die Umgestaltung einer Wohnung für Menschen mit Demenz sollte sich an folgenden Prinzipien orientieren:
- Sicherheit: Die Vermeidung von Gefahrenquellen und die Schaffung einer sicheren Umgebung stehen an erster Stelle.
- Orientierung: Klare Strukturen, deutliche Kennzeichnungen und vertraute Gegenstände erleichtern die Orientierung im Raum und in der Zeit.
- Wohlbefinden: Eine angenehme Atmosphäre, die Berücksichtigung persönlicher Vorlieben und die Förderung von Selbstständigkeit tragen zum Wohlbefinden der Betroffenen bei.
- Einbeziehung der betroffenen Person: Es ist wichtig, die Wünsche und Bedürfnisse der Person mit Demenz bei der Umgestaltung zu berücksichtigen und sie aktiv in den Entscheidungsprozess einzubeziehen.
- Behutsames Vorgehen: Veränderungen sollten schrittweise und behutsam eingeführt werden, um Verwirrung und Ängste zu vermeiden.
Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit
- Stolperfallen beseitigen: Teppiche, lose Kabel, Türschwellen und andere Hindernisse sollten entfernt oder gesichert werden.
- Gute Beleuchtung: Eine ausreichende und blendfreie Beleuchtung in allen Räumen ist wichtig, um Stürze zu vermeiden. LED-Nachtlichter mit Bewegungsmeldern können den nächtlichen Toilettengang erleichtern.
- Sichere Möbel: Möbel sollten stabil stehen und keine scharfen Kanten haben.
- Badezimmer sicherer gestalten: Anti-Rutsch-Matten, Haltegriffe und ein Duschhocker erhöhen die Sicherheit im Badezimmer.
- Küche sicherer gestalten: Automatische Herdabschaltvorrichtungen und Zeitschaltuhren können helfen, Brände zu vermeiden.
- Gefährliche Gegenstände entfernen: Messer, Scheren, Putzmittel und Medikamente sollten an einem sicheren Ort aufbewahrt werden.
- Fenster und Türen sichern: Fenster können mit abschließbaren Fenstergriffen gesichert werden. Türschlösser mit Not- und Gefahrenfunktion ermöglichen das Öffnen der Tür von außen, auch wenn innen ein Schlüssel steckt.
- Rauchmelder installieren: In allen Räumen sollten Rauchmelder installiert werden, um Brände frühzeitig zu erkennen.
- Technische Hilfsmittel nutzen: Bewegungssensoren, Sturzsensoren und GPS-Tracker können die Sicherheit von Menschen mit Demenz erhöhen.
- Schutzengelsystem: Transponder-Armbänder, die ein automatisches Öffnen der Eingangstür verhindern, können bei Hinlauftendenz eingesetzt werden (nur bei rechtlicher Anordnung).
Maßnahmen zur Verbesserung der Orientierung
- Klare Strukturen schaffen: Eine übersichtliche Einrichtung mit vertrauten Möbeln hilft, sich räumlich zurechtzufinden.
- Räume kennzeichnen: Türen und Schränke können mit Piktogrammen oder Bildern gekennzeichnet werden, die den Inhalt oder die Funktion des Raumes darstellen.
- Farben und Kontraste nutzen: Unterschiedliche Wandfarben in den einzelnen Zimmern erleichtern die Orientierung. Kontraste zwischen Möbeln, Wänden und Böden helfen, Details besser wahrzunehmen.
- Vertraute Gegenstände: Erinnerungsstücke, Fotos und persönliche Gegenstände schaffen eine vertraute Atmosphäre und helfen, Erinnerungen wachzurufen.
- Große Uhren und Kalender: Gut sichtbare Uhren mit großen Ziffern und Kalender mit deutlicher Tagesmarkierung erleichtern die zeitliche Orientierung.
- Tageslicht nutzen: Viel Tageslicht unterstützt den natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus.
- Jahreszeitliche Dekoration: Passende Dekorationen zur jeweiligen Jahreszeit helfen, sich im Jahresablauf zurechtzufinden.
- Geräusche reduzieren: Schallschluckende Materialien wie Vorhänge und Teppiche reduzieren den Geräuschpegel und erleichtern die Konzentration.
- Spiegel vermeiden: Spiegel können Verwirrung und Ängste auslösen, da Menschen mit Demenz sich oft selbst nicht mehr erkennen.
Maßnahmen zur Förderung des Wohlbefindens
- Angenehme Atmosphäre schaffen: Helle und freundliche Farben, bequeme Möbel und eine persönliche Note tragen zu einer angenehmen Atmosphäre bei.
- Persönliche Vorlieben berücksichtigen: Die Einrichtung sollte den individuellen Vorlieben und Bedürfnissen der Person mit Demenz entsprechen.
- Selbstständigkeit fördern: Hilfsmittel und Anpassungen, die die Selbstständigkeit unterstützen, tragen zum Wohlbefinden bei.
- Bewegungsmöglichkeiten schaffen: Ein freier Bewegungsraum, ein Garten oder ein Spazierweg in der Nähe ermöglichen es, dem Bewegungsdrang nachzugehen.
- Sinnesanregungen bieten: Fühlwände, Erinnerungsecken, Düfte und Musik regen die Sinne an und fördern das Wohlbefinden.
- Soziale Kontakte ermöglichen: Einladende Gemeinschaftsräume und die Möglichkeit zur Teilnahme an Aktivitäten fördern soziale Kontakte und verhindern Isolation.
- Ruhezonen schaffen: Rückzugsorte, an denen man sich entspannen und zur Ruhe kommen kann, sind wichtig für Menschen mit Demenz.
Farbgestaltung
Farben spielen eine wichtige Rolle bei der Gestaltung von Räumen für Menschen mit Demenz.
- Helle und freundliche Farben: Helle Farben wie Gelb, Orange und Grün vermitteln Wärme, Geborgenheit und Lebensfreude.
- Dunkle Farben vermeiden: Dunkle Farben wie Schwarz, Dunkelgrau und Dunkelblau können Angst und Unbehagen auslösen.
- Kontraste: Kontraste helfen, Details besser wahrzunehmen und die Orientierung zu erleichtern.
- Beruhigende Farben: Blaue und grüne Töne wirken beruhigend und harmonisierend.
- Individuelle Vorlieben berücksichtigen: Die Farbwahl sollte auch den persönlichen Vorlieben der Person mit Demenz entsprechen.
- Vorsicht bei Mustern: Großflächige und unruhige Muster können Verwirrung stiften und sollten vermieden werden.
Lichtgestaltung
Eine gute Beleuchtung ist für Menschen mit Demenz besonders wichtig, da ihre Sehfähigkeit oft eingeschränkt ist.
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- Ausreichend Helligkeit: Ältere Menschen benötigen mehr Licht als jüngere. Eine Beleuchtungsstärke von mindestens 500 Lux auf Augenhöhe ist empfehlenswert.
- Blendfreies Licht: Blendung sollte vermieden werden, da sie die Sehfähigkeit beeinträchtigt und Unbehagen auslösen kann.
- Gleichmäßige Ausleuchtung: Schatten sollten vermieden werden, da sie von Menschen mit Demenz fehlgedeutet werden können.
- Tageslicht nutzen: Tageslicht ist die beste Lichtquelle und sollte so gut wie möglich genutzt werden.
- Kaltweißes Licht: Kaltweißes Licht ist für ältere Menschen oft besser zu sehen als warmweißes Licht.
- Anpassung an den Tagesablauf: Mit modernen Leuchtmitteln kann man die verschiedenen Lichtverhältnisse im Tagesverlauf nachahmen, um den natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus zu unterstützen.
- Nachtlicht: Ein Nachtlicht im Schlafzimmer und im Badezimmer kann den nächtlichen Toilettengang erleichtern und Stürze vermeiden.
Wohnformen für Menschen mit Demenz
Neben der Anpassung des eigenen Wohnraumes gibt es auch spezielle Wohnformen, die auf die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz zugeschnitten sind:
- Betreutes Wohnen: In betreuten Wohneinrichtungen leben Menschen mit Demenz in einer eigenen Wohnung und können bei Bedarf Betreuungs- und Pflegeleistungen in Anspruch nehmen.
- Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz: In Demenz-Wohngemeinschaften leben mehrere Menschen mit Demenz zusammen und werden von Betreuungskräften unterstützt.
- Pflegeheime mit Demenzschwerpunkt: Einige Pflegeheime haben sich auf die Betreuung von Menschen mit Demenz spezialisiert und bieten spezielle Wohnbereiche und Therapieangebote an.
Finanzierung
Die Kosten für eine demenzgerechte Umgestaltung der Wohnung können durch verschiedene Leistungen der Pflegeversicherung unterstützt werden:
- Zuschuss für wohnumfeldverbessernde Maßnahmen: Die Pflegekasse zahlt einen Zuschuss von bis zu 4.000 Euro für Maßnahmen, die den Wohnraum an die Bedürfnisse der Person mit Demenz anpassen.
- Pflegehilfsmittel: Bestimmte Hilfsmittel, wie z.B. Haltegriffe oder Anti-Rutsch-Matten, werden von der Pflegekasse bezahlt.
- Wohnberatung: Die Pflegekasse bietet eine kostenlose Wohnberatung an, bei der Fachkräfte die Wohnung begutachten und Empfehlungen für eine demenzgerechte Umgestaltung geben.
Checkliste für die demenzgerechte Wohnraumgestaltung
- Sicherheit:
- Stolperfallen beseitigen
- Gute Beleuchtung installieren
- Sichere Möbel auswählen
- Badezimmer sicherer gestalten
- Küche sicherer gestalten
- Gefährliche Gegenstände entfernen
- Fenster und Türen sichern
- Rauchmelder installieren
- Technische Hilfsmittel nutzen
- Orientierung:
- Klare Strukturen schaffen
- Räume kennzeichnen
- Farben und Kontraste nutzen
- Vertraute Gegenstände platzieren
- Große Uhren und Kalender aufhängen
- Tageslicht nutzen
- Jahreszeitliche Dekoration anbringen
- Geräusche reduzieren
- Spiegel vermeiden
- Wohlbefinden:
- Angenehme Atmosphäre schaffen
- Persönliche Vorlieben berücksichtigen
- Selbstständigkeit fördern
- Bewegungsmöglichkeiten schaffen
- Sinnesanregungen bieten
- Soziale Kontakte ermöglichen
- Ruhezonen schaffen
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